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Fast ein Deja-Vue: Wie bei Gerti so bei Oma

1  08.11.2009

Pro:
meine Oma muss nun nicht mehr leiden .  .  .

Kontra:
.  .  .  doch Gerti hat diese Welt zu früh verlassen .

Empfehlenswert: Ja 

andreasloy

Über sich: Bis 03.06. am Bodensee (genauer gesagt in Wasserburg) +++ Bin 34 Jahre alt, Bürokaufmann und gehe al...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 57 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Das Wort Abschied kann viele Bedeutungen haben. Man kann sich jeden Freitag von den Kollegen verabschieden, ein schönes Wochenende wünschen und am Montag wünscht man sich gegenseitig wieder einen guten Morgen. Ein Abschied kann jedoch auch ein Abschied für immer sein…

Es war ein Freitag, der 22. April 2005, als ich einen Tagesausflug mit der Bahn nach Frankfurt/Main machte. Richtig gut gelaunt fuhr ich mit der Bahn zurück, kam meiner Heimatstadt immer näher als mir plötzlich in Höhe Günzburg (zwischen Ulm und Augsburg) so richtig flau im Magen wurde und ich ein komisches Gefühl hatte. Am Hunger konnte es nicht liegen, hatte ich doch eine halbe Stunde vorher eine Breze gegessen. In Augsburg angekommen war das flaue Gefühl verschwunden und ich fuhr oder lief nach Hause zurück, so genau kann ich das heute nicht mehr sagen ;-)

Am Montag darauf entschloss ich mich morgens ganz spontan meine früheren Verlagskollegen zu besuchen. Ich war unverschämt glücklich, happy, total gut drauf als ich das Verlagsgebäude betreten hatte. Einen wunderschönen guten Morgen, wie geht’s? Dann erst sah ich das leere Gesicht meiner Kollegin Julia. Und dann erfuhr ich, dass Gerti am Freitag gestorben ist. Sie hatte am Arbeitsplatz einen Herzinfarkt und ist dann Tags darauf im Klinikum gestorben. Genau an dem Tag, als ich im ICE plötzlich ein flaues Gefühl bei der Rückreise aus Frankfurt hatte. Siebter Sinn? Vorausahnung? Keine Ahnung, in dem Moment war mir alles egal. Ich nahm Abstand von einem Kollegenplausch und zog wieder ab. Kurze Zeit später habe ich mich darüber geärgert, dass ich die Kollegin (mit der sie wie ich gerne zusammengearbeitet hat) nicht in den Arm genommen oder wenigstens mein Beileid ausgeprochen habe. Ich war einfach zu schockiert über diese Nachricht, es wollten nicht mal Tränen fließen.

Ich ging zur Straßenbahnhaltestelle, fuhr mit der 2er in die Innenstadt und stieg am Rathausplatz aus und ging zum Müller Drogeriemarkt. Dort wollte ich nachsehen ob meine Fotos der letzten Ausflüge schon fertig sind, vielleicht wollte ich aber auch die Frankfurt-Bilder abgeben. So genau weiß ich das heute nicht mehr. Just in dem Moment kamen dann die ersten Tränen, die ich dann sehr schnell wieder unter Kontrolle gebracht, also "versteckt" habe.

MANCHE DINGE WIEDERHOLEN SICH…
oder: Warum bin ich immer dann so glücklich, wenn ich im nächstem

Bilder von Abschied
Abschied Todesanzeige
Die Todesanzeige meiner Oma
Moment eine Todesnachricht erfahre?

Vor einigen Monaten habe ich erfahren, dass meine Oma nur noch ein halbes bis ein Jahr zu leben hat. Nun hatte ich zu der Zeit mit ihr nicht mehr den besten Kontakt, sie einige Jahre zuvor in der Wut auch mal für ach das wollt ihr gar nicht wissen erklärt. Dass ich ihr damals den „Marsch geblasen“ hatte, war richtig befreiend für mich. Daraufhin hat sie auch kapiert dass sie mich damals über 25jährigen nicht mehr wie ein kleines Kind behandeln konnte. Dieses „kleine Kind“ mit 182 cm Körpergröße freute sich nicht mehr über Geburtstagskarten mit doofen Sprüchen, die 3jährige toll finden. Aus dem Alter war ich raus. Kontakt hatte ich keinen mehr mit ihr, außer ich hob zufällig am Telefon ab wenn sie anrief. Trotzdem hat mich tief in mir drin diese Nachricht mitgenommen. Ich konnte allerdings mit niemanden darüber reden, nicht mal mit meinen Eltern darüber. Wenig später ging ich zur "Tagesordnung" über.

Ende September hatte ich Urlaub und konnte nach stressigen Arbeitswochen neue Kraft tanken. Kurz nach dem Ende meines „Sommerurlaubs“ den ich vom 22.09.-07.10.2009 hatte erfuhr ich dann dass meine Oma im Krankenhaus ist und dort offenbar nicht mehr rauskommt. Krebs im Endstadium, Metastasen. Das beste wäre, sie würde von heute auf morgen friedlich einschlafen. Mit etwas gemischten Gefühlen fuhr ich bei nasskaltem Wetter Mitte Oktober nach Bamberg zum Ciao-Stammtisch. Eine Woche später (23.10.2009) dann der Anruf dass sie alle Kinder und Enkel sehen will ehe sie „nur noch sterben will“ und zum Papa (meinem schon vor Jahren verstorbenen Opa) will. Allerdings liegt sie auf der Intensivstation liegt und hat einen Virus. Man braucht Schutzkleidung und Mundschutz. Da hat selbst mein Vater von einem „Abschiedsbesuch“ Abstand genommen, erstens dürfen alle auf einmal sowieso nicht rein, wie stellt diese Frau sich das vor? Zweitens hatte mein Vater wenige Tage später einen Operationstermin an der Schulter, der Gefahr dass er einen Virus aufschnappt wollte er sich dann doch nicht aussetzen. Er fuhr dann zwei Tage nach seiner OP zu seiner Mutter, als die OP gut verlaufen war und der Virus meiner Oma weg war. An diesem Tag dem 29.10.2009 war sie dann auch recht gut und stabil drauf, wenn ihr auch das Atmen immer schwerer fiel und es ohne Schmerzmittel nicht mehr ging. Am Abend dann der Anruf dass die Oma nun wahrscheinlich in ein Sterbehospiz verlegt wird, das Krankenhaus möchte sie nicht mehr haben, sie blockiert das Bett…

Dies war dann am Montag dem 02. November 2009 soweit. Da machten dann auch ihre Nieren nicht mehr richtig mit. Im Büro gab ich wieder alles, nachdem ich in den letzten Wochen doch streckenweise etwas unkonzentriert war. Auch weil ich zwei andere schlechte Nachrichten erfahren hatte – einer Bekannten ist der Opa gestorben, eine andere hatte eine Fehlgeburt. Mittwoch der 04. November 2009. Von einem früherem Kollegen erfahre ich, dass er Papa geworden ist. Ich freu mich mit ihm. Abends gehe ich dann zum Sport. Dieser Abend ist nach längerer Zeit mal wieder ein richtig toller Abend, Anke hat eine gute Musik aufgelegt, die RückenFit Übungen gehen mir heute sehr gut von der Hand. Das Flexi-Bar schüttelt sich heute fast wie von selbst. Total happy und glücklich fahre ich vom Sport nach Hause, sogar die Straßenbahn ist heute pünktlich und ich muss nicht um einen Anschlussverlust am Königsplatz zittern. Als ich zuhause gegen 21:45 Uhr ankomme, erfahre ich dass die Oma gestorben ist. „Toll, endlich ist sie von ihrem Leiden erlöst, für alle Beteiligten ist es wohl das beste“ denke ich mir. Ich bin immer noch so aufgewühlt vom Sport und total happy, dass ich einfach keine Tränen finde. Diese fließen erst, als ich am Samstag dem 07. November 2009 die Todesanzeige in der Zeitung lese.

Als Gott sah, dass Dir der Weg zu mühsam,
das Atmen zu schwer wurde, und die Kraft zu Ende ging
legte er den Arm um Dich und sprach: „Komm heim.“

Sie starb im Alter von 82 Jahren.

Am Dienstag findet die Beerdigung statt. Ich werde nicht dabei sein. Ein allzu gutes Verhältnis hatte ich nicht mehr mit meiner Oma, eigentlich in den letzten zwei Jahren kaum Kontakt mehr und wenn dann nur am Telefon. Außerdem weiß ich gar nicht ob ich das emotional schaffen würde. Ich kenne jemanden, dem es ähnlich geht. Die kann gar nicht mal ans Grab ihrer Mutter gehen. Ich wüsste auch nicht ob ich das könnte, will ehrlich gesagt mir darüber auch noch gar keine Gedanken machen und bin froh dass die Notoperation im Sommer 2004 gut verlief und sie den Darmkrebs besiegt hat. In den nächsten Wochen hat sie wieder Nachsorgetermine, hoffen wir mal dass auch diesmal die Werte alle gut sind und die Darmspiegelung keine Überraschungen bringt.

Meine Eltern meinten ich würde sicherlich trotzdem einen Tag frei bekommen. Denke ich auch, aber ich will das nicht. Einen geschenkten Tag, wenn man nicht zur Beerdigung oder zum Trauergottesdienst geht? Nein, das kann ich nicht bringen. Das will ich auch gar nicht, da fühl ich mich dann nur schlecht. Ich gehe lieber in die Arbeit, die lenkt mich ab und muss sein. Schließlich drückt die nächste Abgabe…

Bin ich jetzt ein eiskalter Mensch, weil ich mich entschlossen habe nicht zur Beerdigung zu gehen? Ich denke nicht, denn kalt hat mich ihr Tod auch nicht gelassen. Wenn ich es nach außen hin auch nie richtig zeigen konnte, Andreas tut sich halt mit Gefühlen zu zeigen schwer – er versteckt sie lieber und frisst Sorgen und Anspannungen in sich hinein bis sie plötzlich aus ihm raussprudeln. So wie jetzt zum Beispiel, wenn ich sehr offen über das hier schreibe.

Das Leben muss weitergehen. Oma, ich hoffe du verzeihst mir dass ich dir schon vor Jahren als es dir noch gut ging mal die Pest an den Hals gewünscht habe. In der Wut passiert so was schon mal. Ich hab mich so auf dich gefreut, wollte dass du mal wieder zu mir kommst und wollte dich einladen. Dann hebst du ab. „Ach du bist es? Was gibt es?“ Das hat weh getan, du hattest auch keine Zeit oder wie ich vermute keine Lust zu kommen. Hast du jemals begriffen wie sehr ich gelitten habe, als ich deine „ach wie nett du bist schon wieder ein Jahr älter“ Geburtstagskarten ohne persönliche Zeilen in der Post hatte? Ich bedankte mich nicht mehr, dir war das egal. Erst auf mein ausgesprochenes Kartenverbot hin hast du endlich aufgehört. Nein Oma, zwischen uns ist einfach zu viel vorgefallen. Ich kann nicht an deinem Grab stehen und weinen, wenn ich eigentlich ganz froh über deinen Tod bin. Du musst nicht mehr leiden, das ist die Hauptsache. Ich bin eine ehrliche Haut, ich kann keine Trauer vorheucheln. Ich bin erleichtert, dass du nicht mehr leiden musst. Und ich bin emotional zu stark angeschlagen, ich will nicht riskieren dass mich das wieder aus der Spur haut. Ich werde in der Mittagspause in Gedanken bei dir sein, werde sicher die nächsten Tage weiter an dich denken, ganz aus meinem Herzen werde ich dich wohl nie rauskriegen. Wär allerdings auch schlimm wenn es so wäre, schließlich hab ich dich ja mal gemocht.

Ich bedanke mich fürs Zuhören, ich musste mir das alles eben von der Seele schreiben. Ich konnte nicht länger schweigen! Und veröffentliche diese Zeilen mit Tränen in den Augen.

Andreas Loy
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
AnnaHaeberle

AnnaHaeberle

29.06.2010 22:58

Das kann ich voll nachempfinden, ich vermisse meine Omas auch.

andreasloy

andreasloy

15.11.2009 11:07

@thomas_kretschmer: Richtig, ich habe ordentlich abgewägt. Ich habe ganz persönlich Abschied genommen, auf meine Weise, so wie ich es wollte.

leuchtturmwaechterin

leuchtturmwaechterin

15.11.2009 00:40

:-( *drückdich* GLG Annika

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