Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Nachdenken einmal im Jahr |
| Kontra: |
Einmal im Jahr ist nicht genug |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Aus meinem Adventskalender
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Die Tage standen vor ihrer Vollendung und der Mond schaute in das kleine Dachfenster nach dem Wohlbefinden der jungen Dame, die er immer nur einmal im Jahr sehen konnte. Dann, wenn seine Bahn im rechten Winkel zum Dach des Hauses stand, in dem das junge Mädchen lebte. Und sie lebte dort schon 7 Jahre lang.
Auch dieses Jahr fand er sie wieder kniend vor ihrem Bett, denn jeden Abend betete das Kleine Mädchen vor dem Schlafengehen. Natürlich konnte der Mond das nicht beschwören - er sah sie ja nur einmal im Jahr. Aber er vermutete es.
So auch an diesem Abend im siebten Jahr der Vollendung der Tage. Aufmerksam beobachtete er die Lippen durch das kleine Fenster. Der Mond konnte von den Lippen lesen. Und wie jedes Jahr bekam er den letzten Satz mit: "Und bitte lass im nächsten Frühjahr die kleine Blume wieder blühen, lieber Gott. Amen". Dann schlossen sich die Lippen, das Mädchen stand auf und der rechte Winkel über dem Dachfenster deckte sie liebevoll zu. Natürlich musste der Inhalt des Gebetes im Frühjahr ein anderer sein. Aber - beten würde sie sicherlich auch dann. Was hätte er darum gegeben, einmal im Frühjahr diese Lippen in Bewegung zu sehen.
Aber genau zu dieser Zeit fiel sein Licht auf eine andere Umgebung. Früher war er froh gewesen, jeden Tag etwas Neues sehen zu dürfen. Seit sieben Jahren jedoch war das anders. Etwas desinteressiert schaute er der alten Dame zu, die zu dieser Zeit im Frühjahr seit langen Jahren ihre müden Füße zu Bett legte und mit einem zufriedenen Lächeln einschlief. Komisch, an diesem Abend im Dezember - denn immer im Dezember war der Winkel über dem Dachfenster rechtwinklig - musste er an dieses Lächeln denken. Die Lippen hatten sich geschlossen und im letzten Moment - der Schatten deckte gerade das kleine Mädchen zu - konnte er noch auf das Gesicht des kleinen Mädchens blicken. Ihr Lächeln schien das Gesicht in unterschiedliche Schatten zu tauchen, die das Bild einer Blume in ihre Züge malten. Hätte er umkehren können, er hätte es getan. So aber blieb alles unklar und nur die Erfahrung der Jahre half ihm, sich dieses Bild zu erklären.
Nebenbei, der Mond konnte wundervolle Geschichten erdenken - klar, wenn man nur Ausschnitte des Lebens sieht, muss man das können. Von der Erde aus gesehen konnte man genau diese Geschichten immer dann lesen, wenn der Mond sich unbeobachtet fühlte.
Letztes Frühjahr vor sieben Jahren hatte sie die kleine Blume auf das Grab gepflanzt - sie erinnerte sich noch - es war Neumond an diesem Tag. Ihre Enkelin, ein wirklich süßer Fratz, hatte noch gesagt: "Oma, wenn ich einmal groß bin, werde ich all die Geschichten aufschreiben, die der Mond erzählen kann." Die alte Dame lächelte, die Enkelin stand auf und ging zu Bett. Und während der Mond sich aus dem rechten Winkel des Dachfensters schlich, vollendete sich das Jahr. Im Frühjahr würde die kleine Blume wieder blühen, dessen war er sich gewiss. Auch wenn er mal wieder woanders sein würde. In Mallorca, Rom oder Venedig, New York oder Tokio. Denn Gebete werden erhört und manch ein Mensch bleibt auf diese Weise in unserer Erinnerung. Sie bleiben bei uns, bis alle Blumen dieser Welt zu einem riesigen Meer werden und Mutter, Tochter und Enkelin gemeinsam im Buch der Geschichten des Mondes lesen. Denn der Mond versteht es, Ausschnitte zu sammeln und die Schatten auf Gesichtern richtig zu deuten. Jedes Lächeln hat seinen Grund und jede Blume ihre Bedeutung.
"Und bitte lass im nächsten Frühjahr die kleine Blume wieder blühen, lieber Gott. Amen". Die alte Dame schlief ein und das kleine Mädchen träumte sich in jenes Gebet, das uns Menschen gegeben wurde, weil nicht jeder die Sprache der Blumen versteht, aber doch jeder den Wunsch hat, seine Lippen zu bewegen. Und sei es nur, damit der Mond davon ablesen kann und wir alle zur Geschichte werden im großen Buch der Enkelin.