Erfahrungsbericht über

Alfred Hitchcock und seine Filme / Donald Spoto

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Tieferes Verständnis für Hitch's Filme

5  19.02.2002 (29.04.2009)

Pro:
Analyse, die in die Breite und die Tiefe geht; seltene Bilder, Anhänge

Kontra:
nicht besonders Hitchcock - kritisch; keine Webadressen, keine Bibliografie

Empfehlenswert: Ja 

mima17

Über sich: Mein jüngster Bericht: "Die Brücke - Transit in den Tod" (DVD). +++ Bitte keine Leserunden...

Mitglied seit:12.11.1999

Erfahrungsberichte:3988

Vertrauende:325

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 52 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Spotos Auseinandersetzung mit allen "abendfüllenden Kinofilmen" Hitchcocks ist seit 1976, als die 1. Auflage erschien, ein anerkanntes Standardwerk. Die deutsche Ausgabe folgt der erweiterten amerikanischen Ausgabe von 1998.

Hitchcock selbst bekam drei Kapitel vorab zu lesen und lud den Autor daraufhin spontan zu den Dreharbeiten an "Familiengrab" ein. In der Folge bekam Donald Spoto nicht nur ein ausführliches Interview gewährt, sondern durfte auch die Storyboards des Films abdrucken. Das kommt geradezu einem Ritterschlag durch den Meister gleich. Folglich wird man hier allzu kritische Bemerkungen vergeblich suchen.

Ich habe die Originalfassung dieses Buches im Universal Studio Themenpark in Orlando/Florida gekauft, wo man nicht nur live eine Produktion der Duschszene aus "Psycho" besuchen, sondern auch eine ganze Reihe von Erinnerungsstücken kaufen kann. Ich habe mir - neben diesem Buch - ein kleines Handtuch mit dem stilechten Aufdruck "Bates Hotel" gekauft.

Inhalte
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Das Buch beginnt mit der "Einleitung zur erweiterten und überarbeiteten Ausgabe anlässlich Alfred Hitchcocks einhundertstem Geburtstag" (im Jahr 1999). Spoto geht v.a. auf die Wirkung der ersten Auflage ein und wie er die 2. Auflage erweitern konnte. Der Erkenntniswert der Einleitung hält sich daher in Grenzen.

Nächste Station ist "Ein Wort zum MacGuffin". Der MacGuffin ist dasjenige Objekt, hinter dem die wichtigsten Akteure her sind, der aber für die eigentliche, im Film erzählte Story völlig unwichtig ist. Wer also auf den MacGuffin achtet, ist selber schuld: Er verpasst das Wesentliche. Hier wird auch erklärt, woher (laut Hitch) der Begriff kommt: Zwei Herren sitzen im Zug von London nach Edinburgh. Sagt der eine: Was haben Sie denn da oben in der Schachtel? -- Da ist der MacGuffin drin. - Was soll das denn sein? -- Damit jagt man Löwen im schottischen Hochland. --- Aber in den Highlands gibt es doch keine Löwen! --- Nun ja, dann wird es wohl kein MacGuffin sein...

In einer "kurzen Einführung" (zur 1. Auflage von 1976) gibt sich die mittlerweile verstorbene Prinzessin Grazia Patrizia von Monaco die Ehre. Unter dem Namen "Grace Kelly" trat sie in mehreren Filmen des Regisseurs auf, so etwa in "Über den Dächern von Nizza". Sie tritt der Legende entgegen, dass Hitch seine Schauspieler garstig wie Vieh behandelt habe. Das Gegenteil war laut der Fürstin der Fall: Er brachte fast endlose Geduld für sie auf und sorgte dafür, dass sie sich wohl fühlten.

38 Kapitel stellen die abendfüllenden Kinofilme detailliert vor. Lediglich das erste Kapitel davor handelt die Stummfilme summarisch ab. Wir erfahren darin zu unserer verblüffung, dass Hitchcocks Karriere in den 1920er Jahren als Zwischentitel-Designer für Stummfilme begann. Dann wurde er Regieassistent und Cutter, schließlich durfte er 1925 in München selbständig zwei Filme drehen, bevor er mit "The Lodger" 1926 seinen ersten echten eigenen Film drehte. Auf den Einfluss seiner deutschen Techniker führt Spoto die expressionistischen Elemente und Motive in Hitchs Frühwerk zurück. Doch schon bald entwickelte Hitch einen eigenständigen, interessanten visuellen Stil.

Das Meisterwerk: "Vertigo"
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Ursprung und Kern des gesamten Buches ist Spotos Auseinandersetzung mit jenem Film, den er (in Übereinstimmung mit anderen Kritikern) für Hitchs absolutes Meisterwerk hält: "Vertigo". Das zugehörige Kapitel umfasst daher rund 40 Seiten, nicht weniger als ein Zehntel des Gesamttextes!
Anhand dieses einen Kapitels vermag Spoto das Genie Hitchs zu illustrieren, wenn auch nicht zu erklären (dann wäre es kein Genie mehr). Denn dieser Film enthält kein einziges Element - und sei es noch so winzig oder zufällig anmutend - das Hitch dem Zufall überlassen hat. Der Film ist von der ersten bis zur letzten Millisekunde Kunst-Werk. Und als solches enthüllt es die Tricks und das Können seines Schöpfers schonungsloser als andere Filme.

Spotos Analyse erstreckt sich horizontal nicht nur auf den Plot, die Darsteller, die Handlungslogik, die spiralförmige Kameraführung, die wundervolle Musik, das Farb-Design, die Trickeffekte (die geniale Turmszene!) usw., sondern dringt auch (vertikal) weit durch mehrere Schichten an Bedeutung ein.

Man muss sich vorstellen: Die weibliche Hauptfigur, Judy Barton, spielt zunächst eine Frau, Madeline Elster, die man nie zu Gesicht bekommt. Nachdem die echte Madeleine ermordet ist und die echte Judy/falsche Madeleine verschwunden, taucht der Ex-Polizist, der die falsche Madeleine liebt, wieder auf: Scottie (James Stewart). Seine Selbsttäuschung und Nostalgie ist so groß, dass er nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie in vielen Frauen nur die Verflossene sieht. Und als er zufällig Judy Barton wiedertrifft, modelt er sie zu "Madeleine" um. Da sie sich in Scottie verliebt hat, lässt sie es mit sich geschehen, in der trügerischen (und tödlichen) Hoffnung, schließlich um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Sie ist die Doppelgängerin einer Doppelgängerin, der Betrug hoch zwei. Als Scottie ein Verdacht kommt, ist sein zweiter seelischer Tod und Judys realer Tod unausweichlich.

Die Parallelen zu der Arbeit eines Regisseurs sind hier unübersehbar, doch leider führt Spoto diese Aspekte nicht weiter aus. Man kann sie sich sowieso zusammenreimen.---Dieses Verfahren der horizontalen wie vertikalen Analyse wendet Spoto auf alle Filme mit befriedigenden Ergebnissen an. Er ist dabei wesentlich erfolgreicher, selbst schwierigste Filme wie etwa "Die Vögel" zu erklären, als so mancher Kritikerkollege.

Triviales, das uns verblüfft:

- Der Schwarzweißfilm, der am Schluß mit einer Farbaufnahme (!) aufwartet, ist "Spellbound" ("Ich kämpfe um dich").
- Der Film, der ohne die obligatorischen Worte "The End" aufhört, ist "Die Vögel". (Und so weiter.)

Die Anhänge
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Immerhin 53 Seiten umfasst das hier abgedruckte "Storyboard" für Hitch's letzten Film "Familiengrab": Mehrere Szenen sind hier zeichnerisch vorausgeplant, so etwa die berühmte Friedhofszene und das Attentat auf die beiden Hauptfiguren auf der abschüssigen Bergstraße.

Die nicht leicht zu erstellende Filmographie (besonders bei den frühen Stummfilmen), die umfassende Diskographie der Filmmusiken sowie ein Stichwort- und Namenregister von elf Seiten Umfang runden das Buch hilfreich ab. Sicher hätten man hier noch Internetadressen aufführen können, aber diese hätten Teil einer Bibliografie sein müssen, die im Buch leider fehlt...

Mein Eindruck; Für wen sich dieses Buch eignet
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Jeder Freund von Hitchcock-Filmen, ja sogar jeder Filmfreund wird von der Lektüre des Buches profitieren. Zwar geht Spoto nicht auf die Technik des Handwerks beim Filmemachen ein - er liefert kein Handbuch. Dennoch hilft er uns, Filme zu verstehen, seien sie nun von "Hitch" oder einem anderen Regisseur. Dieses Verständnis reicht viel tiefer als ich es je bei einem Kritiker gefunden haben.

Spoto erhebt auch keinesfalls einen Unfehlbar- oder gar Endgültigkeitsanspruch für seine Meinung. Er sieht sein Buch und die darin geäußerten Ansichten und Erkenntnisse als Diskussionsbeiträge. Das macht ihn so sympathisch. Man darf, ja, man soll sich mit ihm auseinandersetzen und ihn in Zweifel ziehen. Das ist weitaus besser, als ihn wie den Papst zu verehren. Insofern eignet sich das Buch auch für Schulklassen und Seminare überall dort, wo man sich mit Kino, Film, Regie und natürlich Hitchcock beschäftigt. Seine Sprache ist nicht dünkelhaft oder gar akademisch, sondern leicht verständlich, ohne herablassend zu wirken. Die Übersetzung ist annehmbar, wenn auch nicht brillant.

Michael Matzer (c) 2008ff

Info: The Art of Alfred Hitchcock, 1992; Heyne 1999, Nr. 32/270, München; 495 Seiten, DM 24,90, aus dem US-Englischen übertragen von Adelheid Zöfel und Christine Strüh; ISBN 3-453-15746-X

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Alfred Hitchcock und seine Filme / Donald Spoto Alfred Hitchcock
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Wolfi1973

Wolfi1973

29.04.2009 19:33

Die Filme gefallen mir auch sehr, aber ein Buch darüber würde mich persönlich nicht sehr interessieren. LG Wolfi

Finetta12

Finetta12

29.04.2009 19:08

das finde ich lesenswert, gibt bestimmt ein paar interessante einblicke

Brandung

Brandung

05.04.2009 12:35

Super Bericht klasse beschrieben. lg

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