Adaption

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Evolution eines herausragenden Films

5  09.05.2003 (10.05.2003)

Pro:
noch nie haben sich Katzen so lustig in den Schwanz gebissen

Kontra:
. / .

Empfehlenswert: Ja 

Wombaer

Über sich: I'M BACK! Und lila!

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Erfahrungsberichte:41

Vertrauende:14

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 72 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Der Film „Adaption“ ist ein Film-Film, in dem zwei Filme gleichzeitig spielen, deren Handlungsstränge sich auf magische Weise vereinen. Zudem eine Persiflage auf schlechte Drehbücher mit abstrusen Handlungen sowie eine Diskussion zur Frage: was bedeutet "Anpassung" im Sinne von Charles Darwin? Ausserdem ist der Film zu weglachen komisch, vorausgesetzt man hat eine Antenne für Subtilitäten und Ironie.

Zur Handlung:

Charles Kaufman ist ein mit Genialität begnadeter aber introvertierter und selbstzweifelnder Drehbuchschreiber, der u.a. das Meisterwerk „Being John Malkovich“ (wer diesen Film nicht kennt: alles stehen und liegen lassen, ab in die Videothek, DVD ausleihen, das ist kein Spaß, sondern Befehl!) verfasst hat. Kaufman existiert somit real (wird aber gespielt von Nicolas Cage – mit lichtem Haar und Bauchansatz) und hat auch das Drehbuch zu "Adaption" geschrieben. Während also Spike Jonze „Being John Malkovich“ abdreht, erhält Kaufman den Auftrag, das Buch „Der Orchideendieb“ der New Yorker Journalistin und Schriftstellerin Susan Orlean (Meryl Streep) zu adaptieren, d.h. filmtauglich zu machen. In diesem Buch geht es hauptsächlich um einen kauzigen, prolligen Orchideenliebhaber namens John Laroche (Chris Cooper), dem das Leben übel mitgespielt hat.

[kleine Anmerkung zwischendurch: wer "Being John Malkovich" schon für genial hielt, wird auch diesen Film mögen (ist auch dasselbe Autoren/Regisseurengespann), wobei der Humor hier eher gedämpfter ist und keine so skurrilen Kapriolen schlägt. Trotzdem ist dies eine gelungene Komödie! (Dies nur für diejenigen gesagt, die aufgrund meiner Beschreibung befürchten, es handle sich hier um kafkaesk-intellektuelle und schwer verdauliche Hirnakrobatik) - vielleich interpretiere ich einfach zuviel hinein?!]

Während Susan also irgendwo an einem abseitigen Plot herumkurvt, nistet sich bei Charlie sein minderbegabter Zwillingsbruder Donald ein (natürlich auch von Cage gespielt – allein für die Charakterisierung beider Rollen hätte er zwei Oscars verdient), der das genaue Gegenteil von Charlie ist: zwar noch sympathisch (wenn auch das, was Amerikaner als "Pain in the Ass" bezeichnen würden), aber unbegabt, einfältig, dafür extrovertiert und ein „Macher“. Donald kommt auf die originelle Idee, auch Drehbuchautor zu werden, indem der so was wie einen privaten VHS-Kurs, geleitet von einem selbsternannten Drehbuchautoren-„Guru“, belegt. Dabei stört es ihn nicht weiter, dass besagter Guru außer abgedroschener Patentrezepte, rhetorisch gut vorgetragen, nichts weiter zu bieten hat. Frisch und fröhlich macht er sich ans Werk, einen Thriller zu schreiben, der in etwa die B-Movie-Kreuzung aus „Sieben“, "Schweigen der Lämmer" und „Fightclub“ darstellen muss. Dass in seiner Story logische Lücken von der Weite des Grand Canyons klaffen, stört ihn nicht weiter.

Charlie hingegen kommt mit seinem Drehbuch gar nicht klar und verstrickt sich immer mehr in Selbstzweifeln. Der einzige originelle Einfall ist eben, diesen Film als Film im Film im Film sozusagen, zu schreiben. Wir sehen also, dass Charlie anfängt, den Anfang des Films, den wir gerade sehen, zu schreiben. Irgendwann ist er allerdings mit seinem Latein derart am Ende, dass er Donalds Lehrer aufsucht, um sich Ratschläge zu holen, die eher für Trashfilme a la „Triple-X“ taugen.

Eigentlich ist der Clou aber, dass der Film davon handelt, wie der selbe Film entsteht. Wir sehen also quasi der Entstehung des Filmes zu. Dieses geschieht, in dem anfangs die Entstehung und Handlung des Buches „Orchideendieb“ parallel erzählt wird. Susan freundet sich immer stärker mit dem kaputten aber interessanten Blumendieb Laroche an und steigert sich in eine Faszination hinein. Leider endet das Ganze in Enttäuschungen auf ganzer Linie. Zumindest vorerst.

Mit dieser Story könnte man also einen Fernsehabend im ZDF gestalten, aber irgendwie fehlt der Pepp und zu Charlies emotioneller Unzulänglichkeit gesellt sich noch geistige Impotenz. Etwas irritiert vom unerwarteten Erfolg seines Bruders hört Charlie auf besagte Patentrezepte: das „wahre“ Leben besteht aus Gewalt, Mord und Dramatik, aus „Kindern, die erleben, wie ihre Mütter auf den Kirchentreppen ermordet werden“, und derlei Unwahrscheinlichkeiten. Steht ja alles in der Bildzeitung (wer so etwas für repräsentativ hält, findet eben auch Filme wie „Schweigen der Lämmer“ realistisch). Zudem zeige eine Story erst im letzten Drittel, was in ihr steckt… Sagen jedenfalls die Patentrezepte für erfolgreiche Drehbuchautoren.

Diesem Rezept folgt dann auch „Adaption“: bis dahin getragen von zwei gediegenen Handlungssträngen, wird ab dann eine hanebüchene Story konstruiert, in der plötzlich beide Handlungsstränge des “Orchideendiebs“ und der Entstehungsgeschichte von „Adaption“ zusammenführen und die Charaktere plötzlich auch an so was wie Persönlichkeitsspaltung leiden. Jedenfalls mutiert Laroche plötzlich zu einem abgefahrenen Krautraucher, der schlechte Internetpornoseiten betreibt, Susan – obwohl sie schon mit ihm abgeschlossen hatte, fängt ein Verhältnis mit ihm an, nachdem er sie angefixt hat, und will auch noch Charlie Kaufman ermorden, weil er ihr Verhältnis mit Laroche entdeckt hat. Es gibt hysterische Frauen, panische Männer, Schiessereien, Verfolgungsfahrten, Tote und natürlich menschenfressende Krokodile.

Ähm, ja, der Plot entwickelt also einen ähnlichen Realismus wie übliche Folgen des „A-Teams“. Aber das durchaus bewusst, wobei ich befürchte, dass dies Zeitgenossen, die den normalen Mist aus Hollywood „ganz ok“ finden, nicht mal bemerken.

Alles in allem folgt der ganze Film natürlich nicht diesen Regeln, sondern stellt sie zur Diskussion, passt sie an, sie erfahren gleichsam eine Evolution, an der Charles Darwin Bestätigung fände. Das Ende ist dann doch wieder eher Marke "Kaufman" und nicht irgendwas abgeklatschtes. Ständig wird allerdings auf bestimmte Regeln Bezug genommen, so z.B. die Regel auf einen "Deus ex Machine" (das ist eine plötzlich auftretende Gestalt, die alles auflöst und zum Guten führt) zu verzichten. Macht Kaufman natürlich nicht ... statt dessen erfindet er ein Alter Ego, seinen Zwillingsbruder, gleich von Beginn an. Sehr praktisch.

Wobei der Begriff "Adaption" hier auch zur Diskussion gestellt wird: was bedeutet "Adaption": reines "Mit-dem-Strom-schwimmen"? Herstellung von Kopien? Ständige Reproduktion des Massengeschmacks? Oder ist Adaption eher die auf Mutation beruhende Anpassung auf neue Herausforderungen, und führt somit zur "Evolution". Kaufman tendiert eher zu letzterer Aussage und macht sich über die Herde blökender Schafe und Mitläufer lustig, die, ohne selbst eigene Ideen zu haben, einem Guru "Prinzipien" abkaufen.

Was will uns der Film sagen?

(Der echte) Charlie Kaufman hat sich also zum einen mal schlechte Drehbücher zur Brust genommen, die, obwohl abgedroschen, unlogisch, unoriginell und unrealistisch, doch großen Anklang in Hollywood finden. Sie werden am Fließband nach unangepassten Regeln und Prinzipien designt, sind also Werke von der Stange. Lieber werden Frevel wie „Casablanca Teil 2“ oder „Acht“ als Fortsetzung von „Sieben“ gedreht (Gott, bewahre), als dass Regeln eine Evolution, auch Adaption genannt, erführen.

Auf der anderen Seite scheint Kaufman eine Bewunderung für „Macher“ zu haben, wie eben seinen fiktiven Zwillingsbruder Donald, der zwar im Vergleich zu Charlie auf Baumschulniveau arbeitet, aber immerhin Erfolg bei Frauen hat und einfach narzißtisch genug ist, um nicht unter Erwartungsdruck zu leiden, nach dem Motto: „wenn mich andere scheiße finden, ist das ihr Problem, ich bin so wie ich bin“.

Der Film-Charlie, der dem echten vermutlich nahe kommt, stolpert hingegen von einer Peinlichkeit zur nächsten. Besonders ulkig sind seine Annäherungsversuche ans andere Geschlecht, die meist in einem Orgasmus enden, allerdings herbeigeführt per Handbetrieb, weil die Damen längst das Weite gesucht haben.

Die Entstehungsgeschichte des gleichen Films im Film zu zeigen, mag vielleicht dem ein oder anderen anstrengend vorkommen, ist aber eine perfekte und witzige Plattform. So macht sich der Film hauptsächlich über dämliche Drehbücher und Adaptionen lustig, in dem er abgedroschene Konzepte aus dem Lehrbuch für 08/15-Screenwriter gleich in die Tat umsetzt. Ob das der normal begabte Kinobesucher merkt? Vermutlich nicht, wenn ich mir so manche Filmbeurteilungen anderer Schinken durchlese. Gleichzeitig äußert Kaufman aber auch durchaus Verständnis und Bewunderung dafür, dass manche seiner Kollegen Drehbücher wie IKEA-Wohnzimmerschränke zusammenschustern, um so ihr regelmäßiges Einkommen und Seelenfrieden zu wahren. Kann ja nicht jeder ein Alfred Einstein sein, oder wie hieß der noch mal?

Eine weitere Erklärung zum Film liegt darin, dass alle „auf der Suche“ sind. Der eine nach dem perfekten Drehbuch, der andere nach Anerkennung, Susan nach dem Sinn des Lebens, der im Drogenrausch mündet, und Laroche wird Pornoseitenersteller. Ach, die Orchideen, für die Susan und Laroche wie verwirrte Pfadfinder durch die Everglades waten? Sind auch nur Blumen, wird festgestellt. Auch dieses „Bild der Orchideen“ entstammt aus dem „Handbuch für tolle Hechte und erfolgreiche Drehbuchschreiber“: „Regel Nr. 7: Bediene Dich einer Bildersprache“. Die Orchideen sind einerseits banal, gleichzeitig Wunder der Anpassung, Sinbild für Adaption, somit ähneln sie einem Drehbuch, welches sich aus einer Vorlage heraus den Gegebenheiten anpassen muss und genau dafür Regeln, aber adaptierte, braucht. Braucht man solch Symbolik, um erfolgreiche Drehbücher zu schreiben?

Auch das ist eine Regel, die eventuell angepasst werden muss. Ich weiß es nicht, genauso wenig wie Kaufman vermutlich. Der echte Kaufman hat jedenfalls ein herausragendes, zum Wegkugeln und gleichzeitig philosophisches Drehbuch geschrieben, dessen Umsetzung Spike Jonze genial gelungen ist. Ein Film, der beide in der Olymp aktueller Filmemacher hebt, leider von der Masse missachtet – aber dafür liefert Kaufman die Erklärung: sie halten sich nicht an vorgefertigte Regeln, sondern vollführen Adaptionen von Regeln durch, für die manche nicht reif sind.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Linnie1978

Linnie1978

22.05.2003 16:03

toller Bericht, aber mit dem Film konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich habe mich dabei fast zu Tode gelangweilt, was aber eventuell unter anderem an meiner nicht vorhandenen Vorliebe für Nicholas Cage und Meryl Streep liegen kann?!

BillMaplewood

BillMaplewood

20.05.2003 15:52

Ein super Bericht und ein genialer Film, nicht nur Cage hätte dafür 2 Oscars verdient, sondern auch die Kaufmann-"Brüder" ;), die ja beide nominiert waren (das wäre doch was wenn endlich mal jemand einen Oscar gewonnen hätte, der gar nicht existiert). Bisher der beste Kinofilm des Jahres imho! Mfg Björn!

Dotab

Dotab

10.05.2003 15:53

JAWOHL bin schon auf dem Weg zu Videothek *undweg.....

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