Sterbender Schwan, was nun ?
19.08.2004 (12.09.2004)
Pro:
: o))
Kontra:
: o((
Empfehlenswert:
Ja
 Catblue22
Über sich:
Wenn das Leben dir 1000 Gründe zum Weinen gibt, zeig ihm, dass es 1001 Gründe zum Lächeln gibt...
Mitglied seit:22.02.2003
Erfahrungsberichte:91
Vertrauende:57
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 158 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Unablässig sehe ich sie vor mir, sehe, wie wir beide dort auf der Treppe des kleinen schäbigen Bühneneingangs stehen. Ich auf dem Podest, mit rotem erhitzen Gesicht und dankbar über den kühlenden Sommerregen, der mein Gesicht bedeckte und sie, die sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die letzten Stufen zu mir hinaufzusteigen, sondern einfach einen Meter unter mir stehen blieb, um mir die Worte entgegenzuschleudern, die mir auch heute noch immer und immer wieder nicht aus dem Kopf gehen – Die mich mehr quälen, als alles andere, was geschehen ist. Wie in Zeitlupe sehe ich ihren Mund voll Zorn verzerrt und ihre Augen funkelnd, wie in meiner Kindheit, wenn ich wieder einmal etwas ausgefressen hatte, diese Worte prägen, sehe, wie sie sich umdreht und wütend die Treppe hinuntereilt mit der mir so bekannten Körperhaltung – Die Schultern ein wenig hochgezogen und die Hände zu Fäusten geballt, auch wenn man in ihrem Alter schon etwas langsamer gehen sollte, etwas sparsamer, bedächtiger mit seinen Bewegungen agieren sollte, war sie doch so temperamentvoll, als wäre ich noch Kind. Ein unartiges kleines Kind, dass den Zorn der Mutter auf sich gezogen hatte und das wohl wusste, dass es etwas Unrechtes getan hatte. Ohne auf die nassen schmutzigen Stufen zu achten, setzte ich mich, umschlang die Knie mit meinen Armen und blickte ihr hinterher. – Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Der gestrige Abend, der heutige Auftritt, die Scham, die Traurigkeit, in ihrer Achtung wieder ein Stück gesunken zu sein – All das ließ mich den immer stärker werdenden Regen nicht spüren. Im Gegenteil, die Tropfen perlten angenehm kühl über mein heißes Gesicht, benetzten meine Wangen, verwischten die dicke Theaterschminke, die mir meine Maskenbildnerin vorhin mühsam aufgelegt hatte, um meine zahlreichen Sommersprossen zu bedecken. Das Kostüm gehörte nicht mir, sondern zum Theater und ich hatte es laut Vertrag sorgsam zu behandeln und möglichst unversehrt wieder abzugeben, doch ich saß damit im Regen, wischte mir von Zeit zu Zeit das Make up aus dem Gesicht und brachte den weißen Perlenbesetzten Stoff in einen Zustand, aus dem wohl nur noch ein paar Spezialisten je wieder ein Bühnentaugliches Kostüm hinbekommen würden.Dabei hatte alles angefangen wie ein Traum – gestern Abend. Ich war müde und erschöpft von der Generalprobe in meinem kleinen Hotelzimmer angekommen und sofort auf mein Bett gefallen, um mich auszuruhen. Meine Zimmergenossin, eine Tänzerin, die noch nicht sehr lange dabei war, lag in der Badewanne und trällerte fröhlich ein Liedchen, deren Melodie mir in ihrer Trivialität immer und immer mehr auf die Nerven zu gehen begann, einfach, weil ich mich ihr nicht entziehen konnte und selbst schon in Versuchung geriet, mitzusingen. Wenn ich einmal ein Lied im Kopf habe, dann summe ich es in Stunden dauerndem Da Capo, bis ich es selbst nicht mehr unter Kontrolle habe und nur durch Schlaf oder eine andere eingängige Melodie auslöschen kann. Aber ich schweife ab… Ich lag also auf dem Bett, ärgerte mich und versuchte zu entspannen, als das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ab und sofort erklang seine Stimme. SEINE Stimme! Er, der berühmte Choreograph sprach mit mir, mit mir der kleinen Tänzerin! – Und er lud mich auf ein Glas Wein in einem kleinen intimen Bistro ein, denn er meinte, wir sollten uns einmal ungestört und in netterer Atmosphäre sehen, als das jeden Tag auf der Bühne der Fall wäre.Wie ein hypnotisiertes Kaninchen nickte ich in den Hörer, bis ich begriff, dass ich etwas sagen sollte, damit er mich verstehen konnte und so krächzte ich mit aufgeregter Stimme ein paar zustimmende Laute. In einer Stunde sollte ich dort sein hatte er gesagt und auf einmal erschien mir eine Stunde unglaublich wenig. Eben war mir der vor mir liegende Abend noch ewig lang vorgekommen, weil ich wieder mal nicht gewusst hatte, wie ich ihn verbringen sollte und nun war noch so viel zu erledigen! Der Blick in den beschlagenen Badezimmerspiegel, zeigte mir nicht nur den erstaunten Gesichtsausdruck meiner Zimmergenossin, sondern mein altbekanntes Problem. Warum nur musste ich mit roten Haaren und Sommersprossen das Licht der Welt erblicken? Es gibt keine berühmte Tänzerin mit dieser Haarfarbe und diesem Teint und so kämpfte ich schon so lange ich im Geschäft war, dagegen an. Gegen die Haarfarbe halfen regelmäßige Friseurbesuche, aber die Sommersprossen konnten nur mit einer dicken Schicht Schminke verdeckt werden, die ich nun sorgsam auftrug. Noch schnell die Haare gebürstet und mein einziges nettes Sommerkleid angezogen und schon war es Zeit, um ins Bistro zu eilen. Aufgeregt und außer Atem kam ich vor dem Lokal an, sprühte mir noch kurz ein teures Mundwässerchen in den Rachen – für alle Fälle und ging dann langsam und mit einer Tänzerin angemessen elastischen und eleganten Schritten auf den kleinen, nur vom romantischen Licht einer Kerze, erhellten Tisch zu, an dem er schon saß und mir erwartungsvoll entgegenblickte. Höflich rückte er mir den Stuhl zurecht und etwas nervös lächelnd nahm ich Platz. „Ich habe mich so auf dich gefreut.“ sagte er und schenkte mir aus der auf dem Tisch stehenden Rotweinkaraffe ein Glas ein. Wir prosteten uns zu und sein Blick wanderte anerkennend über meinen Körper. Seine Augen blickten so liebevoll, als er mir mit einem Finger zart über die Lippen strich, um den kleinen Rotweinrand zu entfernen, die der erste Schluck dort hinterlassen hatte. Eine Gänsehaut überzog mich bei dieser Berührung und ich war wie elektrisiert. Er flirtete tatsächlich mit mir und ich gab mir alle Mühe, mitzuhalten und lächelte ihn unentwegt an. – Mein Lächeln sei mein Kapital, dass hatte ich schon öfter gehört und da es in meinen Augen mein einziges war, versuchte ich es sooft wie möglich einzusetzen.Meine Stimmung wurde mit jedem Glas Wein gelöster und ich entspannte endlich ein wenig, ja, ich wagte sogar zu scherzen. Ich, ausgerechnet ich saß mit ihm hier und niemand von den so viel jüngeren und hübscheren Mädels aus unserem Ensemble! – Wie lange hatte ich ihn schon heimlich angeschmachtet, hatte mich in meinen Träumen nach ihm verzehrt und nun war es Wirklichkeit geworden. Ich konnte es kaum fassen, doch seine Blicke ließen keinen Zweifel offen, er war an mir interessiert. Gerade schilderte ich ihm eine kleine Anekdote von einem meiner Auftritte, da hielt er meine Hand fest und sah mir tief in die Augen.“ Ich habe eine Bitte an dich – Du musst nicht gleich ja sagen, aber du kannst es dir wenigstens mal überlegen.“ Sagte er und ich brach meine Geschichte ab, um zu hören, was er von mir wünschte. „Was immer du willst!“ sagte ich locker und wartete gespannt auf seine Bitte. „Würdest du für mich etwas ganz verrücktes tun?“ – Wie oft schon hatten mir Kolleginnen vorgeworfen, ich sein langweilig und unflexibel. Das sollte er von mir auf keinen Fall denken und so zuckte ich mit den Schultern und flirtete einfach drauflos: “Was immer du magst…kein Problem.“ „Morgen bei unserem letzten Auftritt, würdest du da für mich, nur für mich…Ach du würdest nicht!“ „Nun sag schon!“ bohrte ich ungeduldig und in Gedanken, hoffte ich, dass er mich nun endlich bitten würde, das Solo für ihn zu tanzen, dass auf unserer gesamten Tournee immer nur von Mimi, der zarten, grazilen und angeblich so begabten kleinen Schlampe getanzt wurde. „Du weißt, dass du etwas Besonderes für mich bist und ich kann Mimi ihren Part nicht wegnehmen, aber du bist nicht weniger begabt als sie, nur solltest du endlich mal etwas mehr Mut an den Tag legen, dann kann ich dich in der nächsten Saison ihren Job machen lassen! Wirst du mir morgen deinen Mut beweisen?“ „Also, nun sag doch endlich, was soll ich tun!“ drängte ich ihn und ein kleines ungutes Gefühl beschlich mich. „Ich würde es mir so erregend vorstellen, wenn du morgen nackt unter deinem Kostüm wärst!“ sagte er und senkte dabei ein wenig verlegen den Blick. „Wie ein kleiner Junge sieht er aus.“ dachte ich und ein zärtliches Empfinden durchflutete mich. - Wir hatten in unserem Stück nur einen kurzen Part, in dem wir die Röcke heben mussten – es war eine Can-Can-ähnliche Einlage und da könnte ich ja den Rock nicht ganz so hoch schwingen, überlegte ich und so nickte ich und war ganz begeistert von meinem Mut. Er nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mich so unglaublich verliebt an. Das würde der Beginn einer wunderbaren Liebe werden, da war ich mir sicher!Ich hatte es geschafft! Nur dieser kleine Liebesbeweis und ich würde ganz groß rauskommen. Er würde mich zum Star machen und endlich stände mein Name ganz oben auf den Plakaten, hätte diese kleine Zicke Mimi, die sich so arrogant feiern ließ, von ihrem Platz verdrängt. In Gedanken sah ich schon die Schlagzeilen, wie wir beide als das beliebte und berühmte Paar auf jedem gesellschaftlichen Großereignis zusammen auftraten, wie wir eine Einladung nach der anderen gemeinsam annahmen, wie unsere Namen nur noch zusammen genannt wurden und lehnte mich zufrieden in meinen Stuhl zurück, als er plötzlich aufstand. „Ich muss jetzt aber wirklich – Du verstehst, ich muss mich auf morgen einstimmen und danach nehme ich mir sehr sehr viel Zeit für dich!“ Er zog das „sehr“ beim Sprechen ziemlich in die Länge und mir lief ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass wir nur eine Stunde miteinander verbracht hatten, aber das würde alles anders werden. Ab Morgen! - Die Stimmung hinter der Bühne war gespannt wie lange nicht mehr. Wir standen in unseren Kostümen bereit und übten zum Teil noch einmal unseren Einsatz. Merkwürdig ruhig war es heute und eine Spannung lag in der Luft, wie sonst nur vor der Premiere. – Aber vielleicht empfand ich es auch nur so, denn es war ein merkwürdiges Gefühl, den weichen Stoff auf der nackten Haut zu spüren – und wenn ich dann zu Boden sinken würde ohne Slip! Auf einmal begann mein Herz schnell zu pochen und Schweiß brach mir aus. Ich suchte Halt und lehnte mich an den Garderobentisch. Neben mir lehnte Mimi und auch ihr schien es heute nicht gut zu gehen. Ihr überhebliches Lächeln war verschwunden und ein wenig verkrampft blickte sie mich an. Mir wurde immer unbehaglicher – Das sonst so aufgeregte Gemurmel, dass oft vor unseren Auftritten herrschte, fehlte und die Mädels waren allesamt nervöser als sonst. „Wenn sie nur wüssten!“ dachte ich und zupfte ein wenig an meinem Kostüm, als unser Aufruf auf die Bühne kam. Wir huschten in unserer üblichen Aufstellung in Richtung Vorhang und mir wurde fast schlecht vor Aufregung, als mir einfiel, dass heute meine Mutter unter den Zuschauern sein würde! Zu spät! Mein Slip und mein BH lagen im kleinen Schubfach meines Schminktisches in der Garderobe und ich konnte nicht mehr zurück. Die Aufführung zog sich hin. Wir waren noch nie so schlecht gewesen, wie heute. Alle wirkten verkrampft, unsere sorgfältig einstudierten Bewegungen waren ohne die übliche Lockerheit und Eleganz. Wir tanzten, wie ein paar hölzerne Puppen und innerlich übertrug sich die Nervosität von einer zur anderen. Unverwandt hatte ich das Gefühl, er würde mich ansehen und beobachten, aber wann immer ich in seine Richtung sah, schweiften seine Blicke hin und her. Ihm entging nichts und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Die Zeit zog sich hin und wollte einfach nicht vergehen. –Ich fieberte dem Schluss entgegen. Der CanCan kam und mein Lächeln gefror mir auf den Lippen, als er uns ein Zeichen gab, die Röcke höher zu schwingen und als ich einen verstohlenen Blick zu meiner Nachbarin wagte, sah ich, dass auch sie sich bemühte, den Rock nicht zu hoch zu heben! Das konnte doch nicht sein! Ich sah aufmerksamer hin und sah, dass alle mit einem steifen Lächeln bemüht waren, ihre Röcke so wenig, wie bei diesem Tanz nur möglich, zu heben. Da begriff ich es! – Sein Lächeln, seine Blicke von einer zur anderen, die Nervosität meiner Kolleginnen! Mir ging ein Licht auf, just in dem Moment, als in unserem Schlusspart, die Röcke noch einmal weit flogen und man bei fast allen sehen konnte, dass auch sie zu einem Glas Wein in netter Atmosphäre eingeladen worden waren, just in dem Moment schien die Zeit stillzustehen. Diese eine Sekunde, in der man bei allen alles sehen konnte, schien ewig zu dauern und festgefroren zu sein. Ich merkte, wie das Publikum den Atem anhielt, bevor erst zögerlich und dann immer lauter, frenetischer der Applaus gemischt mit lautem Lachen aufbrauste. Mit hochrotem Kopf verbeugten wir uns und verschwanden so schnell wir konnten von der Bühne. Zerplatzt! Mein Traum und mein Stolz, alles war dahin und ich stürzte zum Bühneneingang, wo meine Mutter die Stufen hochkam. „Hupfdohle!“ schleuderte sie mir ins Gesicht „Hupfdohle!“, bevor sie sich umdrehte und mich mit diesen Worten allein ließ!Ach hätte ich nur etwas Anständiges gelernt, so wie sie es damals wollte! Cellistin zum Beispiel – Da könnte ich bezaubern mit einem sanften Vibrato, mit einem gefühlvollen Adagio, aber das Leben ist hart….
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
10.06.2005 16:43
Ich muß oft an die Geschichte denken ... wollte ich nur mal anmerken. :-) Lieber Gruß! Sabine
08.05.2005 15:31
Du zauberst dafür ein traumhaftes Adagio mit deinen Worten.....
17.11.2004 15:17
Fantastisch! Habe ich mit Spannung und Begeisterung gelesen. Die Tatsache, daß man als Leser ja schon ahnt, daß alle nackt sind, macht es noch reizvoller.