Alles mit P...

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Erfahrungsbericht über "Alles mit P..."

veröffentlicht 14.07.2009 | Pengoblin
Mitglied seit : 05.09.2005
Erfahrungsberichte : 126
Vertrauende : 9
Über sich :
"Dies sind meine Überzeugungen und Grundsätze. Wenn Sie Ihnen nicht gefallen - ich hab' auch noch andere." (Groucho Marx)
Ausgezeichnet
Pro Entspannend, anregend, kurzweilig, virtuos, inspirierend
Kontra Oh, es kann auch einsam machen
sehr hilfreich

"Progressive Metal - Die Harley für den Kopf"

Eines Mitteklasselimousinenfahrers Würdigung verdammt guter Mucke


Manchmal sind meine Ohren auf anderen Straßen unterwegs als ich. Als ich heute morgen um kurz nach sieben in meinem älteren Ford Familienausflug inmitten hunderter anderer auf dem zähflüssigen Verkehrsweg zur Arbeit war und mich dabei akustisch mit dem Kracher 'Constant Motion' von Dream Theater wachrütteln ließ, tauchte auf dem geistigen Beifahrersitz spontan die Überlegung auf, was mich eigentlich am ProgMetal so reizt, und zwar merkwürdigerweise speziell beim Autofahren.


Progressive Metal ist ja eine Musikrichtung, die sich - wie der Name schon sagt - sowohl beim Progressive Rock als auch beim Heavy Metal bedient, und im Idealfall das Beste aus beiden Richtungen in sich vereinigt.


So wie ich es - wo ich schon im Auto hocke - ausdrücken würde, ist der Metalanteil dabei der Motor des Ganzen; er sorgt für die 'Power' und den 'Drive', was ich mir vergleichbar denke mit dem Fahren der Harley, die sich eben zwischen den Autos an mir vorbeigearbeitet hat (und deren Fahrer auch nicht so aussah, als würde man ihm mit Wolfgang Petry kommen dürfen):
Der sonore Sound der Bassgitarre ist wie das tiefe Wummern des verchromten Auspuffs, und das lässigledrige Wabern erreicht einen über Fußsohlen und Knochenleitung und macht schonmal Platz. Die knatternden Drums geben die Drehzahl vor und ziehen alles andere mit, beschleunigen, bremsen, lassen jede Bodenvibration durch den ganzen Körper zucken - keine Chance für abfedernde Synthieteppiche. Zwar gibt es hier und da opulente Keyboards, aber die erschaffen eher die Landschaften ringsum, durch die der Hörbiker rauscht: nett, daß sie da sind, aber brauchen würde man sie nicht unbedingt. Viel wichtiger ist das Spüren des Fahrtwindes, möglichst ohne Visier, direkt auf der Haut, unmittelbar, sinnlich und rauh. Und dafür ist natürlich die Leadgitarre zuständig, die luftiger, aber deswegen noch lange nicht weniger hart frontal mit einem zusammenprallt, sich reibt, windet, pfeift, jault, ins Ohr schrammt und das Ganze erst lebenswert macht. Zwischendurch darf es auch mal langsamer gehen, relaxed, oft sogar zärtlich und einschmeichelnd, aber immer schon mit einem verwegen zugekniffenen Auge auf der Suche nach der nächsten Überholspur. Der Sänger ist da oft nur wie ein befreundeter Beifahrer, der einem in voller Fahrt völlig unverständliches Zeug ins Ohr brüllt: aber auch er gehört irgendwie dazu, denn was wäre der Easy Rider ohne den Kumpel, der mit markigen Worten dem eigenen Lebensgefühl die Stimme leiht?


Die Straßenführung des ProgMetal wird durch den Progressiveanteil bestimmt. Der klassische Heavy Metaller fackelt ja nicht lange, steigt auf den steinschlaggekerbten, aber unverwüstlichen Chopper Marke Lemmy, gibt Vollgas und donnert den schnurgeraden Wüstenhighway entlang. Er will nirgendwo hin, aber das schnell und vor allem laut.


Dagegen gestattet sich der Progressive Rock epische Umleitungen, Schnörkel, Spazier- und Spielstrecken, Steigungen und Gefälle, Serpentinen und klanglandschaftlich reizvolle Ausflugsrouten - zu steil und zu weit oben für die fahrradfahrenden Folkmusikfans, und hier und da stößt man durchaus in Höhenlagen vor, in denen auch die Jazzer ihre Kunstflugrunden drehen, aber eben ohne die Erdung, die bei aller Liebe zur Verfrickelung dem Rocker das Wichtigste ist. Und diese Straßen fährt man eben am liebsten mit einer Maschine, die Kraft im Tank hat, souverän alle kompositorischen Hürden meistert, nicht aus den Kurven fliegt und an den geraden Stellen auch mal losbrausen kann.


Was stört es da, wenn man wegen der ganzen genüßlichen Umwege für ein Stück nicht nur fünf, sondern zehn, zwanzig, dreißig Minuten braucht. Das Fahren selbst ist das Ankommen und Auftanken, und der Weg ist das Ziel. Das Hören und Fühlen ist das Erleben, das Sein im UnterwegsSein und damit ein kleiner Urlaub vom schlichten, immer gleichen popschlagerflachen DaSein.


Vielleicht liegt es daran, daß ich diese Art Musik am liebsten unterwegs höre, und ab und an können mir die Fahrstrecken gar nicht lang genug werden. Keine Bange – ich bin keiner von den Fahrern tiefergelegter Opel Seismos, die man auch zwei Straßen weiter noch hört; aber für meine Begriffe gehört ein gewisser Kawuppdich durchaus zum entspannend-entrückenden Zauber dieser Musik dazu.


Denn da, wo ich herkomme, und da, wo ich hinfahre, warten andere Dinge auf mich, die meine Aufmerksamkeit verlangen: Einkaufszettel, Kinder, Katzen, Konferenzen, Akten, Telefone. Aber hier und jetzt, während ich in meinem alten Ford vor mich hingurke und die Ohren nichts anderes zu tun haben, kann ich mit ihnen zugleich woanders unterwegs sein, schönere Routen entlang, und mich im Geiste vom Drive der Musik durch- und freipusten lassen.


Andere um mich herum leben wohl derweil andere Musikreisen: dem etwas verkniffenen Gesichtsausdruck der Teeniemutter in dem lilafarbenen Ford Ka hinter mir nach zu urteilen läuft da gerade vermutlich Tokyo Hotel – eine Band, die m.E. mit Rock ungefähr so viel zu tun hat wie ein Ford Ka mit erwachsenen Autos. Und der beschlipste Jungmanager im neuen Passat Kombi links neben mir testet vielleicht gerade, ob sein ESP-System auch das singende Aquaplaning Xavier Naidoo aushält. Da schwinge ich mich doch lieber im Geiste entspannt auf den heißen Ofen.
Meine liebsten akustischen Motorradtouren stammen übrigens von dem New Yorker Quintett Dream Theater. Bereisen Sie doch z.B. mal 'Octavarium' oder 'Six Degrees of Inner Turbulence'. Das entspannt den Fahrer, hilft Nerven und Türschlösser enteisen und befreit beim Mitsingen sogar noch die Nebenhöhlen.


Demnächst dann auch mehr zum Thema, höre mich gerade in das Neueste von Dream Theater rein und werde berichten.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • logan veröffentlicht 12.04.2010
    Statt einer drögen Begründung zur Wertung des Texts, nur zwei Worte zum Stichwort wirklich progressiver, wenn auch deutlich kompakterer, Metal: Liquid Graveyard. ;-)
  • Anacrusis veröffentlicht 20.01.2010
    Ziemlich anschaulich dargestellt, unsere Musik;) Wobei, wenn wir ehrlich sind, ist vieles davon gar nicht wirklich progressiv.
  • GerhardReus veröffentlicht 16.07.2009
    wirklich sehr gut berichtet... schoen zu lesen... aber auch nicht meine musik... viele liebe Gruesse
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