Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Nette Geschichte, Sprecher, Stil, Ende |
| Kontra: |
Unentschlossenheit vom Gefühlskühlschrank Leo Leike |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
Ich habe einen Fehler gemacht. Ob er nun groß oder klein ist, möchte ich nicht weiter erläutern. Er ist einfach da. Ich habe mich in dieses Hörbuch gestürzt ohne zu wissen, dass es einen Vorband, eine Vorgeschichte gibt. Ich wusste vorher nichts von der virtuellen Romanze zwischen Emmi Rothner und Leo Leike! Entschuldigung.
Dennoch habe ich es nicht vermisst, den ersten Teil quasi verpasst zu haben, denn ich als Frau mit meiner eigenen Internetromanze verstehe ganz gut. Daher nun also die Hörbuchbesprechung ohne Vorkenntnisse. Ohne Ahnung, was einen erwartet. Einfach hineingesprungen in die sieben Wellen dieser virtuellen Beziehung zweier Menschen.
Betreff: Sie haben Post
Die Kommunikation wird von Emmi Rothner gestartet, doch anstelle von Leo Leike meldet sich nur der Systemadministrator. Leo ist nicht erreichbar. Immer wieder versucht Emmi ihm zu schreiben, aber keine Antwort, keine Reaktion. Die einzigen Meldungen kommen vom Systemadministrator.
Doch OH WUNDER! Schleicht sich da doch nicht etwa eines Tages doch eine Meldung von Leo Leike in Emmis Postfach hinein? Leo kommt zurück aus Boston. Er war weg. Warum? Das verrate ich euch nicht, das wäre zu gemein. Aber Leo ist wieder da und der E-Mail-Verkehr zwischen den beiden beginnt.
Emmi RothnerEmmi ist eine Frau Mitte 30, verheiratet und mit 2 Stiefkindern, die jedoch für sie wie ihre eigenen sind. Was ihr Mann und ihre Kinder nicht wissen ist, dass Emmi ein Schreib-Verhältnis zu Leo Leike unterhält. Er füllt die Lücke, die ihr Mann nicht füllen kann. Er ist das faszinierende Unbekannte, die schöne Vorstellung, das romantische Abenteuer. Emmi ist Durchschnitt mit Eheproblemen und eigenen Problemen, ihrer "Sucht" Leo zu schreiben und ihrem eigenen langweiligen Leben.
Leo Leike
Leo. Ja, der Leo, das ist schon so eine Traumtype. Jedenfalls in Emmis Fantasie. In Wirklichkeit ist er auch nur ein Durchschnittsmann im Durchschnittsalter, ohne Frau und ohne Kinder. Wobei er sich aus Boston wohl etwas Vielverheißendes mitbringt. Er schafft es seine Gefühle für Emmi in einen Emotionskühlschrank wegzusperren und die Dinge objektiv zu sehen. Generell denkt er viel zu wenig an die Dinge, die ihn glücklich machen würden, als vielmehr wie er sein Handeln ausrichten muss, um seine Umgebung glücklich zu machen. Er hat Angst davor einmal die Initiative zu ergreifen und auf sein eigenes Herz zu hören. Vielleicht sollte ER einmal zum Therapeuten anstatt Emmi.
Emmi und Leo?Eine gute Frage! Gibt es denn ein "Emmi und Leo"? Ein reales - kein virtuelles?
Nach anfänglichen Hürden trauen sich die Zwei doch noch und riskieren ein Treffen. Nur damit man sich wenigstens einmal gesehen hatte und es so leichter ist, den anderen zu vergessen. Getreu dem Motto: Die Realität kann der virtuellen Wunschvorstellung nicht das Wasser reichen. Das hoffen die beiden, doch Problem (ohjeohje): man findet sich gegenseitig doch durchaus auch optisch anziehend. Der Plan die schreib-Beziehung so zu beenden scheitert kläglich. Man trifft sich sogar noch ein paar Mal! Kann es demnach ein "Emmi und Leo" geben?
Beantwortet euch, liebe Leser, das bitte durch das Lesen oder Hören des Buches einmal lieber selber. Man kann ja nicht immer alles vorpetzen. Das wäre gemein und so bin ich nicht. Ätsch!
Und die sieben Wellen?
In ihrem Urlaub fern ab von allem, widmet sich Emmi Rothner dem Zählen von Wellen. Es heißt, dass nach der 6. Welle hin und wieder eine Siebte ausbricht (ganz heimlich und von den anderen unbemerkt), die alles Bisherige umstößt. Sei es nun zum Guten oder zum Schlechten. Emmi wartet auf ihre 7. Welle. Sie wartet auf etwas, dass ihr Leben durchrüttelt, das alles auf Null setzt, damit etwas Neues beginnen kann. Etwas Positives oder eben Negatives - es soll sich nur eben etwas verändern. Sie weiß nicht, ob die Beziehung zu ihrem Mann noch Zukunft hat, ob die Beziehung zu Leo Zukunft hat. Alles steht momentan Still - Windstill. Diesen Zustand will sie überwinden, indem Sie hofft, dass eben jene siebte Welle die ersehnte Veränderung bringt.
Betreff: Der StilKritik am Autor:Daniel Glattauer war mir vorher völlig unbekannt. Ok, ich muss zugeben, dass ich generell nicht mehr auf dem Laufenden bin, was Literatur angeht, die nichts mit meiner Diplomarbeit zu tun hat. Asche über mein Haupt, aber ich hoffe man wird es mir nachsehen können.
"Alle sieben Wellen" ist als reiner Briefwechsel geschrieben. Man erfährt nicht, was um die Personen herum geschieht, wie die Umgebung aussieht - nichts. Ausnahmen bilden hier jene Dinge, die Leo und Emmi preisgeben und in ihren Mails beschreiben oder erzählen.
Jede neue Information beginnt mit dem aktuellen Tag, dann kommen der Betreff und schließlich der Inhalt der E-Mail. Alles unverblümt und in dem Tempo, wie Emmi und Leo uns an ihrer virtuellen Beziehung teilhaben lassen wollen. Man plätschert, wenn man es so sagen will, auf den Wellen ihrer Kommunikation dahin. Mal schlagen angesprochene Themen größere Wellen, mal kleinere.
Für mich persönlich könnten sich Emmi und Leo doch noch etwas mehr unterscheiden in ihren Charakteren. Beide sind recht blass und durchschnittlich, was sie weder besonders interessant noch besonders uninteressant macht. Kann natürlich auch gewollt sein, wenn der Autor damit beabsichtigte, dass der Leser selbst sich so leichter in die Rollen von Emmi oder Leo hineinfinden kann. Vielleicht beschleunigt gerade diese Durchschnittlichkeit, den uninformierten Hörer sich schneller in die Geschichte hineinzufinden und eine Rolle sogar gefühlt anzunehmen.
Ich habe mich während des Hörens sehr an meine eigene damalige E-Mail- / Chat-Romanze erinnert. Sie lief ähnlich. Man dümpelt so dahin und schreibt sich gelegentlich. Man merkt gar nicht, dass der andere für einen selber immer wichtiger wird und man schon fast eine Sucht nach der Kommunikation mit dieser Person aufbaut. Auch wir haben damals den Schritt des Treffens gewagt und ich bereue es seit heute nicht. :D Ich habe damals praktisch den Deckel zu gemacht und in dieser Hinsicht fehlt mir bei Leo und auch bei Emmi ein wenig die Entschlossenheit. Die beiden wissen nicht wohin sie wollen. Können nicht miteinander, aber auch nicht ohne. Macht vielleicht auch den Reiz aus.
Kritik am Sprecher:
*Andrea Sawatzki als Emmi Rothner.
Eine ruhige und angenehme Stimmlage, die spitzfindige E-Mails gekonnt vorzutragen weiß. Ihre kokette oder auch resignierte Art überzeugt und gibt keinen Grund zur Klage.
Hin und wieder hätte ich mir mehr Emotionen gewünscht, aber letztlich gibt der Text auch nicht mehr her. Leider erlebt man Emmi Rothner einfach nie richtig wütend oder herzlichst lachend. Leider. Dafür kann Andrea aber nichts. Sie trägt die Nachrichten souverän vor.
*Christian Berkel als Leo Leike.
Hach diese Stimme. Ja, ich gebe es zu: er gefällt mir. Also zumindest seine Stimme. Die Klangfarbe ist nett und nicht zu aufdringlich und auch er weiß sich in seine Rolle gut hineinzufinden. Es ist sicher nicht so einfach einen Emotionskühlschrank zu sprechen und dafür macht er seine Sache gut. Er harmoniert hervorragend mit seiner Sprecherkollegin Andrea Sawatzki und zusammen wirken sie doppelt schön. Nein, auch hier keine Kritik. Auch Christian kann mich überzeugen.
Betreff: Hat es dir gefallen?
Ihr fragt mich: "Hat es DIR gefallen?".
Hat es mir gefallen? Woran macht man so etwas fest, ob einem etwas gefallen hat? Die Verpackung kann ich hier nicht heranziehen, hat so ein virtueller Download ja keine Verpackung. Er ist in Nullen und Einsen verpackt, aber das ist weniger spannend als eine bunte Pappschachtel. Liebe Leser, ich greife demnach zu anderen Bewertungskriterien. Ja, das mache ich einfach so. Einfach, weil mir danach ist! So und nun geht’s los.
1.
Der Stil ist herrlich. Er ist einfach und simpel und ohne viel Schnick-Schnack und Schi-Schi. Entweder Leo spricht oder Emmi. Beide gehen dabei identisch vor. Immer kommt zuerst der Wochentag oder die Ansage, wie viele Tage, Wochen oder Monate bereits seit der letzten Nachricht verstrichen sind, dann der Betreff kurz und knackig und schlussendlich die eigentliche Nachricht. Viele Grüße und fertig. Man huscht so zwischen den 2 Postfächern hin und her, wie ein Voyeur oder ein Virus, der die Kommunikation abhört. Man ist Leo, man ist Emmi und irgendwie ist man auch beide gleichzeitig. Das macht Spaß. Das UNTERHÄLT mich. Ich habe mich immer gefreut, wenn entweder von Leo oder Emmi wieder eine Nachricht kam.
2.
Die beiden Sprecher harmonieren in einer für mich angenehmen Weise miteinander. Die Stimmlagen sind angenehm und ruhig, teilweise melancholisch. Ich könnte ihnen ewig zuhören.
3.
Es wird NICHT langweilig. Das kann ich einfach so behaupten. Ja. Ja! Ihr mögt zwar denken, was an so einem Intimgespräch und E-Mail hin- und her so interessant sein kann? Das dachte ich mir auch. Aber manchmal im Leben kommt eben doch alles anders als man denkt. Man verliert sich in der Kommunikation von Leo und Emmi in den ständigen Versuchen sich gegenseitig zu analysieren, zu sehen, was so ein Punkt zu viel oder Blockbuchstaben am Ton einer Nachricht alles ausmachen können.
4.
Zwischendurch dachte ich schon in meiner heillos rosarot angehauchten Welt: "Nun macht schon! Trefft euch! Liebt euch! Together forever und der ganze Kram.". Aber nichts. Eher im GEGENTEIL! Diese Zwei gehen sich eher aus dem Weg, als sich näher zu kommen! Streckenweise schon etwas ernüchternd, wenn man sich bei Gedanken ertappt, die meinen, dass Leo und Emmi nie zueinander finden werden, das Internet abgeschafft wird und die Kommunikation untereinander für ewig abbricht. Man wartet auf die siebte Welle, auf die seltene Welle, die ausbricht und alles vorhergewesene in den Tiefen erschüttert. Zum Guten oder zum Schlechten. Man weiß ja nie.
Betreff: Fazit
Eine schöne kurzweilige Geschichte, die nicht viel vom Hörer fordert. Man ist eher wie ein Türlauscher dabei, das stört Emmi und Leo nicht. Man stört sich gegenseitig nicht. Der Schriftverkehr ist unterhaltsam und das Hören wird nicht langweilig. Man bekommt hier Emmi und Leo pur - ohne Musik oder andere Gräusche, die ablenken könnten.
Würde ich nicht zwischendurch noch auf Arbeit „müssen“, dann hätte ich es wohl an einem Stück an einem Tag durchhören können und schön ists. Es ist auf jeden Fall keine Geschichte, die mich jetzt länger beschäftigen wird, dafür fehlen mir hier der Tiefgang und / oder die Spannung.
Schlussendlich also eine nette Geschichte, die an lauen Urlaubstagen im Strandkorb sicherlich seinen Dienst erfüllen wird. 4 virtuelle Sterne von mir und eine reale Kaufempfehlung.
Es grüßt herzlichst
Hinalein
Betreff: ZusatzinfosTitel: Alle sieben Wellen
Autor: Daniel Glattauer
Sprecher: Andrea Sawatzki (Emmi), Christian Berkel (Leo)
Art: ungekürzt
Spieldauer: 04 Std. 31 Min.
Format: Audible (.aa)
Weitere Werke des Autors:
- Theo und der Rest der Welt
- Kennen Sie Weihnachten?
- Bekennen Sie sich schuldig?
- Die Ameisenzählung.
- Darum. (Auch als Hörbuch erhältlich.)
- Die Vögel brüllen.
- Der Weihnachtshund. (Auch als Hörbuch erhältlich.)
- Gut gegen Nordwind (Auch als Hörbuch erhältlich.)
- Falsch verbunden.
- Rainer Maria sucht das Paradies. (Auch als Hörbuch erhältlich.)
- Alle sieben Wellen (Auch als Hörbuch erhältlich.)
- Schauma mal. (Ab September 2009 auch als Hörbuch erhältlich.)
Diese Angaben sind ohne Gewähr. ;)
Fotos
Bild 1: Der Autor
Bild 2: Emmi
Bild 3: Leo
Bild 4: Emmi und Leo