Erfahrungsbericht über

Agnes / Peter Stamm

Gesamtbewertung (5): Gesamtbewertung Agnes / Peter Stamm

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Die Geschichte und das Baby

4  23.04.2006

Pro:
rasant; Geschichte als Mittelpunkt des Romans; Kühle&Distanz zu den Personen; Kritik an Medien; Thema Tod/Krankheit; Bedeutung der Kommunikation; Sprache; Grundidee;

Kontra:
Geschichte verblasst schnell  -  nichts Besonderes;

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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dani___

Über sich: Überwiegend auf studivz anzutreffen :)

Mitglied seit:07.04.2002

Erfahrungsberichte:453

Vertrauende:236

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 205 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Agnes und der Ich-Erzähler treffen sich zum ersten Mal in der Public Library in Chicago und spüren sofort, dass sie etwas anzieht. Er ist von Agnes' besonderem Blick angetan, er kann seine Augen nicht mehr von ihr lassen. Sie kommen ins Gespräch, rauchen und trinken Kaffee zusammen und später streiten sie sich darüber, wo sie ihr erstes "Date" hatten.
Doch vorher kommen sie in einer Nacht zusammen und beginnen, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ein Leben, in welchem sie weiter die Physikstudentin ist, die an ihrer Dissertation schreibt und er der schweizer Autor, der aufgrund seiner Kontrollgier keine Romane mehr schreiben möchte, da die ihm stets aus den Fugen geraten - er wird zum Sachbuchautor und schreib zu dieser Zeit über Eisenbahnen.

Während der kurzen Zweisamkeit bittet Agnes ihn, ein Porträt von ihr zu schreiben, damit sie wisse, was er von ihr halte. Und schließlich wolle sie auch ein Zeichen hinterlassen, wenn sie einmal nicht mehr hier wäre.
Der Freund sträubt sich, hat er sich doch gegen das Schreiben von Romanen entscheiden und das aus gutem Grund und nun soll er gerade über seine neue Freundin schreiben. Doch Agnes' Überzeugungskraft ist stärker und bald sitzt er am Schreibtisch, schreibt die Geschichte und kann sich bald nicht mehr beherrschen: er tritt über den Punkt der Gegenwart hinaus und legt somit die Zukunft fest.
Was anfangs nur ein Spiel ist, zum Beispiel, als er ihr aufträgt, welches Kleid sie an diesem Abend zu tragen habe, wird bald zu etwas, das den ganzen Alltag kontrolliert. Die Bedeutung dessen wird erst klar, als Agnes ungewollt schwanger wird und das Kind keineswegs zum Erzähler, aber auch zu seiner Geschichte passt, denn in der kommt kein Kind vor.

Die Trennung folgt, und damit auch ein Ablenkungsversuch seitens des Erzählers. Währenddessen verliert Agnes ihr Kind, es ist nicht lebensfähig. Erst als der Erzähler davon erfährt, will er seine Fehler wieder gut machen, er schreibt seine Geschichte um.
Agnes' Abneigung gegenüber dieser Geschichte steigt zunehmend, doch der Erzähler schreibt sie weiter, bis sie schließlich darin endet, was der Autor schon im ersten Satz des Buches verrät.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Wo bleibt die Realität? ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Peter Stamm hat mit seinem Debütroman rasant verlaufende Geschichte geschaffen, die nicht unbedingt, oder um gar zu sagen keineswegs auf Emotionen aufbaut. Die Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler rückt gleichermaßen in den Hintergrund, wichtig scheint wirklich nur das Porträt und die daraus folgende Fiktion zu sein, die schließlich das Paar verbindet.

Über Gefühle wird nicht geredet, nur ansatzweise kann man sie erahnen, wenn Agnes plötzlich zu weinen beginnt. Doch Peter Stamm hält sich nicht lange dabei auf, sondern konzentriert sich auf anderes, die Verschleierung der Realität durch den Erzähler. Der ist wie versessen darauf, die Geschichte nach seinen Vorstellungen zu schreiben. Was anfangs ein nettes Spiel ist, in dem der Erzähler Agnes bittet, sich wie in der Geschichte zu verhalten oder zu kleiden, wird bald zum erdrückenden Terror. Agnes ist es leid und der Eklat ist unausweichlich, als sie schwanger wird.

Der Vorteil der vom Autor vermittelten Kühle und Distanz zum Ganzen - und schließlich auch die Preisgabe des Endes schon zu Beginn des Buches - verdeutlicht nur die Gefahr dieser herbeigeführten Fiktion. Das ganze Leben des Paares wird bestimmt, ohne das es das anfangs merkt. Erst als die Geschichte tief in die Privatsphäre und auch in die Gefühle der Protagonisten eingreift, wird zumindest Agnes wachgerüttelt und trennt sich vom Erzähler.

In Peter Stamms "Agnes" wird zudem oft das Thema Tod & Krankheit angesprochen.
Vor letzterem hat Anges beispielsweise Angst, als der Erzähler sie aufgrund ihrer Krankheit an Silvester alleine zurücklässt. Sie fühlt sich allein gelassen.
Der Tod spielt eine noch viel wichtigere Rolle für die Protagonistin: so wird in einem längeren Dialog zwischen ihr und ihrem Freund klar, dass sie Angst vor dem Tod habe, weil dann alles vorbei sei und sie nicht wisse, ob es danach noch irgendetwas gibt, nicht aber vor dem Sterben, denn solange man stirbt (= leidet), wisse man wenigstens, dass man noch lebe.

Dieses Motiv taucht auch dann wieder auf, als Agnes ihr Kind verliert. Dieser Verlust, mit dem sie nicht fertig wird, mündet dann schließlich auch wieder in die Krankheit, die sich durch die Psyche einen Weg in den Körper sucht.
Und wenn man im Nachhinein darüber nachdenkt, so fallen auch kleine Andeutungen auf den Tod ein.

Die bereits erwähnte Kühle und Distanz, die der Leser zu spüren bekommt, überträgt sich auch auf die Charaktere, was aber der Geschichte in diesem Fall keinen Abbruch tut. Man könnte es sogar so auslegen, dass mit dieser schablonenhaften Skizze der Personen alle Menschen angesprochen sein könnten, gerade wenn man hier den Bezug zu den Medien herstellt.

Als Leser erhält man recht schnell den Eindruck, dass das Paar trotz ihrer scheinbar großen Verbundenheit sehr wenig miteinander spricht und wenn auch erst dann, wenn einer der beiden gereizt ist. Damit sind nicht die Dialoge gemeint, in denen sie über alles Mögliche philosophieren, sondern eher die, in denen man mit dem anderen reden muss.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der die beiden für ihr "Spiel" so anfällig gemacht hat. Sie hatten eine zu geringe Kommunikation und wählten die Geschichte als neues Medium. Sicher kann man auch hier wieder Bezug zur Realität nehmen: eines der größten Probleme überhaupt ist, dass Menschen zu wenig miteinander sprechen.

Die Sprache im Buch ist überwiegend parataktisch aufgebaut. Ein Satz neben dem anderen, meist gleicher Aufbau. Etwas monoton könnte man meinen, im Nachhinein wirkt dieser Stil jedoch konsequent im Hinblick auf den Verlauf des Romans und dessen Geschichte: abgehackt, konstruiert und nicht natürlich.
Insgesamt passt es somit wieder sehr gut in den Gesamtzusammenhang, auch wenn der Stil nicht so angenehm zu lesen ist wie ein hypotaktischer Satzbau.

Die Grundidee des Buches, eine Geschichte in eine andere Geschichte zu verflechten ist nicht neu, viele andere Autoren hatten denselben Einfall, doch Peter Stamm hat diesen Aspekt aufgegriffen und ihn mit aktuellen Problem verbunden und ihn gut umgesetzt, sodass es ein durchaus lesenswerter Roman entstanden ist.
Als Leser darf man hier zwar weder Spannung, noch große Gefühle erwarten, doch genau das macht die enorm vielen Interpretationsmöglichkeiten aus.
Beispielsweise weiß der Leser nicht, was genau mit Agnes passiert, er ist sich lediglich im Klaren, dass sie tot sein muss, wie das zustande gekommen ist, bleibt im Verborgenen. Eventuell kommt man mithilfe der Andeutungen während ihrer Beziehung zu einem persönlichen Schluss.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Autor ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Peter Stamm wurde am 18. Januar 1963 in Weinfelden (Schweiz) geboren. Er machte eine kaufmännische Lehre und war für einige Zeit an der Universität Zürich, um Psychologie, Psychopathologie, Anglistik und Wirtschaftsinformatik zu studieren.
Seit 1990 arbeitete er als Journalist für die Neue Zürcher Zeitung uvm.
Heute lebt Peter Stamm in Winterthur.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Eckdaten ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Titel: Agnes
ISBN: 3-442-72550-X
Seitenanzahl: 154

Preis: 7€
weitere Informationen unter: -

weitere Bücher von Peter Stamm:
-Ungefähre Landschaft
-In fremden Gärten.
-Blitzeis.
-Diensttage. Schweizer Schriftsteller und ihr Militär
-Der Kuß des Kohaku

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Fazit ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Peter Stamm hat mit seiner Grundidee sicherlich das Rad nicht neu erfunden, doch sein Roman enthält einen aktuellen Charakter. Die Art und Weise, wie er erzählt, wirkt auf den ersten Blick sehr schroff, doch mit der Zeit erfährt man auch, warum: für die Geschichte ist es nötig.
Trotzdem wird "Agnes" nichts sein, was länger im Gedächtnis hängen bleibt. Es ist nett und ansprechend geschrieben, aber eben auch nichts Besonderes.

Daher vier von fünf Sternen für dieses Buch.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Daniela.


+++
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lex666

Lex666

22.02.2012 17:44

als schullektüre garnicht mal so schlecht.. :)

Suse1919

Suse1919

03.07.2006 18:34

Ich denke mal, dass das kein Buch für mich ist. Aber wie immer gut geschrieben. LG Susan

GoParc

GoParc

03.05.2006 21:48

Das scheint ja mal wieder eins von den Büchern gewesen zu sein, bei denen es etwas mehr Spaß gemacht hat sie zu lesen ... ;-)

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