Der Amtsschimmel verlernt sein Wiehern nicht
14.04.2006
Pro:
- - -
Kontra:
- - -
Empfehlenswert:
Nein
 himmelssurfer
Über sich:
Das Leben ist ... trotz aller Widrigkeiten ... das Beste, was Dir passieren konnte...
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Der Amtsschimmel verlernt sein Wiehern nicht Liebes Arbeitsamt!Wir kennen uns nun schon so viele Jahre, mehr Jahre als ich vermutlich die meisten Menschen, die mir in meinem Leben begegnen, jemals kennen werde. Und doch vermagst Du mich immer wieder zu überraschen. An unser erstes Treffen kann ich mich gar nicht mehr so recht erinnern. Ich gebe zu, in der Anfangszeit habe ich auch intensiv versucht, jeglichen Kontakt mir Dir zu meiden. So wie ich überhaupt lange gebraucht habe, um "Ämter" als einen der normalen Bestandteile zu erkennen, die unser Dasein so mit sich bringt. Schon bei der Geburt geht ja der erste Gang auf ein Amt. Ob ich da bereits persönlich erschienen bin, entzieht sich allerdings meiner bescheidenen Kenntnis.Wie dem auch sei - Alles vermeiden der ersten Jahre half mir nichts: Das Leben trieb mich immer wieder zu Dir zurück. Und inzwischen kann ich ohne Dich schon gar nicht mehr leben... Verrückt, was? Inzwischen haben wir schon sehr viele interessante Zeiten miteinander verbracht. Meine erste Erinnerung an Dich? Mhhm, lass mich mal überlegen. Ich glaube, das war dieses stundenlange Herumsitzen in hässlichen Räumen und sterilen Gängen, in denen man sich verzweifelt an einer Nummer festgeklammert hat, welche man vorher aus einer Art Automat gezogen hatte. Gebannt starrte man auf elektronische Anzeigetafeln, immer in der Hoffnung, dass genau jene Nummer doch bitteschön auf dem Display dort oben auftauchen möge. Das bedeutete nämlich, dass man in die nächste Warteschlange durfte. Und das war toll. Dann wurden die Stunden, die man noch warten musste, nämlich immer weniger.Später dann kam die Zeit, wo es diese Nummern (vorübergehend zwar, aber immerhin) nicht mehr gab. Wieder saß man auf den sterilen Gängen herum. Na gut, etwas schöner anzuschauen waren sie inzwischen schon. Diesmal allerdings wurde man persönlich bei seinem Sachbearbeiter angemeldet, so dass man von Anfang an schon mal nur in einer ganz bestimmten Warteschlange saß. Also ich finde, dass war doch schon mal ein Fortschritt. Da saß man nun also in Reihe 12, Stock 3 in Block C und wartete auf seinen großen Auftritt. Göttergleich schwebte dann des öfteren Herr oder Frau Sachbearbeiter an besagter Reihe vorbei. Immer selig lächelnd und immer mit einem Kaffee und ein paar Akten in der Hand. Das konnte der stundenlang. Und solange man ihn nicht ansprach, sah der auch glücklich dabei aus. Und seien wir ehrlich: Wer möchte schon einen missgelaunten Sachbearbeiter? Also harrte man der Dinge, die da kommen würden. Nach einer Weile konnte man dann bemerken, dass die Akten, die da spazieren getragen wurden, immer genau die gleichen waren. Scheinbar musste nur der Kaffee nachgefüllt werden, bevor man/frau dann zum Schwätzchen in ein anderes Zimmer entglitt. Sollte man es dann einmal wagen, sofern man den Sachbearbeiter in seinem eigenen Zimmer ausgemacht hatte, mal vorsichtig anzufragen, ob denn möglicherweise innerhalb der nächsten Zeit damit zu rechnen sei, an die Reihe zu kommen... Oh, oh, böser Fehler!! Ob man/frau denn nicht sehe, dass er gar fürchterlich beschäftigt sei und überhaupt sei es eine Frechheit, ihn mit solchen läppischen Fragen zu belästigen. Jaja, Du hattest schon damals gar komische Leut´ angestellt...Nun ja, lassen wir das. An was kann ich mich denn noch erinnern? Da war doch die Zeit, wo Du Dich intensiver um mich "gekümmert" hast, doch, so langsam fällt es mir wieder ein. Da stecktest Du mich in diverse Kurse, wo ich "Bewerbungstraining" absolvieren und "Computerkenntnisse" erlangen sollte. Warum ich diese Kurse aber immer mehrfach besuchen musste, habe ich nie so recht verstanden. Zugegeben, der Bildungsträger war immer jemand anders. Am Inhalt jedoch hatte sich irgendwie nur recht selten etwas geändert. Und was ich am gemeinsten finde: In der Zeit, wo ich FÜR DICH diese Kurse absolviert habe, damit Du nicht böse mit mir bist, hast Du mich offiziell verleugnet. Zwar hast Du mir heimlich das Geld für die Kurse bezahlt, aber wenn ich dann immer so geschaut habe, für wen Du denn so alles zuständig bist...schwupp, war ich aus der Statistik verschwunden. Dabei gingen die Kurse oftmals gar nicht soooo lange und es war klar, dass sich an meiner Situation hinterher irgendwie nichts ändern würde. Wenn man so drüber nachdenkt, könnte man das glatt als Schweigegeld bezeichnen.Unvergessen auch die Zeit als Hartz IV aufkam. Da drehten Deine Mitarbeiter erst so richtig auf. Gut, zugegeben: es gab keine Nummern mehr zum Ziehen, die Wartezeiten, bis man dran kam, waren bei weitem nicht mehr so lang und insgesamt war der Umgangston inzwischen etwas netter geworden. Die Damen und Herren Götter hatten wohl gesagt bekommen, dass man auch auf dem Arbeitsamt nicht unbedingt unkündbar ist. Aber die Aussagen, die man da um die Ohren geschmettert bekam, waren nach wie vor nicht besonders nett. Oder wie würdest Du das finden, wenn Dir DEIN Sachbearbeiter sagt, mit Anfang 40 sei man bereits zu alt für den Arbeitsmarkt und man solle doch lieber nach Hause gehen und sich schon mal auf die Rente vorbereiten?!! Also, ICH finde das arg frustrierend und nicht gerade motivationssteigernd. Zumal: Wozu mache ich dann ständig diese bescheuerten Bewerbungskurse??? Was für eine Logik ist das denn?Apropos Logik: Schön fand ich auch, als die Phase aufkam "JEDER Job ist zumutbar!". Was meinen Sachbearbeiter dann schon mal zu der Aussage verführte, ein 400.- Euro Job in Hamburg sollte für mich (der südlich von Hannover lebt, wohlgemerkt) doch wohl kein Problem darstellen. Nein, Fahrkosten gäbe es selbstverständlich NICHT! Hä? Es ist wie immer: Die Verwalter der Betroffenen haben vom Zustand der Betroffenheit keine Ahnung... Die verordnen völlig ohne Schmerzen das, wogegen sie sich als erstes auflehnen würden, würde man ihnen dieselbe "Kur" verordnen. Die, die am meisten über Arbeitslose meckern, sind oftmals die, die selber nie das Problem hatten, arbeitslos sein zu müssen. Genauso wie Politiker oftmals keine Ahnung über die Auswirkungen der Gesetze haben, die sie da so leichtfertig beschließen. Das Orientieren am Parteibuch geht an den Interessen der Menschen eben leider vorbei. Aber ich schweife ab. Eigentlich war ich ja bei Dir, liebes Arbeitsamt. Ich stelle fest: man kann ja von Dir halten, was man will, liebes Amt, aber es gibt einige Erinnerungen an Dich, die werden wohl unvergessen bleiben. So zum Beispiel kann ich mich daran erinnern, dass ich einmal einen Brief von Dir bekam, indem ich aufgefordert wurde, exakt in vier Wochen, PÜNKTLICH zwischen 8 und 10 Uhr, mein Erscheinen bei Dir zu arrangieren. "Oh, das ist toll!" dachte ich. "Sollte ich etwa mal einen Termin bei einem Arbeitsberater bekommen?!! Das ist ja eine Freude! Und das während "HARTZ IV"!!!!" Ihr merkt an den vielen Ausrufungszeiten: ich war wirklich glücklich. So fieberte ich denn dem großen Tag mit bibberndem Herzen entgegen. Konnt nicht essen, konnt nicht schlafen, immer hoffend, der große Tag käme schnell.Nach vier langen Wochen denn begab ich mich also auf den Weg, bahnte mir den Pfad durch Dein Inneres zu meiner Betreuungsgruppe und stellte mich dort in die Schlange an der Anmeldung. Mit Zittern in den Händen, aber auch Freude im Herzen überreichte ich der Dame am Empfang meine Einladung. Gelangweilt nahm diese das Schreiben entgegen und starrte dann wichtig auf den Bildschirm, der vor ihr stand. Die Spannung stieg ins Unermessliche. Würde ich wahrlich einen Termin bekommen? Auch, wenn ich nur einen vereinbaren dürfte, wäre das schon als Erfolg zu buchen. Was also würde mich erwarten? Vorsichtig zückte ich meinen Terminkalender..."Sie hätten sich vor sechs Wochen hier bei uns melden müssen!" "Ähh, wie jetzt?" "SIE HÄTTEN SICH VOR SECHS WOCHEN BEI UNS MELDEN MÜSSEN!" "Ja, und was ist jetzt mit meinem Termin?" "Was für ein Termin? Sie können jetzt gehen! Und melden Sie sich bitte nächstes Mal von alleine." "Moment mal, werte Dame, verstehe ich das richtig: Sie schreiben mir einen Brief, dass ich mich in EXAKT vier Wochen bei Ihnen zu melden habe, um mir dann lediglich mitzuteilen, dass ich jetzt vor sechs, also damals vor zwei Wochen, es versäumt habe, Ihnen hier in aller Öffentlichkeit "Guten Tag" zu sagen?!" "Genau. Sie haben es erfasst." "Wäre da ein Anruf nicht viel einfacher und billiger gewesen?" "Wollen Sie mich verarschen??" "Ööh, nöö, tschulligung..." Traurig und geknickt trottete ich von dannen. Aus der Traum von der schönen Hoffnung. Ist wohl doch alles anders, aber nicht besser geworden.Das Leben schreibt doch manchmal noch komischere Sachen als sich jeglicher Autor ausdenken könnte. ABER, liebes Arbeitsamt, das war noch nicht Dein Meisterstück!! Nein, Du bist noch immer steigerungsfähig. Das bewundere ich so an Dir: Man kann mit Dir schimpfen, was man will, den Amtsschimmel lässt Du nicht verkommen, nein, nein, der wird brav weitergefüttert.Hier nun also "Mein Leben trotz des Arbeitsamtes, vorerst letzter Akt": Wie Du ja nun weißt, habe ich jetzt ein Jahr lang einen sogenannten 1-Euro-Job absolviert/abgeleistet, wie sagt man da? Egal, jedenfalls habe ich ein Jahr lang mit Herzensblut meine Stelle ausgefüllt, da ich mich dort sehr wohl fühle und ich viel mit Menschen zu tun habe und hier konkret helfen kann. Dass Du mich prompt wieder aus Deiner Statistik rausgeschmissen hast, hat mich schon ein wenig gekränkt, aber das kenne ich ja nun schon von Dir.Jedenfalls habe ich nun das große Glück, dass mein Arbeitgeber mich für ein weiteres Jahr auf eigene Kosten in seinem Betrieb weiterbeschäftigen möchte und so habe ich einen richtigen, echten Arbeitsvertrag bekommen. Das ist wirklich toll. Und im Zuge der 1-Euro-Jobs leider eine völlige Ausnahme. Aber bei mir hat es geklappt! Voller Freude habe ich Dir das natürlich mitgeteilt, damit das mit der Statistik wieder stimmt und Du mir im Moment kein Geld mehr bezahlen musst. Der Brief, der dann von Dir kam, hat mich dann doch, gelinde gesagt, etwas überrascht! Oder um auf den Anfang meines Briefes zurückzukommen: Du bist wirklich nach all der langen Zeit, die wir uns nun kennen, noch steigerungsfähig. Dies ist sozusagen Dein bisheriges Meisterstück!! Moment, wie ging das doch gleich nochmal:"Sehr geehrter Herr X, Sie beziehen laufend Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts. Während des Bezuges dieser Leistung sind Sie verpflichtet, nach §60 (1) Nr. 3 SGB I im Leistungsverfahren mitzuwirken. Dabei haben Sie Beweismittel zu bezeichnen und Beweisurkunden vorzulegen oder ihrer Vorlage zuzustimmen. Ihre Pflicht zur Angabe aller Tatsachen, die für die Geldleistung erheblich sind, besteht nach §60 (1) Nr. 1 SGB I und bleibt davon unberührt.Im Rahmen Ihrer Mitwirkungspflicht bitte ich Sie, bis spätestens xx.xx.xxxx folgende Unterlagen bzw. Nachweise vorzulegen: - Ihren Arbeitsvertrag- nach Erhalt Ihre Verdienstbescheinigung Ihre Mitwirkung ist erforderlich, weil ohne die erbetenen Unterlagen bzw. Nachweise nicht festgestellt werden kann, ob und inwieweit ein Leistungsanspruch unverändert fortbesteht. usw., usw. Mit freundlichen Grüßen"Liebes Arbeitsamt, ich muss gestehen, nach dem ersten Verarbeiten des sogenannten "Amtsdeutsch" bin ich ein klein wenig verwirrt. Ich soll Dir BEWEISEN, dass ich Arbeit habe, ansonsten drohst Du mit Weiterzahlung meiner ALG II-Bezüge??Also DAS hätte es früher sicher nicht gegeben (oder habe ich da was verpasst?). Nun, ich muss gestehen: Du hast Wort gehalten! Ich habe die "Beweise" bisher nicht vorgelegt und Du zahlst neben meinem Gehalt weiterhin brav mein ALG II (vielen Dank übrigens dafür). Und das jetzt schon den zweiten Monat. Tust Du das nur bei mir? Fände ich ja nett. Aber ich fürchte, das ganze hat doch größere Ausmaße.Nun hat mir eine nette Person erzählt, Du würdest Prämien bekommen für jeden, den Du endgültig aus Deiner Statistik streichen kannst. Oder nennen wir es lieber "vorerst in Arbeit entlassen". Liebes Arbeitsamt, sollte das etwa der Grund für die Anforderung der Belege sein? Neinnnnnn, das kann ich mir nicht vorstellen. *kopfschüttel* Zumal Du mit meiner "Vermittlung in Arbeit" meines Wissens nach nicht das Geringste zu tun hast. Oder sollte vielleicht doch... Bist Du jetzt böse mit mir, weil ich so was denke? Nun, die Welt ist schlecht und da muss ich leider annehmen, ich habe zumindest ein klein wenig recht damit. Was ich, nebenbei gesagt, ziemlich schade finde. In solchen Punkten möchte ich auch manchmal NICHT recht haben. Aber das wird wohl nicht Dein letztes Paradestück gewesen sein, fürchte ich. Sicher werden wir uns eines Tages wiedersehen.Nun ja, genug der Erinnerungen, ich muss wieder arbeiten. Trotz allem: Sei herzlichst gegrüßt und mache es gutDein Himmelssurfer (Die Kategorie war gerade noch frei)
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14.11.2007 23:54
Und wieviel hast du inzwischen zurückzahlen müssen? :-) Dieter
03.01.2007 14:43
Ja das liebe Arbeitsamt, da könnte ich auch Geschichten erzählen, die sind bei uns nur noch Aktenverwalter, Umschulungen, Weiterbildung oder ABM gibt es hier schon lange nicht mehr und das ich sie nicht mehr besuchen brauche hat man mir schon vor mehr als einem halben Jahr gesagt, warum auch. LG
02.12.2006 16:07
Der Bericht ist prima. LG Hannelore