Letzte Ausfahrt: Leben
10.07.2007 (05.08.2010)
Pro:
Es gibt leider kein Pro
Kontra:
Wirklich alles
Empfehlenswert:
Nein
 blutopfer
Über sich:
Mitglied seit:03.08.2004
Erfahrungsberichte:23
Vertrauende:6
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 41 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als besonders hilfreich bewertet
Mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass hier bei ciao zwar 46 Berichte über Alkoholismus vorliegen, aber kaum ein Bericht von einem Betroffenen selbst geschrieben wurde. Ich frage mich gerade, warum das so ist. Da ich mich in letzter Zeit wieder etwas intensiver mit dem Thema beschäftige, in Wahrheit beschäftige ich mich jeden Tag mit dem Thema, habe ich mich dazu hinreißen lassen, hier einen Bericht aus meiner Sicht, aus der Sicht eines Alkoholikers, zu schreiben. Vielleicht verirrt sich ja der eine oder andere Alkoholiker, oder jemand der vermutet, einer zu sein, oder aber auch Angehörige von Alkoholikern, hier her, und ich hoffe dass diese Menschen einen Nutzen aus diesem Bericht ziehen können. Anfangen möchte ich mit meinen eigenen Erfahrungen, wie sich meine Sucht entwickelte und wie mein Leben so verlief. Ich weiß noch genau, wann ich angefangen habe mit der abnormalen Trinkerei. Aber ich möchte zuerst ein Stück weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Meinen ersten Vollrausch hatte ich im zarten Alter von etwa 3 Jahren. Meine Oma hat mich mit den eingelegten Erdbeeren aus der Bowle gefüttert. Sicherlich war sie sich nicht bewusst, was sie da grade tat, aber diese paar Erdbeeren haben gereicht, um mich volltrunken zu machen. Laut Erzählungen bin ich gegen die Heizung gerannt, habe mich erbrochen und eigentlich alles gemacht, was erwachsene Menschen auch tun, wenn sie einen zu viel „drin haben“. Das war natürlich nicht der Grund, warum ich später zum Alkoholiker wurde, und solche Sachen wie die mit der Bowle passierten nicht regelmäßig, aber regelmäßig konnte ich als Kind mit ansehen, wie Alkohol getrunken wurde und wie mit Alkohol umgegangen wurde. Es war üblich, dass meine Eltern abends Bier und ein paar Kurze tranken und auch meine Brüder, die wesentlich älter sind als ich, tranken abends gerne einen. Auf Festen gab es immer Alkohol, und zwar reichlich. Es gab keine Party, ohne dass sich jemand betrunken daneben benahm. Das war so, seit ich denken kann. Kurzum, ich wuchs mit Alkohol auf. Ich sah mit an, wie Menschen ihn einsetzten: zur Beruhigung, bei einer netten Runde in der Küche, beim Skat, zum Fernsehen, wenn sie traurig waren, wenn sie wütend waren, wenn sie etwas zu feiern hatten - immer spielte Alkohol eine wichtige Rolle. Für mich war das normal, ich kannte es nicht anders. Diese Tatsache spielt eine große Rolle, nicht ob es erblich ist oder so etwas, sondern wie man den Umgang mit Alkohol vorgelebt bekommt. Übrigens sind sich die Forscher noch immer nicht sicher, ob Alkoholismus wirklich vererbbar ist. Ich denke, diese Frage kommt gerne auf, wenn man sich irgendwann fragt, warum man Alkoholiker ist. „Klar, es muss erblich sein. Mich trifft keine Schuld. Ich hab das so zugeschoben bekommen. Meine Eltern sind schuld. Aber nicht ich.“ Das ist eine falsche Herangehensweise, die aber sehr ins Bild des Süchtigen passt. Mag sich der eine oder andere jetzt fragen, beschuldige ich meine Eltern, dass sie mir das so vorgelebt haben? Nicht direkt. Es ist nun mal so passiert und ich muss das akzeptieren. Sicher hätten sich meine Eltern anders verhalten können, aber sie taten es nicht. Sie waren sich keiner Schuld bewusst. Wieso auch? Es funktionierte ja alles.Auch wenn man bei der Beschreibung meiner Familie an schlimme Umstände denken könnte, so muss ich sagen, dass ich aus guten Verhältnissen komme. Wir waren nicht verwahrlost oder irgendwie asozial. Meine Mutter war eine sehr erfolgreiche Pharmareferentin, mein Vater Betriebsleiter eine Druckerei und meine Brüder wollten studieren, und taten es auch. Nur ich kam so gar nicht zu Recht in meinem Leben. Meine Eltern trennten sich, als ich noch in die Grundschule ging, hatten danach aber noch über mehrere Jahre intensiven Kontakt. So war ich immer hin- und hergerissen zwischen beiden, wusste nie so recht, wo ich hin gehörte und was hier eigentlich passierte. In der Schule war ich Außenseiter und Klassenclown. Aufmerksamkeit um jeden Preis, das war mein Motto, wenn auch unbewusst. Ich fiel also nicht durch gute Noten, sondern durch negatives Verhalten auf. Das änderte sich nie. Von der Grundschule bis zur Berufsschule das gleiche Bild. Freunde hatte ich in meiner Kindheit eigentlich keine, zumindest keine richtigen. Man traf sich lange Zeit und plötzlich wurde man weggestoßen. Irgendwann vertrug man sich wieder und wurde wieder weggestoßen. Ein hin und her, wie bei meinen Eltern. Als ich etwa 13 Jahre alt war, zogen wir vom Dorf in die Kleinstadt gleich nebenan. Hier fand ich aufgrund meines Konfirmandenunterrichts auch schnell einen kleinen Freundeskreis. Meine Mutter war oft nicht zu Hause und suchte sich offenbar einen neuen Partner. Ich fing das Rauchen an und vergriff mich irgendwann mal mit dem Vorsatz mich zu besaufen, an der Hausbar. Hier spürte ich zum ersten Mal die bewusst herbei geführte, wohlig warme Umarmung des Rausches. Ich glaube, dass sich zu dieser Zeit in meinem Leben etwas in mein Gehirn einbrannte, nämlich dass ich Alkohol einsetzen kann, um mich besser zu fühlen.Mein Freundeskreis wurde größer, mein Verhalten auf der Realschule wurde untragbar, und ich wurde auf die Hauptschule versetzt. Umso besser, denn da waren ja alle meine Freunde. Mit der Zeit wurde ich einer von den coolen Jungs. Die normalen Leute und die Streber interessierten mich einen Dreck. Ich war jemand, die anderen waren alle nur Versager. Endlich bekam ich meine gewünschte Aufmerksamkeit. Zu dieser Zeit war ich fit wie ein Turnschuh, tanzte Breakdance, gewann die Bundesjugendspiele und rappte. Sicher trank ich mal Alkohol, mal auch sehr viel und oft, aber es war noch lange nicht so, dass ich wirklich abhängig war. Das kam erst später. Zuerst sollten die Drogenversuche kommen. Mit ungefähr 15 Jahren rauchte ich das erste Mal Haschisch, in unserem Volksmund immer nur "Brösel" genannt. Natürlich merkte ich nichts. Aber später, beim nächsten Versuch, da merkte ich was. Und ich fand es großartig. Viel besser noch als Alkohol. Mit der Zeit erwarb ich ein umfangreiches Fachwissen über die verschiedensten Drogen und ihre Wirkungsweisen. Für tatkräftige Selbstversuche mit allerlei Zeug war ich mir nie zu schade. So konsumierten meine Freunde und ich anfangs nur Brösel und Gras, dazu ein paar Bierchen, fertig. Aber irgendwann wurde die Neugierde größer und ich machte Erfahrungen mit Speed, Ecstasy, Koks, LSD, Trichterwinden, Fliegenpilzen und vielem mehr. Auch vor den Mustern, die meine Mutter ja aufgrund ihrer Tätigkeit als Pharmareferentin geliefert bekam, machte ich nicht halt. Ich suchte mir mit einem Freund zusammen einfach die Medikamente raus, wo die Nebenwirkungen am „interessantesten“ klangen und pfiff sie mir rein. In dieser Zeit habe ich schrecklich abgenommen und auch psychisch war ich irgendwann ganz schön im Eimer. Einmal fragten wir uns, was wir eigentlich früher gemacht haben, bevor wir angefangen haben Drogen zu nehmen. Keiner wusste so wirklich eine Antwort darauf, denn alles erschien uns irgendwie total sinnlos ohne Rausch. Wie konnte man nur Spaß haben, ohne dicht zu sein? Wie sollte das funktionieren?Ich frage mich heute noch manchmal, wo das alles hingeführt hätte, wenn nicht ein bestimmtes Erlebnis dazwischen gekommen wäre. Ich war allein zu Hause. Ich wollte Schluss machen mit den verdammten Drogen. Ich hatte keinen Bock mehr und ich hatte außerdem extremen Stress mit meiner Mutter wegen meines Verhaltens. Ein Freund kam mich besuchen und wedelte mit zwei Pappen in einer Plastiktüte hin und her. Pappen sind kleine Löschpapier- oder andere Papierquadrate die mit LSD beträufelt sind, für die, die nicht wissen, was ich meine. Ich sagte ihm noch, ich hätte eigentlich keinen Bock, weil ich aufhören wollte. Aber nach ein paar Gesprächsminuten dachte ich mir: "Na gut. Eine Abschiedspappe. Wird dich schon nicht umbringen." Ein schwerer Fehler. Der LSD-Rausch erwischte mich in einer psychisch kritischen Phase und ließ mich in Abgründe meiner Seele blicken, die ich bis heute nicht verarbeiten konnte. Dieser Rausch war so ziemlich das Schlimmste, was ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Ich hatte extremes Herzrasen und Herzstolpern, Schweißausbrüche, schlimme Halluzinationen, und ich war wirklich der festen Überzeugung, dass ich den nächsten Tag nicht mehr erleben würde. Ich dachte, ich müsste an diesem Tag sterben. Und ich hatte keinen erfahrenen Drogenuser in der Nähe, der auf mich aufpassen konnte. Den schlimmsten Teil des Rausches durchlebte ich alleine in meinem Zimmer. Ich hatte mich überschätzt. Ich war der Ansicht, schon alles zu kennen und dass mich nichts umhauen könnte. Doch hier musste ich erkennen, dass ich gar nichts wusste. Ich weiß seitdem, dass es wirklich Momente gibt, die das Leben verändern können. Als ich am nächsten Morgen in meinem Bett wach wurde, war ich nicht mehr derselbe Mensch. Ich war unsicher, ängstlich, kaputt. Das war der erste Tag in meinem neuen Leben. Mit den Drogen hörte ich auf, da ich vom Kiffen gleich wieder Herzrasen bekam und es mir schlecht ging. Alles andere ließ ich sofort sein. Ich ging zum Arzt und ließ mich untersuchen. Ich hatte plötzlich Bluthochdruck. Mit 17! Also bekam ich Betablocker verschrieben, welche ich über ein halbes Jahr nehmen musste, damit sich mein Blutdruck wieder normalisierte. Körperlich war sonst alles normal, aber wie es in meinem Kopf aussah, das traute ich kaum jemandem zu erzählen. Ich hatte plötzlich Angst vor Menschen, vor vielen Menschen auf einem Fleck ganz besonders, ich machte mir ständig Gedanken, was diese Menschen von mir denken könnten, was ich früher nie tat. Ich hatte Panikattacken, Albträume und ganz langsam beginnende Depressionen. Von diesem Zeitpunkt an begann ich mehr Alkohol zu trinken. Ich trank Bier, weil ich ganz genau wusste, dass es mir helfen würde. Ich wusste, wenn ich einen gewissen Level erreicht hatte, war dieses Dasein um einiges leichter zu ertragen. Hier legte ich den Grundstein für meine Abhängigkeit. Experten würden jetzt von klarer Suchtverlagerung sprechen. Erst die Drogen, dann der Alkohol. Ich war etwa 18 Jahre alt. Ich trank jeden Tag etwas. Am Anfang natürlich nicht so viel wie später. Das ganze steigerte sich über die Jahre hinweg. Als ich meine Ausbildung anfing, war eigentlich noch alles in Ordnung. Ich trank abends was, hatte aber tagsüber kein großes Verlangen, da mir der Job Spaß machte und ich auch geistig und körperlich wieder einigermaßen erholt war. Ich glaube aber, dass ich mich nur daran gewöhnt habe, wie ich mich fühlte. Mir ist klar, dass ich mich nie wieder so fühlen werde wie damals, als ich noch keinerlei Konsum hinter mir hatte. Und das macht mich traurig.Meine Mutter bat mich irgendwann auszuziehen. Sie schlug vor, dass sie meine Miete bezahlen würde und ich könnte mich ganz auf mich konzentrieren. Ich glaube eher, dass sie es nicht mehr ertragen hat, mit mir unter einem Dach zu wohnen. Also zog ich aus, meine Mutter bezahlte meine Miete und ich konnte so mein ganzes Geld für Dinge ausgeben, die mir Spaß machten. Ich musste außer Strom und Telefon / DSL nichts zahlen. Das meiste Geld ging natürlich für Alkohol drauf. Meine erste langjährige Beziehung ging nach knapp 3 Jahren in die Brüche. Wegen dem Alkohol. Ich habe meine Freundin nie geschlagen oder bedroht, sie hat es wahrscheinlich ebenfalls nicht mehr mit mir ausgehalten. Die ganze Zeit saß ich in meiner Wohnung und trank Bier. Wenn ich bei Freunden war, brachte ich mir Bier mit. Wenn wir draußen etwas unternahmen, war Bier mein ständiger Begleiter. Bier und ich, ein starkes Team, zumindest jetzt noch. Auf die Idee, dass ich abhängig sein könnte, kam ich gar nicht. Eines Nachts lag ich wach im Bett und konnte nicht schlafen, und ich fragte mich, warum es mir so schlecht ging. Ich konnte mich nicht konzentrieren, ich konnte mich nicht ablenken, es ging mir einfach miserabel. Und ich wusste nicht, warum. Heute weiß ich, dass das Entzugserscheinungen waren. Mittlerweile war ich bei acht 0,5L-Flaschen Bier am Tag, manchmal sogar mehr, je nachdem ob ich traurig war oder ob es was zu feiern gab. Man kennt das ja noch aus der Kindheit, nicht wahr?Aus dieser Wohnung zog ich bald aus. Meine Vermieterin war so nett, mich darum zu bitten. Immer zu laute Musik und außerdem hätte ich ihr Bierflaschen geklaut. Das stimmte. Ich hab wirklich Bier aus dem Kasten meiner Vermieterin genommen, wenn ich keins mehr hatte. Kontrollverlust. Wenn ich einmal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören, so lange ich wusste dass es irgendwo noch was zu holen gab. Und der Kasten meiner Vermieterin stand ja nur die Treppen runter. Auf der Arbeit lief alles auch nicht mehr so gut. Mittlerweile trank ich schon vor der Arbeit zwei Flaschen Bier, zum „klarkommen“. Auf der Arbeit selbst häuften sich die Fragen der Leute, warum ich schon wieder so eine Fahne hätte, ob ich ein Alkoholproblem hätte, und vieles mehr. Am liebsten hätte ich jedem, der mich auf Alkohol ansprach, ins Gesicht geschlagen. Zudem musste ich nur noch Dinge tun, die mit meiner Ausbildung gar nichts mehr zu tun hatten. Ich empfand es als Strafe. Als Strafe dafür, dass ich mit Fahne zur Arbeit kam. Und wahrscheinlich war es auch so. In der Mittagspause zwei Bier und dann das nackte Bangen auf Feierabend. Mein Alltag war vom Bier bestimmt. Ich dachte ununterbrochen an Alkohol, wenn ich nichts trinken konnte, und es kam einer Erlösung von Gottes Gnaden gleich, wenn der Alkohol meine Kehle hinab floss. Ich registrierte nichts.Ich fragte mich allen Ernstes, warum sich alle von mir abwandten. Was war der Grund, dass sie mich im Stich ließen, wo ich sie am meisten brauchte? Ich war der Grund. Ich und der Alkohol. Ich muss ein schreckliches Bild abgegeben haben, wenn man mich morgens um 7 Uhr schwankend in der Stadt sah, wenn ich jemanden ansprach und immer nach Bier stank. Wenn man mich immer mit Alkohol in der Hand sah und immer niedergeschlagen. Ich muss so vielen Menschen wehgetan haben, die versucht haben mir zu helfen. Aber sie waren machtlos. Ich stieß sie alle von mir fort, ohne zu merken, was ich da eigentlich tat. Die wohlig warme Umarmung des Rausches war eine eiskalte Umklammerung geworden, aus der ich mich nicht befreien konnte. Mein Arbeitgeber zwang mich, in eine Entgiftung zu gehen, und aus Angst meinen Job zu verlieren, willigte ich ein. Ich guckte mir das Ganze zwei Tage an und verließ gegen ärztlichen Rat die Entgiftung, und etwas Erschreckendes geschah in mir. Ich dachte mir: "Jetzt erst recht!" Ich war noch nicht soweit. Ich ließ mich krankschreiben, unterzeichnete einen Aufhebungsvertrag und brach meine Ausbildung kurz vor der Prüfung ab.An meinem Geburtstag im Jahr 2001 habe ich mir wie mechanisch die Arme aufgeschnitten. Ich habe nicht versucht mich umzubringen. Ich wollte mir nur wehtun. Ich wollte Blut laufen sehen, wollte sehen, dass da noch Leben ist in dieser Hülle. Ich heulte nur noch, verletzte mich selbst, trank wie ein Loch. Ich war wie von Sinnen. */ Das Schneiden hat zwar nichts mit Alkohol zu tun, ich erwähne es der Vollständigkeit halber aber dennoch. Diese ganzen Vorgänge sind so sehr miteinander verwoben, dass es mir wie Lügen vorkäme, wenn ich nicht alles aufschreiben würde. Neben der Alkoholabhängigkeit hat sich bei mir eine Borderline-Störung entwickelt. */Ich hatte in dieser Zeit immer wieder mal instabile, heftige Beziehungen. Aber keine hielt besonders lange. Ich war eine schrecklich schwierige Person. Ich kann die Frauen gut verstehen, die sich das nicht länger als ein paar Monate ansehen konnten. Die vernarbten Arme, die riesigen Wunden teilweise, und immer diese Sauferei. Dennoch habe ich immer meinen Intellekt bewahrt, war nie unfreundlich oder gewalttätig. Ich war wohl einfach interessant, keine Ahnung woran es lag, dass ich nie Probleme hatte, eine neue Beziehung zu finden. Wie gesagt, ich war nie gewalttätig. Aber ich war gemein. Subtil und fies. Meine Worte konnten mit chirurgischer Präzision verletzen, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Ich war sarkastisch. Negativ. Und irgendwie böse. Ich hasste mich und ließ es alle spüren.Mittlerweile hatte ich mein Schicksal akzeptiert. Ich war Alkoholiker und ich wusste das. Aber ich tat nichts, um das ändern. Mein Alkoholkonsum hatte sich auf ca. 12 - 14 0,5L-Flaschen Bier am Tag gesteigert. Eigentlich war ich gar nicht mehr nüchtern. Manchmal brachte ich es auch fertig, eine ganze Kiste am Tag zu vernichten. Und ich tat nichts. Ich saß den ganzen Tag nur rum, surfte im Netz, spielte Computerspiele, schrieb Gedichte und Kurzgeschichten, flirtete in diversen Chats, machte Grafik und all so was. Ich tat nichts, um meine Situation auch nur ein wenig zu verbessern. Meine Mutter zahlte noch immer meine Miete.Ich zog nach Dortmund, brach meine Zelte in meiner Heimatstadt ab, und wollte ein neues Leben anfangen. Einen Freundeskreis in Dortmund hatte ich mir bereits aufgebaut. Ich trank sogar weniger. Aber dort lief am Ende auch alles so wie vorher. Ich stieß diese neuen Freunde weg von mir, als sie mir helfen wollten, isolierte mich wieder, trank wieder mehr. Das alte Lied… Doch eines Tages lernte ich, witzigerweise sogar hier über ciao, eine Frau kennen, die es geschafft hat, mir neuen Mut zu geben. Eine Frau, die mir die Kraft gab und auch selbst die Kraft hatte, mit mir durch diese schwierigen Zeiten zu gehen. Als wir uns kennen lernten, trank ich noch. Und ich trank noch immer, als wir zusammenzogen. Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich die Entscheidung traf. den Alkohol hinter mir zu lassen.Mein persönlicher Tiefpunkt waren nicht etwa die Blamagen und Peinlichkeiten, die mir im Vollrausch passierten, auch ist mir nichts genommen worden oder habe ich etwas verloren, wie den Wohnsitz oder den Führerschein. Ich war ja so lange arbeitslos, und ich konnte es irgendwann nicht mehr mit ansehen, wie ich zu Hause vor mich hin vegetierte, während meine Freundin arbeiten ging. Also bewarb ich mich um Arbeit. Über meine Mutter hätte ich dann auch eine Ausbildung bei Mercedes anfangen können, egal in welchem Bereich. Eine tolle Nachricht, meine Mutter war ganz aus dem Häuschen. Und ich? Ich saß am anderen Ende der Telefonleitung und musste ihr sagen, dass ich den Job nicht nehmen kann, da ich ohne Alkohol Entzugserscheinungen bekommen würde und so nicht arbeiten könnte. Ich fühlte mich schlechter als jemals zuvor. Da war meine Chance ins Leben einzusteigen und ich musste sie ausschlagen, weil mich der Alkohol in seiner Gewalt hatte. Ich heulte Sturzbäche. Wut, Trauer, Entsetzen, Angst. Mein Kopf schien zu explodieren. Ich rannte aus der Wohnung. An diesem Tag fasste ich mit voller Absicht den Entschluss trocken zu werden. Noch tiefer wollte ich nicht fallen. 7 Jahre hatte ich gesoffen wie ein Loch. Damit sollte nun Schluss sein.______________________ Wenn du es geschafft hast, bis hier hin zu lesen, danke ich dir aus vollem Herzen. Es hat ganz schön viel Überwindung gekostet, das nieder zu schreiben. Jetzt komme ich zu dem wohl interessanteren Punkt, nämlich, was kann man tun, wenn man aus der Sucht entkommen will? Ich gehe hier jetzt auch nicht auf die Stadien des Alkoholismus eingehen. Denn das kannst du ganz schnell herausfinden, wenn du eine Suchmaschine bemühst. Hier soll es schließlich um Erfahrungen gehen und ich habe auch keine Lust, Wikipedia-Artikel umzuschreiben. Ich bitte um Verständnis.Als Erstes solltest du zu einer Suchtberatungsstelle gehen. Diese gibt es in jeder größeren Stadt und sie stehen meistens unter einem Dachverband, wie zum Beispiel der Caritas. Dort arbeiten ausgebildete Leute, die dich in jedem Fall gut behandeln, nämlich wie einen Menschen mit einem Suchtproblem. Nur weil du süchtig bist, bist du kein schlechterer Mensch. Im Gegenteil! Es ist so toll, dass du den ersten Schritt wagen und aus deiner Sucht entfliehen möchtest. Das zeugt von einem starken Charakter. Ich habe auf meinem Weg aus der Sucht so viele nette Worte zu hören bekommen, die mich nur darin bestärkten, das Richtige zu tun. In der Suchtberatungsstelle wird dir geholfen, hier werden unter anderem deine Trinkgewohnheiten und die Menge erfasst, deine Lebensumstände und vieles mehr, damit man sich ein umfassendes Bild von dir machen kann. Tu dir selbst einen Gefallen und sei ehrlich in dem, was du sagst. Alkoholiker neigen dazu, ihre Trinkmenge herunterzuspielen. Tu das nicht. Du hast wahrscheinlich schon viele Jahre belogen, sei es dich selbst oder andere Menschen, sei endlich ehrlich zu dir. Du machst grade einen, wenn nicht sogar DEN wichtigsten Schritt in deinem Leben. Das sollte es dir wert sein. Vor dem Termin beim Suchtberater solltest du dir natürlich vorher Gedanken gemacht haben, was du eigentlich willst. Du musst wirklich den Wunsch haben, trocken zu werden und auch zu bleiben. Und du solltest dir Gedanken um eine Therapie nach der Entgiftung machen. Dein Suchtberater kann dir dann in mehreren Sitzungen helfen, die passende Entgiftungseinrichtung zu finden und gegebenenfalls ein paar Vorschläge machen für Kliniken, in denen die Therapie dann stattfindet. In der Regel werden vorerst 3 Monate von der Rentenversicherung für die so genannte Langzeittherapie genehmigt, in schweren Fällen auch gleich länger. Eine Verlängerung kann aber auch noch beantragt werden, wenn man den Wunsch hat oder die Ärzte der Meinung sind, dass man noch etwas länger bleiben sollte. Wer nicht in eine stationäre Therapie gehen will, der kann auch eine ambulante Nachsorge machen. Damit habe ich aber keine Erfahrungen. Generell empfehle ich, und auch die Suchtberater, eine stationäre Therapie. So hat man die Möglichkeit, sich nur auf sich selbst zu konzentrieren und hat den Kopf frei. Eine Therapie in einer Klinik ist auch nicht wie im Knast, du wirst nicht ans Bett gefesselt oder so etwas, sondern bist dort in wirklich guten Händen. Außerdem haben so auch deine Angehörigen mal Zeit zur Besinnung.Wie auch immer du dich entscheidest, du musst als erstes zur Entgiftung. Wie der Name schon vermuten lässt, wird der Körper dort vom Alkohol entgiftet. Ich empfehle nicht nur eine Entgiftung im Krankenhaus zu machen, ich warne auch ausdrücklich davor zu Hause zu entgiften. Mal abgesehen vom Stress, den man sich antut, kann der Entzug manchmal sehr heftig werden. Zittern und Schweißausbrüche sind da noch das Harmloseste. Nach ein paar Tagen ohne Alkohol kann man ein Delirium bekommen (Halluzinationen, Wahnvorstellungen) oder auch den gefürchteten Krampfanfall (delirium tremens). Und hier hört der Spaß wirklich auf, denn man kann dabei böse stürzen, manche haben sich dabei schon die Zunge abgebissen und andere waren nach so einem Anfall auch nicht mehr schön anzusehen. Im Krankenhaus bekommt man Medikamente, die den Entzug erleichtern und auch den Krampfanfällen vorbeugen. Und sollte doch mal etwas passieren, so ist sofort Hilfe da. Also bitte, was immer du machst, entgifte niemals zu Hause! Geh in ein Krankenhaus. Nach ungefähr 3 Tagen ist das Schlimmste vorbei. Nach insgesamt 10 Tagen ist der Körper vom Alkohol entwöhnt und theoretisch könnte man jetzt nach Hause gehen. Ich habe es so gemacht: Ich habe mit der Suchtberaterin einen Termin in einer Klinik vereinbart, wo ich meine stationäre Langzeittherapie machen wollte. Dann kam das lange Warten. Die Suchtberaterin schickte meinen Sozialbericht an den Rentenversicherer, diese schickten wiederum eine Bewilligung und diese ging dann an die Klinik. Nach ungefähr 2 Monaten Bearbeitungszeit hatte ich dann meinen Aufnahmetermin für die Langzeittherapie: den 15.September 2005. Also rief ich im Krankenhaus an und fragte nach, wie lange dort eine Entgiftung dauert. 10 Tage, wurde mir gesagt. Da ich übergangslos von der Entgiftung in die Therapie gehen wollte, was ich auch jedem anrate, war mein Wunschtermin für die Entgiftung der 5.September 2005. Es klappte und somit war alles in Butter. Natürlich hätte ich gleich entgiften können, und dann wieder nach Hause und noch ein paar Wochen auf die Therapie warten können. Aber wäre dann irgendwas anders gewesen? Ich hätte noch immer keinen Job gehabt, hätte mich zu Hause gelangweilt und wäre auf dumme Ideen gekommen. Der Rückfall wäre vorprogrammiert gewesen.Letztendlich war das die beste Entscheidung seit langem. Ich hatte viel Zeit zum Abschied nehmen. Abschied vom Alkohol. Das bedeutet nicht, dass ich mich jeden Abend bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen ließ. Ich achtete darauf, meinen Alkoholpegel zu halten, was mir mein Hausarzt und meine Suchtberaterin auch dringend geraten haben. Ich musste die Zeit bis zur Entgiftung noch überbrücken und weitertrinken, weil mein Körper den Alkohol ja brauchte um zu funktionieren. Ich habe am Ende also nur noch getrunken weil ich musste, und nicht weil ich wollte. ______________________ Die Frage aller Fragen: Bin ich Alkoholiker?Ich halte nichts von den diversen Tests, die häufig im Internet zu finden sind, bei denen eine gewisse Anzahl an Antworten zutreffen muss. Für mich ist jemand Alkoholiker, der kaum an etwas anderes denken kann, als an Alkohol. Wenn das Leben sich immer mehr um den Alkohol dreht, wenn Vorräte angehäuft und wenn man Gewaltmärsche in Kauf nimmt, um an Alkohol zu gelangen. Wenn ein Kontrollverlust vorliegt, das heißt, wenn man nach dem ersten Glas nicht mehr aufhören kann und so lange weiter trinkt, bis entweder nichts mehr da ist, oder man in einen bleiernen Schlaf oder eine Bewusstlosigkeit fällt. Es ist eine ganz einfache Sache: Wenn der Alkohol beginnt, im Leben eine oder DIE zentrale Rolle zu spielen, solltest du dir ernsthafte Gedanken machen. Ein paar Fakten dürfen hier natürlich nicht fehlen:- Alkoholismus ist eine Krankheit, die nicht geheilt, sondern nur zum Stillstand gebracht werden kann. Ein Alkoholiker wird niemals wieder normal trinken können. - Unbehandelter Alkoholismus führt früher oder später zum Tod. - Alkoholiker sind keine willensschwachen Menschen. Im Gegenteil: Alkoholiker, die ihr Problem erkennen, anpacken und die Motivation haben trocken leben zu wollen, sind charakterstark, mutig und haben eine enorme Willenskraft. - Weniger als 1% aller Alkoholiker versuchen ernsthaft, vom Alkohol weg zu kommen und ein trockenes Leben zu führen. - Alkoholismus kennt keine sozialen Schichten. Es gibt kein Arm und Reich, kein Beliebt oder Unbeliebt. Alkoholismus findet sich überall. Vom Top-Manager über Chirurgen, Beamte, Müllmann, Bauarbeiter, Fließbandarbeiter, Hausfrau, Obdachloser. Überall gibt es alkoholkranke Menschen. Alkoholiker sind nicht nur die Penner in der U-Bahn oder die grölenden Männer, die ihre Frau schlagen. Nach der stationären Therapie empfehle, in jedem Fall eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Auch parallel zur ambulanten Nachsorge solltest du das tun. Es hilft wirklich sehr, da du dort Menschen triffst, die genau so ticken wie du. Es ist unheimlich wichtig, jemanden zu haben, mit dem man offen über seine Probleme und das trockene Leben reden kann. Besuch einfach so viele verschiedene Selbsthilfegruppen wie möglich, schau dir, an wie sie miteinander arbeiten und entscheide dich dann, welche du regelmäßig besuchen möchtest. Keine Selbsthilfegruppe ist wie die andere, die Arbeitsweisen unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander, daher ist es wirklich wichtig, dass du dir mehrere anschaust.Ich behaupte nicht, dass es ein einfacher Weg ist, vom Alkohol weg zu kommen und auch dauerhaft trocken zu leben. Es ist ein verdammt harter Weg, der mit einer Menge Tränen und Schweiß verbunden ist. Aber, wenn ich einmal etwas aus vollen Herzen gesagt habe, dann das: Es lohnt sich. Es lohnt sich wirklich! Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich einen riesigen Scherbenhaufen und ein Trümmerfeld hinter mir liegen. Aber ich muss mich dafür nicht schämen. Gerne werfe ich noch einen Blick zurück und muss manchmal schmunzeln, mir aber auch erschrocken an die Stirn fassen, was ich da getan habe. Aber ich kann es nicht mehr ändern, will ich auch gar nicht. Ich habe Erfahrungen gemacht, die andere vielleicht nicht gemacht haben. Ich habe eine Partnerin, die mich selbstlos unterstützt, wo sie nur kann. Und ich bin ihr zutiefst dankbar dafür. Ich führe heute im Vergleich zu früher ein beinahe spießiges, ein „normales“ Leben. Aber verdammt, ich steh drauf! Besonders schön ist der Anblick, wenn der Scherbenhaufen hinter mir in Regenbogenfarben glitzert, während vor mir die Sonne aufgeht. Danke für die Aufmerksamkeit und alles Gute! Wenn du wirklich vom Alkohol wegkommen willst, dann packst du das. Es ist keine Schande, Alkoholiker zu sein; es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun! Update 05.08.2010: Hin und wieder kommentieren noch Leute diesen Bericht, was mich sehr freut. Auch wenn ich hier bei ciao nicht mehr aktiv bin, lese ich die Kommentare jedoch sehr regelmäßig. Ich bin immer noch trocken und habe nie wieder einen Rückfall erlitten. Zusätzlich habe ich das Rauchen aufgegeben und bin seit 3 Monaten rauchfrei. Das mag zwar nicht viel sein, aber es macht mich dennoch sehr stolz.Mein Leben ohne Alkohol ist immer noch besser als alles was ich mir beim Durchschreiten der Krankenhaustüren erhofft habe. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Entscheidung getroffen, die sich so sehr gelohnt hat wie diese. Okay, meine liebe Maus, die mich immer unterstützt hat, zur Frau zu nehmen kommt doch schon sehr nah ran.
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11.07.2012 12:02
Ein beeindruckender Bericht
11.04.2011 23:29
Dein Bericht hat mich sehr berührt und ich habe Hochachtung vor dir, dass du so offen darüber geschrieben hast. Ich bin eine Angehörige und eine Co-Abhängige. Ich musste zweimal zwischendrin kurz das Lesen unterbrechen um meine Gedanken zu sammeln, dennals Co-Abhängige suche ich immer nach hilfreichen Wegen dem Betroffenen , der bereit ist trocken zu werden, zu helfen. Dein Beitrag hat wirklich die Bestbewertung verdient und ich wünsche dir weiterhin ein trockenes Leben, viel Glück und Standhaftigkeit. LG Mela
05.08.2010 14:44
ein sehr interessanter und bewegender Bericht!! Interessant und hilfreich für Viele, egal ob für Alkoholiker oder Nicht-Alkoholiker!