Elegante Konversation im Philharmonic Dining Room
26.02.2003
Pro:
amüsanter ironischer Schreibstil, locker zu lesen, witzig
Kontra:
kleine Niveuschwankungen
Empfehlenswert:
Ja
 BillMaplewood
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Max Goldt - ein Name wie ein Peitschenhieb. So stellt sich in der Autor Max Goldt in der ersten Zeile im „unseriösen Vorwort voller Produktwerbung“ seines Buches „Ä“ selbst vor! Dieses Buch mit dem denkbar einfachen Titel „Ä“ möchte ich heute vorstellen. Doch vorher ein paar Worte zum Autor A U T O R °°°°°°°°°° Max Goldt wurde 1958 in Göttingen geboren. Er begann seine Karriere als Musiker, und in dieser produzierte er nach eigenen Aussagen „jahrelang am Publikum vorbei“ und hat dies auch weiter vor. Nebenher arbeitet er aber noch als Comictexter und hat eigene Comics zusammen mit dem Zeichner Stephen Katz hervorgebracht und textet auch in dieser Funktion für das Satire-Magazin. Aus diesem wird ihn vielleicht auch der ein oder andere Leser kennen (zumindest alle Studenten, die in einer WG leben). Denn neben den Texten für die Comics schrieb Goldt auch von 1989 bis 1998 ein monatliche Kolumne bei der Titanic. Aus diesen Kolumnen machte er auch noch Bücher, und Ä ist eines dieser Bücher!B U C H °°°°°°°°°° „Ä“ besteht also aus Kolumnen aus der Titanic, welche von Herrn Goldt nach eigener Aussage für diese Bucherveröffentlichung aber „ziemlich aufgemotzt wurden“. 24 Kolumnen sind es genau, die Kolumnen welche von Januar 1995 bis Dezember 1996 veröffentlich wurden, also schon vor etwas längerer Zeit. Das Buch ist auch schon etwas älter, nämlich aus dem Jahr 1997. 24 einzelne Texte, sind es also 24 Texte, die keinen Zusammenhang haben, außer das sie aus der Titanic stammen und aus der Feder von Max Goldt. Doch das Buch ist nicht nur gespickt mit diesen Texten, sondern es gibt auch ein paar Zeichnungen, sowie untertitelte Fotos zu sehen. Sowohl die Comics als auch die untertitelen Fotos lassen gleich auf einen eigenwilligen Humor schließen, der es wert zu sein scheint, näher beleuchtet zu werden und so habe ich dies natürlich gerne getan.Auffallend ist da gleich mal der Titel jedes Textes. Ob der Text nun „Elegante Konversation im Philharmonic Dining Room“, „Knallfluchttourismus ins Magnifik-Monatnös-Privatknallfaule“, „Teilchenphysik auf Stammtischniveau“ oder schlicht „Ä“ heißt, selten kann man sich beim Lesen des Titels etwas vorstellen. Ausnahmen gibt es zwar auch, wie z.B. die Kategorie „Offener Brief an Theo Waigel“, aber meistens sind die Titel voll von scheinbar nicht zusammenpassenden Wörtern oder eigenen Wortkreationen von Max Goldt. Neugierig stöbert man also tiefer und fängt an zu lesen. Und sofort wurde ich gefesselt. Goldt hat einen ganz besonderen Schreibstil und zeichnet sich durch eine ungemeine Wortliebe aus. Dazu kommt ein dauerhaft vorhandener satirischer Unterton, der jeden Text zu einem Genuss macht.Dabei schreibt Goldt nicht unbedingt über weltbewegende Sachen. Er fängt mit irgendwas an, oft eigenen Erlebnissen, schweift immer gnadenlos vom Thema ab und schreibt schlussendlich manchmal über etwas sinnloses oder doch wieder über etwas was er erlebt. Oder er erzählt über die In-und-out-Liste der BILD-Zeitung. Es ist einem um so mehr man liest auch egal über was Herr Goldt da jetzt als nächstes schreibt, Hauptsache man bekommt wieder was aberwitziges zu lesen, durchtränkt mit dem ganz besonderen Schreibstil von Herrn Goldt und vor allem seinem tiefgründigen Humor, der sehr oft auch mal sehr schwarz ist. Immer wieder kommt man als Leser ins Schmunzeln oder lacht sich kaputt. Es kann einem sogar passieren, dass man richtig anfangen muss zu lachen, was bei mir beim Genuss eines Buches doch eher seltener der Fall ist. Hier war es aber so.Bei 24 Kolumnen ist es natürlich klar, dass diese nicht alle auf einem gleich hohen Niveau sein können. Auch hier ist dies natürlich der Fall, trotzdem gab es keine einzige Kolumne, die nicht gut ist, und nicht wirklich richtig gute Stellen hat. Manche sind schlicht herausragend, manche auch nur gut, die Mehrheit sehr gut und jede ein Genuss. Ich kann deswegen jedem, der gerne auf lockere, humorige Bücher steht, den Genuss dieses Buches extrem empfehlen. Vor allem Leute, die gerne Bücher von Benjamin von Stuckrad-Barre lesen, werden an Goldt ihre Freude haben, auch wenn er einen anderen Stil wie BvSB hat, doch gibt es erstaunliche Parallelen im Stil und in der satirischen Betrachtungsweise der Umwelt der beiden. Wobei BvSB stärker direkt die Umgebung betrachtet und satirisch, mit einer gewissen Arroganz kommentiert, während Goldt eher einfach erzählt und dabei immer wieder Geschehnisse aus seiner Umgebung einbaut, aber jetzt ohne den Roten Faden eines BvSB.Damit der potentielle neue Leser von Max Gold sich noch ein besseres Bild machen kann, noch eine kleine Leseprobe von mir. L E S E P R O B E °°°°°°°°°° „...Um dazuzugehören braucht man Humor. Man muss nur mal Heiratsanzeigen lesen. Je höher das soziale Prestige einer Zeitung, desto mehr wird auf Humor bestanden. In der „Zeit“ preist sich jeder als humorvoll an, und jeder sucht jemanden mit diesbezüglicher Ausstattung. Diese Annoncen sind eine traurige Lektüre. Ich kenne viele Menschen mit einem herrlichen Humor, und nicht einer von denen liest die „Zeit“. Die hohe Wertschätzung des Humors hat sehr lästige Folgen. Da Humorlosigkeit als Mangel gilt, versuchen mit diesem vermeintlichen Makel behaftete Menschen davon abzulenken, in dem sie Witze reißen und Worte verdrehen. Humor ist neben Balsamessig das Statussymbol der postmaterialistischen urbanen Cliquen. ... Dabei ist Humorlosigkeit ein kleiner, verzeihlicher Makel verglichen mit der Unfähigkeit, zu bemerken, ob ein anderer Witze erzählt bekommen möchte oder nicht. Man sollte aufhören, Humor für eine Notwendigkeit zu halten. Sonst wird man auf ewig mit Witzzwang und aggressivem Gelächter genervt. Wenn bei öffentlichen Veranstaltungen an erstbester Stelle hässlich gelacht wird, dann ahne ich: Aha, da will ein Humorloser zeigen, dass er Humor hat. Man sollte überhaupt nur dann öffentlich laut lachen, wenn sich das einigermaßen anhört. Wenn einer dreckige und verkrumpelte Füße hat, dann darf er die ja auch nicht allen Leuten direkt ins Gesicht halten...“F A Z I T °°°°°°°°°° Klare Höchstnote für dieses Buch von Herrn Goldt. Die Kolumen sind zwar alle nicht gleichermaßen herausragend, aber alle auch beim 2. Lesen noch eine tolle Unterhaltung, die einfach Spaß macht. Dazu ist das Buch auch leicht verdaulich und man kann eigentlich immer wieder mal zwischendurch etwas drin schmökern! D A T E N °°°°°°°°°° Max Goldt, Ä, ISBN: 3-453-13715-9, Preis: 7,00 € (bei buecher.de)© Björn Becher 2003
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11.03.2003 18:54
Ä. Goldt = genial. Ä. *äää* (jetzt komme ich mir nicht alt, sondern bekloppt vor. Na toll...)
04.03.2003 18:50
Das letzte Mal, dass ich bei einem Buch frei herausgelacht habe, war bei Burgess' "Clockwork Orange" (weswegen auch immer). Dein Bericht macht neugierig auf Goldt's Buch und so sollte es sein.
28.02.2003 14:42
Ich finde ihn auch absolut genial. War vor kurzem auf einer Lesung von ihm in Offenburg. Viele Grüsse SER