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"Üben Sie, üben Sie!"

4  26.07.2003 (20.11.2004)

Pro:
-  -  -

Kontra:
-  -  -

Empfehlenswert: Ja 

CapriTonne

Über sich: Fraglich, was Hitler mit mehr persönlicher Freizeit angefangen hätte. Sicher aber wäre er ein fleißi...

Mitglied seit:11.02.2003

Erfahrungsberichte:57

Vertrauende:36

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 64 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


Heinz Vogeler galt nicht nur unter seinen Schauspielerkollegen als Jahrhunderttalent, viele seiner Weggefährten sahen in ihm möglicherweise gar einen Mimen vom Format eines Günther Bauschke oder Peter Henf-Hofheim.
Und eben diese beiden grandiosen Darsteller stellten für Vogeler ein Ideal dar, welches er nach eigenen Angaben "niemals nicht erreichen" werden könne. Kritiker und Publikum jedoch liebten seine expressive Exaktheit und die beinahe spielerische Methodik seiner Rollen.
Unvergessen seine Interpretation des Ingo in "Sonntagsarbeit", in der er den semidebilen Halbsohn eines ostpreußischen Gutsbesitzers in der kurischen Nehrung verkörpert, ohne jedoch der Rolle einen ungewollten Bizarrismus zu verleihen. Die Szene, als er nach einem Wespenstich vom Obstbaum fällt und sich das Schlüsselbein bricht, gilt als Stil bildend für nachfolgende Schauspielgenerationen. Schon hier entwickelte er in Grundzügen seine berühmte Heivo-Methode, auf die wir später noch einmal eingehen werden.

Berühmte Zeitgenossen, die zeitlebens unverhohlen ihre Bewunderung über Vogeler äußerten, übernahmen schon früh diese Methode in Ihr Spiel, so auch Richard Seedorf, der in den 40er Jahren am Gotthold-Hahnenfuss-Theater in Halle große Erfolge feierte, sich aber Jahre später als Kieferorthopäde auf den Malediven niederließ. Er sei hier zitiert:
„ Gocki [so der Spitzname unter Kollegen, Anm. d. Autors] konnte einfach alles spielen, manchmal scherzten wir und baten ihn: Spiel doch noch mal z.B. Apfelmus. Und er verblüffte uns damit, das er es tat – und wir standen da, mit offenen Mündern und staunten. Man hatte noch nie ein besser gespieltes Apfelmus gesehen.“

Seinen Spitznamen bekam er verliehen, nachdem er bei einer kleinen Theatertournee durch die Ortschaften im Magdeburger Umland beim Besuch einer Hühnerfarm mit einem kampfeswilligen Hahn aneinander geraten war. Selbst aus dieser vertrackten Situation hatte er ein Schauspiel ohnegleichen gemacht, mit einem Othello’schen Tobsuchtsanfall packte er den Hahn an den Läufen und beförderte ihn in ein Beet mit Kapuzinerkresse. Aus dieser Begebenheit entstand ein kleiner Einakter namens
„Gockelspiel“, in der Vogeler als „Dr. med.vet. Hubertus Pfefferkorn“ brillierte. Ein grandioses Meisterstück, das an Werke von Curt Goetz erinnert.

Wie beim Lee Strassberg Prinzip des 'method acting' lehrt uns Heinz Vogeler das methodische Schauspiel durch ein bedingungsloses Hineintauchen in die zu spielende Rolle. Die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verwischen und es stellt sich der gewünschte 'Basford-Effekt' ein. (siehe: How to play a cucumber, S.122 ff)
In Hollywood selbst wurde man aufmerksam auf diesen ungewöhnlichen Schauspieler, und man bot ihm schon bald die begehrte Rolle des U-Boot-Kommandanten McKinley in „ Faden dreams“ (Deutscher Titel: „Der Blutegel“) an.

Doch er wurde in Hollywood nicht glücklich. Sprachschwierigkeiten, seine Spottsucht („Um hier ein begehrter Schauspieler zu sein, musst du nicht spielen können, ein Knackpopo und ein Schnurrbart reichen völlig aus“) und seine Unzufriedenheit über die Wohnungssituation (Er logierte in der Zeppelin Street, direkt über einem Warenlager für Goodyear-Autoreifen) ließen ihn schon bald wieder nach Übersee zurückkehren. Insider munkeln, dass seine (nicht eindeutig bewiesene) Affäre mit Esther Williams, der „badenden Venus“, ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte.

Seinem engsten Freundeskreis berichtet Vogeler über das kurze Intermezzo in der Traumfabrik. Wie so oft, wenn er sich im vertrauten Kreis wähnte, verfiel er in seinen seltsamen, unnachahmlichen Dialekt:
„Feldmaus’m Rahmen, feldma sehr tief dort“.
Er schien überglücklich, wieder seine geliebten Bratkartoffeln und den heißbegehrten Mohnkuchen seiner Schwester zu delektieren und widmete sich nun wieder ganz dem Theater. Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ (Von ihm gerne als „Endstufe Zehensucht“ verballhornt) war ein grandioser Erfolg am Berliner Ensemble, welches Vogeler gerne als sein „Liebesnest“ bezeichnete, und man munkelt, dass so manche Statistin dort von ihm weit mehr als die von ihm bereitwillig offerierte Nachhilfe beim Textstudium bekommen habe.

Seine amourösen Eskapaden nahmen immer mehr überhand, verschiedene Komparsen, die ihn während seiner Zeit im BE erlebten, berichten von wahren „Orgien“, die sich direkt an die Aufführungen anschlossen. Gerda Lohse berichtet: „Nur mit einem Kopftuch, das er sich um die blanken Hüften geknotet hatte [im heutigen Zeitalter des Stringtanga sicherlich nicht aufsehen erregend, aber für damalige, prüde Verhältnisse ein Skandal, d. Autor], stürmte er die Garderobenräume der anderen Damen und schloß sich mit ihnen dort ein. Den Schlüsselanhänger schmiß er aus dem Fenster und es dauerte Stunden, bis der Intendant mit einem Reserveschlüssel die kreischenden, halbnackten Statistinnen befreien konnte.“

Larissa Lebkovic, Cousine von Johannes Ernst (Arbeitsminister in den Jahren 58/59), die die Rolle der Blanche DuBois spielte, zeigte sich empört über den Verfall der Sitten und intrigierte erfolgreich gegen den (in ihren Augen martialischen) Mimen. Vogeler wurde suspendiert, und in den darauf folgenden Jahren ging es stetig bergab. Als Angestellter in einem Radio- und Fernsehbetrieb verbrachte er sein letztes Lebensjahr, 1963, und starb an eine Lötzinn-Allergie.
Sein Grab in Wilmersdorf gilt noch heute als Pilgerort vieler Theatermacher und den zahlreichen Anhängern der von ihm geschaffenen Heivo-Methode.


► Seine wichtigsten Filme im Überblick:

Liebe im Fallschirm (D, 1951)
Du bist wunderbar (A, 1953)
Der Tag, an dem Herr Joschi seine Hose verlor (D, 1953)
Lo Stivale (I, 1956)
Sonntagsarbeit (D, 1956)


► Einige Übungen zur Heivo-Methode:

Wie schon erwähnt ist es beim Schauspiel immens wichtig, in die Rolle hineinzuhorchen, um der Anforderung, die sie stellt, zu entsprechen. Grundvoraussetzung dafür ist ein biaktives Karrialverhalten, welches selbstverständlich nur durch häufiges Training und Gewissenhaftigkeit bei den Übungen selbst entsteht. (Vogeler: „Üben Sie, üben Sie“)
Wie Sie im Endeffekt die Übungen gestalten hängt in erster Linie von Ihrem Einsatzwillen und der Ernsthaftigkeit ab - und Ihrem Trainingsumfeld. Nehmen Sie nachfolgende Tipps als Anleitung und versuchen Sie, sie in Ihr tägliches Übungsspiel zu integrieren.

► Schälen Sie eine Knoblauchzehe ohne Zuhilfenahme der Hände
► Bewegen Sie öfters im Wechsel (vorsichtig/hektisch) Ihre Zehen
► Interpretieren sie klassische Stücke neu, in dem sie eine der Hauptrollen durch eine Salatgurke ersetzen
► Achten sie auf Kinder im Straßenverkehr (gilt immer)
► Graben sie ein Loch in den Garten und schreien sie böse Worte hinein. Und dann schnell wieder zubuddeln
► Frühstücken Sie im Spagat, zitieren sie dabei Dario Fo
► Sprechen Sie alles, was Sie am Tag lesen, laut (U-Bahnplakate etc.). Erleben sie die Reaktion ihrer Mitmenschen


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Dies war damals ein Versuch zu Alexelas Aktion, die folgende Worte vorgab:

HÜHNERFARM-WARENLAGER-U-BOOT-KIEFERORTHOPÄDE-
BLUTEGEL-KAPUZINERKRESSE-ZEPPELIN-VENUS-
SCHLÜSSELANHÄNGER-KNACKPOPO-LÖTZINN-
APFELMUS-WESPENSTICH-STRINGTANGA-
FALLSCHIRM-FELDMAUS-BRATKARTOFFELN-
HAHNENFUSS-OBSTBAUM-PFEFFERKORN-
ARBEITSMINISTER-KNOBLAUCHZEHE-AUTOREIFEN
-FADEN-SPOTTSUCHT-MALEDIVEN-ENDSTUFE-
LIEBESNEST


Eines der anderen drei Aktions-Kriterien

In jedem Satz jedes Wort nur einmal
In jedem Satz ein englisches Wort
Jeder Satz mit dem gleichen Buchstaben beginnend

habe ich außer Acht gelassen. Das ist schade, ließ sich aber nicht ändern.

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Immer noch bin ich begeistert, welche wunderbaren nachfolgenden Werke die daraus entstandene Aktion „Verschollene Biographien“ hervorgebracht hat. Wer möchte kann übrigens immer noch teilhaben.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
kalloc

kalloc

10.06.2006 17:35

Wie konnte ich nur....aber es ist selten zu spät. Selten besseres Apfelmus gelesen!

cicko32

cicko32

02.03.2006 13:54

Also, beim Bratkartoffelnessen versuche ich die Knoblauchzehe zu schälen, ohne Hilfe meiner Hände. Aber, das wird mir nicht helfen, meine "Bildungslücken" zu schliessen. Dafür aber dein Bericht umso mehr! Vielen Dank dafür. :up: ;)

Hagar66

Hagar66

14.08.2005 09:57

Bin eigenlich ich (mit) verantwortlich für die einstweilige Absenz? (Ich leide!)

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