Erfahrungsbericht über

Neununddreißigneunzig. 39.90 - Rowohlts Rotations Romane / Frédéric Beigbeder

Gesamtbewertung (14): Gesamtbewertung Neununddreißigneunzig. 39.90 - Rowohlts Rotations Romane / Frédéric Beigbeder

 

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Leben wir im vierten Reich?

4  20.05.2002

Pro:
Ein erfischend neuer Stil mit guten Ideen, eine ganz neue Form ein Buch zu schreiben und eine Kritik, die sich sehen lassen kann !

Kontra:
Ich konnte nicht wirklich in die Figuren mit einfühlen, weil die Geschichte zu oft unterbrochen wurde und auch sonst nicht viel Tiefgang hatte .

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


Marco.Mattheis

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:251

Vertrauende:1

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 72 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Adolf Hitler nutzte den gerade entwickelten „Volksempfänger“ –gemeinhin auch als Radio bekannt- um seine Ideologie zu verbreiten und ein ganzes Volk zu beeinflussen. Noch heute beziehen wir unsere Informationen zu 90 % (meine eigene Einschätzung) aus den sogenannten Medien. Radio, Fernsehen, Zeitungen, Magazine, Kataloge, Plakate, Flyer und nicht zuletzt das Internet. Man könnte meinen, dass ein modernen Diktator nur alle diese Medien vereinen bräuchte, um erneut Millionen von Menschen zu manipulieren. Frédéric Beigbeder benennt in seinem neusten Buch „39,90“ eben diesen neuen Diktator, der uns alle tagtäglich in seiner Gewalt hat, der uns sagt, was wir tun sollen, wen wir lieben und wen wir hassen sollen, wie wir uns verhalten dürfen. Die Werbung.

1. Wie ich von diesem Buch erfuhr
2. Der Autor
3. Ein wenig zum Inhalt
4. Besonderheiten
5. Meine Meinung
6. Daten

1. Wie ich von diesem Buch erfuhr
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Paradoxer Weise muss selbst für ein Buch, das sich gegen die Werbung ausspricht, beworben werden. Zum ersten Mal erfuhr ich von diesem Buch als ich in einem Wartezimmer beim Artz saß und eine kleine Rezension über dieses Buch las. Ich war sofort angetan, dachte aber nicht weiter darüber nach, weil ich gerade in diesem Moment zum Arzt hereingerufen wurde. Zum zweiten Mal stieß ich in meiner Buchhandlung über dieses Buch. Der bereits außergewöhnliche Titel „39,90“ stieß mir mit seiner grellen Farbe direkt ins Auge und ich konnte nicht anders, als mir dieses Buch einmal näher zu betrachten. Die Kaufentscheidung war getroffen. Eine Werbung, die ich als sehr angenehm empfand.
Wochenlang lag dieses Buch eingeschweißt auf meinem Regal, denn ich wollte mir dieses doch so besondere Buch für einen besonderen Moment aufbewahren. Nach meiner letzten Abiturprüfung war dieser Moment zweifelsohne gekommen und ich öffnete die Versiegelung.

2. Der Autor
==========
Bereits über die Rezension, die ich bei meinem Arztbesuch las, erfuhr ich, dass der Autor Frédéric Beigbeder wegen eben diesem Buch gekündigt wurde. Er schrieb es, so sagte die Rezension, um nicht selbst kündigen zu müssen. Der Beruf Beigbeders war Texter in einer angesehenen französichen Werbeagentur, daher die Insiderinformationen, der mögliche Verrat an seinem eigenen Beruf, daher die Kündigung. Doch von Anfang. Frédéric Beigbeder wurde 1965 in Frankreich geboren und studierte Politologie. Heute lebt er als Schriftsteller und Kritiker in Paris. Sein erstes Buch brachte ihm den Job bei der Werbeagentur, sein viertes Buch „39,90“ brachte ihm dann, wie bereits erwähnt die selbstgewollte Kündigung.

Ich persönlich finde das schon eine ziemliche Wucht, was wohl nicht zuletzt der Grund für den Kauf des Buches war. Die Person und die Geschichte um dieses Buch faszinierte mich so sehr, dass ich mir das Buch einfach kaufen musste. Schließlich ist das Buch ebenfalls ein Medium (nein ich habe es nicht vergessen oben aufzuführen) und Frédéric Beigbeder nutzt es hervorragend, um eine harsche Kritik zu üben.

3. Ein wenig zum Inhalt
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Der Inhalt, die erzählte Geschichte des Buches, passt fast exakt zu Beigbeders eigenem Leben. Die Hauptfigur Oktave Parango ist Werbetexter in einer renomierten französichen Agentur und hat genug von seinem Job. Um ihn herum sterben Kollegen „wie Fliegen“ und Oktave hat Angst und seine Freundin hat ihn verlassen. Was der Leser im folgenden inhaltlich erfährt, beschränkt sich auf Oktaves alltägliches Leben in seiner Agentur und dem Streß und den menschlichen Widrigkeiten, denen er ausgesetzt ist. Kokain, Exzentrismus und käufliche Liebe gehören zum Alltag wie Kaffee und Brötchen zum Frühstück. Oktave arbeitet an einer Kampagne zu einem Joghurt und die Plazierung der Marke wird geplant und diskutiert wie die Vorbereitungen auf den nächsten Weltkrieg.

4. Besonderheiten
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Mit dieser Geschichte alleine wäre vermutlich noch kein Käufer gewonnen und auch ich hätte das Buch nach den ersten Seiten enttäuscht zu Seite gelegt, wenn die Kritik sich ausschließlich in dieser doch eher flachen Geschichte geäußert hätte. Doch das Buch ist nicht nur die Geschichte eines Werbetexters der Aussteigen will und ein Buch über seinen Job schreibt, um eben das zu erreichen, sondern es ist noch mehr!

● Die Essays/Statistiken
Von Zeit zu Zeit und meistens sehr unvermittelt streut Frédéric Beigbeder kurze Essays oder Statistiken ein, die seine Meinung klar ausdrücken. Hier werden die Reden Göbbels mit modernen Werbeslogans (bzw. Claims) verglichen, oder man erfährt kurzer Hand, dass das Gesamtbudgeht jener Firma höher ist als das Bruttosolzialprodukt jenes Landes. In diesen Passagen verlässt Beigbeder für kurze Zeit die Handlung und gibt dem geneigten Leser ein paar doch sehr erschreckende Statistiken an die Hand, jedoch ohne direkte Kritik zu üben und den „Böse Böse Finger“ zu erheben. Ich empfand die meisten dieser Essays als sehr treffend und bereichernd, wenn sie auch die Geschichte unterbrochen haben und immer etwas platt daherkamen.

● Werbepausen
Entweder ich habe noch nicht viel gelesen oder aber diese Idee war neu. Ganz wie bei einem Fernsehfilm unterbricht Beigbeder seine Geschichte an zwei drei Stellen des Buches durch eine kleine Werbepause. Meistens ein kleiner Werbespot, der für das deutsche Publikum etwas ungewöhnlich daher kommen dürfte. In einem Werbespot laufen nackte Frauen über einen Laufsteg, die sich am Ende als Robotor herausstellen, die mit Geld um sich werfen und allerlei Zeugs machen. Ich weiß nicht, ob solche Werbungen in Frankreich an der Tagesordnung sind, in Deutschland jedenfalls würden sie einige Gemüter erregen, aber auch das lässt sich wohl in die Aussage Beigbeders mit einbinden und diese Werbepausen sind garantiert nicht als eben solche Gedacht, sondern stützen auf die eine oder andere Weise die Botschaft des Buches. Jedenfalls eine Besonderheit, die sich sonst in kaum einem anderen Buch wiederfinden lässt und wohl auch in keinem anderen Buch so passen würde, wie in diesem.

● Die Erzählerperspektive...
... wechselt nach jedem Kapitel. Kein allwissender Erzähler, der uns von der ersten bis zur letzten Seite begleitet und uns wohlbehütet durch die Geschichte bringt. Nach „American Psycho“ und ähnlichen Büchern ist die erste Person immer häufiger als Erzähler wiederzufinden, doch Beigbeder versucht auch hier einen Schritt weiterzugehen. Er schöpft alles denkbare aus. Er beginnt mit dem Ich-Erzähler, wechselt dann im zweiten Kapitel in die zweite Person und erzählt als Du-Erzähler weiter. Doch damit noch nicht genug. Im dritten Teil findet sich der bekannte Er-Erzähler wieder, doch schon hat man sich daran gewöhnt wechselt Beigbeder auch schon in die Wir-Perspektive und auch die Ihr-Perspektive und die Sie-Perspektive (3 Person Plural) finden sich in diesem Buch wieder. Damit hat Beigeder garantiert etwas völlig neues ausprobiert. Aber bei ihm ist es nicht nur so ein Wechsel der Erzählhaltung, sondern ein passender Sprung, es bietet sich tatsächlich an in eben dieser Form zu erzählen. Eine neue aber auch sehr erfrischende Art des Erzählens, die aber leider auch einen Nachteil in sich birgt, denn ich persönich konnte nicht wirklich tief in die Handlung abtauchen, wie ich es bei Büchern gerne habe.

5. Meine Meinung
==============
Ohne Zweifel ist „39,90“ von Frédéric Beigbeder ein sehr ansprechendes Buch. Allein die Aufmachung macht es schon zu etwas besonderem. Den Preis des Buches mit dem Titel gleichzusetzen ist schon eine verdammt gute Idee, doch leider konnte sich diese Begeisterung über dieses Buch nicht lange bei mir halten, obwohl ich wohl auch zu der angesprochenen Leserschaft zähle. Dieses Buch ist wohl am besten für sehr kritisch eingestellte Menschen, die Werbung als nervig und manipulierend empfinden, die sich darüber aufregen können, wenn Leute mit Werbeslogans um sich werfen und das auch noch lustig finden, ohne dabei zu merken, dass sie Teil einer Gehirnwäsche wurden. Jeder, der also kritisch über die heutige Zeit nachdenkt, kann sich von diesem Buch angesprochen fühlen.

Das Niveau des Buches war für mich weder zu hoch noch zu niedrig. Ich bin kein Werbeinsider und konnte dennoch die meisten Inhalte nachvollziehen, Beigbeder weiß ohne Zweifel seine Leser in seine Welt einzuführen, doch hier kommen wir auch schon zu meinem Hauptkritikpunkt an dem Buch. Bücher müssen in meinen Augen eine eigenen Welt darstellen, in die man eintauchen kann, in der man versinkt und die Botschaft am Ende reflektieren kann. Mit Sicherheit hat Beigbeder einen ganz besonderen Stil entwickelt, wenn er von einer Perspektive in die andere springt, er macht auch etwas ganz besonderes und neues, wenn er Werbepausen in sein Buch mit einbindet und kleine Essays dazumischt, doch leider verhinderte er dabei zumindest bei mir ein eintauchen in die Handlung. Vielleicht bin ich altmodisch, wenn ich sage, dass ein Essay ein Essay und ein Buch ein Buch ist. Ein Buch erzählt entweder oder aber es gibt direkt die Meinung des Autors wieder. Ich bin mir sicher, Beigbeder hätte ein klasse Buch über die heutige Werbeindustrie schreiben können und er hätte auch eine klasse Geschichte erfinden können, in der er eben diese Kritik den Charakteren in die Hand gibt, aber mit „39,90“ versucht er meiner Meinung nach eben beides. Und beides kommt meiner Meinung nach zu kurz. Die Geschichte hat nicht wirklich viel Tiefgang und die kleinen Essays haben nicht genug Wirkung, wenn man nichts konkretes erfährt. Immer wieder überschneidet sich die Erfahrung des Autors mit der imaginären Welt des Oktave und ich musste mich immer fragen, ob jetzt übertrieben wurde oder ob in dieser Erfindung doch Wahrheit verborgen ist. Der Stil ist neuartig aber diese Verwebung von direkter Kritik und indirekter Kritik durch eine imaginäre Welt, war nichts für mich.

Das führte für mich automatisch dazu, dass ich die Geschichte als solche nur wenig spannend fand und sie mich auch nicht wirklich ergriffen hat. Ich konnte ganz einfach nicht in die Welt des Oktave mit all seinen Problemen abtauchen, ganz anders als bei American Psycho (der Klappentext vergleicht „39,90“ mit „American Psycho“ von Bret Easten Ellis), wo ich voll und ganz in dier Welt des Patrick Bateman versinken konnte und dennoch die Kritik an der heutigen Welt wahrgenommen habe.

Als Abschluß vielleicht so viel. Ich bereue nicht mir dieses Buch gekauft zu haben, ich bin mir sicher, wir werden noch was davon hören und die Kritik an der heutigen Werbeindustrie, die Beigbeder an einigen Stellen mit der Propaganda des 3ten Reiches gleichsetzt, ist durchaus berechtigt. Wir müssen uns ehrlich fragen, wie weit wir heute noch eigene Entscheidungen treffen, trotzallem hätte man diese Kritik meiner Meinung nach entweder direkt oder indirekt durch eine Geschichte an den Mann und die Frau bringen sollen. Ich empfehle dieses Buch tortzdem, denn es ist mehr als lesenswert, die 271 Seiten hat man schnell gelesen und man wird die Aussagen toll finden, auch wenn man nicht total in dem Buch versinken konnte. Daher vier von möglichen fünf Sternen von mir und meine Empfehlung dieses Buch einmal zu lesen, auch wenn man nicht gleich 19,90 € (39,90 DM) für die Hardcover Version ausgeben will. Leider ist das Buch noch nicht als Taschenbuch erschienen, was es aber bestimmt noch wird.

6. Daten
=======
Autor : Frédéric Beigbeder
Titel : 39,90
Verlag: Rowohlt
Seiten: 271
Preis : 19,90 €
ISBN: 3 498 00617 7


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
t.schlumpf

t.schlumpf

17.08.2008 00:01

Dein bericht stimmt ziemlich nachdenklich!

Rotha

Rotha

11.06.2002 11:17

Eine kritisch positive Rezension zu Beigbeder hatte ich bereits gelesen. Nun diese; Grund genug das Buch zu kaufen. Eine sehr, sehr gute Rezension.

Wolkenmaus

Wolkenmaus

24.05.2002 15:21

Ich denke nicht, dass mich so ein Buch interessieren würde. Das Thema ist nicht so meins. Deinen Bericht habe ich jedoch mit Vergnügen gelesen, denn du hast es wirklich drauf, ein Buch zu beschreiben und gut zu informieren! Grüßle, Martina

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