Plädoyer für das Leben
16.01.2002
Pro:
einfach alles (inkl . Wurstscheibe)
Kontra:
einfach nichts (trotz Schimpfen)
Empfehlenswert:
Ja
 volkerplum
Über sich:
"Ich muss erst mal meine mädchenhaften Vorstellung von Romantik neu definieren." Zitat aus...
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 19 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Mein Papa meint, er würde heute ein kleines Jubiläum feiern: seinen 100. Bericht bei ciao.com. Und weil das so etwas besonderes ist, hat er sich entschlossen, ihn mich schreiben zu lassen, weil ich für ihn auch etwas besonderes bin. Ach wie unhöflich: Ich bin Noah, und Papas fast zweijähriger Sohn (und natürlich auch der von Mama).In meiner langen zweijährigen Lebenserfahrung (wieso schmunzelt Papa denn jetzt?) habe ich schon so einiges durchgemacht. Als ich am 22.02.2000 geboren wurde, musste ich Mama und Papa erst mal einen Schock bereitet haben. Sie meinten zu mir, ich sei mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren worden. Ich weiß zwar nicht genau, was das ist, aber das ist wohl der Grund, warum ich so oft bei Ärzten und in Krankenhäusern bin. Und ich sage euch: Das habe ich gar nicht gern.Doch Papa meint, die bisherigen zwei großen Operationen und die vielen Untersuchungen seinen nur zu meinem besten gewesen, damit ich besser essen und sprechen kann. Und das ist ja nun wirklich wichtig. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, ein Leben ohne meine Mandarinen und Trauben (die hatte ich ja schon lange nicht mehr) und all den anderen leckeren Sachen zu führen. Und Reden tu ich auch für mein Leben gern (obwohl Papa meint, manchmal ein wenig zu viel; pah muss ich doch schließlich, die verstehen ja erst die Hälfte von dem, was ich sage: na ja die werden schon noch dahinter kommen, aber ich schweife ab). Mama erwähnte heute, dass ich Ende Januar (wann auch immer das ist, mir fehlt irgendwie noch das, was die Erwachsenen Zeitgefühl nennen) wieder ins Krankenhaus für eine 3. Operation müsste. Oje.Aber ansonsten ist das Leben richtig schön. Man kann schön lange schlafen (worüber sich Mama und Papa immer besonders freuen, warum eigentlich?), kann mit seinen Spielsachen spielen, Mama in der Küche beim Kochen helfen, Mama beim Putzen unterstützen, Papa beim Videorecorder programmieren zur Seite stehen und beim PC nutzen so richtig nützlich sein (hach, diese tolle ESC-Taste ....). Sicher, ab und an schimpfen Papa und Mama auch schon mal und dann fange ich meist an zu weinen oder zu schmollen, je nach dem. Manchmal schimpfe ich aber auch, jawoll! Denn ab und an wollen die beiden einfach nicht so wie ich will. Aber da arbeite ich schon dran.Dann gibt es da noch die Omas und Opas, von denen ich oft erzähle. Bei denen kann man immer so schön auf den Arm (Mama und Papa sind dazu meist zu faul, obwohl sie immer eine andere Ausrede haben). Und mein Cousin, und meine Cousine, und die Tanten und Onkel, und meine Freunde, und die Frau beim Metzger, die mir immer die Scheiben Wurst gibt. Ach, ist das Leben schön. Papa meint gerade, das Leben werde später komplizierter, vor allem im Moment mit dem Euro, da muss man immer alles umrechnen, ich solle mich freuen, dass ich die Mark nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen werde. Euro? Mark? Was ist denn das? Naja, Papa wird’s schon wissen.Überhaupt, der Papa weiß sehr viel (obwohl er gerade lacht und sagt, er wisse leider nicht, wie man Millionen mache) (Millionen Noahs, oder was?) (na ja). Papa meint nämlich, da die Erwachsenen viel wissen, machen sie oft auch viel Mist (komisch , das sagt er zu mir auch hin und wieder). Es gibt Kriege, Hass und Intoleranz, Dinge, die Papa verabscheut. Desto mehr freut sich Papa, wenn er auf Menschen trifft, denen es ebenso geht. Papa hat mir versucht zu erklären, warum Menschen eigentlich meinen, Kriege führen zu müssen. Also, meistens scheint es darum zu gehen, dass jemand etwas hat, was der andere nicht hat. Und da der das auch haben will, fängt er einen Krieg an. Warum fragt er ihn denn nicht zuerst, bevor er einen Krieg anfängt? Also, wenn ich Gummibärchen habe und mein Onkel Tom hat keine, dann gebe ich ja auch welche ab (der fragt zwar auch nie, aber der guckt immer so verklärt darauf...).Manchmal geht es in einem Krieg auch darum, dass die einen an etwas anderes glauben, als die anderen. Verstehe ich nicht. Papa glaubt auch immer, dass Mama zu viel telefoniert. Mama glaubt das nicht. Und ich drück sowieso viel lieber auf den Tasten rum. Aber einen Krieg fangen die beiden deswegen auch nicht an. Nein, nein, sagt Papa gerade, es geht dabei um den Glauben, was nach dem Leben kommt. Nach dem Leben? Warum sollte das denn jemanden interessieren? Es ist doch viel sinnvoller, sich um das Leben zu kümmern, das man gerade lebt, als darum, was danach passiert. Aber anscheinend ist erwachsen werden doch komplizierter als man denkt. Papa lacht wieder und meint, er könne es auch nicht so recht verstehen. Denn fast überall auf der Welt werden Kinder von ihren Eltern geliebt. Man sollte meinen, es bleibe etwas von der Liebe hängen, wenn man erwachsen wird.Oooooh, jetzt bin ich gerade rot geworden, denn Papa meinte, eins wisse er ganz sicher, dass er außer der Mama auch noch mich ganz doll liebt. Und er nicht verstehen kann, wie jemand der selber Papa oder Mama ist, auch nur im entferntesten an solche Dinge wie Krieg oder Hass denken kann. Papa meint, es wäre schade, dass die Erwachsenen im Laufe der Zeit die kindliche Naivität verlieren, denn das wäre es, was sie manchmal brauchen würden. Oder habt ihr schon mal ein Kind getroffen, das ein anderes nicht mag, weil es eine andere Hautfarbe oder Religion habt.Doch durch uns Kinder bekommen die Erwachsenen wieder ein wenig von der verlorenen Naivität zurück. Deswegen machen wir Kinder auch das Leben von euch Erwachsenen lebenswert. Hihi, da werd’ ich Papa das nächste Mal nach fragen, wenn ich seine Videorecorder-Programmierung gelöscht habe .... So, und jetzt geh’ ich in die Heia.Nacht. Noah.
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19.01.2002 23:19
Ein sehr schöner und nachdenklich machender Bericht. Kannst stolz sein, einen solchen Papa zu haben. Gruß, Ede43
18.01.2002 17:50
Schön geschrieben und wohl wahr. Gratuliere zum 100.Bericht !!! Und liebe Grüße an den 2-jährigen Noah (er hat ja ein schönes Geburtstdatum :-))
17.01.2002 20:24
Noah...Dein Papa hat wirklich Recht in so manchen Dingen die er Dir sagt. Vorallem was die kindliche Naivität betrifft. Viele Erwachsene verlieren diese leider manchmal irgendwann, dabei sollte man sich davon meiner Meinung nach immer etwas behalten, und auch als Großer Erwachsener noch ein bißchen Kind in sich haben. Aber bis dahin ist ja noch ein langer Weg für Dich...aber bei dem Papa wird bestimmt mal ein super Mann aus Dir! Gruß Nicky