Die dänische Pantomime

1  04.04.2006

Pro:
Jürgen

Kontra:
ich

Empfehlenswert: Nein 

Krischan.B

Über sich:

Mitglied seit:11.10.2003

Erfahrungsberichte:7

Vertrauende:4

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Studium
Kastenförmige Brille, untersetzt, Seitenscheitel mit tiefem Ansatz, kurz vorm "comb-over" und inhaltliche Gliederungen mit achtundzwanzig Unterpunkten. Das waren die Merkmale meines Marketing-Dozenten. Promoviert, selbstverständlich, es blieb ihm keine Wahl, denn draußen bei "uns" wollte ihm nie jemand eine Stelle geben.
Hauptinteressengebiet waren die mathematischen Aspekte des Marketings, und sein Herz hatte er besonders an die vielen, von der Getränkeindustrie bereitgestellten Zahlen verloren.

Dr. Fulda (nein, so heisst der nicht, ist aber nicht weit von da) hat mich und meine Kommilitonen dann darüber aufgeklärt, dass Dosenbier in der Hauptsache für Arbeitslose, sozial vereinsamte Kreaturen hergestellt wird. Damit war der Mann vom der belächelten Kreatur fast schon zum Feindbild aufgestiegen, denn ich bin überzeugter Dosenbiertrinker. Das Getränk in der handlichen Verpackung wurde zum running gag jeder Vorlesung. Ein guter Freund, der heute die Marketing-Abteilung einer grossen Brauerei leitet, hat mir damals den schönen Titel "Marketing-Hauptzielgruppe und Höchstmengenverwerter" verliehen - und immer dafür gesorgt, dass die Versorgungskette steht.


1998, Jamaica
Schöne Insel, Wahnsinns-Urlaub. Mit Claus. Der ist Bauer und versteht etwas davon, von dem zu leben, was das Land hergibt.

Jamaica hat Marihuana, Zuckerrohr, Bananen, Bauxit und Harry Belafonte.
Nicht wirklich viel, aber es geht. Einigermassen.
Und aus dem Bauxit werden meine Dosen, irgendwann - ich gönn' Ihnen die Einnahmen, obwohl ich vor Ort natürlich Red Stripe aus der Flasche trinke.


2001, Jürgen
Der ist durch die Hintertür so mit hereingerutscht. Und ich hab' ihn erstmal gar nicht so bemerkt. Er hatte ja auch einen Anzug an. Und plötzlich mischt er mit. Zum ersten Mal bei Dingen, die mich betreffen.


Januar 2003, GAU
Wie bei allen Problemen, habe ich auch bei diesem gedacht, dass es durch Nichtbeachtung weggehen würde - und bin wie jedesmal gescheitert. Und nun stehe ich im Sky Markt bei mir zu Haus auf Fehmarn - Fachleute sprechen das übrigens "Sküh" aus, und ich soll für meine Bierdosen Pfand bezahlen. Geht ja gar nicht.
Warum nicht? Weil ich mich so ungern gängeln lasse. Edukation
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Paradiesisch
vor Regulation!

Zurück an die Kasse.
Und nun? Kurze Diskussion mit der Dame an der Kasse, die zeigt aber kein Erbarmen. Ich soll zahlen. Deutschland - wenn sich hier einer im Recht glaubt, ist alles vorbei. (Der Spiegel hat einmal geschrieben "In Deutschland würde so mancher Oberkellner für den Grundsatz ,draussen nur Kännchen' vor des Verfassungsgericht ziehen").
Ich weigere mich standhaft und werde aufgefordert, die Dosen zurückzukarren. Mache ich dann auch, murrend.


Undercover
Der Supermarkt ist voll von dänischen Mehrwertsteuertouristen - alles Brüder im Geiste, die sich zu Haus nicht gängeln lassen wollen und deswegen mit den Füssen abstimmen, gegen Mehrwert-, Luxus- und sonstwelche Steuern. Sie haben gute Laune und der Bierkauf im grenznahen Ausland ist ein kulturelles Erlebnis.
Neiderfüllt schleiche ich um die Dänen und frage mich, wie sie die Kontrabande wohl aus dem Supermarkt herausbekommen.
Flugs belade ich den Einkaufswagen mit unverdächtiger Ware und reihe mich geschickt hinter einem dänischen Ehepaar mit einer gigantischen Wagenladung Alkoholika ein. Und siehe da - vom fachlich geschulten Personal des Marktes als Dänen erkannt werden sie konsequent geduzt und müssen kein Pfand bezahlen. Aha.


Beschaffung in Sachen Jürgen
Schnell nach Haus gefahren, aus dem Schrank das T-Shirt von Harley Davidson Aarhus gekramt und wieder los, Einkaufen bei Sküh.

Der Supermarkt hat sich voll auf die dänischen Kunden eingestellt. Man sieht genau, was den Dänen gefällt: Haarspray, Schnaps, Wein, Sekt, Bier, CD-Rohlinge und ein paar Sorten Brause. Haribo hat sogar ein Auslandswerk in Faxe, die machen Lakritze in allen HKS- und Pantonefarben, die es gibt.
Alles ganz übersichtlich in Kronen ausgepreist.

Die Mission beginnt damit, dass man den "richtigen" Einkaufswagen nehmen muss: Fehmarn hat eine Zwei-Klassen Gesellschaft. Der eine Teil nimmt den Einkaufswagen, den jeder kennt, die Klasse, der ich mich jetzt ideologisch verbunden fühle, nimmt einen Apparat, der unten vier Rollen hat, und direkt über diesen Rollen eine hölzerne Plattform. Am einen Ende ist dann ein Metallbügel angebracht, an dem hängt ein klitzekleines Körbchen. Da rein kommen üblicherweise: vier Scheiben Zungenwurst, ein Deo, sechzehn Beutel Bonbons und sechs Flaschen brand-süsser Likör (Dooleys, Kirsberry etc.). Der reichliche Speicherplatz auf der Holzplattform wird dann mit Bierpaletten beladen.

Rechts der Eingangspforte steht ein Gestell, in dem der wöchentliche Werbewahnsinn ausliegt (im Druckerjargon: Fresszettel). Wer hier zugreift, hat schon verloren. Links der Tür steht nämlich noch ein Ständer, das sind auch Fresszettel drin, aber die richtigen. Die sind auf dänisch, werben nur für Alkohol und haben alle Preise fix und fertig in Kronen, die Euronen werden in Kleinschrift dazugeliefert. Und den muss man auf der Mission dabei haben.

Ab in's Dosenwunderland. Giraf, gelb gepunkt, Nykøbing Blå, Harboe in schicken goldenen Dosen. Hach. Erlebniseinkauf. Oh, da gibt's Sommerbier aus Maribo, und Elefant in der klassischen Darreichungsform: Hallido (Halbliterdose). Slots ist auch noch da. Prima.

Genüsslich fülle ich meinen Wagen mit bunten Proleten-Pralinen.

Und jetzt noch schnell zwei Mal dänische Grüne Brause oben drauf. Faxe Kondi heisst das Zeug und ist laut Werbung für "Hjærne og Muskler" (Hirn und Muskeln). Hab' ich beides nicht genug, ist also ein guter Kauf.
Drin sind Fruchtzucker, reichlich Koffein und ca. sechzehn e-Nummern. Damit ist das Zeug ein enger Verwandter des berühmten HeLa Ketchup aus der Fettkartusche und ein Geheimtip unter Kennern.


Die Pantomime
Federnden Schrittes geht es Richtung Kasse. Hier trennen sich Jungs von Männern, den man(n) muss Nerven haben um die Einkäufe pfandbereinigt raus zu schaffen.
Erstmal wird in sicherer Distanz Aufklärungsarbeit betrieben.
Leere Kassen ohne Schlangen sind nicht gut.

Man lungert in der Nähe der Kasse, über der das grosse Schild mit dem durchgestrichenen Dan-Kort (eine dänische Kreditkarte) hängt und wartet bis sich etwas Kundenverkehr anstaut.

Jetzt muss man blitzschnell handeln - mit einer seitlichen Aldi-Einzwäng-Grätsche platziert man sich zwischen zwei deutsche Normhaushaushaltseinkäufern, die sich auf einen Krieg oder eine Dürreperiode vorbereiten.
Die unfreundlichen Pöbeleien darf man als Wahl-Däne gern ignorieren, denn dazu reicht das Deutsch ja nicht.

In Sichtweite der Kassiererin ostentativ den dänischen Fresszettel lesen und dabei gierig zu gucken.

Das Förderband rollt an, der ordentliche deutsche Voreinkäufer legt geflissentlich den Separationsknüppel hinter seinen Plunder, damit das schmutzige Ausländerzeugs nicht an seinen holländischen Nukleartomaten schubbert.

Mit einem freundlichen Lächeln stapelt man nun so schnell es geht Unmengen Bierpaletten so hoch wie möglich auf das Förderband. Die Kassiererin schreit hektisch "He, das bleibt alles auf dem Wagen!"

Jetzt nicht patzen - ein freundliches "yeah yeah" und weiter stapeln.

"HEY DU, NIMM DEIN BIER DA RUNTER"

Aha, geht doch. So angeduzt nimmt man die erwünschte devote Haltung des unverstehenden Ausländers an und guckt fragend in Richtung Geräuschquelle. Erleichterung im Gesicht der Kassiererin, die jetzt in eindeutiger Zeichensprache die Anweisung erteilt, die Dosenstapelung schleunigst wieder abzubauen.

Geht ruck-zuck, wir Dänen haben ja schliesslich auch Lego erfunden.

Die Dame hantiert mit dem Scanner und wirft mit gekonnter Hand ein Cipboard rüber, auf dem sich die Exportdeklaration befindet.
Natürlich auf Dänisch und Schwedisch. Kann ich nicht. Sie aber auch nicht, macht also nix.
Schön langsam ausfüllen, damit die nachfolgenden Kunden den Stressfaktor durch Gemurmel erhöhen.
Stig-Anders Johannson
Ballerupsvej 264
DK-1463 (mein Geburtstag) København

Unterschrift, Datum und, ........ der letzte Stolperstein, Passnummer. Hab' ich nicht, wegen akutem Mangel an dänischem Pass.
Kein Problem, ich bin ja an der Kasse "mit ohne" Dan-Kort.

"Sechsundachzig Vierundsiebzig" und ein bestimmender Zeigefinger tippt auf das Display der Kasse.

Ich sage zaghaft "Dan-Kort" und die die Kassiererin droht zu explodieren. "Hast Du das nicht gesehen????" Fuchtelt in Richtung Schild.

Lächelnd fange ich an ganz umständlich Euronen zusammenzusammeln - ein Aufatmen geht durch den hinter mir entstandenen Stau.

Die Kasse geht auf, ich lade die erworbenen Schätze auf die Plattform - und jetzt komt die letzte Klippe: "Du musst hier noch Deine Passnummer eintragen!"

Ich sehe fragend zur Kassiererin - und sie sagt der Verzweiflung nahe: "Passport".
Ich lächle sie an und sage: "Aaaaahhh, Passort - de er en Bil!" (Keine Ahnung, ob das dänisch ist, hört sich aber so an).

"Den holst Du jetzt und dann bist Du aber gleich wieder hier, ja!"
"Yeah Yeah" (das sagen wir Dänen wirklich gern)

Und ab, mit gedrehtem Kopf, der Mann mit dem Zeitungs- und Lottoladen hinter den Kassen ist bei meiner Mutter im Golfclub, der muss das ja nicht mitkriegen.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
sebering

sebering

06.08.2008 19:39

"Hjærne og Muskler" wäre dann auch was für mich .....

mozarteum

mozarteum

05.02.2007 13:28

jetzt behaupte noch mal einer, dass es keine abenteuer mehr gibt ... .-)) lg mozarteum

LoewieLoew

LoewieLoew

25.05.2006 22:13

Witzig, das ist ja mal ein ganz anderer Bericht ;-)

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