Wir sind hier nicht bei: Wer ist das ärmste Schwein?
31.05.2010
Pro:
Stil ~ Figuren ~ schwarzer Humor
Kontra:
es hat ein Ende
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 BulmaZ
Über sich:
Selbstachtung ist: es nicht mehr nötig haben, perfekt zu sein.
(Romana Prinoth Fornwagner) | Produ...
Mitglied seit:19.04.2004
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„…und keiner von ihnen sah aus, als würde er der Summe menschlicher Errungenschaften noch viel hinzufügen können…“ . . . . . . . Thriller gehen mir derzeit ganz schön auf den Docht und überhaupt habe ich seit einiger Zeit ohnehin mehr Lust auf etwas, das nichts mit diesem Genre zutun hat. Dahingehend etwas Passendes zu finden, ist allerdings deutlich schwerer als ich bisher angenommen hatte. Nach eingehendem, stundenlangem Studieren diverser Lieblingslisten eines großen Onlineshops jedoch stieß ich auf einen Autor, der mir namentlich natürlich bekannt war. Die Inhaltsangabe klang nach genau dem, das ich gerade suchte und so erwarb ich: A long way down - Nick Hornby +++ Bezugsquelle & Preis +++Gekauft habe ich das Taschenbuch bei eBay. Dort habe ich zzgl. Porto 1,50 € bezahlt. Neu kostet der Roman 9,95 €. +++ Eckdaten +++Titel: A long way down Originaltitel: A long way down Autor: Nick Hornby Erscheinungsjahr: 2006 Verlag: Knaur Genre: Pop – Kultur Seitenanzahl: 389 Seiten +++ Nick Hornby +++Nick Hornby (* 17. April 1957 in Redhill, Großbritannien), ist ein britischer Schriftsteller. Er gilt als einer der wichtigsten aktuellen Vertreter der Popkultur bzw. Popliteratur. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Fever Pitch, High Fidelity und About a Boy, die allesamt auch verfilmt wurden. Hornby studierte Anglistik an der Universität Cambridge. Während seiner Studienzeit schrieb er Bühnen-, Fernseh- und Hörspiele, widmete sich jedoch erst 1992 ganz dem Schreiben. Zuvor war Hornby als Englischlehrer, unter anderem für Immigranten, tätig. Durch seinen autistischen Sohn Danny ist er Gründungsmitglied von TreeHouse, einer im Vereinigten Königreich beheimateten Organisation, die sich für eine bessere schulische Betreuung von autistischen Kindern einsetzt. Dieser Organisation kamen auch die Einnahmen aus dem Verkauf der Kurzgeschichten-Sammlung Speaking with the Angel, sowie dem der Filmrechte an How to be Good zugute. Hornbys Schwager ist der britische Schriftsteller Robert Harris. Die Autorin Gill Hornby ist seine Schwester.Quelle: www.wikipedia.de +++ A long way down +++Es ist die Silvesternacht eines unbekannten Jahres – vier Menschen entschließen sich unabhängig voneinander, vom Dach eines Hochhauses zu springen und ihrem Leben so ein Ende zu bereiten. Alle vier –Martin, Maureen, Jess und JJ- treffen zufällig zur selben Zeit auf dem Dach ein und beschließen nach mehr oder weniger kurzer Zeit, mit ihren Selbstmordplänen noch zu warten. Denn die pubertierende Jess will sich nur deshalb umbringen, weil ihr Freund nichts mehr von ihr wissen will, ihr aber nie gesagt hat, wieso. Jess überredet Maureen, Martin und JJ mit ihr zusammen nach ihrem Freund zu suchen und ihn zur Rede zu stellen. Nachdem auch dies geschehen ist, ist die Silvesternacht allerdings rum und die Vier beschließen, noch sechs Wochen bis zum Valentinstag mit ihrem Selbstmord zu warten. In der Zwischenzeit allerdings landen sie mit ihrem Vorhaben in der Zeitung. Die Leben der Gruppe, deren Mitglieder unterschiedlicher kaum sein könnten, verweben sich immer mehr miteinander, die Selbstmordgedanken allerdings sind nach wie vor präsent. +++ Eindrücke +++ Was rein inhaltlich wie ein düsterer und todtrauriger Roman klingt, ist in Wahrheit mehr als das. Denn Nick Hornby zeigt von Beginn an, dass „A long way down“ definitiv nicht das ist, das man angesichts des Themas erwarten würde. Der Autor hat vielmehr ein Buch hingelegt, das vor Tragik, aber vor allem auch vor schwarzem Humor und Zynismus nur so sprudelt. Eine heikle Mischung, durchaus. Aber sie funktioniert. Schon die ersten paar Seiten zeigen, wie unorthodox Hornby mit dem Thema Selbstmord umgeht. Die ersten zwei Selbstmordaspiranten, die auf dem Dach eintreffen, sinnieren zunächst darüber, wie sie es schaffen können, mit nur einer Leiter über die Absperrung auf dem Dach zu kommen und sie legen beide Wert darauf, dass der jeweils andere ihnen beim Sprung nicht zusieht. Diese Szene allerdings ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was einen mit „A long way down“ auf den nächsten rund 400 Seiten erwartet. Hornby lässt seine Geschichte immer genauso weitergehen, wie man es garantiert nicht erwartet hätte. Statt die Protagonisten sich gegenseitig ihre Herzen ausschütten und sich bemitleiden zu lassen, passiert nichts dergleichen. Es gibt keinerlei auf die Tränendrüse – Gedrücke. Dennoch geht Nick Hornby mit diesem durchaus ernsten Thema keineswegs respektlos oder lapidar um. Dass er eine ernste Botschaft zu übermitteln kann, blitzt immer wieder auf. Jene Passagen sind niemals lang und ausufernd, aber sie nehmen dem schwarzen Humor, der zweifelsohne im Übermaß vertreten ist, ihre Schärfe im Hinblick auf eventuelles unpassend sein hinsichtlich des Themas. Es wäre sicher leicht, zu vermuten, dass der Autor sich lustig machen will über Menschen, die aus den verschiedensten Gründen ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Dass dem nicht so ist, bei genauem Lesen klar. „A long way down“ ist kein Roman für ‚einfach mal nur so zwischendurch‘. Der Roman löst diverseste und widersprüchlichste Gefühle im Leser aus – und bleibt genau deswegen im Gedächtnis haften. Die Figuren wachsen einem allesamt irgendwie ans Herz, was vermutlich auch daran liegt, dass ihre Schicksale nicht als solche aufgezeigt werden. Wie erwähnt, gibt es keine Gefühlsduselei, was einen sehr großen Teil des Charmes des Romans ausmacht. Dass die Verhaltensweisen der einzelnen Figuren dabei wenig realistisch anmuten, ist dabei zu verschmerzen. Ja sogar noch mehr – es musste einfach so sein. Ansonsten würde vor allem der Stil einfach nicht passen. Die Überspitztheit des Romans dringt viel eher zum Leser durch als es eine mit Gewalt durchgezogene Gefühlsschiene jemals könnte. Dennoch muss man wohl etwas für leicht abgedrehte Literatur übrighaben. Am meisten dürfte aber wohl der einzigartige Schreibstil Hornbys überzeugen bzw. zunächst erstmal neugierig machen oder gar abschrecken. Denn auch hiermit sollte man umgehen können. Hornbys Stil ist schnodderig, er ist reinster Straßenjargon – er ist geschrieben, wie den Figuren der Schnabel gewachsen ist. Dabei wird nicht auf korrekte Interpunktion geachtet. Vor allem die junge Jess schmeißt einem die Worte um die Ohren, dass man sich fühlt, als sei man unter Beschuss. Hinzu kommen Schimpfwörter, Fäkalsprache und Fluchereien in inflationärem Ausmaß. Unter anderen Umständen könnte man dem Autor wohl vorwerfen, es nicht besser zu können. Hier allerdings wird deutlich, dass es ganz genauso sein soll. Nicht nur die Figuren wirken authentisch, auch das Geschehen an sich. Hinzu kommt die Tatsache, dass es keine auktoriale Erzählebene gibt, was für sich genommen nichts Besonderes ist. Viel eher besonders ist die Tatsache, dass der Roman aus vier verschiedenen Ich - Perspektiven geschrieben ist – der von Martin, Jess, JJ und Maureen. Es dauert nicht lange und man kann die vier Figuren nur anhand ihres Stiles voneinander unterscheiden, sodass die Kapitelüberschriften, die jeweils die Namen der erzählenden Figur sind, überflüssig werden. Allein hierfür gibt es ein: Hut ab! Mancher Autor schafft es ja nicht einmal, einen Stil glaubhaft herüber zu bringen, Hornby schafft es gleich bei vieren. Egal, welche Figur man gerade vor sich hat – eines gilt für alle: Der Stil an sich ist stets rasant und flott; es reißt den Leser einfach mit. Der Wortwitz ist streckenweise etwas versteckt, sodass man vielleicht erst einen Moment später darüber lacht. Der meiste Humor jedoch ist offenkundig und bringt einen direkt zum Schmunzeln. Wie der gesamte Verlauf des Romanes gilt hier: viel hilft viel und vor allem – schwarzer Humor hilft sehr viel. Denn von dem gibt es hier jede Menge, typisch Brite eben. Zu gefallen weiß auch, dass die erzählenden Figuren sich das eine oder andere Mal an den Leser direkt wenden, was das Ganze noch einmal mehr zu einem Erlebnis macht. Man fühlt sich ohnehin mitten in der Geschichte, dieser Fakt intensiviert den Aspekt nur noch. Meisterlich gelungen sind auch Hornbys Figuren, von denen der Roman letztlich lebt. Alle vier haben komplett andere Beweggründe für ihre Entscheidung, sich umzubringen. Der Fernsehmoderator Martin saß im Gefängnis, weil er mit einer 15jährigen Sex hatte. Maureen hält das Leben mit ihrem komatösen Sohn nicht mehr aus. JJ erträgt es nicht, seine Zeit als Rockstar hinter sich zu haben und Jess will sich umbringen, weil ihr Freund sie verlassen hat. Hornby zeigt also ein breites Spektrum an Motiven für den Suizid. So entsteht sicherlich das eine oder andere Identifikationspotenzial, wenn auch nicht im Detail. Das gesamte Figurenensemble ist sympathisch – auf eine ganz verquere Art und Weise und bei so mancher Figur auch nicht unbedingt von Beginn an. Am meisten dürfte dem Leser wohl die pubertierende Jess auf den Zeiger gehen. Sie ist taktlos, nicht unbedingt die Hellste und sie tut stets verdammt cool. Nur ganz selten blitzt mal so etwas wie normales Denkvermögen bei ihr auf. Erstaunlicherweise verurteilt der Leser auch Martin nicht, der wegen Verführung einer 15jährigen im Gefängnis saß. Martin wirkt wie der ruhende Pol des absonderlichen Grüppchens. Er ist zumeist besonnen und vernünftig, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Am meisten Mitgefühl und Verständnis aber dürfte der Leser für Maureen aufbringen. Sie hat einen behinderten Sohn zur Welt gebracht, der seither in einem komatösen Zustand vor sich hin vegetiert. Da sie sich also ihr gesamtes Leben nur mit seiner Pflege beschäftigt hat, ist einiges auf der Strecke geblieben, was man an ihren teils naiven, teils weltfremden Ansichten erkennt. Zu guter Letzt bliebe noch JJ, der brotlose Musiker. Fast geht er zwischen den anderen Dreien ein wenig unter. Nichtsdestotrotz ist er ein fester und nicht zu missender Bestandteil der Truppe. Er flucht fast genauso viel wie Jess, ist aber deutlich sympathischer.Alles in allem hat mich „A long way down“ tatsächlich von Seite eins an begeistert, gefesselt, zum Lachen gebracht und im Endeffekt sehr gut unterhalten. Sicher muss man Lektüre dieser Art mögen oder sich zumindest erstmal vorurteilsfrei darauf einlassen. Auch sollte man angesichts expliziter Wörter nicht gleich einen roten Kopf bekommen oder die moralischen Alarmglocken schellen lassen. Denn, wenn „A long way down“ eins ist, dann unorthodox. Dennoch wird Hornby dem Thema Selbstmord gegenüber niemals respekt- oder taktlos. Er ver- und bearbeitet es nur auf seine offenbar sehr eigene Art und Weise, die wohl nicht jedem liegen dürfte. Wer etwas Tottrauriges erwartet, das auf der Gefühlsschiene fährt, sollte die Finger hiervon lassen. Wer jedoch mal etwas Außergewöhnliches lesen und erfahren will, wie man ein so heikles Thema mit viel schwarzem Humor perfekt in Szene setzt, der ist hiermit bestens bedient.
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Taschenbuch, 256 S., Erschienen: 2010
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29.05.2011 10:39
eines meiner Lieblingsbücher - steht für immer in meinem Regal :-)
29.06.2010 20:23
Von dem Autor habe ich noch "Fever Pitch" ungelesen im Regal stehen... Wenn mir der Stil da zusagt, werde ich dieses Buch auch mal im Hinterkopf behalten. Lg, Jana
06.06.2010 16:40
Das hat mir auch unheimlich gut gefallen! Kennst du "Vincent" von Joey Goebel? Ich glaube, das wäre definitiv was für dich.. habe es in wenigen Stunden verschlungen, einfach genial. LG Sab