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Auf der Suche nach der Geisterorchidee...

5  26.11.2005

Pro:
Drehbuch :  Charlie Kaufman  |  Regisseur :  Spike Jonze  |  Schauspieler :  Nicholas Cage, Meryl Streep, Chris Cooper, Tilda Swinton

Kontra:
 *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *

Empfehlenswert: Ja 

logan

Über sich: Es ist wunderbar einfach, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu begehen, da man genau weiß, ...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 62 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


Okay,
wie zum Teufel fange ich überhaupt an?


Wenn 'Being John Malkovich' der Grundkurs in Creative Weirdness war, dann ist 'Adaptation' der Leistungskurs. Nein, nicht WENN: 'Being John Malkovich' IST der Grundkurs. Falls Ihr 'Being John Malkovich' nicht gelesen habt, dann braucht Ihr mit 'Adaptation' erst gar nicht anzufangen.

Das ist ein Prinzip.

>>Eine Regel besagt, dass Du etwas tun MUSST. Ein Prinzip besagt, dass es eine naturgesetzliche Konstante ist, dass du Erfolg haben wirst, wenn Du etwas so und nicht anders tust.<<

Das sind ungefähr die Worte mit denen Charlie Kaufmans arbeitsloser Bruder ihm zu erklären versucht, warum er dieses Mal mittels eines dreitägigen Creative Writing Kurses den Weg aus der Arbeitslosigkeit finden wird. Endgültig, für nur 500$. Denn der Veranstalter dieses Kursus, ein gewisser McKee ist ein ehemaliger Fulbright Scholar.

Charlie ist kein ehemaliger Fulbright Scholar.
Charlie Kaufman ist ein gehemmter, selbstzweifelnder Drehbuchautor in den Mittvierzigern. Und spätestens seit 'Catcher in the Rye' wissen wir ja, dass Drehbuchautoren Prostituierte sind, Prostituierte, die ihre Seele an Hollywood verkauft haben; und Charlie Kaufman ist sich dessen durchaus bewusst. Auch, wenn er sich momentan eher die Frage stellt, die sich in wohl jeder Lebenskrise aufs Neue aufwirft:

>>Woher komme ich, und wohin werde ich gehen?<<

'Adaptation' beantwortet diese Frage in einer typisch klischeehaften Filmeinstellung, und macht sich nebenbei über den stilisierten Pathos von Großmeister Stanley Kubrick lustig; was, nebenbei bemerkt, die These von Charlie Kaufman belegt, dass es im Screenwriting keine Prinzipien gibt: Denn was im einen Fall, unter anderem auch weil es NEU war, einen Einfall von bestechender Genialität darstellte, ist nunmehr lediglich ein Klischee.

Und Klischees will Charlie Kaufman meiden wie der Teufel das Weihwasser; so wie der Teufel, der Charlies Seele momentan allzu fest im Griff hat, denn dieser ist in seiner komplexbeladenen Welt mittlerweile am Tiefpunkt angelangt: An dem Punkt, an dem er realisiert, dass er selbst nichts weiter als ein wandelndes Drehbuchklischee geworden ist.

Oh, the horror!

Purer Horror ist es für Kaufman auch, eine mögliche Geldgeberin seines nächsten Projekts von dessen Meriten zu überzeugen: Er will den von ihm bewunderten Roman "The Orchid Thief" der Journalistin Susan Orlean auf die große Leinwand bringen. Eine reine künstlerische Vision soll es sein, ohne Zugeständnisse an Hollywood, >>nothing plot-driven<<, freie Entfaltung der Vorlage.

Und da blüht er auf, der Charlie Kaufman; redet davon, dass er keine Kriminalstory will, keine übertriebenen Spannungselemente, und vor allen Dingen keine Entwicklungsgeschichte über einen krisengebeutelten Charakter, der schließlich seine Ängste überwindet:

>>I just don't wanna ruin it, by making it a Hollywood Thing, like an Orchid Heist Movie, or something. Or changing the orchids into poppies and turning it into a movie about drug running, you know? Why can't there be a movie simply about, er, simply about flowers? [...] It's not about guns, or car chases, or characters learning profound life lessons, or growing, or coming to like each other, or overcoming obstacles to succeed in the end, you know. I mean, the book isn't like that, and life isn't like that. It just isn't!<<

But 'Adaptation' is...
All of it together as one.
And even better, you know!
:)

In 'Adaptation' geht es nämlich um Charlie Kaufman (Nicholas Cage), John Laroche (Chris Cooper) - einen Redneck Botaniker -, um Susan Orlean (Meryl Streep) - eine New Yorker Stadtneurotikerin -, sowie - natürlich! - um exotische Orchideensorten.

Die Orchidee steht dabei als Chiffre für die blaue Blume, das unbekannte Ziel unserer größten Sehnsucht, die Suche nach dem Gral...

Unterwegs werden auf subtile Weise alle möglichen Filmklischees bedient, quasi abgehakt.

Wenn man genauer hinschaut, erkennt man darunter die verschiedenen Lebensstile der Hauptpersonen: Charlie lebt wie ein Mauerblümchen, phantasiert ständig über alle möglichen Frauen aber ist zu schüchtern, es zu etwas zu bringen,
und zu selbstzentriert, um seine Chancen zu erkennen. Susan wird noch am menschlichsten gezeichnet, mit allen Abgründen...

Und Laroche ist so etwas wie das fehlende Bindeglied zwischen ihnen; der Mann, der seine menschliche Seite zu verleugnen scheint, wie ein Tier lebt und nur seinem Instinkt vertraut, dem Instinkt zur Anpassung (engl. 'adaptation'): Er lebt ganz von den Gelegenheiten und träumt davon, mit Internetpornos ein einträgliches Business aufzuziehen; morgen schon könnte er all das über den Haufen werfen. Susan dagegen träumt davon, ihre eine wahre Leidenschaft zu entdecken, und Kaufman von der perfekten Adaption ihres Buches. Doch dieser Traum wird mehr und mehr zum Alptraum...

Allerlei Verwicklungen und Überraschungen ergeben sich, währenddessen Donald seinen Bruder unbeabsichtigt auf die Nerven fällt: Sein Drehbuch-Guru hat ihm nämlich geholfen, mit einem erfolgsversprechenden Werk in Hollywood den Fuß in die Tür zu bekommen; was den nicht nur in einer Lebens- sondern mittlerweile auch in einer künstlerischen Sinnkrise steckenden Charlie doch arg deprimiert.

Doch was bei ihm zu Obssession, Paranoia, Verzweiflung und schlaflosen Nächten führt, sorgt auf der Leinwand für Humor und Selbstironie: Sarkasmus, Pathos, zahlreiche Wendungen, und einen abgefahrenen Genremix - all das hat 'Adaptation' - so, wie vom Guru gefordert. Nur in einem irrt der sich: >>Zaubere niemals einen deus ex machina aus dem Hut.<<

Und genau dafür müssen wir seinem Schüler Donald danken.

FAZIT:


Endlich mal wieder ein Film mit Ésprit, der noch dazu auf mehreren Handlungsebenen spielt.

Scheiß auf Prinzipien!

Zur filmischen Umsetzung gibt es aus meiner Sicht nicht viel zu sagen, außer dass alles irgendwo stimmig ist. Auch die Schauspieler sind wirklich gut. Nur gegen Ende gibt es eine Szene, in der Cara Seymour als Amelia nicht überzeugen konnte. Aber das ist auch nicht wirklich wichtig. Worauf es ankommt, sind doch die - immer wieder ironisch gebrochenen - leisen Zwischentöne. Die machen den Film aus, und gewissermaßen zu etwas besonderem. Bis zum Abspann gibt es für Charlie noch viel zu durchleiden.

Bada-bing bada-boom.


Trivia:
http://www.imdb.com/title/tt0268126/trivia

Trailers:
http://www.imdb.com/title/tt0268126/trailers

Cast:
http://www.imdb.com/title/tt0268126/fullcredits

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Das_Ky

Das_Ky

08.06.2006 17:15

Nie gesehen aber durchaus Interesse gewonnen, ich glaub der Daniel hat den, den könnt ich ihm noch aus den Rippen leiern bevor er die Flucht ergreift. Das mach ich auch, das ist der mir schuldig der Sack.

JerryMaguire

JerryMaguire

25.12.2005 18:33

Deine Kritik ist phatastisch geschrieben und liest sich sehr geschmeidig, für den Film konnte ich mich damals jedoch nicht wirklich begeistern. Es hat einfach nicht geklickt...irgendwie bedauerlich, aber vielleicht ändert sich das bei der nächsten Sichtung.

ZordanBodiak

ZordanBodiak

30.11.2005 21:54

Nun ist der Film bei mir reif für eine erneute Sichtung. Habe diesen Herbst endlich Susan Orleans "orchid thief" gelesen und muss jetzt mal genauer hingucken, wie viele Element des Krimisachbuchs Kaufman doch noch übernommen hat......

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