Hand aufs Herz. Ich hab keine Ahnung, wer die alte Sitzbank in unserem Stiegenhaus abgestellt hat. Nein, ich wohne nicht in den Slums. Mein Wohnhaus ist ein ganz normales gutbürgerliches Wohnhaus, in dem sich sogar ein Zahnarzt seine gut besuchte Praxis etabliert hat. Oder zumindest war es das bis vor kurzem. Bis eben jemand auf die originelle Idee gekommen ist, diese Sitzbank nebst Tisch, 2 betagten Röhrenmonitoren und einer cpu in unserem Stiegenhaus zu entsorgen. Inzwischen hat die Sitzbank sogar eine pinkfarbene Decke mit deutlichen Blutflecken dazubekommen. So steht die ungeliebte Verlassenschaft seit etwa zwei Wochen ziemlich unmotiviert herum und langsam gewöhnen wir uns an diese seltsame Installation.
Aber gestern hat die Sitzbank plötzlich ihren Platz unter den Postkästen verlassen und fand sich dafür an etwas geschützterer Stelle neben dem Abgang zum Keller."Da scheint wer zu übernachten", sag ich zu Tam.
Wir sind gerade auf dem Weg zum "Starbucks". Neulich haben wir einige Stunden im spätsommerlichen botanischen Garten verbracht und dabei viele Fotos gemacht. Jetzt wollen wir es uns bei einem Chai Tea Latte gemütlich machen und die Bilder auf Tams neuem Subnotebook Marke msi wind ansehn und besprechen."Wer sollte denn da übernachten?!", fragt Tam.
"Naja, ein Obdachloser halt. Schließlich hat er es hier sicher besser als in der Gruft (Anm. für Nichtwiener: eine Übernachtungsstelle für Obdachlose in der Krypta einer Kirche), solang er nicht entdeckt und rausgeworfen wird. Und die Nächte fangen jetzt schon an, ziemlich kühl zu werden. Also mit Übernachten auf der Parkbank ist's langsam vorbei."
"Warum hat er es hier besser als in der Gruft?"
"Was glaubst du, wie es dort stinkt - viele sind betrunken, tragen ihre Kleidung schon lange ungewaschen, riechen nach Zigaretten, unsauberer Unterwäsche, die Socken und Schuhe werden nicht gewechselt. Außerdem dürfen sie dort keinen Alkohol trinken. Es gibt vielleicht Streitereien um Schlafplätze oder sonst was und es ist laut - viele werden beim Schlafen schnarchen, husten, stöhnen… Glaub mir, lustig ist's dort sicher nicht…"
"Schon klar."
"Und du denkst, da kommt einer rein und schläft hier? Wie soll er denn reinkommen?"
"Wenn er eine halbwegs glaubhafte Geschichte hat, würd ich ihm wahrscheinlich auch die Tür aufmachen. Hab ich dir nicht erzählt, was ich einmal erlebt hab bei einem Date?"
"Nein."
"Humorvoll, einfühlsam, gebildet, unkompliziert"
Meine Gedanken gehn zurück zu einem kalten Februarabend vor zweieinhalb Jahren. Damals war ich unfreiwilliger Single und auf Partnersuche. Über Parship, wo ich zu dieser Zeit registriert war, hatte mich ein Mann kontaktiert. Sein Profil klang vielversprechend. Er war Diplomingenieur, geschieden, Nichtraucher, kinderlos und bezeichnete sich als humorvoll, unkompliziert, einfühlsam, gebildet und kultiviert. Klavier spielen konnte auch noch. Was will frau mehr? Altersmäßig war er einige Jahre jünger als ich.Parship war nicht meine Lieblingssinglebörse. Ich hatte über dieses Forum die seltsamsten Typen kennen gelernt - vom Latex-Haut-Fan bis zum Juristen mit den zittrigen Händen, der offenbar kein gar so kleines Alkoholproblem hatte. Darüber konnte auch nicht hinwegtäuschen, dass er zu unserem ersten Date mit einer roten Rose ankam, die ich dann den ganzen Abend mit mir herumtragen musste…
Und die, die weder Alkoholprobleme noch schräge sexuelle Vorlieben hatten, die ich nicht teilte, waren fast alle konservativ, vollbärtig, mollig und langweilig - also absolut nicht mein Typ.Ich erwartete mir nicht allzu viel von diesem Mann. Humorvoll, einfühlsam, gebildet und kultiviert klang zwar gut, aber unkompliziert heißt meist oberflächlich, mittelmäßig, "positiv denken"-Masche, wenig tiefsinnig, wenig intellektuell… Ich bevorzuge jedenfalls die komplizierten, schwierigen Typen, die immer für Überraschungen gut sind, und mit denen es einer wie mir kaum je fad wird.
Aber egal, es war Freitagabend, ich war einsam und wollte es zumindest ein, zwei Stunden nicht sein. Ich traf mich damals sehr schnell und relativ wahllos mit den verschiedensten Typen - nur um der Einsamkeit daheim zu entgehn.Xaver, so hieß der Mann, wollte mich in den Twin Towers treffen. Das war sein Vorschlag. Die Twin Towers sind ein großes Bürogebäude mit Shoppingcenter im 10. Bezirk am Stadtrand von Wien. Ich kannte sie bisher nur vom Vorüberfahren.
Xaver hatte mir am Telefon erklären müssen, wie man dort hinkommt - mit dem Bus 65 a.
Wir hatten nämlich ein einziges kurzes Telefongespräch, nachdem wir einige belanglose Mails gewechselt hatten.Er sagte, in den Twin Towers sei nämlich eine hübsche Bar, von der man einen wunderbaren Blick habe. Dort wollte er hin mit mir.
Schminken, passende Kleidung aussuchen - das alles war bei diesem meinem 72. Date schon Routine. Manchmal schien mir, als ginge ich wie zu einem Job, wenn ich aufbrach, um all diese Männer zu treffen.
Bestellt und nicht abgeholt
=Unser Treffpunkt ist das Café "Mango's" in den Twin Towers. Pünktlich um 20 Uhr bin ich dort, setze mich, bestelle und schlürfe dann genüsslich meine heiße Schokolade, um mich aufzuwärmen.
Irgendwie mag ich die Welt der Shopping Center. Zumindest gelegentlich. Und wenn ich nicht, so wie jetzt, allein in einem Lokal sitzen muss. Meine heiße Schokolade ist längst ausgetrunken. Wer aber immer noch nicht gekommen ist, ist mein Date. Ich sitz ungemütlich herum, beobachte die andern Gäste, die sich alle im Gegensatz zu mir gut amüsieren, denke langsam ans Heimgehen und ärger mich. Aber bei den Dates mit Internetbekanntschaften gibt's ja nichts, was es nicht gibt.Bestellt - und nicht abgeholt, so fühl ich mich. Und dafür bin ich noch so weit in Wien herumgefahren, in einen fremden Stadtteil, wo ich nur selten bin und mich nicht auskenn! Enttäuscht zahl ich mein Getränk und will gerade aufbrechen, da kommt eine sms - von Xaver. Nanu? Der ist bitterböse… Wenn ich schon nicht zum Date erscheine, hätte ich doch wenigstens absagen können, schreibt er.
Na witzig… Seine Telefonnummer ist unterdrückt, ich kann also nicht zurückrufen, um zu sagen: "He, ich bin ja eh da…" Blöde Situation. Der liebe Gott hat uns zwar Handys gegeben, aber ohne die betreffende Telefonnummer kann man sie nur bedingt gebrauchen - etwa als Wurfobjekte… Xaver hat mir seine nicht verraten. Der ist wohl auch misstrauisch bei Internetbekanntschaften.
Da meldet sich mein Mobile. Und Xaver. Bald stellt sich heraus: Er hat mich einfach übersehn und ist schon wieder unterwegs mit seinem Wagen. Na so was - mich übersehn…!"In 5 Minuten bin ich wieder da", verspricht er.
Zur Sicherheit geb ich ihm noch eine genaue Beschreibung meines Sitzplatzes mit auf den Weg. Ein Foto von mir hat er ja schon.Jetzt wird's spannend.
Kurz drauf steht der Xaver wirklich vor mir. Er sieht nicht schlecht aus - schlank, mittelgroß, dunkelhaarig, eine etwas gebogene Nase, lebhafte, dunkle, orientalische Augen, die oft strahlen, Markenklamotten.
Die ersten fünf Sekunden entscheiden
Studien bezeugen, dass sich in den ersten fünf Sekunden einer Begegnung entscheidet, ob ein Typ für dich als (Sex)Partner in Frage kommt oder nicht. Meine Sensoren sagen leider fast immer: njet. So auch diesmal. Na gehts, sag ich enttäuscht zu meinen Sensoren, was habts denn diesmal wieder? Der sieht doch eh ganz jung und knackig aus. Okay, die gebogene Nase gefällt euch nicht, ich weiß. Aber geht's wirklich immer nur ums Äußere?
Meine Sensoren schweigen. Sie haben für diesmal genug gesagt. Meinen sie jedenfalls. Das Urteil ist gesprochen."Darf ich dich einladen? Was hast denn gehabt?", zeigt sich Xaver höflich. Am Telefon hab ich schon bemerkt, dass er einen ausländischen Akzent hat, den ich schwer zuordnen kann, weil er sehr gut deutsch spricht. Offenbar ist er schon sehr lang in Österreich.
"Danke, lieb von dir, aber ich hab schon bezahlt. Ich wollte ja grad gehn."Der Lift bringt uns zur Spitze des Turms. Wir lachen über den missglückten Anfang des Dates und "beschnuppern" uns ein wenig.
Ich versuch immer noch verzweifelt, meine Sensoren mit meiner Ratio zu überstimmen. Aber wann hat die schon viel zu melden gehabt, wenn's um Herzensdinge oder Bodylanguage geht?Die Bar ist schick und der Blick schlicht atemberaubend. Dabei bin ich verwöhnt, weil ich von meinem Dachgeschoßatelier auch über einen großen Teil von Wien seh. Doch mit diesem Panorama kann ich nicht konkurrieren. Ich fühl mich fast wie in einem Flugzeug über Wien-Favoriten schweben, über diese neue Siedlung mit ihren vielen Häusern und Lichtern.
Immer wieder schweift mein Blick hinaus in diese stimmungsvolle Winternacht.Wir trinken Rioja. Ich hab die Auswahl des Weins Xaver überlassen, der offenbar nicht zum ersten Mal hier ist. Er scheint sich gut auszukennen mit dem Weinangebot. Der tief dunkelrote spanische Rotwein ist wirklich lecker, das muss ich zugeben.
"Du hast ja sicher schon bemerkt, dass ich viel jünger bin, als in meinem Profil steht", sagt Xaver freundlich.Ooops. Nein, hatte ich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass er halt "gut erhalten" ist für sein Alter. So naiv bin ich.
Xaver gesteht, er hat sich um fast 20 Jahre älter gemacht, weil er fürchtet, dass sich Frauen außerhalb des Teeniealters eben sonst nicht mit ihm treffen würden.Mich wundert wie gesagt schon gar nichts mehr, was ich so mit "Internetmännern" erleb. Aber da meine Sensoren ihr unumstößliches Urteil bereits gesprochen haben, ist mir das alles auch ziemlich egal.
Rioja und Kerzenlicht
Ich sitz in einer hübschen Bar neben einem Mann, der um einiges jünger ist als ich, trink spanischen Rotwein, erfreue mich am Panoramablick und versuche den Abend zu genießen.Aber ich bin doch etwas irritiert. Dass sich Männer jünger machen, ist mir schon oft untergekommen, aber dass sich jemand um so viele Jährchen älter macht, noch nie…
Ich fühl mich nun irgendwie unsicher neben diesem Mann, der dieses seltsame und mir unverständliche Faible für Frauen hat, die älter sind als er. Eine Rolle, die ich nicht besonders mag. Mit Gleichaltrigen geht's mir wesentlich besser. Die erzählen mir nämlich immer gleich, wie attraktiv sie mich finden und dass ich so jung ausseh. Okay, mag ein Schmäh sein, um zu punkten. Aber ich schmeichle mir, es in ihren Augen zu lesen, dass ich ihnen gefalle und für ein Routinekompliment kommen die Äußerungen meistens zu spontan, wenn sie mich das erste Mal sehn.Ich hinterfrage nicht, was Xaver an Frauen findet, die älter sind als er. Ich bin nicht seine Psychoanalytikerin und möchte es auch nicht sein. Verstehn tu ich das nicht, weil mich Männer, die mehrere Jahre älter sind als ich, nie angeturnt haben. Aber de gustibus non disputandum est.
Vielleicht hat sich Xaver auch eine reife Domina oder starke Powerlady im Businessoutfit vorgestellt und ist deshalb ein paar Mal an mir vorbeigelaufen im Café "Mango's".Ich versuche nun zu eruieren, ob ich ihm gefalle. Es gelingt mir nicht. Wirklich viel deutet nicht darauf hin. Wir unterhalten uns zwar angeregt, lachen viel, lächeln uns an, zeigen uns beide von unseren Schokoladeseiten, aber die berühmten Sterne seh ich nicht in seinen Augen und nie berührt er kurz und wie zufällig meine Hand oder mein Knie und ich hör auch weder plumpe noch ehrliche Komplimente.
Irgendwie spür ich aber mein "Alter" doppelt neben diesem viel Jüngeren. Dass er mich bewusst angelogen hat, finde ich auch enttäuschend. Noch eines dieser langstieligen, zarten Gläser, in denen der Rioja im Kerzenlicht der schummrigen Bar funkelt. Ich trink nicht sehr oft Wein und wenn, dann meistens nur mit Mineralwasser. Daher ist dieser schwere Wein mit seinem nussigen, samtenen Geschmack für mich ein besonderes Erlebnis.
Wir knabbern Nüsse dazu und Xaver erzählt mir von seinem geglücken Leben. Dass er Kurde ist und hier eine Kautschukshandelsfirma mit vierhundert Mitarbeitern hat. Er berichtet davon, wie man guten Kautschuk erkennt, was ihn von schlechtem unterscheidet und erwähnt immer wieder seine große Familie - die vielen Brüder und Schwestern - und lächelt dabei.
Creature of the Night
Ich find ihn sympathisch, aber entdecke wenig Gemeinsamkeiten zwischen uns. Wir leben doch in sehr verschiedenen Welten. Da ist mehr Fremdheit zwischen uns als Nähe, Vertrautes, Seelenverwandtschaft.
Es ist schon ziemlich spät, als mich Xaver mit seinem Mercedes nach Hause bringt. Draußen ist es noch kälter geworden. Schnee liegt auf den Straßen, der Wind ist eisig. Wir sitzen noch eine Weile im Auto an der Ecke vor meinem Haus, plaudern, sagen, "wir hören uns", obwohl wir wahrscheinlich beide wissen, dass es nicht so sein wird.Plötzlich klopft's an die Fensterscheibe. Draußen in der Dunkelheit steht ein heruntergekommen wirkender junger Mann mit längeren, ungepflegten Haaren in gebückter Haltung und murmelt etwas. Der Typ steht in seltsamem Gegensatz zu Xaver in seiner teuren Designermode und seinem neuen Mercedes.
Xaver lässt die Fensterscheibe herunter. Der junge Mann hält ihm zwei wenig saubere Hände entgegen - voll mit kleinen Münzen. "Können Sie mir das wechseln?", bittet er, "Ich brauch zwei Euro für den Zigarettenautomaten." Xaver blickt in seine Geldbörse. Ich bin sicher, er hätte dem Typen die zwei Euro geschenkt. Aber zufällig haben weder er noch ich Euromünzen.
Der komische Typ wankt im Schneesturm davon. Ich fühl ein unerklärliches Unbehagen. Die Scheibe geht wieder hoch. Xaver und ich geben uns die Hand, ein letztes Zulächeln, dann werden wir einander mehr oder weniger vergessen. Ich steige aus dem Mercedes. Xaver braust davon.
Mein ungutes Gefühl meldet sich wieder. Xaver hat mich an der Ecke der Gasse, in der ich wohne, aussteigen lassen, da hier eine Einbahn ist und er wegen einer Frau, die er ohnehin nie wiedersehn wird, wohl keinen Umweg auf sich nehmen wollte. Vielleicht hat er es mir sogar angeboten, aber ich hab abgewinkt und gesagt: "Danke, das passt schon so. Mach dir bitte keine Umstände."Zu meinem Wohnhaus ist es jetzt noch ein kleines Stück zu gehn. Plötzlich steht der ungepflegte Mann wieder neben mir. Er sagt, er friert so und erzählt mir, er sei Freigänger und müsse eigentlich heute wieder zurück in die Haftanstalt nach Gerasdorf in Niederösterreich, hätte aber einen über den Durst getrunken und den letzten Zug verpasst.
"Ich weiß jetzt nicht, was ich tun soll", sagt er. "Wissen Sie nicht, wo ich schlafen kann?"
"Nein, tut mir leid."
"Könnt ich nicht vielleicht bei Ihnen… Ich mach Ihnen keine Umstände, ich leg mich auf den Boden…"
"Nein, das geht nicht", sag ich und komm mir dabei vor wie ein Arschloch.Es ist nach ein Uhr nachts. Kein Mensch ist außer uns bei dieser Kälte auf der Straße. Ich hab ein mulmiges Gefühl bei diesem Häftling, der immer noch neben mir her läuft.
Mein Mitleid mit diesem Mann, der offenbar kein glückliches Leben erwischt hat, mischt sich mit Unbehagen. Wir nähern uns dem Tor meines Wohnhauses.
Da muss ich jetzt durch, was immer auch geschieht. Komischerweise bin ich ganz ruhig und rede freundlich und verständnisvoll mit dem Mann, um ihn nicht irgendwie zu provozieren.
"Es ist am besten, Sie gehn zur Polizei. Gleich nebenan ist ein Wachzimmer. Die wissen sicher Rat und dort können Sie bestimmt auch in Gerasdorf anrufen. Das sollten Sie auf jeden Fall machen, wenn Sie heute dort sein hätten müssen."Die Schlüssel. Ich sperre auf. Nein, es wird schon nichts geschehn. Aber meine Adrenalinwerte sind in diesem Moment sicher enorm. Ich bin auf alles gefasst.
Der Typ sagt: "Bitte können Sie mich nicht ins Stiegenhaus lassen, dass ich dort schlafen kann? Es ist so furchtbar kalt hier draußen.""Es tut mir leid", sag ich, "das geht wirklich nicht."
Ich sperr auf und bin erleichtert, dass das Schloss hinter mir zufällt. Der junge Mann klebt förmlich an der großen, vegitterten Fensterscheibe der Tür und starrt mir ausdruckslos und unbeweglich nach, starrt mir nach und nach und nach… Wieder fühl ich mich wie ein Arschloch."Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan", fällt mir ein. Ich hab versagt. Hier war ein Mitmensch, der friert - und ich lass ihn jetzt draußen im Schneesturm stehn.
In meiner Wohnung ist es angenehm warm und gemütlich. Ich hab Schuldgefühle, aber auch Angst. Ich verriegle meine Wohnungstür und schau einige Male durch den Spion hinaus, halte den Atem an, horche ins unbeleuchtete Stiegenhaus hinaus, aber alles ist ruhig und dunkel. Ich schlaf schlecht in dieser Nacht.
Mit Aufhellblitz wird alles besser
Inzwischen sitzen wir längst im "Starbucks", der Tam und ich. Vor jedem von uns steht ein großer Becher würzig duftendem, heißem Chai Tea Latte und Tam baut gerade seinen msi wind auf.
"Mach dir keine Vorwürfe, du hast das Richtige getan", sagt er. "Du hast sogar noch Glück gehabt.""Ich war einfach überfordert von dieser ganzen Situation. Ich hab mich nicht getraut, ihn ins Stiegenhaus zu lassen. Er hat mir leid getan… Aber der hat den teuren Wagen vom Xaver gesehn und hat mich sicher für den seine Freundin gehalten und vielleicht gedacht, dass es bei mir was zu holen gibt. Ich will ihm ja nichts unterstellen… Ich hatte einfach ein mulmiges Gefühl."
"Du kannst nicht die Verantwortung für die gesamte Menschheit übernehmen. Sei froh, dass du so glimpflich davongekommen bist. Das Ganze hätte weit schlimmer für dich ausgehn können.""Aber wenn er böse Absichten gehabt hätte, warum hat er dann zugegeben, dass er ein Häftling auf Freigang ist?"
"Um zu verblüffen. Er tut, was keiner erwartet, hofft auf den Mitleidseffekt und die Ehrlichkeitsmasche."Ich schlürf etwas von diesem aromatischen, schaumigen Gebräu.
"Und der Xaver? Warum hab ich dem nicht gefallen?""Der Kautschukhandel ist eine der härtesten Branchen. Ich will nicht sagen, dass das Gangster sind, aber was man so hört, geht's da wirklich schlimm zu. Der braucht eine toughe Lady. Dem warst du vielleicht zu sensibel. Außerdem hat er wahrscheinlich gemerkt, dass er dir nicht so toll gefallen hat."
Ich nicke. Das ist ja das Problem, dass man bei Dates kein Feedback bekommt. Aber vielleicht ist das auch gut so. "Frau" kann nicht jedem Mann gefallen, so gern sie das auch möchte. Das ist unmöglich - bei allem Ehrgeiz und aller Eitelkeit.
Ich erinnere mich an diese gewisse Leere, die nach jedem dieser erfolglosen Dates zurückblieb. Ja, ich versuchte, das Ganze zwar möglichst spielerisch und unbefangen zu sehn, aber so ganz gelingt es einem ja doch nicht. Es ist deprimierend, nach einem Date, bei dem man wieder einmal - symbolisch - einen Frosch "geküsst" hat, der ein Frosch geblieben ist, heim zu kommen. Und wie geht "frau" mit dieser frustrierenden Erfahrung um? Sie schaut, dass sie sie möglichst schnell mit einem nächsten Date "zudecken" kann und dann wieder mit dem nächsten und dem übernächsten…Ich lächle Tam, der immer alles weiß und noch dazu so schön logisch und kurz erklären kann, zu und nehme noch einen tiefen Schluck heißen Chai.
Auf dem Display des msi wind taucht das erste Blumenfoto auf. Eine Engelstrompete. Ihre wunderschönen orangeroten Blüten gegen den intensiv blauen Spätsommerhimmel. Eine Farbexplosion von fröhlich-bunter Intensität.Tam richtet den Cursor auf das dichte, dunkle Blätterwerk des Strauchs. "Siehst du, hier hättest du mit einem Aufhellblitz mehr erzielt. Vielleicht solltest du dir das Kapitel noch einmal durchlesen. Warte, ich schreib dir die Kapitel auf, die du lesen solltest. Aber gründlich! Ich prüf dich nachher ab!"
© DMK 9/2008
01.02.2009 15:24
"Parship war nicht meine Lieblingssinglebörse. Ich hatte über dieses Forum die seltsamsten Typen kennen gelernt". Leider tummeln sich dort auch sehr seltsame Frauen, z.B. esoterische Spinnerinnen mit Sektenanschluss, die sich an einsame Männer heranmachen :-((( LG Claudia
14.10.2008 11:18
Klar fühlt man sich nach diesem Ereignis in der Nacht schlecht. Aber seine eigene Sicherheit geht immer noch vor. LG, Stephan
13.10.2008 17:20
Hab ein Wäschestück für dich rausgesucht, mit rosa-Blümelchen drauf :-)