Das Dirndl und ich - Trachtenfasching in Bayern
06.09.2006
Pro:
Traditionen
Kontra:
Traditionen
Empfehlenswert:
Ja
 halbzart
Über sich:
vorher weiß man es erst richtig hinterher
Mitglied seit:28.03.2006
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Ich bin ziemlich verwirrt, beinahe verzweifelt. Und ich fühl mich grad sehr alleingelassen mit meinem Problem. Mein Wunsch nach kultureller Zugehörigkeit hat sich in den letzten Wochen, in denen ich durchs Radio gehirngewaschen wurde, dramatisch verstärkt: "Trachtenmeier, kaufen Sie rechtzeitig ihr Wiesndirndl, sonst dürfen Sie kein Wiesnbier trinken. Oder neue Lederhosen? Auf zur Wedahex in Germering, die witzigste Trachtenmode dieses Jahres, oder sie sind raus."Selbst die Lufthansa steckt ihre Stewardessen zur Wiesnzeit in hellblaue Dirndl. Fehlt nur noch, dass die Polizisterei Besoffene mit Gamsbart an der offiziellen Dienstmütze abführt. Ich - durch das Wetterphänomen 'Fön' wieder zur urigen Zenzi mutiert - spiele also mit dem Gedanken mir tatsächlich ein Dirndl zu kaufen. Sakradi Fünf Jahre lang gefangen in Mitteldeutschland, hab ich mir geschworen, nichts aber auch garnichts dafür zu tun, um als Bayerin erkannt zu werden: "und - gibt's auch ein Nachtdirndl zum schlafen?", "trinkt ihr echt schon ein Bier in der Früh, vor du AUF Arbeit gehst", "seid ihr nicht alle magenkrank, wenn ihr immer nur Schweinshaxe mit Kraut und Weißwürstchen esst", "komm, sag mal Oachkatzlschwoaf, bitte".Und jetzt komm ich auf das schmale Brett, eins dieser Klischees zu bedienen und mich in ein Dirndl zu pressen, obwohl ichs eh nicht öfter als einmal zum diesjährigen Bierfest schaffen werde? Ja. Ich glaub ich will das. Ich will gegerbte Tierhaut auf schlaffer Bürohaut sehen, Riesenärsche in modischen Nylon-Dirndl sich wiegen sehen, zur unaufdringlichen Blasmusik, zartknospende Dirndldekolletes mit selbstgemachtem Svarowski-Schmuck und offen stehende Lederhosenställe - und wenns geht, möcht ich nicht in Jeans daneben stehen müssen. Wo kommt das her, dass sich plötzlich ausgerechnet die Jugend in Tradition übt und in Trachtenmode wirft? Vor rund acht Jahren waren Jeans, Pulli und ein ansprechender BH der Dresscode, damit scheint man aber heute bzw. nächste Woche völlig überholt zu sein. Ich hab Angst. Nicht nur, dass mir die Wiesn generell ein bisschen Angst macht, nein, jetzt muss ich mir auch noch Gedanken darüber machen was ich anzieh. Es geht hier nicht um den Ball der Equipage, sondern um ein gewöhnliches grösseres Bierfest. In meinem Bekannten- und Freundeskreis (alle zwischen 25 und 40) geht man einträchtig in Tracht. Und jene, die noch nicht in Leder oder Leinen gehüllt sind, rudeln sich kommendes Wochenende zusammen (Treffpunkt um 10 am Viktualienmarkt) und kutschen von Dirndlmarkt zu Dirndlmarkt. Druck macht mir, dass nur jene in den Genuss des -wiederum traditionellen- 'gemeinsamen Wiesnbesuchs' kommen, die in Trachten gehüllt sind. "I geh alloa und schau eich zua, ihr Saudeppn", hab ich gedroht, aber jetzt bin ich ein bisschen irritiert. Nicht zuletzt weil die bereits gedirndelten Damen nicht mal die entsprechende Oberweite haben, aber bereits jetzt rumprotzen wia a Steign voi Affn. Also… wie kommts? Waren es die Bayern leid, auf die damischen Saupreißn zu schimpfen, die unsere Landestracht mutig und stolz vorführten: "dene zoang mas, mir ham de rechtn Wadl dazua?" Und die Jugend, ohnehin mutiger was Mode angeht, rennt voran - begeistert und schamlos im rosa Minidirndl mit Cowboy-Stiefeln. Und der Rest macht mit. Es war keine schleichende Entwicklung, nein, innerhalb von zwei Jahren, war die Jeans verdrängt und alles von 15 bis 75 hockt da und trinkt im Landhausstil. Und vor zwei oder drei Jahren, waren die blondgesträhnten Landhausdirndlträgerinnen wie vom Erdboden verschluckt (schad) und es wird wieder echtes Dirndl getragen. Mit Bluserl, Schürze und Haferlschua. Ist das zulässig? Vereinzelt ist sogar unter den "Jungen" wieder ein echtes Charivari zu sehen. Ich bin zerrissen. Es rührt mich natürlich, wenn 15-jährige, die unterjährig jede modische Entgleisung mitmachen, völlig ernsthaft mit aufwändig geflochtenen Zopffrisuren in der U-Bahn sitzen und die Tracht völlig selbstverständlich zum Bier tragen. Andererseits bin ich über diese zweiwöchige Modeerscheinung beinahe erbost - die wissen doch nicht mal was sie da tragen und was sie dem urbayerischen Herzen antun, wenn sie Camouflage-Chucks mit Original Schlierseeer-Tracht kombinieren. Eine Tracht Prügel wäre angebrachter, ists doch eine Verunglimpfung des Was-auch-immer. Kruzifix. Die typische Münchner Tracht gibt es so nicht. Die Münchner haben um 1920/1930 ihre an den Empire-Stil angelehnte Tracht nicht mehr im Alltag getragen. Somit ging diese Tracht nicht mehr mit der Mode und blieb wie sie war, eingefroren auf immer und ewig, duftend nach Biedermeier. D.h. diese ehemals äußerst elegante und weltberühmte aber heute nunmal tote Regionaltracht, auch noch mit Cowboystiefeln oder Völkl-Rucksäcken zu quälen, halte ich nicht für angebracht. So schauts nämlich aus. Bei Damen schauts genauergesagt so aus: die durchaus vorteilhafte Silhouette, die so ein Dirndl zaubert, ist ja nicht zu verachten. Angefangen beim höherliegenden Mieder, das die Taille, die der bayerische Fleischfraß in die Breite getrieben hat, in die richtige Wespen-Form quetscht, ein bissl Fleisch nach oben, der Rest nach unten. Eine weiße Bluse, die nur noch dazu dient die Arme bis unter die Ellbogen in weiß zu hüllen ist obligatorisch. Der eigentlich ungünstige Faltenwurf des Rocks in Hinternhöhe, verstärkt die weibliche Rundung und man könnte sich ohne aufzufallen, neben die anderen Brauereirösser stellen. Der Dirndl-BH schnürt vorhandene oder nicht vorhandene Oberweite nach oben, knapp bis unters Kinn. Und weil der liebe Gott ein Bayer ist, scheint die Sonne in den zwei Wochen, somit ist a nackads Dekollete erlaubt: blanke sich wiegende Brüste soweit das Auge reicht. Aber wehe einer schaut genauer hin, dann ist das Geschrei groß, vor allem wenn der bewundernde Blick vom zahlungskräftigen ausländischen Touristen kommt. Die Narrischen, die Flachlandtiroler aus Hannover, das sind eh die schlimmsten.Die Lederhose für den Herrn, dem festlichen Anlass angemessen als Kniebund, ja das ist auch so ein Ding. Praktisch ist sie, organische Reste lassen sich einfach wegwischen, abspritzen oder trocknen ein und werden in der nächsten Saison einfach mit der Bürste rausgeklopft. Und so ein Lederhosenarsch mit wohlgeformten bestrumpften Waden, vorzugsweise o-beinig, ja das hat schon was. Das höchste der Gefühle ist aber die Krachlederne: wenn stählerne Oberschenkel unter der speckigen, abgenutzen kurzen Arbeitshose blitzen….. aaaaaaaaaah… ja.. schön. Ich kaufs… ich kaufs nicht... ich kaufs... ich.... ach. Bei all diesen modischen Aspekten die im Vorfeld geklärt werden müssten, ja schmeckt mir denn da überhaupt noch mein warm-up Bier? Und die Wiesn kommt, mit oder ohne Dirndl. Die ersten italienischen Wohnwägen stehen bereits an der Strasse...Prost. _____________________________________________ *Charivari (Durcheinander): Trachtenschmuck aus Bayern, der am Hosntürl der Lederhose getragen wird. An eine für gewöhnlich massiv-silberne Kette werden Edelsteine, Münzen, Tierpfoten, Tierzähne etc. gehängt. (wikipedia.de)
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19.02.2008 15:28
wann schafft ciao eigentlich den button "die gesammelten werke des ciao-autors XY als buch bestellen" an? :D
25.12.2007 16:16
die Bayern sind doch die sympathischsten Deutschen...
03.03.2007 12:48
bild 2 ist schon scharf, aber könnte etwas schärfer sein ... .-)) lg mozarteum