Verliert nie den Glauben an Euch!

2  26.05.2004 (14.06.2005)

Pro:
Viele neue Einblicke, es ist auch ein "Lernprozess"

Kontra:
Bisweilen arg deprimierend, kann am Selbstwertgefühl nagen  .  .  .

Porcupine

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Kleine Anmerkung vorab: Es kann passieren, dass in diesem Beitrag ein wenig Ironie, gar Sarkasmus, durchblitzt, aber ich kann nicht aus meiner Haut, und mein Motto ist, dass sich viele Dinge mit ein wenig Galgenhumor besser ertragen lassen. Das soll die Ernsthaftigkeit des Themas jedoch keineswegs schmälern.

Ausnahmsweise gibt es heute mal einen nicht wirklich lustigen Beitrag von mir, der aber ganz eindeutig ein Erfahrungsbericht ist. Ehrlich gesagt, auf diese Erfahrung hätte ich liebend gern verzichtet, aber man kann sich die Ereignisse im Leben nicht immer aussuchen (Achtung: Gemeinplatz! ;-) ), und so widerfuhr sie auch mir: die Arbeitslosigkeit.

Nein, ich habe meinem letzten Arbeitgeber keine silbernen Löffel gestohlen, auch habe ich immer sehr gern gearbeitet, und ich verfüge über diverse sehr gute Zeugnisse. Die Firma, in der ich meinem Tagewerk nachging, musste schlicht und ergreifend Insolvenz anmelden - und meine Kollegen und ich verloren unsere Arbeit.

Die ersten Tage nach der Kündigung waren wohl noch geprägt vom Schock, der mich ereilt hatte, auch dachte ich: "Du wirst sicher bald wieder Arbeit finden." Daher ließ ich die Misere gar nicht wirklich an mich heran. Am darauffolgenden Wochenende erst hatte ich richtig Zeit, über meine Situation nachzudenken (da musste ich auch nicht an meinem damaligen Noch-Arbeitsplatz sitzen), und es war eines der deprimierendsten Wochenenden, die ich je erlebt habe, wurde mir die Tragweite der Situation während der Zeit der "Muße" doch mit voller Härte bewusst. Vor der Arbeitslosigkeit hatte ich immer große Angst gehabt, und so saß ich an jenem Sonntag wie gelähmt herum, weinte immer wieder, und nicht einmal mein Freund konnte mich trösten.

Zum Glück kann ich mich immer wieder schnell aufraffen, und so suchte ich fortan fleißig nach geeigneten Stellen, denn noch immer geisterte der Satz: "Du wirst sicher bald wieder Arbeit finden" durch meinen Kopf. Etwas ernüchtert war ich schon, als ich bereits von Anfang an sah, dass Stellen in meinem Bereich eher knapp gesät waren, was noch sehr euphemistisch ausgedrückt ist, aber ich bewarb mich für die wenigen geeigneten Angebote.

Gespannt raste ich jeden Morgen zum Briefkasten, von dem ich meist ernüchtert zurückkehrte: Entweder gähnende Leere oder Absagen. Viele Arbeitgeber ließen auf meine Bewerbungen hin von vornherein gleich gar nichts von sich hören, andere teilten mir mit, dass die Stelle bereits vergeben sei (okay, das ist ja durchaus legitim ;-) ) oder, recht arrogant, dass man dafür einen Hochschulabschluss brauche. Diese Absage hat mich mehr amüsiert als verärgert, denn sie stammte von einem Übersetzerbüro, einem Unternehmen, das auf den Umgang mit Sprachen spezialisiert ist, und dann beherrschen sie nicht einmal Deutsch, können nicht lesen? ;-) Mein Hochschulexamenszeugnis war nämlich fein säuberlich in dem Bewerbungshefter abgeheftet (beim Lesen der Absage hatte ich zunächst erschrocken gedacht, ich hätte es vergessen ... ). Auf das Thema "Absagen" komme ich später noch einmal zurück.

Selbstredend war ich auch beim Arbeitsamt gewesen, um mich arbeitssuchend zu melden. Schnell durfte ich feststellen, dass dort bisweilen die rechte Hand nicht zu wissen scheint, was die linke tut. Immerhin bekam ich sehr schnell drei Angebote zugeschickt, für die ich mich auch bewarb. Leider gehörten auch diese potentiellen Arbeitgeber zur Couleur: "Ich reagiere nicht auf Bewerbungen." Danach kam vom Arbeitsamt lange gar nichts mehr ...

Dann war hier in NRW und auch in anderen Bundesländern immer häufiger der Hilferuf von Regelschulen zu hören: "Hilfe! Lehrer händeringend gesucht! Auch Quereinsteiger gern genommen!" Quereinsteiger - das bedeutet, dass die Schulen auch gerne (soso ... ) Hochschulabsolventen der wissenschaftlichen Zweige der gefragten Fächer einstellen würden, also Leute mit einem Diplom oder einem Magister (der ein Diplom ist, das in geisteswissenschaftlichen Fächern eben "Magister" heißt). Von diesen Leuten, so war es allenthalben zu vernehmen, erhoffe man sich unter anderem "frischen Wind". (Der bläst einem dann als Bewerber nur zu oft sehr eisig ins erwartungsfrohe Gesicht, denn offenbar hat man an vielen Schulen noch nichts von dieser Quereinsteigerakzeptanz gehört - doch dazu gleich.)

Da ich einen solchen Magister in Anglistik habe, unter anderem insgesamt zehn Jahre als Sprachen- und Förderlehrerin gearbeitet habe, und da Englisch als "Mangelfach" eingestuft ist, für das man besonders verzweifelt Lehrer suche, schrieb ich Bewerbungen auf die ausgeschriebenen Stellen, bis mir annähernd die Finger glühten. Und siehe da! Ich bekam insgesamt zwei Termine für Vorstellungsgespräche! Leider wurde daraus nichts, denn vor dem ersten (NRW) fand sich noch ein Lehramtsabsolvent, der vorgezogen wurde - was auch völlig legitim ist und mein vollstes Verständnis trifft. Schließlich hat ein Studienrat eine spezielle Ausbildung fürs Lehramt. Allerdings erfuhr ich auf Anfrage, dass dieser Arbeitnehmer Mathematik und Physik auf Lehramt studiert hatte, jedoch nicht Englisch ... Das verblüffte mich dann doch etwas. Aber nur etwas - ich schwöre es ... ;-)

Der zweite Termin, diesmal in Niedersachsen, platzte wenige Tage vor dem vereinbarten Datum, als ich bei der zuständigen Stelle anrief, da ich den Termin noch einmal bestätigen sollte. Man druckste arg herum und teilte mir schließlich mit: "Äääh, den Termin müssen wir leider aufheben, denn Sie haben ja nur einen Magister." "Nur"? Wie meinen? Nun ja, mit dem Vorurteil, ein Magisterabschluss sei weniger anspruchsvoll als ein Staatsexamen, war ich schon vertraut. ;-) Mal abgesehen von dieser völlig falschen Annahme war ich extrem verärgert, denn dass ich diesen Grad habe, war den Herrschaften doch schon aufgrund meiner Bewerbung ersichtlich gewesen! Warum luden sie mich erst ein?

Der langen Rede kurzer Sinn: Von etwa 60 Bewerbungen allein im Bereich Schule bekam ich immerhin zwei Vorstellungstermine (gut, sie sind geplatzt, aber immerhin) - ansonsten nur Absagen, wenn überhaupt! Viele Schulen machten sich nicht einmal diese Mühe. Der Tenor der Absagen variierte: Teils teilte man mir in arrogant anmutender Art mit, dass ich ja nicht qualifiziert sei. (Ach! Aber ein Mathe- und Physiklehrer ist für das Fach Englisch qualifiziert, nur weil er generell auf Lehramt studiert hat? Jemand, der den umfassenden wissenschaftlichen Zweig dieses Faches gewählt hat, nicht? Wieder etwas gelernt ... ) Oder die Stelle sei gestrichen worden - die dann kurz darauf wieder in der Ausschreibungsliste auftauchte ... Einigen Bekannten von mir, darunter zwei Diplom-Mathematiker und ein Diplom-Physiker, ist es nicht anders ergangen. Von vielen Schulen bekam ich nicht einmal meine Unterlagen zurück - aber ich horte ja auch wahre Reichtümer, und da fallen die Kosten für Bewerbungsmaterial ja nicht wirklich ins Gewicht, oder?

Dann aber hatte ich tatsächlich noch mehrere Vorstellungsgespräche, allerdings im außerschulischen Bereich. Die verliefen durch die Bank sehr angenehm, aber dafür kann man sich leider auch nichts kaufen, wenn, nur eines von mehreren Beispielen, andere Bewerber auf eine Stelle im öffentlichen Dienst da sind, deren letzte Stelle schon im öffentlichen Dienst war. Meine letzte Stelle war es leider (so muss ich mittlerweile sagen) nicht, und so bekam ich zwar ein sehr gutes Feedback, als man mir telefonisch mitteilte, ich sei leider nur auf Platz zwei gelandet, aber eine Stelle hatte ich immer noch nicht. Dennoch: Diese Feedbacks haben mir Auftrieb gegeben, und das ist sehr wichtig. Warum?

Das ist einfach gesagt: weil man während der Arbeitslosigkeit des öfteren das heulende Elend bekommt. Das hängt von der jeweiligen Tagesform ab. Anhand des Themas "Absagen" möchte ich das erläutern.

Man geht zum Briefkasten und findet wieder einmal einen großformatigen Brief, der ganz eindeutig eine Bewerbungsmappe enthält. Und zwar die eigene. ;-) An manchen Tagen sagt man sich: "Tja, Pech gehabt - es hat wohl nicht sollen sein." Es berührt einen zwar, aber man ist optimistisch und lässt sich nicht umwerfen. "Nicht aufgeben!" heißt die Devise, und so schreibt man dann eben weiterhin Bewerbungen. Irgendwann wird es klappen!

An anderen Tagen jedoch sieht das Szenarium ganz anders aus: Schon beim Anblick des geschlossenen Briefumschlags hat man ein Gefühl der Beklommenheit, fühlt einen Kloß im Hals. Liest man dann gegebenenfalls noch eine recht desinteressiert und indifferent verfasste "Serien"-Absage, laufen dann auch schon mal die Tränen. Und das passiert auch noch nach der x-ten Absage.

Man fängt an, an sich selber und den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln, und je länger die Situation andauert, um so schlimmer kann es werden. Kann, muss nicht. Ich verfahre in solchen Momenten immer so: Ich mache einen ausgedehnten Spaziergang, ich höre Musik, die mich auf andere Gedanken bringt, oder ich lese ein Buch, das eben dieses auch vermag. Ich weiß, das sind keine Patentrezepte, aber mir helfen diese Tätigkeiten, nicht den Mut zu verlieren.

Verliert nie den Bezug zur Realität, wenn Ihr arbeitslos geworden seid - Ihr seid nicht schlecht! Die dummen Selbstzweifel gehören sonstwohin, aber nicht in Euren Kopf. Und verliert nie den Glauben an Euch selbst - das ist nur schädlich und lähmend. Und lähmen lassen sollte man sich nie, schon gar nicht in einer solchen Phase. Ich weiß, das ist leicht gesagt ...

Und auf Stammtischparolen sollte man auch nicht hören. Mich macht es zwar auch immer wütend, wenn ich höre: "Wer arbeiten will, findet auch Arbeit!", aber ich reagiere auf so etwas nicht mehr wirklich. Einige Zeitgenossen scheinen keine Zeitung zu lesen - an ihnen scheint völlig vorbeigegangen zu sein, wie es auf dem Arbeitsmarkt aussieht. Sicher, es gibt Arbeit, aber nicht jeder kann jede Arbeit ausführen. Das wird leider von unseren "Stammtischfreunden" oft vernachlässigt ... ;-)

Was ich in dieser ganzen Phase festgestellt habe, ist, dass eine solche Erfahrung nicht ausschließlich negativ ist. Es klingt komisch, ist aber durchaus wahr. Einige Lebenseinstellungen haben sich bei mir geändert, zum Beispiel bin ich etwas ruhiger und überlegter geworden. Ich kann nicht behaupten, dass dies ein Nachteil sei. :-)

Dennoch werde ich froh sein, wenn ich in hoffentlich absehbarer Zeit wieder eine Arbeit habe, denn trotz aller Beschäftigungen (u.a. dem Erteilen von Nachhilfe/Sprachunterricht im Rahmen meines "Freibetrages") ist es doch recht öde, ohne eine solche zu sein ...

Nachtrag: Keineswegs wollte ich mit diesem Beitrag Schulen per se schlecht machen - ich habe hier nur meine Erfahrungen damit zusammengetragen. :-)

Ich wünsche euch allen alles Gute, liebe Grüße, Almut

P.S.: Selbstredend ist Arbeitslosigkeit an sich nicht empfehlenswert, daher meine Bewertung.

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hps_48

hps_48

25.03.2007 22:15

- na, komme ich nach Jahren überhaupt noch an ? Die einzige Lösung steht in Deinem ersten Satz. Nach meinen beiden Berichten sehen mich die Leute als Ulknudel; recht so. Die Kommentare waren eine schöne Bestätigung! Mit vier Berufen und -zig Tätigkeiten befand mich diese noble Gesellschaft als zu alt. Und das seit 16 Jahren. (mit kleinen Unterbrechungen). Für über 58-jährige gibts vom Arbeitsamt den Jagdschein; nennt sich § 143, oder so. Ich werde verwaltet. Aus. Darf mich z.B. sehr lange entfernen. In Kärnten fand ich Anerkennung, wie lange nicht! Bald engültig "Tschüß", du Scheiß-Deutschland. Den Genossen des zum Glück verflossenen Staates gelang es nicht, mich aus meiner Heimat zu vertreiben!! Peter

innocence667

innocence667

06.02.2007 15:52

ich find den Bericht toll, weil er durch und durch nachvollziehbar ist und ein Thema behandelt, dass heute nicht mehr nur den Philosophieabsolventen vorbehalten ist........

huhuichbins

huhuichbins

26.04.2006 10:14

ja in deutschland mangelt es wirklich an flexibilität die doch *von oben* immer so schön gefordert wird...das hängt jedoch nicht immer an den *bösen* arbeitslosen die ja sowieso nix schaffen wollen, sondern an unserem starren system in dem nur noch gejammert aber nix verändert wird. entweder ist man über oder unterqualifiziert...dazu hat man dummerweise vielleicht auch noch ein kind...um gottes willen neee!!!! ich hatte bisher in dieser hinsicht glück, kenne aber genug andere die das selbe durchmachen mußten wie du...lg andrea

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