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Call-Center-Agent -> es geht auch anders

1  02.07.2003

Pro:
Arbeit hat Spaß gemacht .  Ich habe mein Hobby "Telefonieren" zum Beruf gemacht

Kontra:
seeeehr dubios, skrupellos und menschenverachtend

Empfehlenswert: Nein 

ebackes

Über sich:

Mitglied seit:01.07.2001

Erfahrungsberichte:28

Vertrauende:5

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 17 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich habe jetzt schon einige Berichte gelesen, in denen SUPER beschrieben wurde, was die Aufgaben eines Call-Center-Agenten sind, wie in einem Call-Center gearbeitet werden sollte und wie toll doch das alles ist. Deshalb werde ich hier jetzt nicht mehr schreiben, wie der Beruf sein SOLL, sondern wie er manchmal tatsächlich IST.

Ich habe da nämlich ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich denke, es gibt da wirklich RIESENGROSSE Unterschiede zwischen Call-Center und Call-Center. Bei den seriösen läuft es auch mit Sicherheit genauso, wie es beschrieben wurde. "Meines" war meiner Meinung nach mit Sicherheit eines von der unseriösesten Sorte. Zum Glück habe ich es auch sehr schnell gemerkt und meine Konsequenzen daraus gezogen.

Aber nun mal der Reihe nach:
Vor 4 Wochen las ich in unserer Tageszeitung eine Annonce eines Call-Centers im Nachbarort (Prima, nur 4 km Entfernung). Ich rief sofort dort an. Am Telefon eine "Nuschelstimme", die sich im Nachhinein als die des Chefs rausstellte. Ich dachte: "Die wollen mich bestimmt testen, ob ich auch dann, wenn ich den anderen nicht verstehe, freundlich bleibe". Ich blieb freundlich und machte für den nächsten Tag einen Termin mit ihm aus. Am Telefon wollte er mir nicht viel über die Arbeit erzählen.

Also fuhr ich am nächsten Tag da hin. Übrigens befindet sich dieses Call-Center im ehemaligen "Puff" des Ortes. Passt doch gut: "Callgirl" im ehemaligen "Puff". Hihihi.

Ich wurde von einem Mitarbeiter (K.R.), der wohl der Abteilungsleiter sein sollte (er wurde mir aber nie als solcher vorgestellt), in den sog. "Aufenthaltsraum" gebracht - eine Wohn-Lager-Küche, unaufgeräumt, schmutzige Teller von den letzten 3 oder noch mehr Tagen, ein Regal mit Prospekten des Vereins, für den wir Mitglieder werben sollten, ein Fernseher, der auf volle Lautstärke lief, Brotkrümel auf dem Schrank, 2 kleine Hunde mittendrin, ein "Chef" (S.) saß auf dem Sofa und schaute "Andreas Türck", der andere (D.D.) (mit dem ich telefoniert hatte), saß am Tisch und las in einer seeeehr bekannten, aber von niemandem gelesenen, Tageszeitung. Oh, ich bekam doch tatsächlich von dem Zeitunglesenden die Hand. Der andere sagte eher etwas ungehalten "Guten Morgen". Dann folgte ein "Vorstellungsgespräch", wie gesagt, während eine Talkshow und nachher eine Kochshow lief. Niemand kam auf die Idee, den Fernseher leiser zu stellen.

"Vorstellungsgespräch" ist deshalb in """" gesetzt, weil es einfach nur lachhaft war. Ich bekam einen Prospekt des Vereins in die Hand gedrückt mit den Worten: "Das können Sie sich ja schonmal durchlesen, damit Sie informiert sind." Mir wurde ein Gehalt von 400 € angeboten. Eigentlich nicht schlecht für 3 Std. täglich an 5 Wochentagen. Ich fragte, ob das Gehalt denn erfolgsabhängig sei? Mir wurde daraufhin geantwortet. "Nee, das ist ein Festgehalt. Natürlich gibt es gewisse Vorgaben. Sie sollten schon in einem Monat ein Soll von 60 Punkten nicht unterschreiten. Und im 1. Monat sagt auch noch niemand etwas, wenn diese Punktzahl nicht erreicht wird." 60 Punkte heißt 20 Verträge, d.h. 1 Vertrag pro Arbeitstag. "Ist ja durchaus zu schaffen", dachte ich und vereinbarte den 1. Arbeitstag zur "Einarbeitung". 3 - 5 Tage Einarbeitung waren vorgesehen, natürlich ohne Bezahlung.

Wieder ein Wort in """"". Tja, die Einarbeitung sah folgendermaßen aus. Zuerst einmal 1/2 Stunde Verträge ausdrucken, durchlesen, unterschreiben. Mit mir hatte noch eine Neue angefangen. Dann nahm K.R. das Telefon, um uns zu zeigen, wie und was man da machen sollte. Jeder von uns bekam einen sog. Leitfaden zur Hand, von dem wir in der ersten Woche jedes Wort ablesen sollten, das wir den Leuten am Telefon sagen sollten.

K.R. nahm also den Hörer, wählte die 1. Nummer - Anrufbeantworter dran. Die 2. Nummer - niemand abgehoben. Die 3. Nummer - "Meine Tochter ist in der Schule". K.R.: "Wann ist sie denn wieder da? Na gut, dann melde ich mich dann wieder." Kunde: "Nee, ich habe keine Interesse." Oder "Nee, ich habe kein Geld." K.R.: "Na ja, dann kann man halt nichts machen, ich wünsche Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag. Auf Wiederhören." Und so ging das noch ca. 1 Stunde weiter. In den nun folgenden 1 1/2 Stunden hat er EINEN Vertrag gemacht. Na ja, siehste, ist doch zu schaffen !!!!

Dann wurde jedem von uns ein Telefon und eine Liste mit Telefonnummern in die Hand gedrückt und los ging's. Jaaaaaa, das war wirklich die einzige Einarbeitung, die wir erhalten haben. Ich habe trotz dieser miesen Einarbeitung in den nächsten 3 Tagen (Probetage) jeweils 1 Vertrag geschrieben.

Dann habe ich meinen "richtigen" Arbeitsvertrag bekommen - beginnend am nächsten Tag. Und seit diesem Tag hatte mich das Glück verlassen. Obwohl ich alles genauso machte wie meine Kollegen und wie K.R. am Einarbeitungstag - niemand wollte bei mir einen Vertrag abschließen. In den kommenden 1 1/2 Wochen habe ich genau 1 Vertrag geschrieben. Die anderen haben mal 1 oder 2 am Tag, dafür mal einige Tage keinen usw.

Letzten Freitag nun kam S. (der vom Sofa) zu uns und meinte: "Nun ja, telefonieren könnt Ihr ja nun, Ihr wisst, wie man einen Hörer hält, nun müsst Ihr mal langsam anfangen mit "drücken". Ich muss dazu sagen, dass ich erfahren habe, dass D.D., S. und K.R. Chefs bzw. Mitarbeiter einer Drückerkolonne waren und wohl noch immer sind, d.h. sie verkaufen an der Haustür Zeitschriftenabos und zwar mit den dubiosesten Mitteln. S. erzählte uns, er habe einer Frau ein Zeitschriftenabo aufgeschwatzt, deren Mann gerade im Sarg aus dem Haus getragen wurde. Mir war einfach nur noch schlecht. Ich dachte: "Du skrupelloses Sch...", sagte aber nichts.

Wir hatten einige Interessenten am Telefon, die meinten, das wäre ja wirklich ein tolle Sache, wir sollten doch mal Unterlagen zuschicken. Das war uns aber verboten. Wir durften erst Unterlagen des Vereins zuschicken, wenn die Leute uns ihre kompletten Daten einschl. Bankverbindung mitgeteilt hatten. Natürlich haben diese Leute keinen Vertrag mit uns abgeschlossen.

Als ich S. darauf ansprach, meinte er nur: "Wir verschicken aber vorher keine Unterlagen, basta." Ich wurde darauf schon leicht pampig und sagte, dass es schon sehr schwer sei, morgens überhaupt jemanden zu erreichen. Und die Leute, die man dann endlich erreicht, sind schon leicht genervt. Und trotzdem bin ich IMMER freundlich geblieben, auch wenn ich mal angeschnauzt wurde. Sind wir doch mal ehrlich, uns geht es doch nicht anders, oder? Wer weiß denn, der wievielte man da schon ist, der an diesem Morgen da anruft und irgendetwas am Telefon verkaufen möchte?

Er meinte, und wenn wir auch nur 10 Leute erreichen würden, müssten schon ca. 5 - 6 Verträge drin sein. Wir müssten nur einfach mehr überreden. "Wir wollen den Leuten kein gutes Gefühl verkaufen. Niemand verlangt, dass die Leute nach unserem Telefonat glücklich und zufrieden in ihre Küche zurückgehen und das einfach nur gut finden, dass sie einen Vertrag mit uns gemacht haben. Wir wollen einfach nur Verträge abschließen und nicht gleich sagen: "Na gut, ich wünsche Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag usw."

Aber von wem hatten wir diesen Spruch denn? Mal überlegen. Richtig, von K.R., der uns das am Einarbeitungstag genauso vorgesprochen hatte. Und bei uns sollte das so falsch sein, seltsam? Ich wurde immer wütender, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. S. sagte, wenn wir keine Verträge abschließen würden, würde das nicht an den Leuten liegen, die wir anrufen und auch nicht an der Tageszeit, sondern einzig und allein daran, dass wir zu faul seien. Ich habe jeden Tag zwischen 120 und 150 Telefonnummern angerufen. Kann man da wirklich von faul reden? Weiterhin sagte er, 10 € (so viel kostet ein Monatsbeitrag des Vereins, für den wir Mitglieder werben sollte) hat doch jeder. Ich sagte daraufhin: "Also, ich hätte im Moment keine 10 € im Monat. Ich bin froh, wenn ich meine Familie so über die Runden bekomme."
Seine Antwort: "Tja, dann sind Sie hier in unserem Unternehmen total fehl am Platz, was machen Sie denn dann überhaupt hier?" Unverschämtheit, natürlich Geld verdienen, damit ich irgendwann mal 10 € am Monatsende übrig habe.

Ohhhh, ich war kurz vorm Platzen. Ich hatte auch schon eine Hand an meiner Tasche und war gaaaanz kurz davor, das Haus zu verlassen. Aber leider wusste ich nicht, wie ich nach Hause kommen sollte, deshalb musste ich wohl oder übel bis Dienstende aushalten. Ich machte also gute Miene zum bösen Spiel, bekam den Tag auch irgendwie rum - wieder ohne Vertrag. Oder soll ich einer Frau, die ihren Sohn erhängt in seinem Zimmer aufgefunden hat und immer noch sehr darunter leidet, eine Mitgliedschaft in einem Tierschutzverein andrehen "Na ja, wenn Ihr Sohn doch tot ist, haben Sie ja auch weniger Kosten, dann können sie sich die 10 € doch locker leisten"? Nach diesem Anruf habe ich beschlossen, endgültig da aufzuhören.

Wohlgemerkt, die Arbeit an sich hat mir sehr viel Spaß gemacht. Die Kollegen waren im großen und ganzen auch ziemlich nett, wir haben natürlich auch viel gelacht. Aber ich habe auch von Anfang an gesagt, ich werde den Job mit bestem Wissen und vor allem Gewissen ausführen. Wenn es aber mal soweit kommen sollte, dass ich mir selbst nicht mehr in die Augen sehen kann, weil ich irgend jemanden gelinkt habe, dann höre ich auf. Und dieser Zeitpunkt war nun gekommen. Ich hatte zwar noch niemanden gelinkt, aber meiner Meinung nach (das ist auch die Meinung der Anderen) wurde genau das wurde hier von mir verlangt.

Montag abend (ich musste mir diesen Tag freinehmen, weil der Kindergarten meines Sohnes geschlossen war) rief mich eine Kollegin an und meinte: "Sag nicht, dass Du das von mir hast, aber ich habe gehört, wenn Du morgen keinen Vertrag schreibst, sollst Du die Kündigung erhalten". Und das nach gerade mal 2 1/2 Wochen, wo doch in den ersten 4 Wochen niemand etwas sagt, wenn es nicht so klappt. Aber ich kam den Chefs zuvor. Am nächsten Tag habe ich meine Kündigung abgegeben - tja, und nun warte ich auf mein Geld.

Alle anderen haben gestern ihre Gehaltsschecks bekommen. Ich bin natürlich auch sofort hin und hörte: "Da kommen Sie jetzt 1 Sekunde zu spät, der Chef ist gerade weggefahren, er musste dringend weg." Ich sagte: "Seltsam, ich habe ihn gar nicht gesehen, ich stehe schon seit 10 Minuten vor der Tür." Tja, er sei auf jeden Fall weg. Als ich zu meinem Auto kam und das meinen Kolleginnen sagte, meinten sie, sie hätten den Chef aber die Treppe hoch in die Wohnung gehen sehen. Na ja, ich bin auf jeden Fall nach Hause gefahren und habe nachmittags angerufen und gefragt, wann ich denn den Scheck abholen könnte. Mir wurde mitgeteilt: "Du kannst sofort kommen." Ich fuhr 2 Stunden!!! später hin - der Scheck war seltsamerweise nicht aufzufinden. Auf telefonische Nachfrage beim Chef wurde mir mitgeteilt, er sei wieder mal weggefahren und hätte aus Versehen den Scheck eingesteckt. Hahaha. Sie wollten ihn mir per Post zuschicken. Aber wer weiß, ob er da überhaupt ankommt. Dieser Firma traue ich mittlerweile wirklich alles zu.

Also rief ich heute morgen da an. S. war am Apparat. Ich sagte, ich wolle heute Abend oder morgen früh den Scheck abholen kommen. Er meinte: das ist schlecht. D.D. ist jetzt nicht da. Ich sagte, ich würde ja auch erst abends kommen und bis dahin sei der Scheck doch da. S. sagte: Na klar, dann können Sie gerne kommen. Ich blieb weiterhin freundlich, obwohl ich innerlich total kochte. Ich sagte nur: "Ich war jetzt schon 2 mal da und habe auch schon 2 mal angerufen. Ich hoffe, dass ich den Scheck heute abend auch wirklich bekomme." S. meinte: "Ich weiß gar nicht, was wir Ihnen getan haben, dass Sie jetzt so, so, so ....." Ich sagte, ich wolle einfach nur meinen Scheck haben, sonst gar nichts und wünschte ihm einen schönen Tag.

Tja, und jetzt bin ich mal gespannt, wie das heute Abend weiter geht.

Bitte versteht mich nicht falsch, ich finde den Verein, für den wir geworben haben, wirklich klasse - SOS Arche 2000 Tier- und Umweltschutz.

Es geht mir hier wirklich nur darum, die Machenschaften des Call-Centers, das für diesen Verein wirbt, aufzuzeigen. Vielleicht sollte man auch der Arche 2000 mal mitteilen, was da so abläuft. Es gibt bei den Leuten letztendlich ja auch ein schlechtes Bild von der Arche 2000.

LG und ich hoffe, dass Ihr nicht auch an solch dubiose und skrupellose Call-Center-Chefs geratet.

Ellen


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Smita

Smita

06.11.2003 22:18

Tja, man muss halt wirklich hinter dem stehen können, was man macht, mir ging's ähnlich, mir hat nur das Produkt irgendwann nicht mehr gepasst aber die Tage werd ich da auch noch einen Bericht zu abliefern. Hast du deinen Scheck eigentlich bekommen? Liebe Grüße, Smita

DerkleineTiger

DerkleineTiger

03.07.2003 13:05

Hi, das ist ja wirklich hammerhart. Ich weiß nicht, ob ich da so ruhig hingenommen hätte. Ich kann nur für Dich hoffen, dass Du Dein Geld bekommst, was ich aber ganz ehrlich gesagt bezweifle. Droh denen dann gleich mit Arbeitsgericht vielleicht hilft es. Ich drück Dir die Daumen.

PublicEnemy

PublicEnemy

02.07.2003 15:52

Meine Fresse! Du hättest schon verschwinden sollen, als du diesen "Empfangsraum" gesehen hast! Das ist ja mehr als dubios! =) GReets

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