Alles auf Zucker

Erfahrungsbericht über

Alles auf Zucker

Gesamtbewertung (7): Gesamtbewertung Alles auf Zucker

 

Alle Alles auf Zucker Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


 


Zucker, der Zocker

5  14.01.2005

Pro:
ein filmisches Zuckerl, macht einfach Spaß

Kontra:
nein, da fällt mir nicht viel ein

Empfehlenswert: Ja 

StonerMcT

Über sich: Im Moment steht mir nicht so der Sinn nach Ciao. Das CIS für Privatnachrichten ist aber an, ich bin ...

Mitglied seit:06.03.2000

Erfahrungsberichte:307

Vertrauende:82

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 72 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

oder
Wie werde ich jüdisch in sieben Tagen?

In diesen Tagen ist der neue Film von Dani Levy angelaufen. Er hat hervorragende Kritiken bekommen und auch das Thema machte mich sehr neugierig: Eine deutsche Komödie über das jüdische Familienleben, über die Kinder und Enkelkinder der Holocaustüberlebenden. „Jüdische Komödie“, das klingt ein wenig nach Woody Allen. So abwegig ist der Vergleich nicht, doch was wir aus dem amerikanischen Kino bestens kennen, gilt im deutschen Film noch immer als „mutig“, zumal die Pointen von Levy und seinem Co-Autor Holger Franke nicht immer politisch korrekt sind. Jedenfalls soll es anfangs Finanzierungsprobleme gegeben haben, da man vor dem Projekt des mittlerweile doch recht arrivierten Regisseurs und Schauspielers Dani Levy zurückschreckte...

Zum Glück haben sich der WDR und arte schließlich doch getraut. Zunächst sollte „nur“ ein Fernsehfilm entstehen, und da ist es doch erfreulich, dass man dieses „Zuckerl“ seit einigen Tagen sogar auf deutschen Kinoleinwänden sehen kann.


Zum Inhalt:

Jakob Zuckermann nennt sich schon seit Jahren Jackie Zucker und dem jüdischen „Verein“, seiner Herkunft also, hat der großmäulige Ostberliner ohnehin längst abgeschworen. Er sieht sich selbst als Wende-Verlierer, denn in der DDR war er immerhin Sportreporter mit eigenen Autogrammkarten, jetzt steht er an einem Punkt, an dem er alles verloren und das meiste davon verspielt hat. Noch eine Woche kann er den Gerichtsvollzieher vertrösten, danach soll er in Schuldhaft genommen werden. Jackies letzte Hoffnung ist wieder einmal ein Spiel: Als Teilnehmer an einer Billardmeisterschaft ist er beinahe schon sicher, das saftige Preisgeld in der Tasche zu haben.

Familiär sieht’s nicht besser aus. Zuckers Frau will ihn gerade vor die Tür setzen, seine erwachsenen Kinder reden kaum noch ein Wort mit ihm und das zu Recht. Und seine inzwischen zehnjährige Enkeltochter nennt er ausdauernd „Sandra“ statt „Sarah“, was diese auch nicht besonders zu schätzen weiß.

Die Wende bringt ein Telegramm aus Frankfurt: Jackies Mutter ist gestorben. Ihr letzter Wille ist zum einen ein jüdisches Begräbnis in ihrer Heimatstadt Berlin und was viel schlimmer ist: Sie fordert posthum eine Versöhnung zwischen Jackie und seinem orthodoxen Bruder Samuel und seiner Familie, anderenfalls verfällt das Erbe, das beide sehr gut gebrauchen können. Von nun an wird’s kompliziert. In Sachen Schlitzohrigkeit nämlich stand Jackies Mutter ihren vernagelten Söhnen in nichts nach. Ein jüdisches Begräbnis nämlich beinhaltet u.a. sieben Tage die jüdische Totenwache zu halten, die Schiva, eine Zeit, in der alles streng reglementiert ist und niemand sich einfach fortschleichen kann. Es erfordert also einige List und vorgetäuschte Herzanfälle, damit „Ekel“ Jackie Erbschleicherei und Billardturnier unter einen Hut bekommen kann. Doch so blöd ist die Mischpoke nun auch wieder nicht...

Alle Einzelheiten dieser rasanten Tour de force will ich nun auch nicht verraten, denn der Film lebt von seinem Tempo und dem typischen „Screwball-Effekt“.

Vorhersehbar ist, dass Jackie sich immer weiter reinreitet, vorhersehbar auch, dass sich die zerstrittenen Brüder gar nicht so unähnlich sind, wie es zunächst schien und ganz am Ende kommt auch noch ein wenig augenzwinkernde Schadenfreude auf.


Einige Protagonisten und ihre DarstellerInnen:

Jackie Zucker sieht sich als Zocker und Lebemann. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder, doch so richtig zu Hause fühlt er sich in der zwi
elichtigen Scheinwelt seines „ostalgischen“ Nachtclubs.
Er ist in der DDR aufgewachsen, während sein Bruder gemeinsam mit der Mutter aufgrund einer notwendigen Operation in die BRD „rübergemacht“ hat, was Jackie beiden zeitlebens übelnahm.
Jackie wird kongenial gespielt von HENRY HÜBCHEN, Jahrgang 1947. Hübchen war einer der gefragtesten Schauspieler der DDR, hat seit 1974 bei der Berliner Volksbühne mitgewirkt. Auch Kino-und Fernsehrollen hatte er schon früh, z.B. in der DDR-Fassung von „Jakob der Lügner“.

Marlene Zucker ist Jackies Frau. Zu Beginn der Handlung hat sie gründlich die Nase voll von Jackie und will ihn vor die Tür setzen, doch das Erbe der Mutter sieht sie als Chance, neu anzufangen. Sie ist Schneiderin, Berlinerin mit Herz und Schnauze und als Nichtjüdin herrlich grotesk bemüht, sich binnen weniger Stunden jüdische Brauchtümer anzueignen. Gespielt wird sie von der blondierten HANNELORE ELSNER, die in Deutschland kaum mehr jemandem vorgestellt werden braucht. Statt ernster oder schnulziger Fernsehrollen ist sie in letzter Zeit öfter mal im Kino zu sehen, diesmal zur Abwechslung in komödiantischer Besetzung - was ihr überraschend gut zu Gesicht steht.

Samuel Zuckermann ist mindestens genauso verbohrt wie sein Bruder, und eigentlich ist er auch lange nicht so orthodox, wie er zunächst vorgibt. Genauso wie Jackie ist er verheiratet und hat zwei Kinder, jedoch lebte er gemeinsam mit der Mutter im Westen Deutschlands, in Frankfurt. Darsteller UDO SAMEL, Jahrgang 1953, ist ein vielbeschäftigter Theater-und Filmschauspieler. Als einer der wenigen Darsteller in Levys Film hat Samel viel Kontakt zur jüdischen Kultur und auch schon einige jüdische Rollen überzeugend verkörpert und so gelingt das auch hier.

„Alles auf Zucker“ lebt von seinem Ensemble, deshalb ließe sich auch noch einiges darüber sagen, aber das führt hier zu weit. Bis in die kleinste Nebenrolle ist der Film großartig besetzt.
Zu erwähnen wäre noch die hervorragende Anja Franke, die Jackies lesbische Tochter Jana spielt. Hier macht Wiedersehen Freude, denn der 70er-Jahre Kinderstar ist u.a. aus der Sesamstraße bekannt und später dann als chronisch Walkman-hörende und kaugummikauende Azubi vom „Liebling Kreuzberg“.
Toll fand ich auch die „Mamme“ Golda Tencer, Samuels Ehefrau, die in Polen als "Grande Dame des jiddischen Lieds" gilt und eine ungeheure Präsenz ausstrahlt.

Der Autor und Regisseur:

DANI LEVY, Jahrgang 1957, ist selbst Schweizer Jude, der seit 1980 in Berlin lebt. Er ist sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur bekannt durch Filme wie „RobbyKallePaul“ und „Väter“. Vor allem für seine Regieleistungen wurde er mit renommierten Filmpreisen hochdekoriert. Seit 1994 produziert er seine Filme selbst, gemeinsam mit Stefan Arndt, Wolfgang Becker und Tom Tykwer gründete er die Produktionsfirma X Filme Creative Pool.

Schon in „Meschugge“ hat er sich mit dem Thema Jüdischsein auseinandergesetzt. In einem Interview sagte er dazu, dass dies eine Form der Kommunikation mit seiner Mutter sei, die ihr Leben in Deutschland vor dem Krieg nie thematisiert habe. Levys Mutter floh 1939 im Alter von 12 Jahren aus Berlin und der Holocaust und ihre traumatischen Jugenderlebnisse waren in der Familie ein Tabu.


Was ich darüber denke:

Es klang sicherlich schon durch, dass ich von „Alles auf Zucker“ mehr als angetan war. Wir Deutschen tun uns ja schwer mit unseren eigenen Komödien, weil wir Schenkelklopfhumor vermuten, wo eigentlich längst der sogenannte „Neue deutsche Film“ neue Maßstäbe gesetzt hat. Manches wird hochgelobt, weil es schwer und tiefsinnig ist, „Alles auf Zucker“ muss aufgrund seiner Leichtigkeit und Lockerheit gelobt werden.

Der Film wirkt angesichts der alles andere als entspannten Vergangenheitsbewältigung erfreulich entspannt. Und schafft es vielleicht gerade deshalb, mit Humor und Augenzwinkern, anzuknüpfen an das, was laut Dani Levy vor dem Krieg durchaus üblich war: eine jüdisch-deutsche Kultur. Nun gut, dass es diese heutzutage so nicht mehr gibt, jedenfalls nicht in Deutschland, ist auch 60 Jahre nach Kriegsende noch längst Realität und trotzdem: Es gibt sie ja, die deutschen Jüdinnen und Juden, die Überlebenden und die Zurückgekehrten und die Nachgeborenen, und von daher ist es einfach spannend, von dieser Realität mehr zu erfahren.

Davon abgesehen ist der Film nicht bloß eine jüdische Geschichte, sondern beschäftigt sich auch mit deutsch-deutscher Vergangenheit. Samuel hat im „reichen“ Westdeutschland gelebt, Jackie im Osten, und obwohl die Mauer längst nicht mehr steht, haben beide Brüder sie noch in den Köpfen - wie so viele Deutsche. Der selbsternannte Wendeverlierer bekommt hier ebenso sein Fett ab wie die wohlgenährten Wessis - hier spielt der Film mit Klischees, aber verliert sich nicht darin. Ein wenig irritierend fand ich, dass die „Mischpoke“ aus Frankfurt mit dem Flugzeug anreist und zunächst so wirkt als hätte sie eine richtig lange Reise hinter sich. Zunächst denkt man da, sie kämen aus Israel oder den USA, bis sich das aufklärt. Fürs Verständnis der Handlung letztlich aber unwichtig.

Zuletzt bleibt zu sagen, dass man über den Film trefflich nachdenken kann, ihn sich aber durchaus als leichte Abendunterhaltung zu Gemüte führen kann. Vielleicht hätte ihm an manchen Stellen etwas mehr Tiefgang nicht geschadet, vielleicht ist es manchmal schon ein bisschen zuviel Slapstick und „Screwball", doch wenn man sich erstmal auf das Tempo des Films eingelassen hat, wird das immer wieder von der Spielfreude der Schauspieler wettgemacht und wirkt eigentlich nie peinlich.

Am Rande wurde vielfach und auch eingangs von mir behauptet, der Humor in diesem Film sei politisch unkorrekt. Ich bin mir da mittlerweile gar nicht mehr so sicher.
Dani Levy ist ja selbst Jude und ist für den Film von der Jüdischen Gemeinde in Berlin beraten worden, die den Film wohl sehr mochten.
"Der jüdische Witz ist heiter hingenommene Trauer über die Gegensätze dieser Welt." schrieb Carlo Schmid und wenn Levy anknüpft an solche Erzähltraditionen ist das hierzulande längst überfällig.

Und vielleicht, vielleicht kann man sich einen solchen Film ja auch eines Tages angucken ohne sich über all dies so viele Gedanken zu machen, einfach weil es ein guter Film ist. Denn es ist ein guter Film und damit kommen wir zum

Fazit:

Eine rasante deutsche Komödie, die von seinem hervorragenden Schauspielerensemble lebt. Wer einen lustigen Abend im Kino verbringen will, jedoch billigen Klamauk ablehnt, dem sei hiermit ein intelligenter Unterhaltungsfilm ans Herz gelegt.

Ich schwanke zwischen 4 und 5 Sternchen, denn es ist keiner von diesen Filmen, die einen schlichtweg "umhauen", ich wüsste allerdings auch nichts wirklich Negatives darüber zu sagen.


P.S.: Die Homepage www.zucker-derfilm.de sei nicht nur Cineasten empfohlen, sondern auch Lehrern und Schülern, die sich im Unterricht mit dem Film auseinandersetzen wollen. Hier gibt es einen Link zu einer Site, auf der man Unterrichtsmaterialien zum Film herunterladen kann.
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Mareike22

Mareike22

20.09.2007 23:00

Hört sich gut an ;o)

Boersenfeger

Boersenfeger

16.03.2006 10:03

der Film war spitze, 5 Wochen nach dem Kinobesuch lief er schon im Fernsehen, da habe ich ihn mir gleich nochmal angeguckt! Gruß Börsenfeger

cpietropaoli

cpietropaoli

17.02.2005 16:18

ich fand den film ganz gut und auch stellenweise witzig, mehr leider auch nicht...ich will ja gar nicht erzählen, wer während des films eingeschlafen ist....ich wars jedenfalls nicht *kicherichsagnurbuchstabensuppenbuchstaben*

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Ähnliche Angebote
Dvd Alles Auf Zucker! Alles auf Zucker! (CD) Alles auf Zucker!
Dvd Alles Auf Zucker! Alles auf Zucker! ​(CD) Alles auf Zucker!
Hitmeister.de Weltbild Amazon Musik
€ 9,57 *

Händler kann Preis
erhöht haben

€ 10,99 *

Händler kann Preis
erhöht haben

€ 9,99 *

Händler kann Preis
erhöht haben

Versandkosten: 1.​90
mehr
Versandkosten: 3.​99
mehr
Versandkosten: 3.​00
mehr
 zum Shop  zum Shop  zum Shop
Hitmeister.​de Weltbild Amazon Musik
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 815 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (8%):
  1. Benno1986
  2. w.gruentjens
  3. Thisbe
und weiteren 3 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (92%):
  1. Mareike22
  2. Boersenfeger
  3. schor4711
und weiteren 63 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.