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Tabakfreie Rauchwaren (Brühl, Leipzig)

5  19.04.2009

Pro:
Eine schöne Leipziger Straße mit einer großen Vergangenheit

Kontra:
Die Zukunft läßt auf sich warten

Empfehlenswert: Ja 

ditho1911

Über sich: Die nächsten 14 Tage internetfrei, der Fichtelberg ruft.

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 92 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Leider weiß ciao mit meinem Brühl-Bericht innerhalb Leipzigs nichts anzufangen. Da muß ich halt wieder mal ins Cafe gehen und dort einen Leipziger Heeßen mit einer Leipziger Lerche zu mir nehmen. Sonst komme ich mit meinen Impressionen aus Leipzigs Geschichte nie weiter.

Da bin ich nun nach meinen Elegien über die Geschichte des Leipziger Hauptbahnhofs glücklich über die Straße gekommen und bin auf meinem Weg zum Marktplatz und dem Wochenmarkt auf dem Brühl angekommen. Sein Wahrzeichen aus DDR-Zeiten, die Blechbüchse, sieht inzwischen ziemlich verschmuddelt aus und auf der Fläche, wo noch vor kurzem einige Wohnblocks, die zu DDR-Zeiten zu den privilegierten gehörten, standen, aber inzwischen so richtig wie armer Osten aussahen, gähnen riesige Baugruben. In diesen wimmelt es nicht etwa von Bauarbeitern, nein, wenige Archäologen suchen nach alten Latrinen aus der Vorzeit, weil sich in deren Sch... vielleicht etwas konserviert haben könnte. Der Investor, der hier ein großes Einkaufszentrum errichten will, ist darüber bestimmt nicht böse, denn die Finanz- und Wirtschaftskrise hat auch seinen Geldgebern das Konzept verhagelt. So hält er die Stadtväter mit einem etwas abgespeckten Zufahrtskonzept hin, das insbesondere die Grünen erfreut und der Feuerwehr für den Ernstfall graue Haare wachsen läßt. Die Archäologen haben schon allerhand gefunden, was darauf hindeutet, daß nicht die Sachsen hier die ersten Siedler waren. Vielleicht finden sie in dem Tresorraum der Dresdner Bank, der da plötzlich aus der Tiefe auftauchte, auch ein bisschen Geld für den klammen Investor. Dann wäre uns allen geholfen.

Zurück in die Zukunft

Der Brühl gehört zu den ältesten Straßen der Stadt Leipzig. Einst verlief hier die via regia, die von Paris und Frankfurt über Leipzig nach Krakow und Kiew führte. Am Westende des brühls kreuzte sich die via regia einst mit der via imperii, die von Nord nach Süd führte. Am Kreuzungspunkt dieser alten Römerstraßen entstand etwa im 7. Jahrhundert die erste slawische Siedlung mit Markt, Lipsk genannt, aus der sich das heutige Leipzig entwickelte.
Im 10. Jahrhundert entstand zum Schutz der Handelsstraßen in der Nähe dieser Kreuzung eine deutsche Hauptburg mit zahlreichen Nebenburgen, davon eine am östlichen Ende des heutigen Brühls. Mit der Entwicklung des Marktwesens in diesem Bereich entstanden einige Nebenstraßen des heutigen Brühls, die ihn als Durchgangsstraße für den Handel erheblich aufwerteten. Schon im 12. und 13. Jahrhundert gab es am Brühl eine dichte Bebauung. Gast- und Lagerhäuser, Höfe für Stallungen und Pferde bildeten den Mittelpunkt. Auch nach Bränden wurde hier immer wieder aufgebaut. Im östlichen Teil des Brühls konzentrierte sich der Handel mit Pelzen und Leder, während im westlichen Teil Wolle, Tuch und Leinen Handelsschwerpunkt waren. Mit der Stadtbefestigung im 13. Jahrhundert, die Anlage von Stadtmauern und Stadttoren verlor der Brühl seine Funktion als Durchgangsstraße.

Bereits 1335 wird urkundlich ein Kürschnermeister
Bilder von Alles mit L...
Alles mit L... 450px-Brühl_von_West - Alles mit L...
Ein Blick in den Brühl
als Ratsherr erwähnt. Eine eigene Kürschnerinnung entstand jedoch wesentlich später. Schon 1419 gab es ein erstes Pelzhandelshaus in Leipzig, das aber nicht daran hinderte, daß viele Rauchwarenhändler den Handel in einem Gasthof interessanter fanden.

Der Name Brühl wird urkundlich erstmals 1420 erwähnt. Er verweist auf ein sumpfiges Gelände, was jedoch nur auf die Umgebung des Brühls zutraf. Nach einem Großbrand 1518 wurde die gesamte Bebauung des Brühls vernichtet. Durch seine Nähe und Anbindung durch Seitenstraßen zum Markt wurde er in der Folgezeit wieder bebaut. Wir finden noch heute einige traditionsreiche prächtige Bürgerhäuser an ihm, wie das Romanushaus, das damals als das prächtigste Bürgerhaus galt, und den Gasthof Roter und Weißer Löwe, in dem 1813 Richard Wagner geboren wurde. Ein berühmter Baumeister der Stadt war Hieronymus Lotter, aus Nürnberg stammend und später Bürgermeister von Leipzig. 1546 führte er seinen ersten Bauauftrag am Brühl aus, das Kornhaus, in dem später das Bernhardinerkollegium seinen Sitz hatte. Auch eine Badestube wurde von ihm auf dem Brühl errichtet, heute befindet sich dort das Cafe am Brühl. 1693 wurde am Brühl das erste Leipziger Opernhaus eröffnet. Mit der Kunst hatte es Leipzig sehr früh, auch am Brühl. Am Fleischerplatz, dem westlichen Ende des Brühls, trat von 1727 bis 1734 die Neuberin mit ihrer Theatertruppe auf. Auch Johann Christoph Gottsched, nach dem die gleichnamige Straße benannt wurde, in der sich heute das Schauspielhaus befindet, war Mitglied der Neuberschen Komödiantengesellschaft. Selbst das weltbekannte Gewandhausorchester hat seine Wurzeln am Brühl. 1743 gründeten 16 Leipziger Kaufleute den Konzertverein Großes Concert in einem Gasthaus am Brühl. Mit ihrem Umzug in das Messehaus der Tuchwarenhändler änderte sich der Orchestername entsprechend.

Die Handelstätigkeit in Leipzig entwickelte sich um 1800 weiter. Während die Messe immer mehr den Charakter einer Mustermesse annahm, wollten die Pelzhändler die Produkte original vor sich sehen und auch in die Hand nehmen. Damit waren die großen Felllager im Brühl der ideale Umschlagplatz. Den Fellhändlern folgten die Kürschner und Pelzveredler auf dem Fuß. Nachdem es 1815 nur zwei Rauchwarenhändler auf dem Brühl gab, waren es 1875 schon 70. Eine gewaltige Expansion der Branche gab es 1837 mit dem Bau der ersten wirtschaftlich bedeutsamen Eisenbahnstrecke zwischen Dresden und Leipzig. Der Brühl veränderte sein Gesicht. Wo früher Gasthöfe waren, entstanden jetzt Pelzlager und Kürschnerwerkstätten.

Nach 1850 ließen sich im Brühl zahlreiche Rauchwarenhändler nieder, worauf Leipzig seinen Ruf als Zentrum des Pelzhandels zurückführt. Viele jüdische Rauchwarenhändler siedelten sich hier an und verkauften bald ein Drittel aller Pelze, die in der Welt produziert wurden, von hier aus. Wegen des hohen Wertes und des leichten Transportgewichtes wurden edle Pelze und Felle bereits früh international gehandelt. Schon in der Hanse stellten Pelze ein erhebliches Handelspotential dar. Die erste Pelzauktion fand 1671 in London statt. Doch Leipzig war über Jahrzehnte Zentrum des deutschen Pelzhandels und zeitweilig eines Großteils des Welthandels. Russische und später auch amerikanische Rauchwarenhändler trugen zur internationalen Rolle von Leipzig im Pelzhandel bei. Welche Bedeutung dies auch für die Stadt Leipzig hatte, zeigt sich am Anteil des Steueraufkommens. Die Pelzhändler erbrachten allein 40 % davon. Eine Renaissance erlebte die Kürschnerei mit der Erfindung der Pelznähmaschine im Jahr 1872. Dadurch wurde es möglich, Pelze zu zerteilen und wieder in feinen Streifen zusammen zu nähen, was eine größere Ausbeute aus dem Urprungsmaterial und kosten günstigere Fertigung zur Folge hatte. Auch der Normalbürger konnte sich jetzt einen Pelz leisten. Währen Anfang des 20. Jahrhunderts die Pelzmode noch von Pelzfutter und Pelzkrägen dominiert wurde, konnte durch das Zusammennähen der Pelzstreifen auf Konfektionslänge auch ein Pelzmantel wirtschaftlich und in hoher Qualität gefertigt werden. Die zahl der Pelzschneider, -näher, -konfektionierer und wie sie alle hießen, wuchs in die Tausende. Allein im Berliner Pelzviertel waren um die 500 selbständige Kürschner tätig. Kürschner gehörten zu den angesehensten und ratsfähigen Handwerkern. 1928 wird in Leipzig die damals bedeutendste Kürschnerschule eröffnet. 1929 waren in Leipzig von insgesamt 794 Kürschnern mehr als die Hälfte jüdischer Herkunft. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erschien zuerst eine amtliche Mitteilung, nach der jüdische Rauchwarenhändler mit keinerlei Repressalien zu rechnen brauchten. Doch deutsch-arische Kürschner, die sich alsbald zusammenschlossen, warben für ihre Waren mit der Kennzeichnung "Garantiert arisch". Mit den Nürnberger Rassegesetzen wurden dann die letzten Hoffnungen der jüdischen Pelzhändler auf einen Sonderstatus zerstört. Viele wanderten aus, solange dies noch möglich war, ihre Betriebe wurden "arisiert". 1941 verkündete die Deutsche Kürschnerzeitschrift "Der Brühl ist judenrein".

Viele jüdische Pelzhändler waren nach London, einem weiteren großen Pelzhandelszentrum, geflüchtet und blieben dort. Somit verlagerte sich auch ein Großteil des internationalen Pelzhandels dorthin. In Deutschland ist heute Frankfurt/M. der Schwerpunkt des Pelzhandels. Der Name Brühl in seiner Eigenschaft als Marke des Pelzhandels hat sich auf die dortige Niddastraße übertragen. In der DDR wurden die verbliebenen Kürschner zur Bildung von Genossenschaften genötigt und mit minderwertigem Fellmaterial, vor allem aus der Kleintierzucht, versorgt. Obwohl infolge der Kunstfertigkeit des Handwerks ein Großteil der Produktion für Devisen in die BRD verkauft wird, entwickelt sich das Kürschnerhandwerk nicht weiter und stirbt langsam aus. In den gelben Seiten von Leipzig finden sich heute noch 2 Kürschnerbetriebe.

Der Brühl heute

Kehren wir zunächst ein wenig in der Geschichte zurück. Der 4. Dezember 1943 ist der finsterste Tag in der Geschichte des Brühls. Bei einem Bombenangriff wurden große Teile des Brühls zerstört. Von 1966 bis 1968 wurde die Nordseite des Brühls neu bebaut. Das ehemalige Kaufhaus Brühl, dessen Sandsteinfassade weitestgehend zerstört war, wurde rekonstruiert und mit einer Aluminiumfassade verblendet, die dem Gebäude den liebevollen Namen "Blechbüchse" einbrachte. Neben dem nunmehr Konsument-Warenhaus entstanden, quer zum Brühl stehend (!), drei zehngeschossige Wohnhäuser mit Flachbauten dazwischen, die nunmehr glücklicherweise abgerissen wurden. Viele Gründerzeithäuser auf der Südseite des Brühls wurden rekonstruiert. Der Bereich zwischen Katharinen- und Reichsstraße blieb längere Zeit leer, bis 1960 der Sachsenplatz angelegt wurde, auf dem heute das Museum der bildenden Künste, ein imposanter Glasklotz, steht. 1966 wurde neben dem Sachsenplatz das zehngeschossige Bürogebäude "Brühlpelz" errichtet, das jedoch inhaltlich nicht an die alten Traditionen anknüpfen konnte und heute nur ein häßlicher Betonklotz ist.

Das heutige Gesicht des Brühls wird vor allem von den alten Gründerzeithäusern, vor allem dem Romanushaus, geprägt. Im östlichen Bereich entstand 1998 der Neubau des Hotels Marriott, der auch eine Passage zur Richard- Wagner-Straße, die Brühl-Arcade, enthält. Eine wesentliche Aufwertung könnte der Brühl durch den geplanten Neubau der "Brühlschen Höfe" erhalten, der jedoch derzeit stagniert. So können die Archäologen noch etwas länger suchen.

Karl May und der Brühl

Zum Abschluß noch eine kleine Episode aus dem Jahr 1865. Da geht aus einem Polizeiprotokoll hervor, daß am 20. März dieses Jahres der Karl May, bekannt als Autor von Winnetou und Old Shatterhand, in einen Laden im Brühl 73 gekommen sei, einen Biberpelz mit Biberfutter, Biberaufschlag und schwarzem Tuchüberzug für 72 Taler gekauft und den Auftrag gegeben, den Pelz in seine Wohnung zu tragen. Er benutzte bei diesem Kauf den falschen Namen Hermin, nahm auch richtig den Pelz in seiner Wohnung in Empfang und ging, ihn seinen Wirtsleuten zu zeigen. Weder er noch der Pelz kehrten zurück. Statt dessen versetzte er den Pelz auf dem Leihhaus für 10 Taler. Karl May hatte also schon damals viel Phantasie, doch rechnen konnte er schlecht. Für dieses und andere Vergehen wurde er zu 49 Monaten Arbeitshaus verurteilt, von denen er dreieinhalb Jahre im Zuchthaus Zwickau verbüßte. Vielleicht konnte er dort viele Ideen für seine Romane sammeln. Der Ölprinz wäre vorstellbar.

Fazit

Ich stelle fest, ich habe mich wieder einmal verplaudert. Ob ich den Markt wohl heute noch erreiche? Das Gemüse wird wohl nicht mehr ganz frisch sein. Aber warum sollen nur die Archäologen in der Geschichte wühlen. Ich mache mich wenigstens dabei nicht dreckig. Wenn ich so denke, dann fallen mir noch so manch alte traditionsreiche Orte in Leipzig ein, Auerbachs Keller, die Oper, das Gewandhaus, an dem ich selbst mit baute, und noch vieles mehr. Doch davon vielleicht ein andermal. Jetzt kaufe ich auf dem Markt eine Sternfrucht, schneide fünf Scheiben davon ab und verehre sie dem Brühl, in der Hoffnung, daß er wieder so erblühen möge wie einst.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
feldmaus

feldmaus

31.05.2009 23:15

War nach vielen Jahren im Dezember 2x kurz in Leipzig. Aber ich hatte leider keine Gelegenheit mich umzusehen. Muss ich mal nachholen....

tapio-maunzi

tapio-maunzi

05.05.2009 22:59

Natürlich ein BH dafür. Gruß Doris

morla59

morla59

03.05.2009 03:13

super schöner bericht lg. petra

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