Saul Karoo, ein reicher, übergewichtiger, kettenrauchender Alkoholiker, ist einer der gesuchtesten und erfolgreichsten Scriptdoctors in Hollywood, das heißt, er ist Profi im... mehr
Erfahrungsbericht von medicus über Abspann - Roman / Steve Tesich 17.12.1999
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Kurz nach Beendigung seines zweiten Romans ?Karoo? starb Steve Tesich 1996 im Alter von 53 Jahren. Sein letztes Buch erscheint nun hierzulande unter dem Titel ?Abspann?, übersetzt von Heidi Zerning. In Form einer Story, die sich vom Banal-Komischen ins Mythologisch-Tragische steigert, zieht Tesich die Bilanz (s)eines Lebens und Schaffens für und gegen den amerikanischen Film. Die fällt durchweg negativ, ja düster aus, obwohl der gebürtige Jugoslawe mit dem Drehbuch zu ?Garp und wie er die Welt sah? einen Riesenerfolg feierte und für das Skript zu ?Breaking away? sogar den Oscar bekam. Wie Tesich, so hat auch sein literarischer Anti-Held Saul Karoo mit Drehbüchern zu tun. Aber er schreibt sie nicht, er flickt sie. Aus einer wunderbaren Geschichte macht er im Handumdrehen eine hundertprozentig verkäufliche, berechenbare, kitschige Seifenoper. Skript-Doktor Karoo wird gern engagiert, denn er arbeitet wie eine Maschine zuverlässig, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch nicht auf die in seinem eigenen Leben. Er führt eine Ehe, die aus Scheidungsgesprächen besteht, enttäuscht regelmäßig seine Freunde und den über alles geliebten Sohn. Und doch ist der lakonische, zynische, neurotische Workaholic auch sympathisch. Denn er verfügt über etwas letztes Bewundernswertes, das ihn am Leben erhält: die ironische Distanz zum eigenen verpfuschten Dasein. Dadurch lässt sich Ich-Erzähler Karoo beim vergeblichen Versuch, sein Lebens-Skript zu ändern, von innen und außen betrachten. Sein Schicksal aber bleibt unerbittlich. Ein bedauernswerter, tragikomischer Typ: Wie er felsenfest behauptet, er sei an chronischer Nüchternheit erkrankt, während ihm alle Party-Gäste lieber ein Taxi rufen wollen. Wie er versucht, den Sohn mit dessen wahrer Mutter zusammenzuführen, und beide Männer sich nacheinander in sie verlieben. Das ist die Ur-Tragödie an sich. The Comeback of Ödipus. Doch was Saul eigentlich umbringt, ist Hollywood als Lebensform, das Business in seiner perversesten Art, der Ausverkauf des Selbstwertgefühls. Ihm bleibt nur, bei vollem Unterbewusstsein das langsame Absterben seiner letzten Gefühle zu betrachten. Mit psychologischer Tiefenschärfe analysiert er das Ende, den ?Abspann? zur eigenen Life-Story, ohne ihn anhalten zu können. Und genau das macht Tesichs fiktiven Gegenwartsroman zu einem über weite Strecken exzellenten, weil schonungslos ehrlichen Text übrigens eine intelligente literarische Vorlage für einen wirklich guten Hollywoodfilm.