Ali

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Von Malcolm X zum ‚Rumble in the jungle’, von politischer Kontroverse bis hin zu spiritueller Selbstfindung, vom charismatischen Provokateur zum arroganten Egomanen, vom Lebemann zur Boxlegende – Ali ist mehr als ein geschichtsträchtiges Biopic, die Figur selbst scheinbar zu überdimensional ... Bericht lesen





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Distorting Cassius
Erfahrungsbericht von JerryMaguire über Ali
04.02.2005


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Inszenierung, die Schauspieler (Will Smith, Jamie Foxx, Jon Voight)
Kontra: ja

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Von Malcolm X zum ‚Rumble in the jungle’, von politischer Kontroverse bis hin zu spiritueller Selbstfindung, vom charismatischen Provokateur zum arroganten Egomanen, vom Lebemann zur Boxlegende – Ali ist mehr als ein geschichtsträchtiges Biopic, die Figur selbst scheinbar zu überdimensional um ihr Leben auf wenige Elemente zurechtzuschneiden, zu überproportioniert angelegt ist Michael Manns geschichtsträchtige Dokumentation und doch ist Ali eine brillant photographierte Collage, eine visuelle Zeitreise, ein anspruchsvoller Film.
Im Blickpunkt des Films steht die bewegte Epoche zwischen Muhammad Alis (Will Smith) – alias Cassius Clay – ersten Titelkampf 1964 gegen den bis dahin ungeschlagenen Schwergewichts-Weltmeister Sonny Liston (Michael Bennt), der ihn, Ali, zum „Champion“ macht und dem sporthistorischen Box-Kampf 1974 gegen George Foreman (Charles Shufford) in Zaire. Eine Dekade voller Querelen, politischer und privater Turbulenzen.

Der Film wandelt vage in den Spuren seiner realen Vorbilder, dokumentiert hier, ersinnt Neues dort. Aller filmtechnischer und visueller Exaktheit von Mann zum Trotz, ist sein Film nicht mehr als eine grobe Annäherung an den Mythos, nicht an den Menschen. Manch einer wird die kritische Auseinandersetzung mit der Titelfigur selbst vermissen, allenfalls in Andeutungen findet so etwas wie psychologisierende Analyse statt. Mann tut dies nicht, er will das nicht. Vielmehr porträtiert er Muhammad Ali als Zeitgeist, Produkt und Produzent der politischen Situation und der gegenwärtigen Strömungen. Politik spielt da eine übergeordnete Rolle, überall steht Rassismus im Raum, die Frage nach Gleichberechtigung bestimmt die Szenerie genauso wie die Frage nach der kulturellen und spirituellen Hinwendung. Cassius Clay wird zu Muhammad Ali, weil er diesen Schritt aus Selbstbestimmtheit unternimmt, so wie er sein ganzes Sein selbst bestimmen will, doch er tut es auch, weil ihn der Gründer und Führer der separatistischen Black Muslims – Elijah Muhammad – dazu drängt, ihn sozusagen autorisiert, zumindest erzählt dies der Film.

Musik hat ebenfalls eine übergeordnete Position, nicht zwingend in ihrer Funktion als untermalendes Element, sondern vielmehr als begleitender Kommentar, Abbild der soziokulturellen Situation, manchmal gar effektiver als Alis Fäuste selbst. Nicht zufällig beginnt der Film mit einer Gesangseinlage von Sam Cooke, greift nahtlos in das nächste Musikelement über, während sich die weiblichen Gäste einer Bar in Ekstase üben. Der Film überspannt an dieser Stelle scheinbar den Bogen, konventionell ist das nicht, was Mann hier inszeniert, denn je länger die Musik spielt, umso mehr wird deutlich, dass sein Film sich zuallererst als Bilderbogen versteht. Eine Komposition aus auditiven und visuellen Elementen, die für sich allein eine Geschichte erzählen und keinen gewöhnlichen Pfaden folgen, weder stringent noch zielorientiert erzählen. Nein, Michael Mann will Geschichte wiederbeleben, mithilfe der Dokumente, die uns allen in dieser oder jener Form geläufig sind, er erzählt in zirkulierender Weise, ohne klaren Anfang, ohne klares Ende, sein Ali ist nur ein ungefähres Etwas, kein definierbares Sein.

Dieses Etwas ist schwarz, so wie der gesamte Film, der auch ein stückweit afroamerikanische Geschichte des letzten Jahrhunderts revitalisiert und die ereignisreiche Zeit um Martin Luther King und Malcolm X im Zusammenhang mit der Boxlegende positioniert. Ob das dem Film immer zum Vorteil gereicht ist die eine Frage, ein wesentliches Element ist es ohnehin. Dennoch und ganz bewusst kreist die Filmhandlung um markante Punkte des realen Ali, beschreibt seinen unaufhaltsamen Aufstieg zum sportlichen Weltmeister und diametral dazu seinen hindernisumsäumten Gang zum ‚World’s Greatest’, zur kulturellen Ikone. Alis Kriegsdienstverweigerung wird ebenso thematisiert wie seine Schwäche für schöne Frauen, der sprachliche Agitator und ironische Feingeist im Gegensatz zur eindimensionalen Kampfmaschine. Physisch kommt Will Smith in der Hauptrolle nahe heran an den ‚Fighter’ Ali, den Sportler Ali, Smith selbst ist jedoch so wie der ganze Film lediglich eine Version von Ali, eine, die nur auf der Oberfläche kratzt ohne etwas von dem goldenen Schein abzutragen. Doch auch Smith ist einer der Gründe aus dem der Film in sich funktioniert, aus dem er seine künstlerische Qualität bezieht. Michael Mann versteht sich auf das Arrangieren visueller Spielereien, das Darstellen großer männlicher Individuen und ihrer eigenen Odyssee, er weiß um die technischen Mechanismen, die dieser Film nicht nur innerhalb des Rings optimiert und in ambivalenter Perfektion darbietet. Die Kamerawinkel, die Farbgebung, der Sound, alles erinnert an Mann, trägt unweigerlich seine Handschrift und beweist seine stilistische Sicherheit, seinen Sinn für experimentelles Arbeiten und seine Fähigkeit vielschichtige Bilder in kleinen Nuancen zu komponieren.

In 156 langen, manchmal ereignislosen Minuten zeichnet Mann einen Ali mit Fehlern, Makeln, Schwächen und doch keinen Menschen. Dass diese Unzulänglichkeiten, das gesamte Spektrum seines Wesens nicht dazu beitragen die Person selbst begreiflicher zu machen, darin liegt der Makel von Manns Film und vielleicht bestand darin bereits vor Beginn der Dreharbeiten das Kernproblem. Denn dramaturgisch laviert sich Ali durch ein undurchsichtiges Netz aus Historie und Fiktion, ohne dabei eine Kontinuität in der Aussage oder Stringenz der Handlung aufzuzeigen. Mann inszeniert mit Ali ein ultimatives Biopic, halb dokumentarisch, zur anderen Hälfte fiktiv, doch ohne ein zentrales Element, das die ganz und gar nicht fiktive Figur so außergewöhnlich machte und macht – Charisma.
   

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