Ein fantastisches Debüt
06.06.2003
Pro:
komplex, aber nicht kompliziert
Kontra:
nothing at all
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 tigerkrallequeen
Über sich:
***Herzlich willkommen bei der Tigerkralle***Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zweckl...
Mitglied seit:22.07.2002
Erfahrungsberichte:119
Vertrauende:65
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 114 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Die (schnell erzählte) Story: Ein junger Amerikaner namens Jonathan Safran Foer macht sich auf die Reise in die Ukraine, um ein Dorf namens Trachimbrod zu besuchen. Mit sich führt er das vergilbte Foto einer Frau namens Augustine, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet haben soll. Beide, Trachimbrod und Augustine, gilt es zu finden.Er bedient sich dazu der Hilfe eines in der Ukraine ansässigen Reisebüros, den „Heritage Tours“, das ihm einen Führer und Dolmetscher sowie einen Fahrer zur Verfügung stellt. Alexander Perchow, von seinen Freunden Alex genannt, heißt der Führer und Dolmetscher und er ist der Sohn des Reisebüro – Inhabers. Der Fahrer ist der Großvater von Alex, der von sich behauptet, dass er blind sei, und deshalb muss natürlich sein Blindenhund Sammy Davis jr. jr. ebenfalls mit auf die Reise. Die (nicht so schnell beschriebene) Inszenierung:Der Roman besteht aus drei Teilen. Zwei der drei Teile schreibt Alex, nämlich zum einen die gesamten Begleitumstände der Fahrt durch die Ukraine sowie die Erlebnisse auf der Suche nach dem Dorf Trachimbrod und zum anderen die Briefe, die er Jonathan Safran Foer, der für ihn inzwischen zu einem Freund geworden ist, nach dessen Rückkehr in die USA schreibt. Das Buch wird also hauptsächlich aus Alex‘ Sichtweise erzählt, der allerdings das Problem hat, der englischen bzw. amerikanischen Sprache doch nicht so mächtig zu sein. Dies sorgt für den einen oder anderen Schenkelklopfer und Lacher während der Lektüre und an dieser Stelle sei schon mal die gelungene Übersetzungsarbeit von Dirk van Gunsteren gelobt. Ein Beispiel:„Lieber Jonathan, ich sehne, dass dieser Brief gut wird. Wie du weißt, bin ich nicht erstklassig mit Englisch. In Russisch sind meine Ideen abnorm gut formuliert, aber meine zweite Sprache ist nicht so unerreicht. Ich habe die Dinge eingesetzt, die du mir geraten hast, und ich habe das Wörterbuch, das du mir geschickt hast, erschöpft, wenn meine Wörter zu klein oder zu unanständig waren.“ (Seite 41) Ein weiterer grandioser Höhepunkt dieser „Sprachkunst“ ist die Schilderung einer Unterhaltung zwischen Alex und Jonathan über Amerika, das Land nach dem sich Alex sehnt, auf den Seiten 102 bis 106. Und so könnte ich noch eine Vielzahl weiterer köstlicher Beispiele anführen.Ganz anders in Stil und Ton der dritte Teil des Romans, in dem Jonathan die Chronik des Schtetls Trachimbrod schreibt. Er beginnt im Jahr 1791 mit einem Unfall, bei dem ein Mann namens Trachim mit seinem Pferdefuhrwerk in den Fluss Brod stürzt und er unter der Last des Fuhrwerkes begraben wird. Sein Leichnam bleibt verschollen, aber die dort ansässigen Bewohner fischen einen Säugling ohne Nabelschnur aus dem Wasser, geben dem Mädchen den Namen des Flusses und dem Dorf zukünftig den Namen Trachimbrod. Von nun an feiern sie alljährlich, 150 Jahre lang an diesem Tage ein Fest zum Gedenken an dieses Ereignis und wir erfahren die Geschichte der kleinen Brod, der Ur-ur-ur-ur-ur Großmutter von Jonathan, und ihrer Nachkommen bis zu dem allerletzten Fest, 1942, als das Dorf vernichtet wird.Meine (kurz gefasste) Meinung: Die heimlichen Hauptfiguren dieses Romans sind Alex und Brod. Zu Beginn des Buches lesen sich die Beschreibungen der Reisevorbereitungen, die Ankunft des Amerikaners, der urige Großvater, der bei jeder möglichen Gelegenheit einpennt und das verkorkste Englisch von Alex nur witzig. Wie er sich selbst auf den ersten beiden Seiten beschreibt – ich habe mich schlapp gelacht. Hinzu kommt ein etwas verrückter Köter, vor dem Jonathan auch noch Angst hat, und der sich am ersten Abend gleich mal die Reisepapiere und die Landkarte einverleibt. Das alles ist mehr als abgedreht und das beste daran: Jonathan Safran Foer vermag es grandios zu schreiben. Eine Fülle urkomischer Szenen und Wortwechsel warten auf Entdeckung.Dann die Geschichte von Brod und ihrem Dorf – ein ganz anderer Ton, eine ganz andere Welt. Nach den ersten drei Kapiteln dieses Teils der Geschichte - die verschiedenen Ebenen wechseln sich (meist) ab – ergab sich bei mir der Eindruck, dass der Autor sich an einen gewissen Herrn Marquez angelehnt hat. Das hatte was von dessen magischem Realismus. Jonathan Safran Foer entwirft in der Geschichte Trachimbrods eine Fülle von Figuren und Typen. Allen voran Jankel, der Brod groß zieht, später dann der Ehemann von Brod, der eines Tages im Sägewerk verunglückt und seitdem mit einem Sägeblatt im Kopf weiterleben muss, da es lebensgefährlich wäre, es zu entfernen. Zunächst erscheinen die drei Teile als völlig eigenständig, aber je mehr es dem Ende entgegen geht, desto besser erkennen wir die Zusammenhänge mit der Gegenwart. Die Geschichte von Alex und seinem Großvater und ihres Besuchers und dessen Großvater sind durchaus verknüpft. Und als Alex‘ Großvater erzählt, dass er 1942 seinen jüdischen Freund Herschel verraten hat, kommt es zu einem atemraubenden Finale.Es gäbe noch eine Vielzahl von erzählerischen und nachdenkenswerten Highlights zu berichten, die alle in diesem Roman enthalten sind, aber ich denke, dass würde eher zur Verwirrung denn zur Erhellung beitragen. Es ist sicher ein komplexer, aber kein komplizierter Roman und – vor allem – er ist leicht zu lesen, obwohl sich die eine oder andere Fein- und Weisheit vermutlich erst beim zweiten oder dritten Lesen erschließt. Grund genug das Buch noch einmal zur Hand zu nehmen, denn ich vermute, dass das Dorf Trachimbrod in die Literaturgeschichte eingehen wird. Mein (überschwängliches) Fazit „Alles ist erleuchtet“ gehört zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr (immerhin 27 an der Zahl) gelesen habe. Ein derartiges Debüt eines 25jährigen Autors, habe ich bisher nicht gelesen, wobei zu ergänzen ist, dass er bereits mit 19 den ersten Entwurf verfasst hat. Es ist ein anspruchsvolles, wunderbar erzähltes Buch voller Komik, voller Liebe, voller Fantasie, aber auch voller Tragik.Wenn ich diesen Roman und dieses Talent mit manch jungem deutschen Autoren vergleiche, z. B. Judith Herrmann, dann sehen diese doch sehr blass aus. Von den Kritikern wird Jonathan Safran Foer in eine Reihe gestellt mit Jonathan Franzen („Die Korrekturen“) und Jeffrey Eugenides („The Virgin Suicides“, „Middlesex“). Sofern in diesem Jahr nur noch Zeit für ein Buch sein sollte, lest dieses!P.S. Warum der Roman „Alles ist erleuchtet“ heißt? Ich werde es nicht verraten – es selbst zu entdecken, ist viel schöner. P.P.S. Um das Verwirrspiel des Romans zu unterstreichen, hat sich der Verlag einen Schutzumschlag ausgedacht, dem man nicht ansieht, wo vorn oder hinten ist. Pfiffiger Gag am Rande.P.P.P.S. In einem Interview hat Jonathan Safran Foer vorgeschlagen, sein Buch so zu lesen, wie man Musik hört: „You should want to turn up the volume as you read, and up and up, until the neighbours ask you to turn it down, and you reply: What? I can’t hear you! I’m reading!“ Jonathan Safran Foer Alles ist erleuchtet 384 Seiten Verlag Kiepenheuer & Witsch ISBN 3462032178 € 22,90Jonathan Safran Foer, geboren 1977, studierte in Princeton Philosophie und Literatur. Vier Jahre hat er u.a. bei Joyce Carol Oates das Schreiben und erzählen gelernt. Zu seinen Bezugspunkten zählt er Kafka, Grass, Calvino, Roth, Bellow und Rilke. Er gilt als einer der Hoffnungsträger der jungen amerikanischen Literatur. Sein zweiter Roman soll (hoffentlich) in 2004 erscheinen.
Preisvergleich
sortiert nach Preis
|
Alles ist erleuchtet - Jonathan Safran Foer
Der ukrainische Übersetzer Alex liebt die Frauen und das Geld. Den Mann, den er ...
|
€ 22,90
Händler kann Preis erhöht haben |
150 Bewertungen
|
Versandkosten: EUR 3,00
Verfügbarkeit: Versandfertig in 1 - 2 Werktagen...
|
zum Shop
Amazon.de Marketplace Bücher
|
|
Alles ist erleuchtet - Foer, Jonathan Safran
Buch, gebundene Ausgabe, 384 S., Roman, Erschienen: 2003
|
€ 22,99
Händler kann Preis erhöht haben |
20 Bewertungen
|
Versandkosten: versandkostenf...
Verfügbarkeit: sofort lieferbar
|
zum Shop
Buch24
|
|
Alles ist erleuchtet - Jonathan Safran Foer
Der ukrainische Übersetzer Alex liebt die Frauen und das Geld. Den Mann, den er ...
|
€ 22,99
Händler kann Preis erhöht haben |
3337 Bewertungen
|
Versandkosten: Kostenlose Lieferung
Verfügbarkeit: Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden...
|
zum Shop
Amazon.de Bücher
|
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Das könnte Sie interessieren
Verwandte Tags für Alles ist erleuchtet - Roman / Jonathan Safran Foer
|
|
30.05.2006 23:46
ich habe mich gefragt, ob die geschichte einen teilweise realen Hintergrund hat, gerade im Bezug zum Autor. Hat dieser vielleicht einmal ähnliches erlebt, ich meine wegen der Widmung "für Alex". Vielleicht möchte mir das ja jemand beantworten
10.02.2004 22:56
bist du nach einem halben jahr immer noch so beeindruckt von dem buch?
02.01.2004 21:18
Ich hab den jungen Mann in Leipzig auf der letzten Buchmesse gesehen, dann hab ich mir sein Buch gekauft und jetzt bin ich begeistert!