Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Wichtige Hintergrundinfos, aktuell |
| Kontra: |
Kein Kartenmaterial, ziemlich akademisch geschrieben, ziemlich knapp |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Das Wort "christlich" ist in unserer Gesellschaft positiv besetzt, und selbst bei Worten wie "Christenverfolgungen" denkt man automatisch als Christen als Opfer statt als Täter. "Unchristlich", wie in "zu unchristlicher Zeit anrufen", ist dagegen negativ besetzt. Diese Assoziationen spiegeln eine Einstellung wider, nach der das Christliche und das Gute identisch sind, und eine Zeit, in der das praktisch jeder geglaubt hat.
Wenn man sich das verdeutlicht, hat man schon einen großen Schritt zum Verständnis der afghanischen Geschichte gemacht.
Was man sonst noch wissen muß, damit man "Afghanistan in Geschichte und Gegenwart" verstehen kann, darüber berichten die von Conrad J. Schetter und Almut Wieland-Karimi herausgegebenen Aufsätze:
MACHT UND RELIGION
Schon bei den Streitigkeiten zwischen Zentralmacht und Stämmen 18. Jahrhundert spielt bei der Frage, wer rechtmäßig über Afghanistan regieren dürfe, die Frage der religiösen Legitimation eine große Rolle. Der Logik folgend, daß ein guter Moslem auch ein guter Mensch sei, muß ein schlechter Herrscher zuvor vom Glauben abgefallen sein. Politischen Gegnern die Rechtgläubigkeit abzusprechen, war und ist daher ein wichtiges Mittel bei innerafghanischen Streitigkeiten gewesen.
EIN LAND DER KONFLIKTE
"Die" Afghanen gibt es eigentlich nicht: Die Bevölkerung Afghanistans gehört unterschiedlichen Konfessionen an und spricht verschiedene Sprachen. Clan und Großfamilie waren bis weit ins 20. Jahrhundert die wichtigsten Gruppierungen; die Zentralmacht und die im unwegsamen Land ziemlich unabhängigen Stämme spielten eher am Rande ihre Rollen.
In den 1970ern ersetzte ein kommunistisches Regime den bis dahin regierenden König, und schon nach kurzer Zeit konnte es sich nur noch mit sowjetischer Hilfe halten, die 1980 ins Land einmarschierten. Um das damals strategisch bedeutsame Land entbrannte ein Bürgerkrieg, ausgetragen zwischen der Zentralmacht und ihren sowjetischen Verbündeten einerseits und den "Glaubenskämpfern", den von den USA unterstützten mudjahedin andererseits.
Mit dem Ende des Kalten Krieges zogen sich die Russen 1992 aus dem Land zurück. Zwischen den verschiedenen Mudjahedin-Gruppen entbrannte ein Bruderkrieg um die Macht im Lande.
DIE TALIBAN TRETEN AUF
Auch wenn es bei den Kämpfen im wesentlichen nur um die Macht im Lande ging, wurden ethnische Unterschiede und die verschiedenen Konfessionen zur Legitimierung der jeweiligen Ansprüche benutzt. Ab 1994 kamen die von Pakistan unterstützten Taliban dazu, eine islamistische Gruppierung, die aufgrund ihres Verbündeten schnell große Teile des Landes und 1996 die Hauptstadt Kabul erobern konnte.
Die Parteien, die sich bis dahin gegenseitig bekämpft hatten, schlossen sich gegen den gemeinsamen Feind zur Nordallianz zusammen. Sie wurden ihrerseits vom Iran unterstützt. Trotzdem kontrollieren sie heute nur einen kleinen Teil im fruchtbaren Norden.
Wie schon bei früheren Kämpfen sprechen sich auch hier beide Seiten wechselseitig die muslimische Legitimation ab.
DIE VETERANEN UND DER TERROR
Der Kampf gegen die "ungläubigen" Sowjets galt vielen Moslems als "Heiliger Krieg". Es verwundert nicht, daß sich auch viele ausländische Muslime als Mudjahedin an den Kämpfen beteiligten. Diese Afghanistan-Veteranen, deren Zahl auf 10,000 bis 25,000 geschätzt wird, spielten und spielen im militanten Islamismus weltweit eine zentrale Rolle; das Land wurde zu einem Zentrum des internationalen Terrorismus. Afghanistan diente als Zufluchts- und als regelrechte Ausbildungsstätte für "Kämpfer" aller Art.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der saudi-arabische Millionär Osama bin Laden, der sich schon an den Kämpfen gegen die Sowjets beteiligte und inzwischen auch die USA als "ungläubigen" Feind entdeckt hat. Schon vor dem Anschlag auf den World Trade Center wurde er wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an Terroranschlägen unter anderem in den USA und in Ägypten gesucht.
DAS BUCH
Viele, die nach dem 11. September die Buchhandlungen auf der Suche nach Hintergrundinformationen aufgesucht haben, werden festgestellt haben, daß es zu Afghanistan nur eine Handvoll halbwegs aktueller Bücher gibt.
"Afghanistan in Geschichte und Gegenwart" beleuchtet die Geschehnisse in diesem Land bis ins Jahr 1998. In zehn Aufsätzen wird die Geschichte des Landes beschrieben und analysiert: Von den Konflikten zwischen Zentralmacht und Stämmen angefangen, über die Bedeutung der verschiedenen Ethnien und der Religion im Bürgerkrieg, bis zu den Veränderungen in der afghanischen Gesellschaft. Die traditionell enge Beziehung zwischen Deutschland und Afghanistan wird ebenso diskutiert wie die Möglichkeiten, die die UN bei einer Konfliktvermittlung hätte.
Die Artikel sind durchgehend von Akademikern geschrieben worden, aber auch für Laien ohne allzu große Vorkenntnisse gut verständlich. Die Artikel entstanden im Zusammenhang mit einer Konferenz zu Afghanistan, die im Mai 1998 in Bonn stattfand und den Stand der deutschen Afghanistanforschung festhalten sollte. Da das Land schon seit Jahren kaum noch zugänglich war, ist der Band mit 170 Seiten ziemlich schmal ausgefallen.
Trotzdem bietet er die wesentlichen Informationen, um die Geschichte und die Gegenwart dieses Landes und seine Bedeutung auch für den Rest der Welt. Alles wichtige wird kurz angerissen, für detaillierte Informationen ist man allerdings auf die in großer Menge angegebene weiterführende Literatur angewiesen.
FAKTEN
"Afghanistan in Geschichte und Gegenwart", herausgegeben von Conrad J. Schetter und Almut Wieland-Karimi, Verlag für interkulturelle Kommunikation (Frankfurt/Main) 1999, ISBN 3-88939-498-1, ca. € 16,50.
Ist vom Buchhändler direkt beim Verlag zu bestellen, was etwa eine Woche dauern kann (der Verlag ist recht fix).
FAZIT
Die zentrale Bedeutung Afghanistans für den internationalen Terror ist bis vor kurzem weit unterschätzt worden. Was man über das Land wußte, ging kaum über "Rambo 3" hinaus.
"Afghanistan in Geschichte und Gegenwart" bietet einen kurzen Abriß über die wechselvolle Vergangenheit des Landes und über seine bürgerkriegsgeprägte Gegenwart. Für den, den Afghanistan im wesentlichen wegen der Attentate vom 11. September interessiert, bietet es alles wesentliche und viele Einsichten.
Zum ausgesprochenen Kenner des Landes macht es den Leser allerdings nicht.
Trotzdem, aufgrund des nüchtern-sachlichen Stils, der guten Lesbarkeit und dem Mangel an einer besseren Alternative: Ausdrücklich empfohlen.
UPDATE 27/6/02: Für September 2001 angekündigt, jetzt erschienen ist "Afghanistan - ein Land am Scheideweg" von Silvia Berger, Dieter Kläy und Albert A. Stahel. Darin wird hauptsächlich das Afghanistan seit der kommunistischen Machtübernahme bis zum Abzug der sowjetischen Truppen und der Machtübernahme der Taliban behandelt. Der Schwerpunkt liegt auf der politischen Entwicklung und dem Einfluß des Krieges auf die afghanische Gesellschaft, dem zusätzlich aktuelle Betrachtungen zu Taliban und Terrorismus beigegeben sind. Das Hauptmanko ist der Preis von ca. €40, ansonsten eignet sich das (etwas dröge geschriebene) Buch gut zur Ergänzung, Vertiefung und als aktueller Anschluß zu "Afghanistan in...". (ISBN 3-7281-2788-4, v/d|f-Verlag 2002, www.vdf.ethz.ch)