Indianersommer
22.09.2005 (24.07.2010)
Pro:
eine wunderschöne Erinnerung
Kontra:
meine feuchten Augen, während ich mich erinnere
Empfehlenswert:
Ja
 Puhlila
Über sich:
Selten hier zur Zeit, aber fröhlich, gesund und gutgelaunt. Falls mich jemand vermissen sollte.^^ Li...
Mitglied seit:27.09.2000
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In jedem Sommer bekommen meine Füße eine dicke, unempfindliche Laufsohle. Es gibt sogar einige Familienmitglieder, die den Mut haben, zu behaupten, ich hätte Füße wie ein Schwarzfußindianer. Kein Wunder, da ich die meiste Zeit barfuß laufe, durch das Haus, auf den heißen Steinen der sonnenbeschienenen Terrasse, im Garten. Ich liebe diese Form der sommerlichen Freiheit. Bei sternenklarem Himmel würde ich mich nie verirren. Ich finde nicht nur auf Anhieb den Polarstern, sondern kenne auch die wichtigsten Sternbilder, kann meinen Kindern zeigen, dass Rigel und Capella ganz unterschiedliche Farben haben, wie sie Mars und Venus zwischen den Sternbildern erkennen können und wo die Plejaden sind. Ich weiß, wie Löwenzahnblütenomelett und Walderdbeeren schmecken, wie man einen Notverband aus Breitwegerichblättern macht. Ich kann jederzeit ein Feuer ohne Grillanzünder und Spiritus machen, auch mit regennassem Holz, und ich weiß, wie es sich auf Strohsäcken schläft und wie man große Bäume ohne Motorsäge fällt. Eine Erinnerung, die mehr ist als Ferienerlebnis, Jugendzeit, eher ein Traum vom Paradies. So ist es mir jedenfalls immer vorgekommen, damals wie heute. Die Ferienfreizeiten wurden von der Evang. Kirche organisiert und als Indianerferien ausgeschrieben. Ich war Anfang 20, als ich das erste Mal mitfuhr, in den Habichtswald, irgendwo in weiterer Nähe von Kassel. Es folgten einige Sommerfreizeiten als Betreuerin der Kindergruppen, aber auch Urlaube mit den anderen Mitarbeitern. Einmal war ich sogar in den Herbstferien alleine mit einer Freundin dort. Ich werde wohl nie vergessen, wie sehr wir in den Nächten gefroren haben. Das letzte Mal habe ich den kleinen sandigen Platz am Waldrand mit 26 Jahren betreten. Ich werde ihn wohl nie wieder sehen. Weil ich Angst vor der Erinnerung habe, Angst, dass sich etwas verändert hat, oder vielmehr, dass ein Besuch meine Erinnerung verändern könnte. Es war ein kleines Zeltlager hinter den Weiden und Feldern, dort, wo der noch sehr urtümliche Wald beginnt, der mir immer etwas ungezähmt und verwunschen erschien. Das Dorf mit einem Supermarkt, einem Bäcker und einem kleinen Tante Emma Laden lag einen guten Fußmarsch entfernt. Neben dem großen Lagerfeuerplatz mit zwei Feuerstellen stand eine von uns gebaute Palisadenwand als Windschutz, auf dem kleinen Hügel über der Lichtung die selbstgebaute Kapelle, in der sonntags Gottesdienst gehalten wurde. Eine Blockhütte unten am Weg, in der wir manchmal bei schlechtem Wetter saßen, ein riesiges Wasserfass auf einem Traktorhänger mit einer Holzrinne davor, an der wir uns waschen konnten, drei kleine Bretterhäuschen, die Plumpsklos, etwas verdeckter im Wald, der Holzplatz, an dem gesägt und gehackt wurde für das viele Feuerholz, das benötigt wurde, oder für die baulichen Veränderungen, die immer wieder vorgenommen wurden. Die Ponys standen in der Nähe auf der Weide, wurden von uns nach dem Reiten versorgt und gepflegt. An jedem Morgen mussten sie vor der ersten Reitgruppe eingefangen und ins Lager gebracht werden. Es gibt da eine Stelle auf dem Zaun, da habe ich manchmal alleine gesessen und die Pferde beobachtet. Ich erinnere mich an den einzelnen schön gewachsenen Baum, der auf einer kleinen Anhöhe stand. Wenn ich mich nach rechts drehte, konnte ich den Hohlweg sehen, der zu unserem Indianerlager führte. Ich weiß noch genau, wie bewusst ich dies alles wahrgenommen habe, wie ich versucht habe, diese Momente zu verinnerlichen, in der Erkenntnis, dass es einmal eine ganz besondere Erinnerung für mich sein würde. Bei den Kinderfreizeiten war es üblich, dass alle Indianernamen trugen. Noch heute kann ich mich an die Namen einiger Kinder erinnern. Regenbogen, Sonnenschein, Kleiner Büffel...Ein erheiternder Gedanke, dass sie jetzt schon alle erwachsen sind! Meine Name war Catwoman, Katzenfrau, weil ich meinen schwarzen Kater immer mitnahm. Ganz ungewöhnlich für Katzen, gewöhnte er sich ganz schnell an den Ortswechsel in den Ferien. Er strolchte den ganzen Tag herum, hielt sich von den Kindern gerne fern, tauchte erst am Abend wieder auf, wenn wir alle auf den dicken Baumstämmen um das Feuer saßen, Gitarre spielten, sangen, erzählten. Mitunter kletterte er dann auf die Palisaden und schaute zu uns herab. Natürlich trugen wir auch Hosen, praktische, robuste Kleidung, aber zumindest am Sonntag und bei schönem Wetter zog man sich die Indianerkleidung an. Ich hatte einige hübsche Kleider, selbst genäht (bzw. mit Hilfe der Freundin), mit Perlen, Federn und Fransen verziert. Um den Hals oder im Haar trugen wir gesammelte Schätze aus dem Wald. Eicheln an einer Kette, eine besonders hübsche Eichelhäherfeder, geschnitzte Holzstückchen zum Beispiel. Dort im Waldlager habe ich mir das Barfußlaufen angewöhnt. Selbstgefertigte Mokassins aus dünnsohligen Gymnastikschuhen, mit Leder verziert, für die kühlen Tage, barfuß bei schönem Wetter. Manchmal bin ich noch Wochen nach den Ferien zu Hause mit nackten Füßen durch die Stadt gelaufen, weil ich es nicht mehr anders wollte. Gekocht wurde natürlich am Lagerfeuer, und zwar bei jedem Wetter. Ich erinnere mich, dass wir in einer Freizeit so viel und heftigen Regen hatten, dass wir die Feuerstelle zum Teil mit einem Dach aus durchsichtiger Folie überspannen mussten. Man möchte ja schließlich nicht jeden Tag verregnete Suppe. Außerdem qualmt ein Feuer bei Regen natürlich unerträglich. Erstaunlich ist es, wie komplizierte Gerichte man am Lagerfeuer kochen kann. Das Schwierigste, an das ich mich erinnere, waren Kohlrouladen, die etwas schnell anbrannten. Der Höhepunkt war aber mit Sicherheit immer das große Pfannkuchenfest, mit verschiedenen süßen und pikanten Belägen für jeden Geschmack. Das verrückteste Essen war sicherlich ein Eintopf, der dem Namen Terrine eine ganz neue Bedeutung verlieh. Einer der Mitarbeiter stieß beim Versuch, den großen Topf etwas niedriger zu hängen, das Dreibein um, worauf sich unser Mittagessen auf Asche, Sandboden und Steine ergoss. Da gab es kein langes Zögern. Alle holten ihren Löffel und wir hockten uns um den Suppenteich auf den Boden und löffelten so gut es ging vorsichtig den Bohneneintopf, möglichst ohne allzu viel Asche mitzuessen. Ich habe besonders den frühen Morgen geliebt, wenn noch alle schliefen und das Gras vom Morgentau noch ganz feucht war. Einer der Teamer fuhr dann ins Dorf (mit einem der zwei Autos, die für Notfälle und Einkäufe zur Verfügung standen), um frisch gemolkene Milch vom Bauernhof und warme Brötchen zu holen, ein anderer musste das Feuer anmachen, Wasser für den Westernkaffee erhitzen, den man direkt mit dem Pulver in der Blechkanne kocht, und von Zelt zu Zelt gehen, um mit Gitarrenklängen die kleinen Indianer zu wecken. Wir mussten selbst dafür sorgen, dass es immer genügend Feuerholz gab. Der Förster zeigte uns die Bäume, die wir fällen konnten. Es war für jedes Kind ein großes Erlebnis, das erste Mal beim Fällen eines großen Baumes dabei zu sein. Mit Seilen zogen die Kinder den Stamm anschließend ins Lager, wo er dann zu Bauholz oder Brennscheiten weiterverarbeitet wurde. Einen Großteil des Tages waren wir alle, Kinder und Erwachsene, mit den Pflichten des Lagerlebens beschäftigt: Holz hacken, kochen, abwaschen, Pferde striegeln, Toiletten reinigen, basteln, Sattelzeug flicken, bauen. Aber natürlich wurde neben den Reitausflügen viel gespielt. Bogen basteln und damit schießen, Indianerfußball, Schnitzeljagden durch den Wald. Eine sehr aufregende Beschäftigung war für alle das Abseilen. Einige kleinere Steinbrüche lagen in erreichbarer Nähe im Wald, eine Miniausgabe zum Üben, ein größer Fels, von der ständig Lehmstückchen abbröckelten, und der nicht ganz so einfach zu bewältigen war, und die hohe Wand am Erdbeersteinbruch für die Fortgeschrittenen. Die Kinder erlebten dabei eine praktische Umsetzung solcher Begriffe wie Verantwortung, Verlässlichkeit, Gemeinschaft und Vertrauen. Ich kann mich selbst noch gut an die gemischten Gefühle erinnern, als ich das erste Mal am Rand eines Abgrundes stand, vor mir eine Gruppe von 10 bis 15jährigen Kindern, die das einmal um einen Baum geschlungene Seil hielten, hinter mir einige Meter Nichts. Es kostet bei den ersten Malen einige Überwindung, den Popo zuerst in dieses Nichts fallen zu lassen, die Füße immer schön höher, in Augenhöhe, und die Hände nicht krampfhaft um das Seil greifend, sondern frei zum Ausbalancieren und Abstoßen. Aber wie stolz war ich, als ich die Wand am Erdbeersteinbruch geschafft hatte, der seinen Namen im übrigen von den Walderdbeeren hat, die dort so üppig wuchsen. Es gäbe so vieles, von dem ich noch erzählen könnte. Von herrlichen Ausritten querfeldein durch den Wald, vom Lassowerfen, von dem Abend, an dem ich gelernt habe, Feuer zu spucken, vom Bau des Märchenzeltes aus Weidenzweigen, von Übernachtungen unter freiem Himmel, ohne Zelt, mitten im Wald, von Unwettern, Überschwemmungen und Wildschweinen, von langen Nächten am Lagerfeuer, während die Kinder schliefen und wir uns Marillenlikör über dem Feuer wärmten, von dem Saunahäuschen, das wir gebaut und mit Folie abgedichtet hatten (es wurde mit heißen Steinen erhitzt, die wir auf dem Grillrost vom Feuerplatz dorthin trugen), von meinem entsetzten Quietschen, als ich in meine Reitstiefel wollte und irgendetwas im Fußteil steckte und störte, das sich dann als lebendige Maus entpuppte, von dem unbeschreiblichen Sternenhimmel, und von meinem letzten Galopp über eine weite Wiese, als der ganze Abendhimmel in dunkles Rot getaucht war und ich mir wünschte, die Zeit möge jetzt für immer stehen bleiben.Wenn ich heute ein Lagerfeuer rieche, in der Nähe eines Waldes, der Geruch vermischt mit dem von Tannennadeln und Waldboden, dann bleibe ich immer wie paralysiert stehen, schnupper und werde mit Erinnerungen überschüttet, die mich wehmütig machen.
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14.09.2010 14:05
Eine äußerst lebendige Schilderung, die in mir sofort gewisse Gerüche und Bilder aufleben lässt. Herzlichen Dank dafür.....
23.08.2010 09:39
Fast nichts davon habe ich selbst erlebt. Aber Dich lesen ist fast ebenso schön.
22.03.2006 14:44
Wir hatten den Stadtpark. Aber es war aufregend wie nix anderes, zumindest in dem Moment. Wir haben einen Indianer-Geheimbund gegründet, und der Häuptling nahm jeden von uns zur Seite, ganz verschwörerisch, und stellte ihm die gleiche Frage, die über die Aufnahme in die Gruppe entschied: "Du bist alleine im Wald und musst ganz dringend etwas kleben, was machst du?" Leider wusste jeder die Antwort und so wurde der Geheimbund doch sehr gewöhnlich, leider. Dennoch war es irrsinnig schön.