Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Stärke, Kraft, Mut der Autorin, ihr Glauben an ein positives Ende |
| Kontra: |
alles weitere |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Der Fall Natascha Kampusch verursachte vor einigen Jahren einen riesigen Medienrummel. Das entführte und tot geglaubte, aber nie aufgefundene Mädchen, wuchs zur jungen Frau heran und befreite sich achteinhalb Jahre später selbst. Als ich mitbekam, dass ihre Biografie erschienen ist, war ich zunächst zwiegespalten, ob ich sie lesen möchte. Einerseits finde ich es pietätlos, in anderer Leute Intimsphäre herumzublättern, andererseits hätte sie wohl kaum ein Buch darüber verfasst, wenn sie ihre Erlebnisse nicht teilen wollte. Außerdem hatte ich einmal ein Interview mit Natascha Kampusch im Fernsehen gesehen und fand sie dort recht sympathisch. Als letzte Möglichkeit, falls mir das Buch doch zu nah gehen sollte, ließ ich mir offen, es dann einfach nicht weiterzulesen. Mit diesen Vorsätzen bestellte ich es in der Bibliothek und konnte es drei Wochen später schon abholen. Nun teile ich euch meine Meinung zu dem Buch
3096 Tage
mit. Hierbei gibt es nicht viel zu verschweigen, denn ihr wisst ja, wie es – zum Glück! – ausgegangen ist für die Autorin.
Allgemeine Informationen
Erscheinungsjahr: 2010
Verlag: List (Ullstein Buchverlage GmbH)
Preis: 19,95€
Seiten: 284
Homepage: www.natascha-kampusch.at
Inhalt und Unterteilung der Kapitel
Den Inhalt muss ich gar nicht mehr wiedergeben, denke ich. So gut wie alles wird an meinem Bericht ersichtlich. Die Unterteilung der Kapitel finde ich logisch. Ab und zu wird zeitlich noch einmal zurückgegangen oder vorgegriffen, aber ich konnte immer gut folgen.
*Brüchige Welt
Meine Kindheit am Stadtrand von Wien
*Was soll schon passieren?
Der letzte Tag meines alten Lebens
*Vergebliche Hoffnung
Die ersten Wochen im Verlies
*Lebendig begraben
Der Alptraum wird Wirklichkeit
*Sturz ins Nichts
Der Raub meiner Identität
*Misshandlung und Hunger
Der tägliche Kampf ums Überleben
*Zwischen Wahn und heiler Welt
Die zwei Gesichter des Täters
*Ganz unten
Wenn körperlicher Schmerz die seelischen Qualen lindert
*Angst vor dem Leben
Das innere Gefängnis steht
*Für einen bleibt nur der Tod
Meine Flucht in die Freiheit
*Epilog
Meine Meinung
(in vier Blöcke unterteilt)
Die ersten Seiten des ersten Kapitels fand ich relativ unspannend und auch schleppend. Natascha Kampusch beschreibt ihre Kindheit, die familiäre Situation, unter der sie gelitten hat und ihr Einzelgängertum. Stellenweise habe ich die Seiten nur noch überflogen und musste mich zwingen, nicht einfach weiterzublättern. Denn, seien wir doch mal ehrlich, so richtig interessant wird es doch erst ab dem Tag der Entführung. Von dieser Stelle an fand ich aber alles sehr spannend und gut beschrieben. Die Autorin erläutert mehrmals ihre Verwunderung, in diese schreckliche Lage geraten zu sein, denn sie entspricht ihrer Meinung nach nicht dem Prototypen „Entführungsopfer“. Dieser sei, was von den Medien unterstützt wurde, meist zierlich, blond und hübsch. Das genaue Gegenteil dessen, als was sich N. Kampusch immer gesehen hat. Das hat mich auch sehr überrascht, überhaupt, dass die Entführung zwar jahrelang geplant war, aber doch nicht auf ein bestimmtes Opfer abzielte. Sie wurde also vermutlich rein zufällig ausgewählt und beschreibt glaubhaft die langen Gedankenprozesse, die mit diesem Thema zusammenhängen. „Warum gerade ich?“, das ist wohl eine Frage, die sich nicht nur die Eingesperrte stellt. Auch ich finde es unvorstellbar, dass so ein Verbrechen geschieht und noch schlimmer, wenn es irgendwen, jemand Unschuldigen, trifft. Immer wieder wird das Thema „zur falschen Zeit am falschen Ort“ aufgegriffen und ich kann die Panik, die Beklemmung, das Unverständnis und die Selbstvorwürfe Nataschas sehr gut nachvollziehen. An manchen Stellen tut mir die beschriebene 10-Jährige einfach nur leid und manchmal bewundere ich sie für ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen. Erstaunlich fand ich auch, dass ein so junges Mädchen schon so viel Nachrichten gesehen und gehört hat. In der österreichischen Presse wurde damals ausführlich über mehrere Entführungen, Gewalttaten und Morde berichtet, von denen Natascha Kampusch auch wusste und wegen derer sie sich auch Gedanken machte. Sie selber sah sich aber aus oben genannten Gründen nie in Gefahr. Erschreckend traurig ist auch die Liste der entführten und getöteten Kinder in Österreich, die im Buch wie als Mahnmal aufgeführt ist. Sie spiegelt die damalige hohe Kriminalitätsrate wider und lässt gleichzeitig der umgekommenen Kinder gedenken. Ein schönes Zeichen an die Angehörigen und Bekannten, dass der Fall polizeilich zwar ad acta gelegt, aber nicht vergessen wurde. Mir wurde aber schon etwas gruselig beim Anblick der ganzen Verbrechen und es wird einem bewusst, dass man gerade seine Kinder im Umgang mit Fremden noch viel mehr schulen und warnen sollte, ohne aber Panik bei ihnen zu verbreiten. Leicht gesagt…
psychische und physische Not vs. psychische Stärke
Was am Anfang ihrer Gefangenschaft noch relativ harmlos beginnt, verstärkt sich im laufe der Jahre dramatisch. Wo zuerst nur kleinere Bestrafungen in Form von Beschimpfungen oder Fernseh- bzw. Buchentzug erfolgen, finden später brutalste Misshandlungen und die schlimmsten Beleidigungen statt. „Der Täter“, wie in Natascha Kampusch überwiegend im Buch bezeichnet, ist ein paranoider Psychopath, der sich in seiner Krankheit immer mehr verliert und sein Opfer immer stärker erniedrigt. An manchen Stellen konnte ich kaum weiterlesen, so nüchtern sind die schlimmsten körperlichen und seelischen Übergriffe auf ein junges Mädchen beschrieben. Unwillkürlich hatte ich schreckliche Bilder im Kopf und bewundere es so sehr, wie jemand solche Gewaltakte verarbeiten kann; was natürlich zum Teil auch in der menschlichen Psyche angelegt ist als Überlebensplan.
Das ganze Buch über empfand ich die Autorin als viel reifer, als es ihrer damaligen tatsächlichen Altersstufe entsprach. Sie berichtet zwar von einer Regression (dass sie in die Rolle eines viel jüngeren Kindes zurückgefallen ist), dennoch sind ihre Gedankengänge und ihre überlegte Vorgehensweise so durchdacht und erwachsen, dass ich manchmal daran gezweifelt habe, ob die Verfasserin zwar wie beschrieben gehandelt, dem aber erst hinterher eine logische Erklärung oder Bedeutung beigemessen hat. Ebenso wie die Handlungen empfinde ich auch den Sprachstil des ganzen Buches als sehr professionell und leicht gehoben. Die einfließenden österreichischen Wörter bringen immerhin eine persönliche Note hinein, aber trotzdem klingt die Syntax manchmal so gewollt abwechslungsreich, dass ich stark vermute, dass eine etablierte Autorin am Werk war, zumindest unterstützend. Ist ja auch nichts Unbekanntes, nur ist hier kein Co-Autor angegeben.
Auch dass Natascha Kampusch eine lange und intensive Therapie hinter sich hat, ist zu spüren. Sie erwähnt zwar die Psychologen oder Therapeuten nur ganz am Rande (in den ersten Tagen in Freiheit war sie eine zeitlang im Krankenhaus auf der kinder- und jugendpsychiatrischen Station), aber hinter Satzteilen wie „heute weiß ich…“ oder psychischen Analysen ihres eigenen Verhaltens oder dem des Täters verbergen sich Fachkenntnisse über die menschliche Psyche, die nur mit reiflicher Auseinandersetzung zu erlangen sind.
Ich finde es zwar nicht schlimm, dass sie die professionelle Hilfe fast schon verschweigt, aber es ist schon ein bisschen irreführend, wenn sie so schreibt, als seien ihr diese Erkenntnisse und das Wissen quasi über Nacht gekommen.
Gesellschaftskritik
Natürlich ist das Buch auch so spannend, weil es einen realen Vorfall beschreibt, aber ich war an keiner Stelle sensationslüstern. Vielmehr habe ich mich immer gefragt, wie ich selbst in dieser Situation gehandelt hätte. Das Buch regt also zur Selbstreflexion an, die ich aber nicht zu nah an mich heranlassen wollte.
Natascha Kampusch wurde nach ihrer erfolgreichen Flucht von den Medien geradezu überrollt. Natürlich ist ein Fall, den alle in den Anfängen bei der Entführung mitbekommen haben, von allgemeinem Interesse. Dass aber, laut Verfasserin, die Geschichte noch nicht brutal oder „schlimm“ genug sei und man sie selbst angefeindet hatte, weil sie in dem Täter auch menschliche Züge gesehen hatte, finde ich unglaublich. Doch nicht nur nach ihrer Befreiung spielt dieses Thema eine Rolle.
Immer wieder übt die Autorin Gesellschaftskritik. Sie vergleicht ihre Sichtweise auf die Außenwelt, die sie immer nur bruchstückhaft zu Gesicht bekommt, mit dem Film „die Truman-Show“. Alles sei nur zu ihrer Fassade aufgebaut, alles liefe nach Drehbuch und es handele sich um Schauspieler, so die damalige Einschätzung von Natascha Kampusch. Sie beschreibt die spießige Wohngegend eindrucksvoll, in der die Oberfläche ein Saubermann-Image vermittelt, obwohl hinter der Fassade ein grausames Verbrechen geschieht. Ich kann es genau so wenig fassen wie sie selbst, dass keiner der Menschen, die mit dem Täter zu tun hatten, etwas bemerkt haben will.
Grotesk ist auch die Situation als es Natascha Kampusch endlich gelingt zu fliehen. Sie läuft ziellos die Straßen entlang, findet eine Frau in einem Garten und bittet sie hastig, die Polizei anzurufen. Da steht also eine abgemagerte, geschundene junge Frau und bittet um Hilfe. Die Frau ruft zwar die Polizei, sagt aber, die Namenlose solle ihren Rasen nicht betreten! Das finde ich ein gutes Abbild von der dortigen Gesellschaft, vielleicht von der Gesellschaft allgemein.
Die Schwarz-Weiß-Malerei der Gesellschaft hängt Natascha Kampusch noch heute nach. Sie hat achteinhalb Jahre mit keinem anderen Menschen interagiert als mit dem Täter und so hat sie in all dem Elend natürlich auch seine guten Seiten gesehen und gespürt. Er hat sie klein gehalten, sodass manche Selbstverständlichkeit zum subjektiv empfundenen Geschenk wurde, aber ist das verwunderlich? Gut finde ich hier das Sprichwort, das sie anführt „Man soll die Hand nicht beißen, die einen füttert“ und den Vergleich mit Kindern, die von zu Hause nur Schläge und Lieblosigkeit erfahren und ihre Eltern dennoch lieben und sich an die Situation gewöhnt und angepasst haben.
Identitätswahrung
Trotz aller körperlichen und seelischen Gewalt, die Natascha Kampusch in der langen Zeit widerfährt, bleibt sie unglaublich stark. Zwar versucht sie ein paar Mal, sich das leben zu nehmen, besinnt sich aber doch auf ihr eigenes Ich zurück, das der Täter ihr so krampfhaft nehmen will, und schafft es dadurch, den Lebenswillen aufrecht zu erhalten.
Bestimmte Dinge verweigert sie dem Täter einfach, um sich selbst nicht untreu zu werden. Dafür muss sie noch mehr Schmerz und Pein erleiden, und doch gibt es ihr einige Stärke zurück, wie sie nachvollziehbar schreibt. Auf komische Art und Weise kann ich sie so gut verstehen, auch wenn ich manchmal nur dachte „bitte, tu doch einfach nur, was er sagt“.
Am beeindruckendsten finde ich die Stelle, an der die kleine Natascha einen Pakt mit ihrem größeren, erwachsenen Ich schließt. Sie stellt sich seit jeher ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben vor und verinnerlicht nun durch diesen Pakt, dass sie wartet, bis sie reifer und größer ist, um diesen Plan durchzuführen. So gibt sie sich in der Situation des Kindes die Erlaubnis, schwach und abhängig sein zu dürfen. Mich rührt dieses Eingeständnis, aber auch dieser Glaube an sich selbst sehr. Toll finde ich auch, dass sie nach ihrer Flucht sofort darauf bestanden hat, gesiezt und somit als Erwachsene behandelt zu werden. Es zeugt von großer Stärke, sich den Medien und sich selbst zu stellen, anstatt sich in die Opferrolle und die einer Abhängigen fallen zu lassen, was auf die eine oder andere Art sicher bequemer und zeitweise leichter sein würde. Nur eine Stelle habe ich nicht ganz verstanden. Da beschreibt Natascha Kampusch in Bezug auf die Sexualität zwischen ihr und dem Täter, dass sie sich einen „letzte[n] Rest an Privatsphäre“ bewahren möchte (S.187). Kann ich zwar verstehen, aber 1. warum schreibt und v.a. veröffentlicht sie dann übehaupt ein Buch? Und 2. kann es noch privater und intimer sein als das, was sie ohnehin schon geschrieben hat?
Nichts desto trotz, wenn es ihr dabei geholfen hat, etwas ganz für sich zu verarbeiten, dann ist es gut so.
Fazit
Es gäbe noch so viel mehr, was ich über dieses Buch schreiben und berichten könnte, aber irgendwann muss mal Schluss sein. Es hat mich sehr berührt, vor allem, was ein unschuldiger Mensch erdulden musste. Trotz allem sehe ich in Natascha Kampusch eine starke Frau, die darauf auch Wert legt, selbstständig als Persönlichkeit gesehen zu werden anstatt als Opfer eines vergangenen Verbrechens.
Das Buch ist zwar über alle Maßen grausam wegen seines Inhalts, doch es lässt durch das gute Ende und die Wahrung der Identität von Natascha Kampusch einen kleinen Hoffnungsschimmer zurück. Der letzte Satz lautet schlicht: „Ich bin frei“ und lässt erahnen, dass die Autorin daran arbeitet, sich all ihre persönlichen Freiheiten zurück zu erobern und es auch schaffen wird. Fünf Sterne für diese Kraft!
| weitere Erfahrungsberichte |
Halte durch!
Bewertung für 3096 Tage / Natascha Kampusch von
ramones1989
Pro: gut geschrieben
Kontra: Preis
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Ich habe mir dieses Buch schon länger kaufen wollen und das Einzige was m ...
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sehr hilfreich
27.04.2011
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** Ein 3096 Tage langes Martyrium **
Bewertung für 3096 Tage / Natascha Kampusch von
flubber
Pro: interessant und ergreifend geschrieben
Kontra: keine
Nachdem ich vor einigen Monaten erfuhr, dass Natascha Kampusch, das Opfer einer Entführung und jahrelanger Gefangenschaft, ein Buch herausbringen würde, stand für mich fest, dass ich dieses sehr gerne lesen würde. Und wie es der Zufall so wollte, konnten ...
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sehr hilfreich
29.03.2011
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Der lautlose Schrei nach Hilfe
Bewertung für 3096 Tage / Natascha Kampusch von
Schumi_HB
Pro: Das Buch regt zum Nachdenken an!
Kontra: Es ist leider die Wahrheit!
Vorbemerkung Um mir ein Urteil über dieses Buch zu bilden, musste ich mir zuerst Gedanken darüber machen, warum es überhaupt zu deren Erstehung gekommen ist. Die Autorin zielt keineswegs darauf ab, uns zu unterhalten, daher musste ich mich von den ...
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sehr hilfreich
04.02.2011
(07.02.2011)
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3096 Tage Gefangenschaft
Bewertung für 3096 Tage / Natascha Kampusch von
YvonnaJ
Pro: * authentisch
Kontra: * nichts
Ich möchte euch in diesem Bericht von dem Buch von Natascha Kampusch erzählen, dass sie vor kurzem veröffentlicht hat. Ich finde es wirklich sehr lesenswert und möchte ich darum gerne von dem Buch erzählen. Wo Ich habe mir das Buch in unserer Bibliot ...
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sehr hilfreich
23.11.2010
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Die Hoffnung schützt den Menschen
Bewertung für 3096 Tage / Natascha Kampusch von
Yilmaz-55
Pro: ergreifende Biographie, mitfühlend, nachdenkend
Kontra: keine
3096 Tage von Natascha Kampusch Eine Biographie eines mutigen Kindes Natascha Kampusch ist 1988 in Wien geboren. MIt 10 Jahren wurde sie von einem Mann namens Wolfgang Priklopil entführt und wurde in ein Verlies eingesperrt und musste jahrelan ...
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sehr hilfreich
26.05.2011
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