1.Wir Deutsche sind mit unseren Revolutionen selten gut gefahren. Schritt für Schritt geht es auch voran, egal in welche Richtung und mit welch absonderlichen Schlenkern und Taumelbewegungen. Irgendwann werden wir wohl irgendwo anlangen und dann der Welt schon erklären können, warum wir von Anfang an gerade dorthin auch wirklich wollten.
Daß unsere Regierung verlogen und überfordert ist, wissen wir.
Daß unser Gesundheitssystem abscheuerregend ineffizient ist, wissen wir, und wir kennen auch viele Gründe dafür und haben längst Überlegungen angestellt, wie dem abzuhelfen wäre.
Wir wissen auch, daß beide Fakten – der Zustand unserer Politik und unseres Gesundheitssystems – sehr viel miteinander zu tun haben und daß deshalb auf eine schnelle Änderung der Verhältnisse nicht zu hoffen ist.
2.Schlimmer noch. Wir wissen sehr wohl – und empfinden dabei ein wachsendes Gefühl von Erbitterung und Frustration –, daß wir einen unersättlichen Moloch füttern, der bei allem noch Fettränder ansetzt ohne Ende ansetzt und ein zusehns besinnungsloseres Leben führt.
Was soll erst werden, wenn es die billigen Zivis nicht mehr gibt?
Was soll erst werden, wenn die Leute noch älter werden?
Wenn wir auch nur einen Augenblick nachdenken, dann spüren wir, daß wir gerade einem Freßsüchtigen die Gabel weggenommen haben. Wir wissen, daß er ab sofort mit den Fingern essen wird. Dafür braucht er länger. Aber er wird uns nicht weniger unerbittlich arm und bloß fressen, und wenn wir ihm am Ende nichts mehr anbieten können, dann wird er uns traurig anschauen; und wenn er uns aufgefressen hat, wird er verhungern.
3.Aber jetzt ist jetzt. Wir hatten die Wahl – das vergessen die Betroffenen leicht – zwischen der Anhebung der Krankenkassenbeiträge und einer Kostenumlage. Das Geld muß so oder so gezahlt werden.
Daß die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge nicht hilft, wissen wir inzwischen. Die Gründe dafür – siehe oben – kennen wir: das System ist nicht wirklich steuerbar. Eine Lawine wird beim Herabrollen immer größer und schwerer. Da hilft nichts.
Daß wir eine wirkliche Reform nicht bekommen würden, wußten wir auch sehr schnell. Wir werden sie bekommen, eines Tages, und dann – jenes Tages nämlich – können wir nur hoffen, daß diese Reform nicht zur Euthanasie führt. Dann werden wir nämlich alt sein und mit Recht die Folgen unserer heutigen Feigheit und Dummheit ernten.
4.Also hat die Politik dem Freßsüchtigen die Gabel weggenommen. Stillschweigend wurde die reine Lehre des Solidarprinzips noch ein wenig mehr aufgegeben und dafür dem Kreislauf ein bißchen Verursacherprinzip injiziert. Wer Kosten verursacht, zahlt dafür.
Nicht wirklich, aber doch einigermaßen nachvollziehbar. Wie die Nachrichten beweisen, wirkt diese Injektion sofort. Die Ärzte klagen über deutlich weniger Andrang in ihren Wartezimmern, woraus wir zynischen Zuschauer den naheliegenden Schluß ziehen: „Dann kann es ja so schlimm nicht gewesen sein.“ Das jedenfalls sagten unsere Eltern früher zu uns, wenn wir über Schmerzen jammerten, aber die angebotene Therapie (ein Tag im Bett bleiben, eine Zwiebelwickel über Nacht) nicht akzeptieren wollten.
Wir sind uns, glaube ich, einig darüber, daß ein etwas bewußterer Umgang mit dem Arztbesuch so schädlich nicht sein kann. Auf naheliegende Einwendungen komme ich später noch zurück.
5.Als Zwischenergebnis halten wir fest:
Es hätte ohnehin deutliche Kostensteigerungen gegeben. Diese zusätzlichen Kosten wurden nun aber nicht über die Krankenkassenbeiträge auf die Volksgemeinschaft umgelegt, sondern sie werden – cum grano salis – von denen bezahlt, die auch wirklich Leistungen des Gesundheitssystems beanspruchen. Zugleich sind diese Kosten – zwischen € 0,77 und vielleicht € 2,31 pro Woche maximal – nicht unzumutbar hoch.
Dazu kommen erhebliche Zusatzkosten für die Arznei. Diese Zusatzkosten kommen fast ausschließlich dem pharmazeutischen Gewerbe (Industrie und Apotheker) zugute und entlasten daher das Gesundheitssystem nur marginal; aber das ist ein anderes Thema, und deshalb sage ich hier nichts mehr dazu.
6.Natürlich sind unsere überforderten Politiker wieder mal umgefallen. Es gibt keinen Grund, jemand von der Zahlung der Praxisgebühr auszunehmen. Niemand in diesem Land muß sterben, weil er diese lächerlichen Beträge nicht zahlen kann. Wer sich Sorgen macht um die Ärmsten der Armen, soll die Mittel zur Existenzsicherung erhöhen, nicht aber einer Schimäre von Gerechtigkeit hinterherjagen, die am Ende zu Auswüchsen führt wie die Epizyklen des Ptolemäischen Weltbildes, ohne dadurch der Wirklichkeit ähnlicher zu werden.
Es wäre einfacher gewesen, wenn jeder hätte zahlen müssen, auch die Ärmsten der Armen. Jetzt müssen wir mit den lächerlichen € 10 auch noch eine ausufernde Bürokratie zu ihrer eigenen Verwaltung bezahlen.
Im übrigen: ist nicht die Gesundheit das höchste Gut? Nein? Die BILD-Zeitung kostet im Monat mehr als die Praxisgebühr; die Zigaretten kosten ein Vielfaches davon, und selbst die Besuche in der Videothek oder das Flanieren entlang der Spirituosen im Supermarkt kommt am Ende deutlich teurer. So, what?
7.Ich glaube, wir setzen immer noch unsere Prioritäten falsch. € 0,89 für das Voting bei einer albernen Fernsehshow flutschen uns so leicht aus der Hand, daß RTL sich nicht traut, zuzugeben, daß der Sender mit diesen Gebühren (von denen nur ein Bruchteil dort ankommt, weil das meiste die Vermittler – darunter auch die Telekom – behalten) inzwischen mehr Geld macht als mit den Werbetrailern. McDonalds verzeichnet wieder steigende Umsätze, während intelligent zubereitete Mahlzeiten [modulare Technik, unter Nutzung des Kühlschranks] gesünder und preiswerter sind.
Aber ein bißchen Nachdenken, Verhaltensänderungen gar bei unserer Gesundheit?
Nichts davon. Die Zeit investieren wir lieber in die Urlaubsplanung. Oder einen leider nicht kostenfreien Disco-Besuch. Oder was auch immer. Selbst etwas ältere Semester frönen kostentreibenden Gewohnheiten, verlangen aber ihre Gesundheitsfürsorge nahezu für lau. Der Beitrag sollte doch, bitte sehr, allenfalls ein symbolischer sein.
8.Deshalb werden sich auch Strategien zur Kostenvermeidung finden.
Es hat jemand das Beispiel mit der Jahreskarte gebracht. Wer eine Pauschalgebühr bezahlt, versucht angeblich, so viel Gegenleistung dafür wie möglich einzuheimsen. Das stimmt immer dann, wenn die Gegenleistung begehrenswert ist. Die Besuche im Freibad meinethalben oder „Esse soviel Du kannst“, aber sehr wahrscheinlich nicht der zeit- und nervenraubende Arztbesuch. So oder so gehen wir nicht öfter zum Arzt, als wir müssen, ausgenommen vielleicht die einsamen Menschen, die das Wartezimmer als Wärmehalle mißbrauchen und ihre Leidensgenossen mit ihren Lebensansichten piesacken.
Aber wir werden versuchen, notwendige Arztbesuche zu verschieben, um sie jeweils möglichst an den Anfang eines Quartals legen zu können. Das entspricht einem elementar vernünftigen wirtschaftlichen Handeln.
Aber ist das nicht auf lange Sicht kontraproduktiv? Wird nicht, wer aus solchen Erwägungen zu spät zum Arzt geht, sein Leiden verschlimmern und die Behandlung sinnlos verteuern?
9.In einzelnen und gar nicht mal vereinzelt auftretenden Fällen mag das sein. Dann führt ein elementar vernünftiges wirtschaftliches Handeln zu Leid und Verschwendung. Dennoch könnte sich – nehmt alles nur in allem – das durchschnittliche Leid mildern und das Kostenniveau senken lassen, wenn der durchschnittliche Beitragszahler deutlich bewußter mit seiner Gesundheit umginge. Nicht um noch mehr ärgerliche Arztbesuche auf Geiz zu vermeiden und dafür ebenso oft zum Frühschoppen oder zum Kaffeeklatsch zu gehen, sondern um sich die zeitraubenden Alternativen zu Gemüte zu führen: Sport treiben, gesünder essen und auch sonst bewußter zu leben.
Es gibt Statistiken darüber, warum die Leute zu ihrem Arzt gehen. Die weitaus wenigsten dieser Besuche haben etwas zu tun mit unaufschiebbaren akuten Problemen, die man nicht spürt. Die Behebung von spürbaren Problemen – Zahnschmerzen, Mittelohrentzündung – schieben wir ebensowenig wegen € 10 auf wie den Gang zum Zigarettenautomaten, wenn wir plötzlich entdecken, daß die letzte Zigarette wirklich die letzte war.
Daß aber eine schleichende Niereninsuffizienz unentdeckt bleibt, weil der Kranke heute acht Wochen später zum Arzt geht als vor dem 1. Januar 2004, wird wohl ebenso häufig vorkommen wie das Gegenteil, daß er nämlich acht Wochen früher geht, weil jetzt gerade das Quartal angefangen hat und er dann gleich alles mit erledigt.
10.Viel wichtiger ist vielleicht, daß uns allen endlich einmal bewußt wird, wie sehr unsere höchsteigene Gesundheit und unsere Beziehung dazu die Kosten unserer eigenen Lebensführung direkt beeinflussen. Daß es wirklich eine Wahl gibt zwischen einem Leben ohne Arztbesuche und Medikamente auf der einen und einem Leben mit exzessiven Restaurantbesuchen und reichlich Zigaretten auf der anderen Seite und ich möglicherweise nicht beides zugleich haben kann.
Und daß es zu beiden Alternativen selbst Alternativen gibt. Möglicherweise werden vergessene Hausmittel wieder populär. Möglicherweise wird das preiswerte Zähnezusammenbeißen wieder um sich greifen.
Der eine und andere wird vielleicht weniger rauchen. Andere wollen vielleicht kürzer leben und dafür rauchen wie gewohnt. Chacun à son gôut. Vielleicht sind das die letzten Abenteuer unserer Zeit.
11.Ohnehin: wir leben in einer Gesellschaft, die überall Geld, Geist und Zeit verschwendet ohne Ende. Da ist jeder Ansatz zu einer Bewußtseinsveränderung schon willkommen. Vielleicht ist dieser – der symbolische Zehn–€–Schein die Nuß, der die Welt aufbricht. Wer „Ice Age“ gesehen hat, weiß, was ich meine. Wer nicht, weiß es auch.
12.In dieser Zeit erscheint ein Buch, das hinreichend glaubwürdig nachweist, wie sehr wir längst umzingelt sind von erfundenen Krankheiten, Syndromen und anderen unwirklichen Gefährdungen unserer Gesundheit. Es ist erschreckend, wie viele Krankheiten mitsamt den Symptomen so gestaltet („designed“) werden, daß sie genau auf die Medikamente passen, die heute in der Pipeline sind. Das nächste große Medikament, das auf den Markt kommt und für das derzeit behutsam ein Bedürfnis geweckt wird, ist eine Art Viagra für die Frau.
Es klingt vielleicht ein wenig zynisch, wenn ich hoffe, daß gerade die Praxisgebühr uns von der törichten Selbsterforschung heilen könnte, die unser Leben verkürzt und nicht verlängert.
13.Zum guten Schluß:
Wir werden irgendwann darüber nachdenken, ob diese Praxisgebühr vielleicht doch ein Schritt in eine richtige Richtung war, weil sie uns zum ersten Mal bewußt gemacht hat, daß alles seinen Preis hat, auch der Besuch beim Doktor. Wir beginnen dann vielleicht, ein wenig früher über die Alternativen nachzudenken.
Das ist nicht zu vergleichen mit der grandiosen Anhebung der Tabaksteuer, die nur das Steueraufkommen erhöht, aber kaum das Verhalten verändert hat – es sei denn das der Schmuggler. Hier hat übrigens niemand nach Gnade für die armen Kranken und Schwachen geschrien. Natürlich wäre es besser, höhere Abgaben würden den Verbrauch regeln, aber zuweilen klappt das nicht. Warum eigentlich nicht? Weil wir eine Sucht bezahlen und nicht ein elementares Bedürfnis.
Über dieses Problem werden wir an anderer Stelle nachdenken. Heute wollen wir froh sein darüber, DASS die Praxisgebühr regelnd wirkt.
Das reicht fürs erste. Es wird, so kurios ist das am Ende, dazu führen, daß tendenziell die damit belastet werden, die wirklich krank sind. Wie es sich trifft, ist das auch genau richtig.
07.05.2008 08:44
Muß mir meine Bewertung noch überlegen, ist ein älterer Artikel*lächel* und ich muß sagen, es ist immer gut so ein Thema von zwei Seiten zu sehen, deshalb finde ich Deinen Bericht gut, auch in manchen Deiner Aussagen kann ich Dir nur vollstens zustimmen, bei anderen habe ich dagegen ein Problem, da ich es so sehe, dass die Krankenkassen mittlerweile einen Überschuss erwirtschaftet hatten und wo geht das Geld hin? Hmmm *kurzüberleg* ach stimmt ja, da hatten sich so die ein oder anderen Vorstände das Gehalt erhöht, damit das gute Geld nicht verdirbt...* Was mich aber an dieser Praxisgebühr am aller aller meisten aufregt, ist die Tatsache, dass ich als Frau, die mit der Pille verhütet, mindestens 2 Mal diese Gebühr im Jahr zahlen muß!!!! Denn ich brauche ja auch ein Rezept... Also ist es mir nicht möglicht, durch einen Verzicht auf Arztbesuche dieses Geld zu sparen... Und wenn man 10 Euro umrechnet...na sicher kann man sich auch eine Arbeitszeitverlängerung in Krankenhäusern auf 6 Minuten runterrechnen...aber 10 Euro sind auch mal 10 Euro...*lächel* Wobei ich Dir Recht gebe, das der Missbrauch der `ich habe sonst nix zu tun`Patienten dadurch doch mal eingeschränkt wird... Aber ein langes Thema *lächel*
08.07.2007 23:42
dieser bericht hat das BH mehr als verdient, weil es von einer anderen Perspektive betrachtet wird als die anderen Erfahrungsberichte..... Man muss die Dinge auch mal von allen Seiten betrachten udn stellt dann fest, dass es vielleicht auch gute Seiten an den 10 euro gibt.
29.03.2005 18:41
Dieser Beitrag ist argumentativ bh, auch wenn es die Praxisgebühr nur begrenzt h ist. .....Nun müssen ja - meiner Kentnnis nach - wirklich alle zahlen. Und, ja, ein irgendwie gearteter Regelungsmechanismus war notwendig. ....Ein durchschlagendes und sichtbares Ergebnis läge für die Versicherten erst dann vor, wenn die Beiträge wirklich gekappt werden könnten. Das erst würde zum Verständnis und zum vernünftigen Umgang mit den Resourcen motovieren....... Grüße! Lily