Ein Dichter und viele ermordete Frauen

4  22.04.2010

Pro:
gut geschrieben, gesellschaftskritisch, ambitioniert

Kontra:
die einzelnen Teile fallen zu stark auseinander, das "Hauptkapitel" war sehr seltsa

Empfehlenswert: Ja 

Die_Buchhaendlerin

Über sich: "Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn" Zitat von Erasmus von Rotterdam...

Mitglied seit:04.08.2000

Erfahrungsberichte:524

Vertrauende:305

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 127 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


noch ein Beitrag zum Bücherfrühling 2010 (Näheres bei Bavaria123)

Und wieder habe ich mich an ein 1000 Seiten Werk herangetraut. Eigentlich sollte ich ja nach der harten „Arbeit“ mit dem „Unendlichen Spaß“ von David Foster Wallace erstmal die Nase voll von diesen dicken anspruchsvollen Wälzern haben, aber ich hatte mir dieses Buch gewünscht und auch bekommen. Warum? Genau aus dem gleichen Grund, aus dem ich zu Wallace gegriffen hatte: Nur die allerbesten Rezensionen, einhelliges Lob „Weltliteratur“ „grandios“ und Vergleiche mit Cervantes, Garcia Marquez, Sterne, Kafka und Borges, ja sogar mit Proust – so etwas beeindruckt mich schon sehr. Auch fühlte ich mich durch die positive Erfahrung mit Wallace doch so weit gestählt, dass ich dachte, jetzt kann ich auch noch das nächste Jahrhundertbuch in Angriff nehmen.
Nur leider ist es – im Gegensatz zum „Unendlichen Spaß“ für mich absolut kein Jahrhundertbuch, auch kein Buch des Jahres oder etwas in der Richtung. Bolaño
kann sehr gut schreiben, der Roman hat unbestritten seine Qualitäten, aber letztendlich bin ich einfach nur froh, dass ich ihn hinter mir habe.
Vielleicht ist das ungerecht oder einfach nur subjektiv, aber hier geht es ja auch um subjektive Erfahrungsberichte…
Daten:

Roberto Bolaño
„2666“
Übersetzer: Christian Hansen
ISBN 9783446233966
Hanser Verlag 2009
1096 Seiten
29,90 €

Autor:

Roberto Bolaño Avalos wurde 1953 in Santiago de Chile geboren. Er lebte während seiner Jugendzeit lange in Mexiko, kehrte aber 1972 nach Chile zurück, auch aus politischen Gründen, er wollte gerne die linke Regierung von Salvador Allende unterstützen. Nach dem Militärputsch 1973 kam er ins Gefängnis, aber nach wenigen Tagen wieder frei. Es gelang ihm zu fliehen und über El Salvador kehrte er wieder nach Mexiko zurück. Als 1977 in Spanien durch Francos Tod das faschistische Regime an sein Ende kam, übersiedelte Bolaño nach Spanien, wo er 2003 nach langem Leberleiden in Barcelona verstarb.

Für seine literarischen Arbeiten - er begann als surrealistischer Lyriker, wendete sich aber immer mehr der Prosa zu – erhielt er sehr viele wichtige Literaturpreise, darunter den Premio Romulo Gallegas, eine der bedeutendsten lateinamerikanischen Auszeichnungen.

Während er auf eine Lebertransplantation wartete, verstarb er. Es gibt Gerüchte, dass er selbst die Transplantation hinauszögerte, weil er unbedingt noch 2666 fertig bekommen wollte. Ob das stimmt, weiß man natürlich nicht. Jedenfalls hinterließ er den Wunsch, dass dieses Buch nicht als Ganzes, sondern als fünf einzelne Bücher herausgegeben werden sollte. Er meinte, so seinen Angehörigen finanziell am nützlichsten zu sein. Doch nach Durchsicht des Werkes entschied man sich postum gegen seine Bitte, da es dem literarischen Anspruch widerspreche – so wurde nun also aus 5 Büchern eines gemacht (allerdings war das wohl anfangs, als er noch nicht so krank war, auch seine eigene Absicht gewesen).
Inhalt:

Der Roman, den man besser ein Romanfragment nennen sollte, denn der Autor konnte ja nicht mehr „drüberschauen“, verbessern, kürzen oder was immer ein Autor, wenn er mit einem Buch so weit fertig ist, normalerweise noch so tut, ist in 5 Teile aufgeteilt.

Im ersten Teil geht es um vier Literaturwissenschaftler, die sich – zuerst unabhängig voneinander – auf den eher unbekannten deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi spezialisieren. Wie diese vier – 3 Männer und eine Frau aus verschiedenen Ländern (Deutschland, Spanien, Italien und England) mehr oder weniger ihr ganzes Leben der Spurensuche widmen, das hat etwas Faszinierendes. Sie schreiben Bücher über sein Werk, sie rätseln über seine Herkunft und seinen Verbleib und versuchen, seine wahre Bedeutung publik zu machen. Auf literarischen Kongressen finden sie zusammen, sind begeistert voneinander und werden die besten Freunde. Die drei Männer (bei einem dauert es ein wenig länger als bei den anderen) verlieben sich letztendlich in die englische Literaturwissenschaftlerin. So wird neben der Suche nach dem rätselhaften Dichter auch eine erotische Dreier – bzw. Viererkonstellation gezeichnet.

Im zweiten Teil übernimmt einer der Nebenfiguren des ersten Teils die Hauptrolle.

Der Literaturprofessor Amalfitano ist Chilene, der nach dem Putsch gegen Allende nach Barcelona floh, doch später ging er an die Uni in Mexiko, eben in Santa Teresa. Dort lebt er zusammen mit seiner Tochter Rosa. B. gelingt es hier sehr gut, die Enttäuschung eines Intellektuellen über die politische Entwicklung und über den allgemeinen Niedergang der Gesellschaft (bzw. der Hoffnung auf Veränderung) aufzuzeigen. Der Literaturprofessor beginnt Stimmen zu hören, er hängt ein Buch auf die Wäscheleine und verbietet seiner Tochter (die übrigens im weiteren Verlauf des Buches noch eine Rolle spielen wird) das Buch da abzunehmen.
Ein echter Bezug zum ersten Teil ist nicht zu finden, Amalfitano kennt zwar die Literaturkritiker aus dem ersten Teil, aber das war’s dann schon.

Im dritten Teil übernimmt wieder jemand anderes den Hauptpart. Diesmal ist es ein schwarzer Amerikaner, der für eine Zeitung von Schwarzen für Schwarze schreibt. Eigentlich war es mal eine politisch engagierte Zeitung und Fate, der Journalist interessiert sich für soziale und gesellschaftliche Themen, doch er wird von seinem Chef nach Mexiko geschickt, um über einen wichtigen dort statt findenden Boxkampf zu schreiben. So landet auch er in Santa Teresa. Über eine Reporterin, die über die Frauenmorde dort schreiben soll, aber total Angst hat, erfährt er erstmals über die schon lange andauernde Mordserie. Er interessiert sich dafür sehr viel mehr als für den Boxkampf und bittet seinen Chef noch ein paar Tage anzuhängen um zu recherchieren. Aber er soll schnell wieder zurück, es gäbe kein Geld für so etwas. Fate ist enttäuscht und beginnt kritisch über die Rolle seiner Zeitung und die der Medien überhaupt nachzudenken. Er – und auch ich als Leserin – wundert sich sehr, dass eigentlich niemand sich ernsthaft mit den schrecklichen Morden beschäftigt.

Im vierten Teil geht es dann um die Frauenmorde. Schon vorher werden sie ja immer angedeutet, irgendwie erwähnt, aber nun geht es auf etwa 350 Seiten um gar nichts anderes mehr.
Man sollte wissen, dass Bolaño nichts (oder zumindest nicht die Grundfakten) erfunden hat. In der Ciudad Juarez in Mexiko kam es wirklich über lange Jahre hinweg zur Ermordung von Mädchen und Frauen. Es waren Hunderte, die auf brutalste Weise getötet wurden, sehr oft arme Arbeiterinnen, manchmal noch Kinder. Ich weiß nicht, ob es mehrere Mörder waren oder ein schrecklicher Serientäter, aber jedenfalls hat die Polizei (im echten Leben und im Roman) nicht wirklich effektiv gearbeitet. Zwar finden sie nach mehreren Jahren einen deutschstämmigen Mann namens Reiter, der unter dringendem Mordverdacht steht und auch ins Gefängnis kommt. Nur – warum gehen die Morde dennoch weiter draußen?
Es ist aber keine primitive Anklage nach dem Motto „die ganze Polizei ist korrupt, keiner kriegt was auf die Reihe, sie sind selbst alle kriminell“ – nein, B. zeigt auch immer wieder das Leben einzelner Ermittler, die durchaus gewillt sind, einzelne Morde aufzuklären, aber es sind zu viele, das Geld fehlt und was nicht noch alles.
Dieses Kapitel hat mir am wenigsten zugesagt. Das ist natürlich kein Wunder, denn wem kann es schon gefallen, wenn in einer Art Aneinanderreihung ein grässliches Verbrechen nach dem anderen beschrieben wird? Es geht auch weniger um „gefallen“, sondern darum, dass mich diese 350 Seiten wirklich auf eine harte Geduldsprobe gestellt haben. Ich war nahe daran, mit dem Lesen aufzuhören.

Der 5. Teil hat mich dann wieder versöhnt, denn hier geht es wieder um den Dichter Archimboldi. Aber das merkt man nicht gleich, denn es wird von früher Kindheit an das Leben eines deutschen Jungen erzählt. Die Themen Krieg, Nazizeit, Judenverfolgung, Überleben – psychisches und physisches – im Krieg werden angeschnitten (bzw. auch genauer ausgearbeitet) und auch die Stalinära kommt nicht nur am Rande vor.
Irgendwann merkt man dann, dass Reiter der Schriftsteller Archimboldi ist. Ja, genau: Reiter! Ist das nicht der vermeintliche Massenmörder, der in Mexiko einsitzt? Nein, aber es ist sein Neffe und Archimboldi macht sich nun auch auf den Weg nach Santa Teresa.
Ein sehr spannendes, geschichtlich und politisch interessantes und berührendes Schlusskapitel!


Meine Meinung:

Ich fand den ersten Teil wirklich großartig, wie diese Literaturwissenschaftler einem verehrten Dichter nachforschen, ihr ganzes Leben dranhängen – das ist grandios geschildert. Auch die nicht unkomplizierten Beziehungen untereinander zeichnet B. mit einem subtilen Humor und leichter Hand. Ich fragte mich zwar ein wenig, was das alles mit den besagten Frauenmorden in Mexiko zu tun hat, das wird im ersten Teil nur ganz am Rande gestreift, aber noch war ich geduldig und freute mich auf den weiteren Verlauf.
Es ist ja auch nicht so, dass mir dann die Bücher 2 und 3 nicht mehr gefallen hätten, auch diese haben eine ganz besondere Art, die „Helden“ zu charakterisieren, sie zu zeigen, ohne viel über sie zu schreiben, ihr Wesen entsteht erst nach und nach durch ihre Handlungen, ihre Gedanken und Taten (oft genug auch durch ihre Nicht-Taten, also ihre Passivität). Skurrile Typen mag ich ja sowieso und ein Mann, der sein Buch einfach so, weil es ihm gefällt draußen auf die Wäscheleine hängt, ja, das hat was…#

Gekippt ist meine Meinung dann im 4. Buch, dem was man vielleicht als Hauptteil bezeichnen könnte. Denn hier geht es dann nur noch um die Frauenmorde. Aber wie!

Ich habe selten so schreckliche Grausamkeiten in einer so sachlichen trockenen und distanzierten Sprache erzählt bekommen. Ich weiß jetzt, was 3,4 und 5-kanalige Vergewaltigungen sind, die Seiten triefen nur so vor Brutalitäten (vaginal- und anal vergewaltigt, gepfählt, eine Brust abgeschnitten, bei der anderen die Brustwarze abgebissen etc.). Vielleicht ist so viel Gewalt nur so erträglich, indem man wie medizinisch darüber schreibt?
Ich war zunehmend irritiert: irritiert über den Schriftsteller, über seine Absicht, dieses Buch so zu schreiben und - noch viel schlimmer – über mich: wie kann es angehen, dass ich mich doch tatsächlich l a n g w e i le wenn ich so etwas über soooo viele Seiten hinweg lesen muss? Wo bleibt mein Mitgefühl, wo meine Humanität? Wo meine Erschütterung? Ja, noch nicht mal richtigen tief sitzenden Ekel habe ich empfunden (mit einigen Ausnahmen). Zu sehr ist das alles eine Aneinanderreihung von Morden, von verschiedenen Fällen, nur die Namen, das Alter und die Fundorte ändern sich, ansonsten bleibt es immer das Gleiche.
Doch dann wurde mir irgendwann klar, dass genau das wahrscheinlich die Absicht war: Irritation hervorrufen!

Und tatsächlich entsteht eine Art Sog, der einen innerlich taumeln lässt, und ich merkte, dass meine „Langeweile“ wohl wirklich eher einer notwendigen inneren Distanz entsprungen ist, als echter Abstumpfung.
Dass das letzte Buch dann wiederum an das erste anknüpft, hatte ich erhofft und so kam es auch, wenn auch in unerwarteter Weise.

Glücklich bin ich dennoch nicht hundertprozentig geworden, gerade im Mittelteil (besonders im vierten Buch) war ich oft nahe dran, das Buch doch noch endgültig zur Seite zu legen. Doch wenn man von knapp 1100 Seiten schon mal über 700 geschafft hat, dann gibt man nicht mehr auf;))
Und das Ende gefiel mir dann auch wieder sehr.

Ich erkenne gerne an, dass B. zu den wichtigen und großen Schriftstellern Lateinamerikas gehört. Sein Stil ist sehr gut, auch gut lesbar, er ist wahrscheinlich noch viel mehr ein Könner, als ich es würdigen kann.
Ich empfehle deshalb jedem, der sich für das Buch interessiert, unbedingt auch den anderen Ciao-Bericht (von User Pessoa) zu lesen. Nicht nur, dass dieser Rezensionen von höchstem Niveau schreibt, sondern er geht auf sehr viel mehr Aspekte des Romans ein, als ich das tun kann und möchte. Auch sieht er das Buch noch viel positiver als ich. Also: unbedingt lesen!

Die große Frage bei 2666: was will uns der Autor damit sagen?

Er klagt sicher viele gesellschaftliche Missstände an: Korruption, Desinteresse, Frauenfeindlichkeit (und auch, dass Frauen einfach nicht so ernst genommen werden wie Männer), Profit orientierte Medienpolitik, raubtierkapitalistische Strukturen und vieles mehr.
Diese Fälle in Mexiko gab es ja wirklich und eine ernst zu nehmende Aufklärungskampagne fand nicht statt, also wäre das schon Grund genug, ein solches Buch zu schreiben.
Doch ist B. viel zu literarisch, viel zu anspruchsvoll und er packt viel zu viele Erzählstränge, Handlungsebenen, Perspektivwechsel etc. in den Roman hinein, um einfach als aufrüttelndes Aufklärungs- und Protestbuch gelesen zu werden.

Mich hinterlässt 2666 insgesamt eher ratlos, ein wenig ermüdet und erschöpft, aber dennoch auch tief beeindruckt. Eines der Bücher, bei denen ich eher an meiner Intelligenz als an der des Autors zweifle (keine Angst, das ist keine Koketterie meinerseits, mir geht das gar nicht so oft so, viel öfter ärgere ich mich über Schriftsteller, die sich ihr Wissen und ihre Intellektualität so heraushängen lassen und es dennoch nicht schaffen, lesbar zu schreiben. So ist B. nun wirklich nicht, ich glaube eher, dass er viel mehr anspricht, als ich verstehen kann – und das ist wiederum auch schade.)

Fazit:

Ein sehr ambitioniertes, gut geschriebenes (und offensichtlich sehr gut übersetztes) Buch, von dem ich keinesfalls abraten möchte, aber man muss wissen, worauf man sich einlässt.

P.S.

Ich habe mich diesmal sehr gequält mit der Sternchenvergabe. Selbstverständlich verdient das Buch 5 volle Sterne und noch mehr, andererseits vergleiche ich es mit Foster Wallace (was vielleicht Unsinn ist, aber ich habe das halt kurz vorher gelesen und es ist ähnlich dick, es wurde ähnlich stark von den Rezensenten gelobt etc.) und ich fand Wallace für mich persönlich sehr, sehr viel ansprechender. Bei Bolaño hatte ich einfach zu oft das Gefühl, es weiter zu lesen macht keinen Spaß, es ist nur noch Pflicht. Deshalb „nur“ 4 Sterne.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Klaus Alfred

Klaus Alfred

30.08.2010 18:24

Ja, der Bericht ist besonders hilfreich, weil er "außerordentlich bei der Kaufentscheidung" - gegen das Buch - hilft, wie es so schön bei Ciao heißt.

allisonbraun

allisonbraun

21.08.2010 20:22

so da bin ich wieder mit BH

allisonbraun

allisonbraun

19.08.2010 23:13

Nimm bitte mal auf der BH Warteliste Platz

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