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Angst einer Mutter

1  28.06.2002 (26.07.2002)

Pro:
Angst bewahrt uns vor unüberlegten Handlungen

Kontra:
Angst kann Menschen krank machen

Empfehlenswert: Nein 

wilgeplas

Über sich: Mich gibts eigentlich nur noch hier: Leserattenbuecher.de

Mitglied seit:27.10.2000

Erfahrungsberichte:103

Vertrauende:41

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 60 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Eigentlich wusste ich seit fast 16 Jahren das dieser Termin kommen wird. Doch jetzt wo es nur noch eine Woche bis dahin ist, durchlebe ich eine Achterbahn der Gefühle. Kann man sich überhaupt eine solange Zeit auf etwas unvermeidliches vorbereiten? Vorallendingen, wenn man immer auch ein klein wenig die Hoffnung hat das dieser Termin niemals nötig wird?

Wovon ich hier schreibe?

Von der bevorstehenden Herz-OP meines so eben 16 Jahre alt gewordenen Sohnes.

Anfang August 1986 wurde zur Gewissheit, was wir eigentlich schon bei der Geburt unseres zu diesem Zeitpunkt 6 Wochen alten Babys befürchtet haben: Er hat einen angeborenen Herzfehler. Befürchtet deshalb, da auch sein Vater einen angeborenen Herzfehler hat. Nach der Geburt waren wir natürlich erst einmal erleichtert, doch als ich das erstemal beim Füttern dieses vibrieren des kleinen Herzchens wahrgenommen habe, günstiger Weise einen Tag bevor die 3. Säuglingsuntersuchung anstand, wurde mich doch schon ganz schön Angst und Bange.

Als dann am nächsten Tag der Kinderarzt länger als gewöhnlich auf die Herzgeräusche hin untersuchte, war mir klar, das ich mir dieses vibrieren nicht eingebildet habe. Wir mussten daraufhin erstmals zu Kinder-Herz-Ambulanz der Uni-Klinik Essen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, was die Untersuchung, insbesondere das Röntgen des Herzens von diesem kleinen Menschlein, für eine Strapaze für mich und das Baby waren. Wer noch nicht erlebt hat wie ein Baby geröntgt wird: Das Baby wird in eine Art Schale gezwängt, die Arme nach oben und die Beine unten angebunden, um es so möglichst stark zu fixieren, das es nicht zu sehr zappeln kann, wenn die Röntgenaufnahmen gemacht werden. Das Ganze wird natürlich mit einem dauerhaften Gebrüll des Babys untermalt. Ich weiß zwar nicht, ob das heute noch so gemacht wird, aber damals war das so.

Ja und dann kam die Diagnose: Loch in der Herzscheidewand und eine Pulmonalstenose (Verengung der Pumonal-Klappe zur Lunge, sodass der Blutfluß zur Lunge beeinträchtigt ist).

Der Arzt versuchte uns zu beruhigen, das zumindest das Loch in der Herzscheidewand sich von alleine schließen könnte, bis zu einem Alter von 2 Jahren. Die Pulmonalstenose wäre allerdings schon etwas ernster, aber so wie es den Anschein hätte auch nichts, was uns jetzt sehr beunruhigen müsste. Vermutlich würde unser Kind halt sehr viel mehr schwitzen, gerade beim füttern und wenn es dann aktiver würde. Schneller müde wird er wohl sein, da sein Herz nun mal stärker arbeiten müsste als ein gesundes Herz, um den Blutkreislauf in Gang zu halten.

Von da an mussten wir regelmäßig zur Untersuchung nach Essen. Zuerst alle 3 Monate, nach einem Jahr dann nur noch zweimal im Jahr. Der Verlauf war also nicht so dramatisch, wie ich als junge Mutter zuerst angenommen hatte. Dann waren vorallendingen auch die Röntgenuntersuchungen nicht mehr so schlimm, diese wurde dann sogar von der viel schonenderen Ultraschalluntersuchung abgelöst.

Mit dreieinhalb wurden dann meine mütterlichen Nerven das erste Mal auf eine sehr harte Probe gestellt. Mein Sohn musste per Herzkatheter untersucht werden, da die Ultraschalluntersuchung auf die Dauer wohl doch zu ungenau war.

Dieser Tag war für mich schon der reinste Albtraum. Dieses kleine Menschlein, in Narkose und dann mit einem „Schlauch“ bis in das Herz hinein. Das war für mich schon mindestens genauso schlimm wie eine OP.

Doch mein Kleiner hat die Untersuchung sehr gut überstanden gehabt und nach drei Tagen durften wir bereits wieder nach Hause. Das Ergebnis der Untersuchung fand ich dann aber nicht so toll:

Das Loch in der Herzscheidewand war im Laufe der Zeit tatsächlich zugewachsen. Das war ja schon mal recht positiv, doch die Pulmonalstenose erwies sich als eine Abart dieser Verengung. Hierbei handelt es sich nicht um eine verengte Pulmonalklappe, die dann im Abstand von 10 bis 15 Jahren mittels Katheder hätte geweitet werden können, nein, unser Kleiner hat ein zu starkes Herzmuskelbündel im Bereich hinter der Pulmonalklappe, welche operativ abgetragen werden müsste.

Damals hieß es denn allerdings auch, dass es möglich sein könnte, dass das Muskelbündel nicht in dem Maße mitwächst, das es zu Problemen kommen würde. Doch das konnte halt keiner wirklich voraussagen wie sich das entwickeln wird.

Zu alledem wurde uns jetzt mit auf den Weg gegeben, das wir darauf achten sollten, das sich unser Kleiner nicht verausgabt, nicht zu wild herumtobt, sich nicht über seine Grenzen hinaus bewegt. Doch wo sind dieses Grenzen? Das konnte uns keiner so genau sagen, er würde es selber merken, wenn er nicht mehr so richtig kann, weil er kurzatmig wird. Ansonsten könnte es passieren, das er sich überanstrengt und einfach umfällt. Wenn dann nicht sofortige Hilfe zur Stelle wäre, könnte ihm vermutlich auch nicht geholfen werden...

Das war erst mal ein Schock den ich verdauen musste.

Nach dem der erste Schrecken vorbei war, habe ich es dennoch geschafft meinem Sohn zwar klarzumachen, das er auf sich achten muss, aber ohne das er dadurch in Watte gepackt wurde oder ich ständig hinter ihm her war um zu kontrollieren, das er sich ja nicht überanstrengt.

Schwierig wurde es dann erst wieder in der Schule. Sein Sportlehrer wollte einfach nicht begreifen, das er zwar Sport machen darf und soll, aber eben nur solange er sich dabei wohlfühlt. Hinzu kam noch das er auch immer der schmächtigste in seiner Klasse war, und dadurch schon einen sportlichen Anschein machte, was seine Sportlehrer immer mal wieder dazu veranlasste ihn zu höchst Leistungen zu animieren, bis das ich eines Tages ein Attest der Uni-Klinik einreichte, das er gänzlich vom Sport befreit werden müsste, wenn dieser Unsinn nicht aufhören würde.

Da haben es auch die Lehrer endlich begriffen.

Unseren Sohn selber hat es aber auch immer gestört, das er nicht in den Fußballverein oder sonstigen Sportverein durfte. Es wäre einfach zu gefährlich gewesen, wenn er an Wettkämpfen teilgenommen hätte und der sportliche Ehrgeiz ihn zu Höchstleistungen, die sein Herz nun mal nicht in der Lage ist zu geben, getrieben hätte.

Und nun ist es soweit. Im Januar wurde wieder eine Herzkathederuntersuchung gemacht, die zu dem Ergebnis führte, dass das Wachstum des Muskelbündels wohl eher zugenommen hat, anstelle proportional mitzuwachsen bzw. gar nicht mehr zu wachsen. Nächste Woche Freitag, am 05.07.02 ist der Termin zur Operation am offenen Herzen...

Ich kann gar nicht wirklich beschreiben wie mir zumute ist. Auf der einen Seite muss ich und will ich sehr optimistisch sein. Er ist in einer guten gesundheitlichen Verfassung, ich habe es wohl auch geschafft ihm meine Ängste nicht zu deutlich zu zeigen, sodass er selber der OP zwar auch nicht gerade mit Freuden, aber doch zumindest mit der Erwartung gegenüber tritt, das danach alles nur besser sein kann.

Aber innerlich sind da doch sehr viele Ängste bei mir. Herz-OP´s werden heute zwar schon fast routinemäßig durchgeführt, und doch bleibt da dieses Gefühl: Es ist eine Operation am Herzen, dem Motor unseres Körpers, das während der Dauer der OP angehalten wird. Die Arbeit des Herzens wird in der Zeit von einer Maschine ausgeführt... Dieser Gedanke macht mich einfach wahnsinnig.

Ich werde einfach versuchen nicht daran zu denken, während der Zeit in der er sich im OP befindet, nur ob mir das gelingen wird?

So, nun wisst Ihr warum ich in nächster Zeit vermutlich gar nicht bzw. nur sehr wenig hier sein werde. Ich hoffe einfach, dass ich danach genauso gut gelaunt wieder kommen kann, wie die meisten mich hier kennen...

Eure Caroline

Update:
Dienstag, 02.07., 15:45
Und um dem Ganzen noch einen besonderen Nervenkitzel zu geben, wurde ich soeben darüber informiert, dass der Termin zur OP auf den 09.07.02 verschoben wird. Meine Nerven liegen blank...

Freitag, 05.07.02 13:45 Uhr:
Termin wird erneut verschoben auf den 11. oder 12.07.

Freitag, 27.07.02:
Wir sind wieder zu Hause, auf den Tag genau 14 Tage nach der OP. Die OP ist sehr zur Zufriedenheit der Ärzte verlaufen. Meinem Sohn geht es sehr gut, er muss sich jetzt wohl noch etwas schonen, aber spätestens in drei Monaten soll er wieder voll leistungsfähig bzw. leistungsfähiger als vorher sein.

Meine Nerven befinden sich auch langsam wieder in einem Normalzustand, jetzt muss ich nur aufpassen, das ich mich nicht zur Übermutter entwickle und meinen Sohn in Watte packe, den die Schonungsregeln der Ärzte sind auch nicht ohne.

Ich möchte mich nochmal ganz Herzlich für die vielen lieben Kommentare und auch ganz besonders für den Beistand meiner Schwester bedanken.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Weserhexe

Weserhexe

26.11.2002 18:05

Da hätten meine Nerven auch blank gelegen. Liebe Grüße sendet Manuela

Frati

Frati

04.09.2002 11:30

Hallo!!! Es freut mich sehr, daß dein Sohn alles überstanden hat und es ihm gut geht. Auch du kannst wieder aufatmen. Obwohl ich noch keine Kinder habe, kann ich mich sehr gut in deine Lage versetzen. Es muß schrecklich sein, was du ja auch in deinem Bericht erwähnt hast, um das eigene Kind zu bangen. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Liebe und Gute !!! Herzliche Grüße, Tina

chaosleo1

chaosleo1

28.08.2002 23:40

Ich denke, so langsam kannst du wieder einigermassen durchatmen und deinem Jungen geht es gut! Ich weiss nicht, wie ich ein Leben lang als Mutter damit umgehen könnte, denn Mütter leiden doch immer mehr als die Kinder selber....Du bist bemerkenswert stark, das wollte ich dir eigentlich gestern schon sagen, da hatte ich aber das ganze Ausmass noch nicht gekannt!!! Liebe Grüße Leo

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