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Vergeben und Vergessen heißt
kostbare Erfahrungen
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Aus einem aktuellen Kurzprofil
Sicher. Auch wir lernen durch Versuch und Irrtum. Eine besonders deprimierende Abfolge von Versuch und Irrtum ist wohl die Erfahrung, von Menschen, die uns etwas bedeuten, enttäuscht zu werden. Wir haben uns geöffnet, wir haben in eine Beziehung investiert – nicht zuletzt auch, um unsere eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu erfüllen (das wollen wir nicht vergessen) –, und am Ende wurden wir, was auch immer: enttäuscht, zurückgewiesen, betrogen.
Wie wir uns fühlen in solchen Augenblicken, will ich gar nicht beschreiben. Diese sonderbare Mischung aus Schmerz, Angst und Zorn, Verzweiflung auch, Demütigung und Entwürdigung, in die sich wie warme Schlieren immer noch die unaufhebbaren eigenen Sehnsüchte, Begierden, Bedürfnisse mischen – diese Mischung schmeckt für jeden anders, auch wenn sie immer wieder aus den gleichen Grundbestandteilen zusammengesetzt ist. Jeder ist eine Insel, sagt John Donne, aber dann wollten wir doch gerne, daß uns das Meer gehört.
So weit, so schlecht. Das sind erst einmal sonderbar unstrukturierte Erfahrungen, in denen wir für Tage und Nächte und Wochen und Monate und, wenn wir denn wollen, für Jahre herumschwimmen wie Scheiße im Klo, und so fühlen wir uns dann auch. Mit dem Lernen wird es erst etwas, wenn wir damit anfangen, die Erfahrungen zu strukturieren, soviel ist klar.
Dann machen wir schnell einen elementaren Fehler – wir binden sie an einen Menschen. Entweder an den, der uns verletzt hat. Oder an uns selbst. Oder an beide, was besonders virtuos ist und die beste Garantie dafür, daß wir womöglich nie wieder aus dem Geflecht herausfinden, in das wir uns so absichtslos kunstvoll verstrickt haben.
Ich rede damit nicht der reinen Abstraktion das Wort. Das wäre Unsinn. Wir haben natürlich Fehler gemacht. Meistens waren es nicht die edlen Fehler, die wir uns noch am leichtesten verzeihen können – wir waren zu vertrauensselig, zu naiv, zu hingebungsvoll, zu lieb, zu nachgiebig, kurz, wir waren zu gut für diese Welt. Das ist ganz sicher gequirlte Scheiße.
Wir lernen am wenigsten aus den Fehlern, die wir uns längst heimlich verziehen haben. Weil aber Versuch und Irrtum natürlich immer nur uns selbst betrifft, müssen wir wohl oder übel nach den wirklichen Ursachen für unser Scheitern suchen. Nach den Gründen also, warum ein bestimmter Mensch doch nicht so eng mit uns zusammenleben will, wie wir das gerne gehabt hätten, oder warum wir nicht so attraktiv sind, wie wir das gerne wären, schlicht: warum wir nicht aus eigenem Recht geliebt werden, um unserer selbst willen.
Es geht also nicht darum, Erinnerungen und Erfahrungen an uns zu binden, bis wir nicht mehr aufrecht gehen können. Es geht darum, uns von ihnen abzulösen, damit wir nicht dazu verdammt sind, immer wieder die gleichen Erfahrungen zu machen, weil wir unsere Fehler endlos wiederholen, bis wir sterben, unbeeindruckt, selbstgerecht und verbittert.
Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, heißt es. Wenn wir untersuchen, auf welche Weise wir uns selbst lieben, dann entdecken wir folgendes. Wir nehmen uns an, wie wir sind (wir wissen nämlich, daß es nichts bringt, wenn wir es nicht tun), und sind dennoch nicht gänzlich blind für unsere Mängel. Eine gesunde Entwicklung hält die Balance zwischen Selbstliebe und Selbstkritik. Zu dieser Balance gehört auch die Bereitschaft und die Fähigkeit, die eigenen Fehler als Blaupausen, als Baumaterial gar für unsere Zukunft zu gebrauchen.
Das klappt nur, wenn wir sie von uns ablösen. Sie haben uns ohnehin verändert. Das reicht. Wir müssen sie nicht integrieren wie eingewachsene Splitter oder vergessene Nadeln, die dann durch unseren Körper wandern und womöglich schwere Schäden anrichten, will sagen: wir müssen uns selbst vergeben können.
Für den Umgang mit anderen gilt das gleiche. Wir bleiben nur frei, wenn wir uns von allem lösen, was uns vergiften könnte. Verzeihen ist nicht nur anständig. Es ist auch die beste Entgiftungsmethode, die es gibt. Daß verzeihen vergessen bedeutet, muß ich sicherlich nicht erklären. Vergessen wollen ist der schwierigere Teil des Verzeihens, der Beweis gewissermaßen für unsere großen Reden. Können wir doch ohnehin kaum vergessen, was wir vergessen wollen.
Weder bei uns noch bei anderen sollen wir blindlings verzeihen. Das wäre debiles Gemümmel. Wir können – im eigentlichen Sinne des Wortes – nur eine Schuld verzeihen, die wir beschrieben und eingeordnet haben. Wir können einem anderen nicht unseren Schmerz verzeihen und erst recht nicht unser Selbstmitleid. Wir müssen wohl oder übel die aufgeblähte Schuld auf ihren wirklichen Kern reduzieren (einkochen, wie bei einer guten Sauce), bevor wir ihre Qualität beurteilen können.
Das braucht, natürlich, seine Zeit. Es braucht um so mehr Zeit, je länger wir uns bemühen, die Sauce ständig mit unseren eigenen Tränen zu verdünnen. Sehr ungesund; sie wird nur versalzen. Und doch ist es irgendwann so weit. Die Zeit, die große Meisterin der Entropie, hat alles Vergängliche und Zufällige und sehr viel Biographisches abgeschliffen, eingeebnet und weicher gezeichnet, und andere Kanten hat sie stärker konturiert, so daß sie neue Schatten werfen. Dann erst werden wir wissen, was wir vergeben müssen.
Als ich ein Kind war, urteilte ich wie ein Kind. Als mir einer mein liebstes Spielzeugauto stahl und es dann auch noch verlor und mir also nicht zurückgeben konnte, war das der Gipfel des Verrats. Oder als mich ein Mädchen, von dem ich dachte, sie sei meine Freundin, vor ihren Freundinnen ausführlich lächerlich machte. An den Schmerz kann ich mich erinnern, aber nicht mehr an die Umstände. Der Schmerz hat mich geformt, so wie er uns alle formt. Den Rest haben wir, hoffe ich, vergessen.
Sonderbar: manche von uns macht der Schmerz heiterer, andere macht er zynischer, andere ängstlicher, andere härter, andere selbstmitleidiger.
Der Satz im Kurzprofil ist falsch. Vergeben und Vergessen ist der einzige Weg, wirklich zu lernen, damit wir nicht immer wieder die gleichen Versuche unternehmen und die gleichen Irrtümer erleiden müssen.
ca. 950 Worte
Nachbemerkung, zur Vorsicht:
Dieser Bericht hat nicht den geringsten autobiographischen Anlaß (wie ich es überhaupt ablehne, ciao als Plattform zur Selbsttherapie zu gebrauchen); er wurde tatsächlich nur durch das KP eines Mitgliedes angeregt!
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