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Die Sorgen eines Berufspolitikers

5  29.09.2004

Pro:
die 2 ist eine schöne, glatte Zahl

Kontra:
die Wurzel aus 2 nicht

Empfehlenswert: Ja 

jinky

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:233

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 33 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich verstehe die Besorgnis nicht. Zuerst mein Berater; ich solle der heutigen Sitzung fernbleiben, sagt er. Überhaupt empfiehlt er mir, bis Mitte des Monats öffentliche Auftritte zu unterlassen. Und nun auch noch meine Frau. Sie habe schlecht geträumt, sagt sie. Was besagt das schon? Ich habe heute Nacht auch schlecht geträumt. Kindereien! Ich kann die Kommission unmöglich länger warten lassen. Sie hat schon nach mir geschickt. Sicher, ich würde mich wohler fühlen, wenn unser gewohntes Tagungslokal zur Verfügung stünde und wir nicht ausgerechnet in das Theater ausweichen müßten – das hat schließlich ER gebaut. ER, den man „den Großen“ nennt. Wie konnte es nur kommen, daß wir uns so entzweiten? Nun ist er tot. Das habe ich nicht gewollt. Seine Niederlage wollte ich, nicht seinen Tod. Die Hand hätte ich ihm gereicht zur Versöhnung. Habe ich nicht immer allen Gegnern verziehen? Mußte das nicht auch SEIN Bewunderer und Anhänger, der Emporkömmling, anerkennen? Schöne Worte hat er gemacht, damals, der Emporkömmling. Wie habe ich mich amüsiert! Er war ein guter Redner, aber ein schlechter Politiker.

Bitter hat es sich gerächt, als er nicht auf meinen Rat hörte, damals, als er im Zenith seiner Macht stand. Sauer muß es ihm später geworden sein, mich in den höchsten Tönen loben zu müssen – mich, den er stets bekämpfen wollte und den er nie zu fassen bekam. Ja, gegen meine Strohmänner hat er manchen Erfolg erzielt, aber er muß dabei immer gewußt haben, daß er gegen mich nichts ausrichten konnte. Nun, er hat die wirren Jahre überlebt – das ist mehr, als mancher von sich sagen kann. 64 Jahre ist er alt, der Emporkömmling, acht Jahre älter als ich. Die Zeit seiner großen Reden ist nun vorbei. Er wird friedlich im Bett sterben, in seinem prächtigen Stadtpalais, um den er mit Klauen und Zähnen gestritten hat. Oder auch auf seinem Landgut.

Doch was rede ich da von alten Zeiten und Tod. Vergangen ist vergangen. Man soll die Toten ruhen lassen; das sage ich auch meinem Adoptivsohn immer und immer wieder. Milde statt Rache zeichnet den Staatsmann aus, das merke Dir! Er ist gerade einmal 18 Jahre alt, aber ihm steht eine große Zukunft bevor. Nur noch ein paar Jahre, dann kann ich beginnen, die Herrschaft in seine Hände zu legen. Vielleicht kann ich mich dann zurückziehen wie der, den sie „den Glücklichen“ nennen, und meine Memoiren schreiben. Wie werden sie mich wohl einmal nennen? „Den Stolzen“, den „Hochmütigen“ gar? Oder „den Huldvollen“? „Den Siegreichen“? Lieber wäre es mir, es bliebe einfach bei meinem Namen. Es ist ein guter Name, ein alter Name. Ich sollte eine Verfügung in mein Testament setzen, mein Adoptivsohn möge dafür sorgen, dann, wenn er der erste Mann sein wird. Aber jetzt ist er noch nicht soweit. Hoffentlich wird er SIE dereinst mit Respekt behandeln. SIE. Vielleicht wird man später über SIE sagen, SIE sei nicht schön gewesen; doch vor ihr verlieren Worte wie „Schönheit“ ihre Bedeutung. SIE würde mich zu zerstreuen wissen und nicht, wie meine Frau, mit Schauermärchen beunruhigen. Wir beide, würde SIE sagen, zärtlich eine ihrer Schlangen kraulend, sind von gleicher Art. Wir sind keine Menschen, würde SIE sagen, vergiß das nicht. SIE wußte es: daß unsere Heimat die Sterne sind. SIE kennt keine Angst.

Und nun: meine Frau, die überall Verschwörungen wittert. Nicht einmal meinem jungen Freund traut sie. Er ist ein ehrenwerter Mann! Aber sie hatte immer Vorbehalte gegen ihn; man sagt, er sei mein Sohn. Dabei habe ich nur einen Sohn: von IHR. Wäre SIE nur da statt meiner Frau! Meine Frau befürchtet ein Attentat. Aber wovor sollte ich mich fürchten? Habe ich nicht andere Gefahren überstanden? Meine Entführer haben ihre Tat schwer bereut. Aufständische mußten büßen. Was mir gebührte, habe ich mir genommen. Und nun habe ich absolute Macht. Habe ich etwa gehandelt wie der, den sie „den Glücklichen“ nennen? Habe ich Mitbürger auf schiere Denunziation ihrer Neider hin töten lassen und mit ihren Vermögen meine Günstlinge entohnt? Nichts dergleichen wird man später über mich sagen können. Und doch starb selbst „der Glückliche“ nicht von fremder Hand. Warum sollte mir das widerfahren? Milde statt Rache zeichnet den Staatsmann aus!

Wer also sollte sich gegen mich verschwören? Meine Freunde habe ich reich beschenkt, meine Feinde begnadigt. Den Fähigen eröffnete ich Wege, Stellen einzunehmen, von denen sie vorher nicht zu träumen gewagt hätten. Habe ich nicht den kleinen Spanier zum General gemacht? Habe ich nicht den alten Gelehrten, der auf SEINER Seite stand, ehrenvoll an die meine gerufen? Habe ich ihn nicht sogar zum Lehrer meines Adoptivsohnes bestellt? Gewiß, Machtfülle wie die meine ist für ein Volk wie das unsere schwer zu ertragen. Und darum – es ist noch keinen Monat her – habe ich die Königswürde abgelehnt. Alle konnten sehen, wie ich die Krone zurückwies. Was mehr konnte ich tun? Es gibt Gerüchte, gewiß. Gerüchte, ich hätte alles selbst inszeniert und die Krone, hätte das Volk nicht gemurrt, angenommen. Wie töricht ist das alles! Wollte ich nicht gerade zeigen, daß ich kein König sein wollte, obwohl ich vom ersten König unseres Volkes abstamme? Eines Tages werden sie verstehen. Eines Tages werden sie begreifen, daß unser Staat einen starken Mann brauchte, sonst wäre er unter seinem eigenen Gewicht zerbrochen.

Seit fast hundert Jahren wüten Zwietracht und Totschlag in der Stadt. Das muß ein Ende haben! Es hat ein Ende. Ich habe außerordentliche, ja, bisher nicht gekannte Vollmachten, es ist wahr. Ein Ausnahmezustand auf Dauer, gewissermaßen. Aber nun herrscht Ruhe in der Stadt und Frieden. Keiner muß um Leib und Leben fürchten. Die Stadt ist schöner geworden in den letzten Jahren. Bibliotheken ließ ich einrichten. Die Zeitrechnung habe ich auf wissenschaftlicher Grundlage erneuert. Und noch mehr werde ich tun: die besten, die erfahrensten Männer werde ich zusammenrufen, sie sollen ein umfassendes Gesetzeswerk zusammenstellen. Jeder soll darin nachlesen können, und es soll endlich Sicherheit des Rechts herrschen.

Doch zuerst werde ich gegen den Feind im Osten ziehen. Die Niederlage meines Freundes, den man „den Reichen“ nannte, lastet noch schwer auf dem Volk. Ich werde diese Scharte auswetzen. Mein Adoptivsohn sagte im Scherz, nichts ließe ich ihm übrig zu tun. Doch bin ich unbesorgt. Mag er die Stadt aus Marmor neu erbauen! Mag er das Volk zählen lassen bis in den hintersten Winkel des Reiches! Doch habe ich noch viele Jahre vor mir. Neider habe ich wohl, da mögen meine Frau und mein Berater Recht haben. Doch habe ich mich vor Neidern nie gefürchtet. Warum sollte ich es jetzt tun? Ausgerechnet jetzt, wo Friedenszeiten angebrochen sind? Wer sollte sich gegen mich verschwören? Hirngespinste! Ich werde jetzt aufbrechen. Es ist schon nach elf Uhr, man wird ungeduldig sein. Es ist der 15. März, 709 Jahre nach der Gründung der Stadt. Hörst Du, Calpurnia? Ich gehe jetzt! Warte nicht auf mich.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Sethia

Sethia

11.01.2005 20:08

Super gemacht, diese "Tagebucheintragung" vom guten alten Caius Iulius... Allein das hat schon ein BH verdient!!!

Lily

Lily

29.11.2004 20:17

Wieder ein außergewöhnlicher Ansatz von dir. Und jetzt dürften wir eigentlich mal raten?

IlkaSehnert

IlkaSehnert

02.10.2004 21:36

Es gibt da für Sopranistinnen schöne Dinge zu singen...

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