Fahrzeugbewertung des Autors:
| Pro: |
Fahrspaß der etwas anderen Art |
| Kontra: |
Ersatzteilversorgung . . . kann aber mit etwas Fantasie gelöst werden |
Während eines Urlaubs in Kanada kreuzte dieses himmelblaue Cabrio von 1964 unseren Weg. Kurz entschlossen kauften wir es und verfrachteten dieses - zugegebenermaßen große - "Souvenir" nach Deutschland. Die Rede ist von einem Auto der Firma American Motors Company oder kurz AMC (bitte nicht mit den Kochtöpfen verwechseln!!!).
******* Die Geschichte von uns mit dem Rambler *******
Wir entscheiden öfter Dinge über den Bauch, ganz ohne Worte und blitzschnell. So kauften wir uns unseren ersten (und einzigen) Oldtimer. Das gute Stück haben wir in der Nähe von Cobourg, Ontario gekauft. Von dort haben wir es zunächst per Bahn nach Montreal bringen lassen und dann mit dem Schiff nach Antwerpen. Alles natürlich im Container, damit kein Schaden entstehen kann. In Deutschland haben wir dann eine Tageszulassung angemeldet und mit den Nummernschildern ist mein Mann am Tag "X" mit dem Zug nach Antwerpen gefahren, um unser neues altes Auto abzuholen. Ich bin ihm einige Stunden später entgegen gefahren, so dass wir uns kurz hinter der holländischen Grenze getroffen haben. Das war ganz schön aufregend!
Als es bereits dämmerte und wir kurz hinter Köln waren machte es buffff und eine Dampf-Wasser-Fontäne kam aus dem Kühler. Es blieb uns nichts anderes übrig als den ADAC zu rufen, der dafür gesorgt hat, dass unser Rambler die letzten 150 km huckepack transportiert wurde.
Am nächsten Tag kam ein freundlicher Herr vom TÜV vorbei, der uns nach oberflächlicher Betrachtung bescheinigte, dass das Auto ja in einem sehr schönen Zustand sei. Als mein Mann jedoch kurz darauf den Wagenheber ansetzte begann das Erwachen, denn es knirschte nur und der Wagenheber verschwand im Blech... Da ahnten wir böses...
Nachdem wir uns schlau gemacht haben, haben wir unser Cabrio nach Wiesbaden zu einem Oldtimer-Restaurateur gebracht. Dort wurde der Zustand endgültig klar: Dieses Auto war ein typischer "oben HUI, unten PFUI" Fall. So mussten wir uns entscheiden, ob wir die bis dann entstandenen Kosten in den Wind blasen und den Rosthaufen verschrotten, oder eine weitere beträchtliche Summe investieren...
******* Die Restaurierung *******
Zunächst war dieses Auto nichts als ein Geldgrab, aber darüber sollte man ja bei Hobbys nicht wirklich nachdenken. Das Auto wurde also einer Vollrestauration unterzogen... der Kofferboden einschl. Rahmenträger so wie die inneren und äußeren Schweller wie auch A- und B-Säulen wurden erneuert, der Motor komplett überholt, neu lackiert, neue Teppiche, etc. etc.
18 Monate und zig Tausend D-Mark später haben wir unser blaues Wunder mit einem H-Kennzeichen zugelassen. (Das H-Kennzeichen bekommen Autos über 30 Jahre in Originalzustand, die vom TÜV als erhaltenswert eingestuft werden. Der Vorteil ist, dass man dann einen stark vergünstigten Steuersatz bezahlt.) Für den Restaurateur hat das zunächst viele, viele Wochen reiner "Rostarbeit" bedeutet, darum kann ihn niemand beneiden...
Der Gutachter bescheinigte nach der Restaurierung einen Zustand, der vermutlich besser oder gleich ist mit dem damaligen Neuwert ist. Dem zu Folge fahren wir unsere Badewanne nicht bei schlechtem Wetter und schon gar nicht, wenn Salz auf der Straße liegt. Ein wahres Schönwetterauto.
******* Wenn wir ihn fahren *******
Zugelassen ist es übrigens für fünf Personen (in USA für sechs), davon drei vorne und zwei hinten. Bei uns sitzt hinten allerdings meist nur einer, unser Hund Chico. Er wird dann mit einem besonderen Sicherheitsgurt angeschnallt und darf dann immer eine Rennfahrerbrille tragen, damit seine Augen durch die Zugluft nicht leiden (siehe Foto).
Im Laufe des Jahres nehmen wir hier und da an Oldtimer-Rallyes und Treffen teil. Da fahren wir allerdings immer nur in der - so genannten - touristischen Klasse mit, denn wir wollen nicht Weltmeister im Kartenlesen werden, sondern eher viel Spaß haben. Dabei begleitet uns natürlich immer Chico, der zugegebenermaßen viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als das Auto oder seine Fahrer. Ein wahrer Spaßgarant.
Auch als Hochzeitskutsche haben wir unseren Rambler schon eingesetzt. Dann wird er mit hellblau/weißen Tüllblumen und Bändern geschmückt. Ein Brautpaar auf dem Rücksitz sieht dann echt toll aus (obwohl die Frisur der Braut bei mittlerer Geschwindigkeit ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wird...).
Der Fahrspaß bezieht sich aber auf ein rein subjektives Gefühl, denn dieses Auto hat ein Fahrwerk, dass schlichtweg kurvenuntauglich ist. Beispielsweise kann man Autobahnauffahrten höchstens mit 45 km/h ansteuern, weil man sonst regelrecht aus Kurve getragen wird. Demnach sind kurvige Landstraßen auch nicht das optimale Terrain... aber wunderbar geschwungene Bundesstraßen sind 1A. Natürlich sollte man sich bei Zeiten überlegen, ob man bremsen muss, denn trotz Bremskraftverstärker ist die Wirkung nicht mit heutigen Autos vergleichbar. Hinzu kommt das Eigengewicht von über 2,5 Tonnen...
Besonders witzig ist der Außenspiegel (er hat - wie damals normal - nur einen rechts). Der hat einen Durchmesser von ca. 15 cm, in dem man den Verkehr hinter oder neben einem so gut wie nicht ausmachen kann. Aber all das gehört zu dem besonderen Charme dieses Autos und es stört uns weiter nicht, denn der Rückspiegel an der Windschutzscheibe ist OK und beim Abbiegen macht man ja eh einen Schulterblick.
Schön ist dieses Auto natürlich auch im Innenraum. Die Sitzbänke und Türverkleidungen sind aus Kunstleder oder besser und gesagt, aus Vinyl, in hell-, mittel und dunkelblau. Auch das Lenkrad ist blau (!) mit einem Hupring aus Chrom, das Armaturenbrett ist natürlich auch blau. Ahnt jemand, dass blau genau meine Farbe ist?
******* Reparaturen *******
Die Reparaturen sind natürlich so ein Ding, weil es ja kaum Ersatzteile in Deutschland gibt. So hat unser Restaurateur immer wieder zu Teilen anderer Hersteller gegriffen und diese dann angepasst, so zum Beispiel die hinteren Radläufe, die von Mercedes sind, der Auspuff ist von Opel, der Bremszug von Ford... Andere Teile müssen wir importieren, das ist teuer und nicht immer zuverlässig, denn per e-mail und Telefon wurde beispielsweise von einem so gut wie neuen Kotflügel gesprochen und was ankam war dann eher Schrott. Wann immer wir nach Kanada reisen, bringen wir Bremsbacken, Dichtungen, Wasserpumpe, etc. mit. Ich muss aber sagen, es klappt insgesamt recht gut.
Da ich jetzt genug über uns erzählt habe folgen jetzt mehr Daten und Fakten zum Auto:
******* Kurzgeschichte des Herstellers *******
- 1902 begann die Fa. Thomas B. Jeffrey Co. in Kenosha, Wisconsin Autos mit dem Namen Rambler herzustellen. 1916 stirbt Jeffrey und seine Kinder benennen das Fahrzeug in seinem Gedenken in "Jeffrey's".
- 1919 kauft Charles W. Nash die Firma und benennt sie in Nash Motors um.
- 1937 beginnt die Zusammenlegung mit der Kelvinator Corp. und bekommt den Namen Nash-Kelvinator.
- 1941 beträgt der Marktanteil in den USA 9,7%.
- 1943 ist es die Nr. 3 der US Automobilfirmen.
- 1950 wird das erste Rambler Cabriolet gebaut
- 1954 wird aus bei dem Zusammenschluss mit Hudson Motor Car Company die American Motors Corporation.
- 1961-1967 Kooperation mit Renault, die Modelle Rambler und Ambassador werden Belgien gebaut.
- 1969 läuft der letzte Rambler in Kenosha vom Band. AMC wurde von Chrysler übernommen, die die Marke leider einschlafen ließen.
******* AMC in Europa *******
Nach Europa kamen einige Fahrzeuge über die US-Militärs, aber nur extrem wenige sind noch zu finden. Die Fahrzeuge die Renault gebaut hat sind zum großen Teil für den Export nach Argentinien bestimmt gewesen. Einzig in Schweden habe ich den einen oder anderen AMC ausfindig machen können (leider kein Rambler-Cabrio von 1964). Eine Anfrage beim Kraftfahrtbundesamt bestätigte, dass unser Rambler der einzige zugelassene seines Typs in Deutschland ist.
******* Daten unseres American Motors Rambler American 440 Cabrio *******
Erstzulassung Dezember 1964
Modelljahr 1965
Hergestellt in Ontario, Kanada
Import nach D Sommer 1998
Zulassung in D Oktober 2000
Vorbesitzer 2
Motor 3.2 l, 6-Zylinder Reihenmotor aus Guss
Leistung 125 PS
Verbrauch 10-12 Liter Super, ohne Additiv
Leergewicht 2.752 kg
Getriebe 3-Gang Automatik mit Lenkradschaltung
Verdeck Elektrisch, mit Kunststofffenster hinten
Kilometerstand 56.000 Meilen als wir ihn gekauft haben
Karosserie selbsttragend aus Stahlblech
Vorderachse Mc Pherson
Hinterachse Starrachse mit Halb-Elliptikblattfedern
Radio Mono von 1954 (original)
Neupreis in US $ 2.346,-
Insgesamt wurden von diesem Typ 8.907 Fahrzeuge gebaut.
Steuer pro Jahr (H-Kennzeichen) 191,73
Oldie-Haftpflichtversicherung 129,29
Oldie Fahrzeugteilversicherung 102,49
In unserer Garage steht das Schmuckstück auf Teppichboden und wird nach jeder Ausfahrt von Staub und totem Ungeziefer befreit. Im Winter schläft er sogar unter einer Stoffhaube. Der Oldtimer ist ein wunderbares Hobby, das nach der Restaurierung gar nicht mal teuer ist und jede Menge Spaß bringt. Wir bereuen es nicht uns für dieses Auto entschieden zu haben.
Rambler bedeutet übrigens so viel wie der Wanderfreund. Demnach "rambelt" man mit ihm so durch die Lande.
Ich würde mich sehr freuen Kontakt mit anderen AMC Besitzern auf zu nehmen (bislang kenne ich nur noch einen...). Kennt Ihr jemanden?
Vielen Dank für's Lesen, Bewerten und Kommentieren.