Baby - Ferrari
28.06.2001
Pro:
Schönheit, Fahrspass
Kontra:
ewiger Kampf gegen den Rost
Empfehlenswert:
Ja
 ferrari_user
Über sich:
Mitglied seit:23.06.2001
Erfahrungsberichte:6
Vertrauende:5
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 27 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Vor einiger Zeit brachte die britische Oldtimer-Zeitschrift ‚Classic & Sportscar‘ einen Bericht über die legendären Giulia-Coupés der Baureihe 105 mit der Überschrift ‚Who needs a Ferrari ?`. Warum dieser Titel ? Dem Versuche ich im Laufe dieser Zeilen unter anderem auf den Grund zu gehen. Eigentlich sollen ja hier ‚Testberichte vom Verbraucher‘ stehen. In der Kategorie ‚Oldtimer‘ denke ich wird es einem vielleicht verziehen, wenn man etwas von der Objektivität abweicht und auch emotionale Gesichtspunkte beschreibt. Obwohl ich den Bericht hier in die Rubrik ‚2000 GTV‘ hineinstelle, betreffen viele Punkte die Gesamte Baureihe des ursprünglich Alfa Giulia Sprint genannten Coupés; heute von vielen Insidern kurz ‚Bertone‘ genannt, auch um das Modell von seinen ebenfalls GTV genannten Nachfolgern der Baureihe 116 und des aktuellen Coupés zu unterscheiden. Der Grund, warum ich meine Ausführungen genau hier bringe, liegt einfach darin, weil ich so ein Auto selbst besitze.
Die Grundform des ‚Bertone‘-Coupés wurde 1963 als Giulia Sprint GT eingeführt. Motorisiert war dieser Ur-Bertone mit einem 1.6 l – Motor. Nach und nach wurde die Baureihe sowohl nach ‚oben‘ als auch nach ‚unten‘ ausgebaut. Nachdem Alfa-Romeo feststellte, daß das Auto ein Erfolg werden würde, entschloß man sich, eine noch preiswertere, einfach ausgestattete Variante anzubieten. Den 1300 GT Junior mit 86 PS. Nach oben wurde die Baureihe durch die Typen 1600 GTV, 1750 GTV und zuletzt ab 1971 durch den 2000 GTV ergänzt. Diese Ausführung hatte, wie die Typenbezeichnung besagt, einen Hubraum von 2l und eine Leistung von 131 PS. Da aber vielen Alfa-Romeo-Fans im Allgemeinen und Anhängern des Bertone-Coupés im Besonderen die Typengeschichte geläufig sein dürfte, möchte ich nun zu den mehr subjektiven Eindrücken kommen.
Warum die obige Bemerkung in der Einführung ? Nun, das Auto bot dem Freund italienischer Sportwagen eigentlich alles, was ein klassischer Ferrari auch bot. Wenn auch in abgeschwächter Form. Ich kann mich noch gut an meine erste Fahrt in einem 2000 GTV erinnern. Kurz vorher hatte ich das Vergnügen in einem Ferrari mitfahren zu dürfen. Und mein erster Gedanke war, ‚so viel anders ist das hier auch nicht‘ Das Auto bietet für damalige Verhältnisse hochkarätige Technik und hier alles, was sich ein Freund klassischer Sportwagentechnik wünscht. Der Motor besteht vollständig aus Leichtmetall, besitzt einen Querstromzylinderkopf mit zwei obenliegenden Nockenwellen und ist mit zwei Doppelvergasern ausgerüstet. Schon der Anblick nach Öffnen der Motorhaube erfreut das herz des Sportwagenfans. Dann der Sound des Antriebsaggregats. Der alfatypische Klang, der etwas von einem Tenorsaxophon hat und den nur dieser Motor zuwege bringt. Viele Freunde dieser Geräusche wollen sogar noch mehr und montieren ein Sport-Auspuff-Endrohr, welches bei jedem Alfa-Teile-Spezialisten erhältlich ist. Allerdings ist dieses Teil nicht TÜV-zugelassen. Das Fahrgefühl ist wie man es sich für einen klassischen italienischen Sportwagen wünscht. Ich möchte an dieser Stelle ein Zitat des Automagazins ‚auto,motor und sport‘ wiedergeben, welches in einem Test des 1750 GTV stand. Es lautete: ‚der Motor zieht wie ein Ochse‘. Dies gilt für den 2000 GTV noch mehr. Gut, dem Fahrwerk merkt man schon an, daß es in den 60-er Jahren entwickelt wurde. So sind für dieses Auto, an heutigen Maßstäben gemessen, die Lastwechselreaktionen sehr heftig. Mit Alterung der Gummi-Radaufhängungsteile verstärkt sich dieses Verhalten und jagt so manchem, der moderne Autos gewöhnt ist, erst mal einen gehörigen Schrecken ein. Die Bremsanlage jedoch, ist sie gut gewartet, ist über jeden Zweifel erhaben. Bei Einführung 1971 waren Scheibenbremsen an allen vier Rädern in dieser Preisklasse ebenfalls nicht selbstverständlich. Das Schaltgefühl des 5-Gang-Getriebes gehört auch ,verglichen mit modernen Autos, noch zum Besten was es gibt. Und dies kommt daher, weil der Schalthebel nicht über unzählige Gelenke mit dem Getriebe verbunden ist, sondern praktisch direkt die Schaltelemente im Getriebe betätigt.
Der Umstand, daß Alfa Romeo zur Bauzeit dieses Auto relativ preiswert anbot (Neupreis bei Einführung knapp 17.000 DM, zum Ende der Baureihe knapp DM 20.000) trug aber auch zu der traurigen Entwicklung bei. So war der Alfa GTV Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre nicht mehr als ein billiger Gebrauchtwagen mit viel Leistung. Da er auch noch sehr gut aussah, war er natürlich in der Vor-GTI-Ära ein Objekt der Begierde für leistungshungrige Führerscheinneulinge. Daß der Wartungsplan alle 6000 km nach ca. 7 l frischem Mehrbereichsöl verlangte und die Ventilspieleinstellung (mit notwendigen Ausbau der Nockenwellen) einem routinierten Mechaniker 3 Std. abverlangte, das wurde bei der Kaufentscheidung selten berücksichtigt. Dazu kam der Rost. Viele Bertone-Coupés waren schon nach 5 Jahren reif für den Schrottplatz. Und so endeten viele der Bertone-Coupés entweder völlig durchgerostet oder bedingt durch das etwas ‚anspruchsvolle‘ Fahrverhalten als Totalschaden. Irgendwann in den 80-er Jahren wurde das Auto dann von den Oldtimer-Fans entdeckt. Und so wurden viele Exemplare, die sich noch in einigermaßen vertretbarem Zustand befanden, restauriert. Wegen der starken Rostanfälligkeit der Karosserie findet man nur selten wirklich originale, unrestaurierte Top-Exemplare. Diese gehören dann selbstverständlich zu den absoluten Sahnestückchen. Meist findet man auf dem Markt mehr oder weniger gut restaurierte Autos. Um 1990 gab es einen Run auf italienische Sportwagen. Angeheizt durch eine nicht mehr mit dem gesunden Menschenverstand zu erklärende Preisentwicklung bezüglich alter Ferraris. Diese zog alles mit, was nur einigermaßen wie ein Oldtimer aussah. Damals konnte auch ein guter Bertone GT mal DM 50.000 kosten. Dies lockte natürlich auch Restauratoren auf den Plan, die dann mit viel Spachtel und einer Händlerdusche (Billiglackierung) die schnelle Mark machen wollten.
Wer sich heute für so ein Auto interessiert sollte auf folgende Punkte achten. Bei der momentanen Preissituation auf dem Oldtimer-Markt (Sommer 2000) lohnt sich eine aufwendige Restaurierung kaum. Deshalb sollte man darauf achten, wie eine Restaurierung ausgeführt ist. Das beste ist, jemanden mitzunehmen, der sich mit dem Fahrzeug auskennt und die Schwachstellen kennt. Mit dem Zustand der Karosserie steht und fällt das Auto. Eine Restaurierung der Karosserie ist sehr aufwendig und wenn von außen der Rost sichtbar wird, dann ist die innere Struktur der betreffenden Stellen meist völlig zerstört. Dann hilft nur noch ein konsequenter Neuaufbau von ‚innen nach außen.‘ Um dies zu unterstreichen nur der Hinweis, daß es eine Stelle gibt, an der 7 Bleche !! aufeinanderliegen. Zur Bauzeit erlangten die Autos bei vielen Zeitgenossen einen zweifelhaften Ruf bezüglich der Zuverlässigkeit. Dies war aber hauptsächlich darin begründet, daß viele Mechaniker mit der für damalige Maßstäbe komplexen Technik überfordert waren und wie schon erwähnt viele Besitzer die Wartung vernachlässigten. Wer heute die Inspektionen regelmäßig durchführt oder durchführen läßt, wird mit einer Zuverlässigkeit belohnt, die sich durchaus mit der modernen Autos messen läßt, wenn nicht besser ist, da Autos aus dieser Zeit nicht jede Menge elektronischer Störquellen aufweisen. Die Motorschäden, die immer wieder aufgetreten sind, ließen sich fast alle auf einen einzigen Defekt zurückführen, der ebenfalls durch regelmäßige Kontrolle und Wartung vermieden werden kann. Die Quelle des Übels waren die Gummiflansche, mit denen die Vergaser mit dem Zylinderkopf verbunden sind. Diese werden mit der Zeit porös und dann zieht der Motor Nebenluft mit der Folge der Gemischabmagerung. Und hiergegen sind diese Motoren sehr empfindlich. Bedingt durch die Temperaturverhältnisse im Brennraum und der Gestaltung der Kolbenböden führt dies sehr, sehr schnell zu sogenanntem ‚Magerbrand‘. Deutlich ausgedrückt, heißt dies ‚ein Loch im Kolben‘. Begutachtet man regelmäßig die Gummiflansche und wechselt sie aus, wenn sie Risse aufweisen, so bleibt man von diesem Defekt verschont.
Die Versorgung mit mechanischen Teilen ist problemlos und auch sehr preiswert. Der Grund dafür ist der, daß der GTV mechanisch mit dem Spider der Baureihe 105 weitgehend identisch ist und dieser bis in die 90-er Jahre hinein gebaut wurde. Karosserieteile sind wesentlich teurer und auch z.T. schwieriger zu beschaffen. Türen beispielsweise sind nur sehr schwer erhältlich. Bezüglich der Ersatzteilsituation möchte ich auch bemerken, daß man sich mit der Qualität der angebotenen Teile auseinanderzusetzen hat. So gibt es sehr viele Teilehändler, die nachgefertigte Ersatzteile zweifelhafter Qualität anbieten. Man kann nur raten, sich auf die Händler zu beschränken, die ausdrücklich Teile vom Erstausrüster anbieten. Wie sagen die Engländer ?: ‚Buy cheap, buy twice‘. Bei Karosserieteilen mangelt es auch oft an der Paßform. Und wo ist die Ersparnis, wenn ein Kotflügel für DM 500,-- stundenlang nachgearbeitet werden muß, derselbe Kotflügel für DM 1000,-- aber problemlos gepaßt hätte. Da die Karosserieteile teuer sind und Karosseriearbeiten aufwendig sind, empfiehlt sich eine Vollkaskoversicherung. Die gibt es von Oldtimer-Versicherungen sehr günstig.
Wie schon erwähnt besitze ich selbst einen 2000 GTV und dies nun seit 7 Jahren. In dieser Zeit, in der ich 45.000 km gefahren bin, erlitt das Auto nur einen schwerwiegenden Defekt und durch einen gerissenen Zylinderkopf. Man ahnt es vielleicht schon, aber der Vorbesitzer hat diesen einmal ausgetauscht und bei der Anschaffung lediglich auf einen möglichst niedrigen Preis geachtet. So halte ich es so ähnlich wie die eingangs erwähnte, englische Zeitschrift. Wer ein klassisches, italienisches Auto mit sportlichem Charakter sucht, sich aber einen Ferrari dieser Ära nicht leisten kann oder will, für den könnte ein Alfa Romeo GTV und wenn Fahrspaß und Leistung zählt, ein 2000 GTV das Richtige sein. Außerdem liegt, wie ich es immer ausdrücke, so ein Alfa im Ggs. zu einem Ferrari ‚unterhalb der Neidschwelle‘.
Abschliessend noch der Hinweis, dass ich diesen Bericht genau so bei dooyoo eingestellt habe, also kein Faker am Werk ist.
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30.03.2005 14:15
Sehr interessant, fast wie im Lexikon für Oldies. LG - Gaby
16.08.2001 16:24
Hey, habe mich sehr über deine Bericht gefreut. Wie Du sehen kannst, sogar so sehr, daß ich dir mein Vertrauen schenke.
03.07.2001 20:20
Ein gut lesbarer, interessanter Bericht. Der Witzmann