Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
interessante, begabte Persönlichkeit mit Charisma, guter Oppositionspolitiker |
| Kontra: |
rigorose Zuwanderer - und Ausländerpolitik, zu wenig Abgrenzung von rechtsaußen |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Das Telefon weckt mich am Samstagvormittag. So gegen neun. Ich bin noch viel zu müde, um den Anruf entgegenzunehmen. Kurz darauf hör ich die Stimme meines alten Freundes und Kollegen Josi vom Anrufbeantworter: "Habts ihr schon gehört, wer heute Nacht gestorben ist???" Unverhohlene Sensation klingt in seinen Worten mit. Verschlafen schalte ich den Fernsehapparat ein und drücke auf Teletext. Und da lese ich es: Jörg Haider tot… "Wow", gebe ich die Nachricht weiter an meinen Freund Tam, "weißt du, was passiert ist? Der Haider ist gestorben." "Sicher eine Falschmeldung", brummt Tam, dreht sich im Bett um und schläft weiter.
Daran, dass man Freunde zu nachtschlafener Zeit mit der Nachricht vom Ableben eines Menschen weckt, den man nicht einmal persönlich gekannt hat, zeigt sich die Bedeutung einer schillernden Persönlichkeit, die viele Jahre lang eine nicht unwesentliche Rolle in der österreichischen Innen- und Außenpolitik gespielt hat.
Samstag, 11. Oktober 2008 - die Botschaft vom Tod des Kärntner Landeshauptmanns und BZÖ-Chefs verbreitet sich wie ein Lauffeuer durchs Land - und löst selbst bei jenen, die mit der Politik des Rechtspopulisten nicht einverstanden waren, so wie ich, Betroffenheit aus. Immerhin war der "Jörg" eine charismatische, interessante Persönlichkeit, die bei Fans und politischen Gegnern immer wieder für Aufmerksamkeit sorgte.
Obwohl ich im publizistischen Bereich tätig bin und mir daher viele Promis aus Politik und Kultur sozusagen über den Weg laufen, hab ich nie die Gelegenheit gehabt, den Wahlkärntner persönlich zu erleben. Aber natürlich kannte ich ihn aus den Medien, vor allem aus dem Fernsehen und da wieder durch die letzten Diskussionen vor der erst kürzlich erfolgten Nationalratswahl. Das Chamäleon Haider sorgte dabei wieder einmal mehr für Staunen - zeigte er sich doch mit einem neuen Image: Besonnen, abgeklärt, gemäßigt und ruhig präsentierte sich der 58-Jährige in ungewohnter, aber glaubhafter "Altersweisheit". War es die Reife, die manche Menschen vor ihrem Tod ausstrahlen oder einfach berechnende "Kompetenzenteilung" im rechten Lager sprich: Strache soll die radikaleren (Protest-)Wähler ansprechen, Haider die gemäßigten Rechtswähler? Wie auch immer, die Rechnung ist voll aufgegangen. H.C. Strache hat in - für mich - bestürzender Weise gerade die unter 30-Jährigen angesprochen, die mehrheitlich seine FPÖ gewählt haben, Haider konnte mit seinem BZÖ der immer unattraktiv gewordenen ÖVP viele Stimmen abwerben. Zusammen kamen die beiden Rechtsparteien auf beachtliche etwa 30 Prozent der Wählerstimmen.
Unfalltod bei Nacht und Nebel
Man war gespannt, wie es weitergehen würde. Haider hatte ein fulminantes Comeback gefeiert und eine gute Position in den Koalitionsverhandlungen. Seinem Langzeitziel nach einer Machtposition in der Bundesregierung stand er nun näher denn je und schien eine glänzende Karriere vor sich zu haben. Doch dann kommt sein VW Phaeton in einer nebligen Herbstnacht um 01:15 kurz vor der Ortschaft Lambichl bei Klagenfurt auf der Loiblpass-Bundesstraße auf rutschiger Fahrbahn nach einem Überholmanöver ins Schleudern, rammt einen Hydranten, einen Betonsockel, eine Thujenhecke, einen Zaun und überschlägt sich. Die von der überholten Autolenkerin alarmierte Notärztin trifft den Landeshauptmann noch lebend an. Auf dem Transport ins Spital erliegt er aber seinen schweren Kopf- und Brustverletzungen, von denen einige tödlich sind. Die Obduktion ergibt, dass es keine Hilfe mehr für ihn gegeben hätte.
Der tödliche Autounfall eines prominenten, aber umstrittenen Politikers, der vor kurzem zu neuer Macht gelangt ist, ist natürlich ein Thema, das kaum jemanden kalt lässt. Jörg Haider hat trotz seiner 58 Jahre immer sehr jugendlich gewirkt und dies auch in seinem dynamischen Stil, seiner modischen Kleidung und seinem Image betont. Ich habe ihn stets bewundert - nicht für seine Politik, aber dafür, dass er trotz seiner vielen Funktionen und Aktivitäten noch genug Zeit und Kraft fand, sich sportlich zu betätigen. Sei es beim Bergsteigen oder Marathonlaufen. Sein medienwirksamer Bungee-Jump-Sprung war legendär. Ehrgeizig und mutig - so präsentierte er sich gern.
Wenn ich ihn im Fernsehen beobachtete - bei Diskussionen oder Interviews -, war ich immer beeindruckt von der gekonnten Inszenierung seiner selbst. Der Imagewechsel war sein Image. Wie ein guter Schauspieler hatte er das Talent, dass man ihm zuhören und zuschauen konnte, ohne dass es jemals "fad" wurde. Es war immer wieder eindrucksvoll, diese außergewöhnliche Begabung zu erleben. Ich habe ihn nie wirklich laut oder aggressiv sprechen gehört. Ganz im Gegenteil - je eindringlicher seine rhetorischen Angriffe wurden, desto leiser wurde seine Stimme. Und trotzdem - oder gerade deshalb - hörte man ihm aufmerksam zu. Er war der Erfinder des berühmten "Taferls", das er bei einer Fernsehdiskussion in die Kamera hielt - um die Zuschauer von der ihm übertrieben erscheinenden Höhe der Pension eines angeblichen SPÖ-Günstlings zu überzeugen. Ich konnte auch von ihm lernen - etwa sich gegen unangenehme Fragen zu wehren, indem man einfach immer wieder dasselbe wiederholt. Bis dahin hatte mir meine Ethik diesen rhetorischen Kniff verboten. Irgendwann versuchte ich diese Taktik aber selber einmal - und siehe da: Sie funktioniert!
"Der Haider" hatte etwas von einem Popstar. Er zog Blicke und Aufmerksamkeit an sich, wusste, sich medial gut zu präsentieren und lieferte seinen Anhängern das, was sie von ihm erwarteten: Er zeigte wenig Respekt vor den etablierten Politikern, dafür gab er sich so, als wäre er ein Vertreter der Anliegen "des Volkes". Obwohl er in Wirklichkeit steinreich war, empfanden ihn viele als "einer von uns", was er tatsächlich nie war. Er war modebewusst, eitel - bis hin zur Regulierung markanter Zähne und zum eigenen Maskenbildner, von dem er sich vor Fernsehauftritten schminken ließ - und erfreute sich schneller, teurer Autos. Legendär die Fahrt mit dem damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in seinem blauen Porsche. Er kreierte den blauen Schal als Markenzeichen. Sonnenstudios und Designerkleidung waren ihm sichtlich nicht fremd, er achtete auf seine sportliche Figur.
"Einer von uns" - oder doch mehr Popstar?
Komischerweise lieben "die Menschen" derartige Selbstdarsteller, sofern sie mit ihrem Stil und ihrer Persönlichkeit überzeugen: den scheuen, in seiner Märchenwelt lebenden, verschwenderischen König Ludwig II. von Bayern, die sich selbst bis zu Hungerödemen stilisierende Kaiserin Sisi… Ich hab mich immer gefragt, warum es gerade diese ganz offensichtlich narzisstisch gestörten Persönlichkeiten sind, die weit über ihren Tod hinaus nicht nur bewundert, sondern regelrecht geliebt werden. Ihr Leben ist wohl der Stoff aus dem selbst oder gerade die Träume der einfachen Menschen sind: Was ihnen versagt bleibt, leben diese Exzentriker uneingeschränkt aus - nämlich fantasievolle Selbstverwirklichung.
Bei Jörg Haider kommt hier ein zumindest auf den ersten Blick so scheinendes Paradoxon zum Tragen: sein sprichwörtlicher Populismus, der ihn in die ebenso sprichwörtlichen Bierzelte trieb, wo er von seiner zahlreichen Anhängerschaft gefeiert wurde. Er genoss das Bad in der Menge sichtlich und ließ kein Event aus, um sich zu zeigen, darzustellen, "aufzutreten", zu reden, Hände zu schütteln, seinen Fans zuzuprosten… Ob es die Feier seines 50. Geburtstages war, die er stilvoll auf einem eisigen Berggipfel zelebrierte, oder eines jener Volksfeste, die er so gern besuchte, um sich umjubeln zu lassen.
Im Kofferraum seines Wagens fanden sich stets mehrere Kleidungsvarianten - vom braunen Kärntner Trachtenanzug bis zum eleganten Smoking. Damit war er für jeden seiner Auftritte perfekt gestylt.
Glaubt man den tiefenpsychologischen Erkenntnissen der Psychoanalyse, so hat dieses nach außen oft allzu extravertierte und betont kommunikative Verhalten einen äußerst tragischen Hintergrund: Man schreibt diese Art von narzisstischer Persönlichkeitsstörung nämlich Menschen zu, die in ihren prägenden Jahren wenig Anerkennung und Zuwendung erlebt haben. Um die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung zu gewinnen, mussten sie sich sozusagen von klein auf "anstrengen". Bildlich gesprochen: Es genügt nicht, dass sie Seil tanzen konnten, sie mussten dabei auch noch mit Tellern jonglieren und eine bunte Straußenfederkrone tragen. Diese psychisch vernachlässigten Kinder werden durch das ständige Buhlen um die Gunst der Umwelt, die sie meist ignoriert oder heruntermacht, perfekt im Manipulieren und darin, anderen Sensationen zu liefern. Denn das erleben sie als ihre einzige Chance, wenigstens ein kleines Bisschen Beachtung zu finden. Eine harte Schule, aus der nicht selten ehrgeizige, erfolgreiche Persönlichkeiten hervorgehen, die schon von klein auf gelernt haben, wie sie am besten ankommen oder beeindrucken können und diese Qualität verinnerlicht haben und spontan bzw. intuitiv einsetzen.
Wie gut er es verstand, Emotionen anzusprechen, zeigte sich in einer seiner Fernsehdiskussionen, in der er sich entschuldigte, dass er vielleicht ein wenig beeinträchtigt sei, aber er sei gerade erst vorhin in Narkose operiert worden nach einem Insektenstich. Die Sympathie und das Mitgefühl der meisten Zuseher waren ihm, indem er sich so menschlich gezeigt hatte, natürlich sicher.
Der Nachteil allzu manipulativer Persönlichkeiten ist, dass sie sich selbst verlieren und vor lauter "Populismus" nicht mehr wissen, wo und wofür sie eigentlich stehen und was sie wollen - außer erfolgreich zu sein und bewundert zu werden. Zielgruppenwechsel und die "Übernahme" politischer Forderungen, die bisher von der Linken gehalten wurden, hatten in diesem Sinne Haider nie Schwierigkeiten gemacht - sie waren sogar Teil seines Erfolgsrezepts.
Rechtspopulist und begnadeter Selbstdarsteller
Sein Populismus wurde Haider aber auch nicht selten zum Verhängnis. Als Spitzenpolitiker der Rechten spielte er mit einer gewissen augenzwinkernden Vertraulichkeit mit rechtsaußen. Er distanzierte sich zwar immer wieder vom Nationalsozialismus, aber stets hatte man dabei den Eindruck, dass damit die Botschaft verbunden war: "Ich muss das zwar jetzt öffentlich sagen - aber in Wahrheit halt ich eh zu euch." Mit "euch" meine ich die "Szene", die sich alljährlich am Ulrichsberg zu einer seltsamen rechtsextremen Heldenverehrung einfindet oder am Grab des Nazi-Piloten Nowotny am Wiener Zentralfriedhof bewusst provokante Kundgebungen abhält, die stets haarscharf am Rande der Legalität vorbeischrammen.
Manchmal ging er in dieser Gratwanderung zu weit. Als ihm der Sager mit der "ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" ausrutschte, musste er - vorläufig - als Kärntner Landeshauptmann zurücktreten. Der berechtigte Aufschrei - vor allem auch im Ausland - war unüberhörbar. Er war definitiv zu weit gegangen.
Viele seine "Sager" sind Legende. "Ich bin weg - ich bin schon wieder da…" - einer wie er konnte sich sogar Inkonsequenzen erlauben, ohne zumindest bei seinen Fans an Glaubhaftigkeit zu verlieren.
Keck, unerschrocken, aufmüpfig, kritisch - so kannten wir Haider als typischen Oppositionspolitiker. Eine Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert war und in der er auch viele Missstände aufzeigte.
Nirgendwo wurde der geborene Oberösterreicher so geliebt wie in "seinem" Kärnten. Das zeigt der Totenkult, der um ihn entstand, kaum dass die Nachricht von seinem Unfall die Runde machte. Die Stelle, an dem er die Herrschaft über seinen Phaeton verlor, wurde zu einer Wallfahrtsstätte, bei der bestürzte Kärntner mit der Deponierung von Kerzen, Blumen, Fotos und Briefen an den Verstorbenen ihre kollektive Trauer ausleben. Wir hörten große Worte wie: "Die Sonne Kärntens ist vom Himmel gefallen."
Über dem Hype, den sein tragischer Unfalltod auslöse, wird oft seine manchmal unverständliche Haltung vergessen, die er z. B. im sogenannten "Ortstafelstreit" an den Tag legte. Er fand - im Gegensatz zur EU und den Gesetzen -, dass die derzeitigen slowenischen Ortstafeln ausreichen und machte sich damit wenig Freunde unter den Slowenen. Ich verstand die Aufregung um diese Ortstafeln nie ganz. Ich wohne in Wien und meinetwegen können sie Wien in 50 Sprachen anschreiben… Ich hab damit kein Problem. Haider hat polarisiert - die Gegensätze zwischen Kärntner Slowenen und deutschsprachigen Kärntnern schienen dadurch größer zu werden. Seine Anhänger werden jetzt sicher einwenden: "Ja, aber er ist doch auch für slowenischsprachige Kindergärten eingetreten…" So viel ich weiß, war hier jedoch seine Witwe Claudia die treibende Kraft, die im Bärental wohnt, während er in seiner Klagenfurter Wohnung gemeldet war - nicht zuletzt wohl auch, um in Klagenfurt Wahlrecht zu haben.
Auf mich hatte er in den Fernsehdiskussionen vor der Wahl wie gesagt einen überraschend guten Eindruck gemacht. Doch als ich kurz darauf erfuhr, dass er Asylanten, die im Verdacht stehen, straffällig zu sein, auf einer entlegenen Alm in einem ehemaligen Jugendheim einsperrte, schüttelte ich wieder den Kopf. Seine rigorose Zuwanderer- und Ausländerpolitik war mir immer unverständlich. Das Bild des Kindes - ein kleiner Bub aus Tschetschenien oder Albanien -, der in einem Autobus "abgeschoben" wurde wie ein Krimineller, ist mir noch deutlich in Erinnerung. Es machte keine gute Optik.
Natürlich war Jörg Haider "vorbelastet" - seine Eltern waren überzeugte Mitglieder der nationalsozialistischen Partei, sein Vater bekam daher als Rechtsanwalt nach dem Krieg Berufsverbot, was Vater und Sohn als ungerecht empfanden.
Rätselhafte Todesumstände
Der Schock ist immer groß, wenn eine populäre Persönlichkeit durch einen jähen Tod mitten aus ihrem Leben und Beruf gerissen wird. So makaber er klingen mag: Dieser geheimnisvolle Unfalltod passt perfekt zu Jörg Haider. Er hätte ihn nicht besser inszenieren können, um zum Mythos zu werden. Was Lady Di nicht geschafft hat - der "Landeshauptmann der Herzen" wird an seiner Unfallstelle eine Gedenkstätte erhalten, zu der vermutlich noch sehr lang verlassene Anhänger und Neugierige pilgern werden.
Wäre der "Landeshauptmann der Herzen" schlicht an einer Lungenentzündung oder einer Krebserkrankung verstorben, wäre der Hype um seinen Tod wohl nicht so groß gewesen. Die Begräbnisriten wurden nicht zu unrecht mit der Hysterie verglichen, die beim Totenkult um Elvis oder dem beliebten Bürgermeister Lueger, der - ganz in alter Wiener Tradition - ein bekennender Antisemit war, um sich griff, dessen unzählige Kranzschleifen bis heute in seiner Gruft in der "Lueger-Kirche" (!) am Zentralfriedhof in Glasvitrinen aufbewahrt werden, was mich schon als Kind, wenn diese Grabstätte anlässlich der Totengedenktage zu Allerheiligen geöffnet war, immer äußerst beeindruckt hat.
Haiders Tod gestaltet sich bis heute zu einem spannenden Fortsetzungskrimi, dessen Schluss noch lange nicht geschrieben ist. Zunächst war noch die Rede davon, dass es wohl aufgrund der feuchten, nebligen Witterung zu diesem verhängnisvollen Unfall gekommen war, an dessen Stelle Haider schon vor 15 Jahren einmal einen Crash hatte - damals allerdings unverletzt blieb. Haider war brav angeschnallt und von einer Gala im "Le Cabaret" in Velden gekommen, bei der er laut Augenzeugen "nur mit Wasser" auf die Eröffnung eines neuen Magazins angestoßen hatte.
Kurz danach die Schlagzeile: Haider war zum Unfallzeitpunkt laut Bordcomputer mit 142 kmh unterwegs. Später wurde diese Zahl noch auf ca. 160 kmh erhöht. Naja, dachten sich wahrscheinlich viele, Schnellfahren passte eben zum schneidigen Porschefahrer. Dass er an dieser Stelle am Ortsrand allerdings nur 70 kmh fahren hätte dürfen, wirft kein sehr positives Licht auf den Landeshauptmann. Man darf mutmaßen, dass diese Geschwindigkeitsüberschreitung um mehr als das doppelte Tempo nicht die erste war, die er sich zuschulden kommen ließ. Und man darf weiter spekulieren, dass sein Dienstwagen, der dunkle Phaeton, der Exekutive gut bekannt war… Und welcher kleine Polizist mit der Laserpistole traut sich schon den großen Landeshauptmann wegen ein bisserl Schnellfahren anzupatzen?
Haider war auf dem Weg zu seinem Familienbesitz im Bärental, wo an diesem Tag der 90. Geburtstag seiner Mutter in einem Gasthof gefeiert werden sollte.
Einige Tage später sorgen schon wieder neue Schlagzeilen für Aufregung: Haider hatte 1,8 Promille im Blut. Eine Zeitung rechnet vor: Ein Mann von der Größe und Figur von Haider müsste 6 große Bier und 22 Schnäpste trinken, um auf diesen Alkoholpegel zu kommen…! Die - glaubhaften - Augenzeugen auf der Veldener Gala, die er besucht hat, bleiben aber dabei: Er war, als er von dort aufbrach, nicht alkoholisiert. Fotos zeigen ihn gut gelaunt im Kreis von Festgästen.
Dann stellt sich heraus: Zwischen seinem Aufenthalt bei der Gala und dem Unfall klafft ein zeitliches Loch von ca. einer Stunde. Eine ganze Nation rätselt: Wo war Haider in dieser Stunde, wo hat er diese Menge Alkohol zu sich genommen? Sein Pressesprecher Stefan Petzner bittet mit tränenerstickter Stimme im Gespräch mit dem ORF-Nachrichtensprecher, man solle Haider und seine Familie doch in Ruh lassen - er sei nach der Gala "privat" unterwegs gewesen - dabei solle man es belassen.
Es ist klar, Petzner, der inzwischen einstimmig zum BZÖ-Vorstand gewählt wurde, weiß mehr, als er sagen will. Und mit Andeutungen wie diesen schürt er nur die allgemeine Sensationslust. Kurz darauf stellt sich heraus: Haider war in Begleitung eines jungen Mannes im Klagenfurter Szenetreff "Stadtkrämer", wo er mit einem jungen Mann sehr viel Wodka und Averna getrunken haben soll, erinnert sich laut der Zeitung "Österreich" ein 18-Jähriger, den Haider - gut gelaunt und spendabel auch auf Drinks einlud. Das Lokal gilt nach Medienberichten als Treffpunkt für Homosexuelle. Fotos tauchen auf, die Haider mit seinem Begleiter zeigen. Ob Haider öfter im "Stadtkrämer" zu Gast war? Einiges spricht dafür. Das Lokal hat seit dem Unfall angeblich wegen Umbaus geschlossen. Auch die Webseite wurde eingestellt. Am Freitag vor der Trauerfeier fand aber im "Stadtkrämer" eine private Abschiedsparty statt, zu der jedoch nur Stammgäste und BZÖ-Funktionäre Zugang hatten.
Inzwischen hat die Familie des Verunglückten den Staatsanwalt geklagt, weil dieser die 1,8 Promille "verraten" hatte - und das Land Kärnten stellt nun angeblich Regressanforderungen bezüglich des teuren Dienstwagens, der bei dem Unfall zu Schrott wurde.
Täglich tauchen neue Spekulationen auf. Im Internet wollen mehrere Ballistikexperten anhand der Fotos vom Fahrzeugwrack beweisen können, dass eine von außen durch Funk gezündete Bombe im Spiel war. Und Zeugen wollen in jener Nacht drei finstere Gestalten gesehen haben, die sich vor dem Lokal an Haiders Pkw zu schaffen machten. Angeblich wurde deshalb sogar die Polizei gerufen und kam auch - doch die bestreitet einen Einsatz…
Experten von VW reisen sofort nach dem Unfall aus Deutschland an, um das Wrack genau zu untersuchen. Der Phaeton gilt als besonders sicher. Auch sie tragen das Ihre zu den Verschwörungstheorien bei. Angeblich soll sich einer dieser Experten bereit erklärt haben, einen Phaeton an der Unfallstelle unter identen Umständen zu fahren, um zu beweisen, dass es nicht am Wagen liegen konnte, dass es zu diesem Unglück kam.
Mystifikationen ohne Ende
Journalisten strapazieren die Antike. Phaeton war in der griechischen Mythologie mit dem Sonnenwagen seines Vaters tödlich verunglückt, weil er zu ehrgeizig war und das wilde Gespann letztlich doch nicht lenken konnte.
Ich frage mich, was sich "die bei VW" wohl bei dieser ominösen Namensgebung gedacht haben…?
Am 18. Oktober übertrug der ORF über eineinhalb Stunden lang die Totenfeier für Jörg Haider. Tagelang hatten sich tausende Leute stundenlang angestellt, um sich ins Kondolenzbuch in der Klagenfurter Landesregierung einzutragen. Dem Landeshauptmann wird auf seinem letzten Weg die militärische Ehre einer Bundesheer-Lafette zuteil. Seine Witwe und seine beiden erwachsenen Töchter folgen dem Sarg - sie tragen Trauertracht. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Selbst die 90-jährige Mutter, die in einem Seniorenheim lebt, nimmt an den Feierlichkeiten teil. Viele emotionale Reden werden gehalten. Da erinnert sich ein Bergkamerad an schöne Bergtouren mit seinem verstorbenen Freund. Ein Kardinal findet tröstende Worte. Und Noch-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer ist in seinem - rhetorischen - Element. Hingerissen lausche ich seiner Rede, die er ohne den kleinsten Spickzettel hält. Er würdigt die große Begabung des politischen Kontrahenten. Beeindruckend auch die Ansprache von Uwe Scheuch, der meiner Meinung nach ein besserer Haider-Nachfolger wäre als Petzner, der letztlich durch seine ungeschickten Andeutungen erst die Neugierde an der letzten Lebensstunde Jörg Haiders weckte. Inzwischen wird auch "Landesmutter" Claudia Haider als eventuelle Nachfolgerin Jörgs gesehen.
Haiders sterbliche Überreste werden in Villach eingeäschert, die Urne später im engsten Familienkreis im privaten Familienkirchlein im Bärental bestattet - wieder drängt sich ein Vergleich mit der letzten Ruhestätte von Prinzessin Diana auf.
Warum ich Haider ein so großes Interesse entgegenbringe, obwohl ich ideologisch einem ganz anderen, ja sogar gegensätzlichen politischen Lager angehöre? Hier kommt ein wenig Aberglaube ins Spiel. Er und ich haben ähnliche astrologische Konstellationen. Und ich habe beobachtet: Wenn es ihm gut ging, ging es auch mir gut. Hatte er mit Problemen und Niederlagen zu kämpfen, erlebte auch ich eine negative, konfliktreiche Lebensphase. Natürlich kann das alles nur Zufall sein.
Der nächtliche Unfalltod Jörg Haiders wird weiterhin zu Spekulationen führen. Die exzessiven und teilweise mysteriösen Umstände seines jähen Ablebens passen zu seiner Persönlichkeit. Auch der Trauerkult. Ob sein Alkoholkonsum in Begleitung eines jungen Freundes in einer Schwulenbar verhindert, dass er zu einem Mythos wird? Ich glaube nicht. Bei der Trauerfeier hat jemand gesagt, er sei sicher, dass Jörg Haider vom Himmel aus "sein Kärnten" beschützen wird…
© DMK 10/2008
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