Ab zurück ins Bücherregal!

3  01.04.2004

Pro:
einigermaßen kurzweilig

Kontra:
Zu überzogen, um glaubwürdig und witzig zu sein

Empfehlenswert: Nein 

miss_varna

Über sich: Ciao, ciao!

Mitglied seit:07.11.2002

Erfahrungsberichte:85

Vertrauende:79

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 155 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


Zu David Baddiel bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich weiß gar nicht, ob ich zuerst hier bei Ciao oder bei amazon auf sein Buch „Ab ins Bett!“ aufmerksam wurde, aber an beiden Orten waren die Rezensionen durchweg gut, so dass ich mir das Buch bestellte.


Der Autor
~~~~~~~~~

David Baddiel, so kann man im Umschlagtext erfahren, ist in Großbritannien ein großer TV-Comedy-Star. Auch die Hymne zur Fußball-EM 1996, „Football’s coming home“, stammte mit aus seiner Feder. Heute lebt der 39jaehrige Absolvent der Uni von Cambridge in London und arbeitet für zahlreiche Medien und schrieb das Drehbuch zur Verfilmung seines Romans.


Ab ins Bett!
~~~~~~~~~~~

erzählt die Geschichte des arbeitslosen Gabriel, der unter Schlafstörungen leidet. Während seiner schlaflosen Nächte denkt er unentwegt an Alice, die perfekte Frau: Schlank, hübsch, intelligent, Fußball-begeistert – und leider mit seinem Bruder Ben verheiratet….
Doch dann kehrt Alices Schwester Dina aus den USA nach London zurück und Gabriel wittert Hoffnung: Vielleicht ähnelt sie ja ihrer Schwester? Wird es ihm gelingen, sich in sie zu verlieben und Alice zu vergessen? Kann er Dina für sich gewinnen?


Ab zurück ins Bücherregal?
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Hätte ich nur die Inhaltsangabe des Buches gelesen, hätte ich es mir wohl nicht gekauft – es hört sich zu trivial an. Ausschlaggebend war für mich aber neben den guten Lesermeinungen ein Zitat aus der Zeitschrift Prinz: „Dieses Buch gehört in diesem Sommer auf jedes Strandtuch, auf dem im letzten Jahr Nick Hornbys „High Fidelity“ lag.“ Nick Hornby las ich sehr gerne, ich mag den englischen Humor – und so gestalteten sich meine Erwartungen an David Baddiel.

Das Buch, das 378 Seiten umfasst, ist in 25 Kapitel unterteilt, die sich recht flüssig lesen. Gefesselt hat mich das Buch allerdings nicht.

Gabriel, der Ich-Erzähler, verkörpert den typischen Loser. Im Gegensatz zu seinem Bruder Ben, der nicht nur im Beruf sehr erfolgreich ist, sondern auch die in Gabes Augen perfekte Frau an seiner Seite hat, ist Gabriel Single, arbeitslos und kann nicht schlafen. Noch nicht einmal seine Katze Jezebel kann ihn leiden – oder zeigt eine Katze ihre Zuneigung derart, dass sie ihrem Herrchen einen Frosch anschleppt?

Die Charaktere im Buch sind allesamt skurril und in meinen Augen etwas zu übertrieben dargestellt. Nick zum Beispiel, Gabriels Mitbewohner. Auch er ist arbeitslos, verdient aber viel Geld damit, an einer belebten Kreuzung Scheiben zu wischen. Im Laufe der Geschichte erkrankt er an Schizophrenie und wird von Gabriel und Dina bei einem ihrer ersten Dates nackt in der Mülltonne vor dem Haus gefunden.

Die Mutter von Gabriel und Ben, die Tochter einer der Konstrukteure der Hindenburg, scheint allein für dieses explodierte Luftschiff zu leben: Das Haus ist voll von Reliquien der Hindenburg, sie ist Vorsitzende eines Hindenburg-Clubs, und und und. Ihr Mann steht ihr an Skurrilität nicht viel nach, ist er doch cholerisch und in höchstem Masse ausfallend - Zitat S. 49: „Wirst Du verdammtnochmal’s Maul halten, Du dämliche Wichsbüchse!", S. 51: „Mein Vater ist der WHF(Wichser-Hurenbock-Fotzen)-Schwergewichtsweltmeister im Fluchen. Die Bezeichnung „Wichsbüchse“ ist lediglich der Anfang seiner Skala. „Arschkopf“, „Bumsfotze“, „Hurenschlampe“, „Haariges Riesenarschpuddinggesicht“ – zweiunddreißig Jahre mit meiner Mutter haben seine linguistische Erfahrungsgabe außerordentlich inspiriert.“ Ich bin ja weiß Gott nicht prüde, aber müssen solche kraftvollen Ausdrücke in solchem Ausmaß unbedingt sein? Was verspricht sich der Autor davon – Witz?

Aber nicht nur die Charaktere sind überzogen dargestellt, auch die Handlung ist weitläufig too much. Auf nur 378 Seiten erkrankt der Mitbewohner an Schizophrenie, stirbt die Großmutter, verbuddelt die Katze einen gefangenen Frosch in das Tofu, was Gabe gerade in die Mikrowelle schiebt, verabschiedet sich die Mutter urplötzlich nach Jahrzehnten von ihrer Hindenburg-Sammlung, hört der Vater auf zu fluchen und der Bruder beginnt ein Verhältnis mit der unattraktiven Hippie-Freundin von Nick, nur weil sie wie Ben und Gabe jüdisch ist und Ben in einer konfessionellen Identitätskrise steckt – und dies alles neben der Hauptstory zwischen Gabriel und Dina. Auch Dinas Grund, aus den USA nach London zurückzukehren, hätte etwas realitätsnaher ausfallen können: Ihr dortiger Freund hat beim Gotcha (Paintball) – Spielen ein Massaker angerichtet und mehrere Menschen getötet, und sie ist vor dem Medienrummel geflüchtet. Herr Baddiel, ihre Fantasie ist wirklich blühend. Wäre ein „normalerer“ Grund nicht ausreichend gewesen? Auch die Details der sexuellen Handlungen in diesem Buch hätten o0berflaechlicherer Natur sein können, eine Abhandlung über Analsex habe ich nicht unbedingt erwartet.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten zwischen Hornby und David Baddiel? Beide sind Fußball-Begeisterte Engländer, deren Romane in London spielen und deren Protagonisten Single sind – das war es aber auch schon. Zu sehr versucht Baddiel, auf den Erfolgszug Hornbys aufzuspringen, zu krampfhaft erscheint mir der „Humor“ in Übermaß. Die Story und die Charaktere wirken unglaubwürdig, gelacht habe ich auch nicht. Unterhaltend war das Buch, mehr aber auch nicht – zu einer Weiterempfehlung reicht mir das aber nicht.

Meine Zitate sind der Taschenbuch-Ausgabe aus dem rororo-Verlag, ISB-N 3-499-22419-4 entnommen. Die 8,90€ hätte ich lieber in anderes Lesematerial anlegen sollen…


***Diese Rezension wurde im Zuge des Bücherfrühlings 2004 veröffentlicht***

Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
ingob

ingob

11.09.2004 14:48

Das kannte ich noch nicht, aber ist anscheinend auch nicht so wirklich meins. Liebe Grüße, Ingo

Dosenpfand

Dosenpfand

20.04.2004 16:19

wieso muss ich das jetzt begründen? Besser als sehr hilfreich *find*

waterdrop

waterdrop

15.04.2004 21:32

"High Fidelity" ist Kult, kann ich dir nur zustimmen,auch den Film fand ich sehr gelungen- surfe hier gerade so ein bißchen durch die Teilnehmerliste vom Bücherfrühling: positiver Start ! Mfg waterdrop

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 2947 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (1%):
  1. Dosenpfand
  2. corinna77

"sehr hilfreich" von (98%):
  1. Finetta12
  2. DerHerrDoktor
  3. Sophrolaeliocattleya
und weiteren 149 Mitgliedern

"hilfreich" von (1%):
  1. DasConvent

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.
Das könnte Sie interessieren
Sansibar oder Der letzte Grund / Alfred Andersch Sansibar oder Der letzte Grund / Alfred Andersch
(+) klare, verständliche Sprache
(-) Protagonisten manchmal zu öberflächlich
45 Testberichte
Zum Angebot für € 3,95
Das Parfum / Patrick Süskind Das Parfum / Patrick Süskind
(+) sehr gut geschrieben
(-) leider zu kurz
328 Testberichte
Zum Angebot für € 6,85
Die verlorene Ehre der Katharina Blum / Heinrich Böll Die verlorene Ehre der Katharina Blum / Heinrich Böll
(+) eindrucksvoll, gute Beschreibungen, öffnet einwenig die Augen gegenüber einigen Dingen
(-) verwirrender Anfang
40 Testberichte
Zum Angebot für € 1,95