Vom Nutzen der Arbeitslosigkeit
30.05.2001 (31.05.2001)
Pro:
siehe unten
Kontra:
siehe unten
Empfehlenswert:
Nein
 jinky
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:233
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 29 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Nein, ich werde das Faß "Recht auf Faulheit" nicht aufmachen. (Oder jedenfalls jetzt nicht: eigentlich bin ich ja hobbymäßig Fässeraufmacher.) Die Aussage unseres Kanzlers ist in ihrer Primitivität nicht kommentierungsüwrdig und außerdem aus dem demnächst drohenden Wahlkampf heraus zu erklären, Punkt. Ich möchte nur einmal festhalten, welche Vorteile es mit sich bringt, Arbeitslosigkeit durch (im internationalen Vergleich) großzügige staatliche Leistungen abzufedern. Keine Sorge übrigens: auch das Faß "Weimarer Republik und Hitlers Aufstieg" bleibt zu. Erstens: Arbeitslosigkeit schafft Arbeitsplätze. Nicht nur auf Arbeitsämtern, nicht einmal vorrangig: wer kann die Heerscharen noch zählen, die ihr Geld mit staatlich finanzierten Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose verdienen? Computerkurs hier, Bewerbertraining da? Bewerbertraining hasse ich übrigens ganz besonders - die Institution selbst unterstellt bereits, es gebe doch eigentlich genug Stellen, man sei bloß zu gottverdammtdämlich, sich ordentlich dafür zu bewerben. Doch das Arbeitsamt bezahlt tatsächlich Leute dafür, daß sie Leuten mit Doktortitel erklären, daß sie nicht ihr Leberwurstbrötchen ins Anschreiben wickeln und mit einer Jägermeisterfahne beim Vorstellungsgespräch erscheinen sollten. Nach dem Erfolg dieser Maßnahmen oder Qualifikation des Lehrpersonals, wer fragt danach schon? Ich habe den Eindruck, nicht immer allzuviele. Oder wie soll ich es mir sonst erklären, daß einer meiner Freunde (Chemiker) in einer dieser Veranstaltungen einen Jungschnösel vor sich hat, der erst einmal vollmundig verkündet, HIER müsse aber regelmäßig gelernt werden, auf daß man den Anschluß nicht verliere? (Diplome in Chemie werden regelmäßig als Trostpreis bei Frau-im-Spiegel-Kreuzworträtseln vergeben, oder wie?) Kann jemand, der sich in so offensichtlicher Verkennung dessen, wen er da vor sich hat und was seine Aufgabe ist, dermaßen im Ton vergreift, in der mythisch verklärten freien Wirtschaft Erfolg haben? Kunden ansprechen? Nein. Aber seine Kunden müssen ihn so hinnehmen, wie er ist, und derjenige, der die ganze Chose bezahlt, den interessiert es nicht. Insofern: Jungschnösel hat trotz offenkundiger didaktischer wie psychologischer Unfähigkeit einen feinen Job in der Erwachsenenbildung bekommen, das ist doch ganz hervorragend - und der Arbeitslosigkeit zu verdanken. Gepriesen sei sie! Und zu Fortbildungsmaßnahmen und dergleichen gehören auch die vielbeschworenen Praktika, ohne die ja heute nichts mehr geht. Was aber ist ein Praktikum? Weitgehend unentgeltliche Arbeit in einer Firma, wobei man Glück haben und etwas vernünftiges tun - oder auch Pech haben und mit dem Entsorgen der Kaffeefilter betraut werden kann. Interessieren tut das letzten Endes keinen, schon gar nicht das Arbeitsamt, das dieses Praktikum fördert: so kommen Firmen zu unvergleichlich billigen Arbeitskräften, nach Belieben einsetz- und wiederloswerdbar. Das ist doch ganz hervorragend - und der Arbeitslosigkeit zu verdanken. Gepriesen sei sie!Es wäre motivationsfördernd, wenn das Arbeitslosengeld geringer wäre? Vielleicht. Es hätte aber auch folgenden Effekt: Kredite würden früher faul. Lebensversicherungen gekündigt. Häuschen zwangsversteigert. Weniger konsumiert. Und es würde sich herumsprechen, daß das so ist - Folge: all jene, die sich ihres Jobs nicht absolut sicher sein können (und wer kann das schon?), werden zurückhaltender mit Ausgaben. Mehr sparen. Oder auch: vorhandenes Geld sorgfältiger verstecken. Eine Wirtschaft, die an Stetigkeit der Nachfrage (=> bessere Planbarkeit) interessiert ist sowie daran, daß Menschen mehr ausgeben als sie haben, muß solche Entwicklungen mit Sorge betrachten. Insofern ist das Arbeitslosengeld auch eine gigantische Subventionsmaschine unter anderem zugunsten der Finanzdienstleistungsbranche. So, wie es ist, kann sie sich darauf verlassen, daß auch Meister Jobless erst einmal seine Raten zahlen, seine Versicherungsprämien überweisen, seine Telefonrechnung begleichen kann und organisatorische Kraftakte wie Kreditabschreibungen, Mahnverfahren, Anschlußsperrungen vorerst unterbleiben können. Das ist doch ganz hervorragend - und der angeblich so kontraproduktiven Absicherung der Arbeitslosigkeit zu verdanken. Gepriesen sei sie! Auch der Wirtschaft (wer auch immer sie sei) kann doch eigentlich nichts besseres passieren. Solange es genügend Arbeitslose gibt, kann man ganz hervorragend Lohnzurückhaltung fordern, mit dem Abbau von Arbeitsplätzen drohen, die Gewerkschaften denigrieren, kurz: in jeder Hinsicht auf stur schalten. Sie hat ein unschlagbares Pauschalargument zur Verfügung, mit dem man alles, was den Gewinn steigert, ohne die Belegschaft zu beteiligen, rechtfertigen kann. Das ist doch ganz hervorragend - und der Arbeitslosigkeit zu verdanken. Gepriesen sei sie!Gleichzeitig ist die Arbeitlosigkeit eine preiswerte und zuverlässige Absicherung vor den Folgen von Mißmanagement: wenn nämlich die Pleite droht, kann man (siehe Hol(t?)zmann) darauf rechnen, daß der Bundeskanzler den ganz großen Geldbeutel aufmacht, um die Sache wieder hinzubiegen. Voraussetzung ist nur, daß die Fehlbeträge hinreichend groß und der bedrohten Arbeitsplätze hinreichend viele sind. So kann doch der Spitzenmanager erst in großem Stil seine Visionen entfalten: wenn er weiß, daß ihm Ruhm und Profit winken, wenn's gelingt - er aber andereseits kein Risiko eingeht, wenn's danebengeht. Das ist doch ganz hervorragend - und der Arbeitslosigkeit zu verdanken. Gepriesen sei sie! Gäbe es sie nicht, man müßte sie erfinden.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
26.11.2009 17:11
der Wirtschaft sind Arbeitslose recht. Man sollte den Staat wirklich unter Druck setzen, daß er dieses Arbeits-Marktsystem ändert. Wie ? Indem immer weniger Leute arbeiten und von öffentlichen Geldern leben. Irgendwann kollabiert das (hoffentlich bald). Denn Hatz IV und irgendein Drecks-Job für 2 Monate für 7 Euro die Stunde kommt finanziell aufs gleiche raus. Und wenn man mal 2 Jahre arbeitslos war ist man eh nicht mehr vermittelbar, dann sind Bewerbungen schreiben sinnlos. Tja, dann muss der Staat einspringen, denn er hat ja dieses Mistsystem auf die Menschen losgelassen, recht so
04.07.2001 13:39
Tja - hier kann ich mich Deiner Meinung nur bedingt anschließen. Ich stand nämlich mal drei Monate lang als "Lehrkraft" vor einem Rudel arbeitsloser Akademiker, die zu Werbefachleuten umgebogen werden sollten. Am Anfang dachte ich ja noch, ich hätte den Herrschaften was zu bieten: Sie sollten bei mir den Umgang mit Computern lernen - und ich bin nicht nur DV-Kauffrau (mit IHK-Ausbilderzertifikat), sondern hatte außerdem zu dem Zeitpunkt acht Jahre Praxis in Werbeagenturen und Marketingabteilungen von Verlagen. Und so bemühte ich mich, zum Beispiel die Aufgaben, die ich meinen Schülern gab, "praxisgerecht" zu gestalten. Der "Lohn" waren endlose Diskussionen der Klasse "Ich will mich hier aber nicht auch noch mit Mediadaten rumärgern - Ihr Kollege verlangt das nie! Der nimmt einfach die Aufgaben aus dem Buch!" (Klar - der war Informatiker und hatte keine Ahnung von Werbung), ständiges Zwischenschießen der Pädagogen, die mir natürlich beweisen mussten, dass ich keine Ahnung von Pädagogik habe (hab' ich ja auch nicht studiert, folglich kann ich keine Ahnung haben) und absolut überflüssige Debatten zum Thema "Ist ein herrschaftsfreier Diskurs in der Erwachsenenbildung möglich?". Nach drei Monaten hatte ich den Kanal gestrichen voll, mein Idealismus war aufgebraucht und ich hab' gekündigt. Ich war wirklich bereit gewesen, meine Schüler zu respektieren und besonderes Verständnis für ihre verdammt schwierige Situation aufzubringen. Aber dafür habe ich andersrum erwartet, dass sie wenigstens willens sind, mein "Hilfsangebot" anzunehmen. Waren sie aber nicht, denn sie krallten sich beidhändig an ihren "Akademiker-Status" - und ich verstand mehr und mehr, dass kein Arbeitgeber diese bornierten Herrschaften einstellen wollte.
14.06.2001 23:59
Herliche Realsatire! Weiter so! ;-) Gruß MKohlhass