vERSCHULDET
06.09.2007
Pro:
-
Kontra:
Schulden belasten und schränken ein
Empfehlenswert:
Nein
 Jerex
Über sich:
"Ihc werd wider Stihl in dise Kohmuniti trahgen" Zitat Nietzsche & Gabbana
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Viele Menschen in Deutschland haben Schulden, mache aus Schicksalsschlägen, andere, weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Wiederum andere haben einfach nicht ihre Finanzen im Griff und noch andere haben sich bei dem Weg in die Selbstständigkeit ruiniert. Ich habe ebenfalls Schulden. Und ich rede nicht gerne darüber. Aber ich denke, dieser Bericht ist eine gute Zwischenbilanz für mich selbst und vielleicht eine Hilfe für Andere, die auch in die Schuldenfalle getappt sind. Grundsätzlich ist es relativ „normal“ Schulden zu machen. Manche Dinge können aus der hohlen Hand nicht bezahlt werden (beispielsweise ein Haus), bei anderen Dingen ist es günstiger, einen Kredit aufzunehmen, weil die Zinsen dermaßen niedrig sind (0% Finanzierung, typischerweise bei Autos). Gefährlich werden Schulden dann, wenn sie außer Kontrolle geraten – und das passiert wesentlich schneller, als man zu Beginn glauben mag.Meine eigene Schuldenhistorie hat im Kleinen angefangen: Mein erster Auszug in eine eigene Wohnung! Meine Eltern haben mir damals die Kaution vorgestreckt (500 Euro), da ich kein Geld hatte, um sie zu bezahlen. Im Grunde nichts Schlimmes, zumal meine Eltern nur sagten: „Behalt das Geld, bis Du es eines Tages übrig hast!“. Das sind nicht-belastende Schulden. Dann begann mein Zivildienst und ich kam mit dem mickrigen Sold (380 Euro) und der Hilfe der Unterhaltssicherungsbehörde (220 Euro) ganz gut alleine aus. Damals hatte ich ein wenig ausgeprägtes Anspruchsdenken und ich konnte mir alles leisten, was ich wollte: Cocktails trinken, in Discos gehen, Klamotten kaufen... Ich habe es damals noch nicht übertrieben (Und sehr zufrieden war ich auch). Nach meinem Zivildienst begann ich dann mit meiner Ausbildung bei Vodafone, wo ich neben meinem Ausbildungsentgeld (ca. 500 Euro) einen Nebenjob hatte, durch den ich immer ein Zusatzpolster von 300 Euro pro Monat hatte. Seltsamerweise kam ich aber – obwohl ich rein rechnerisch 200 Euro im Monat mehr hatte – nicht mehr so gut mit dem Geld aus. Meine materiellen Ansprüche stiegen in kurzer Zeit an, so dass ich immer schlechter mit meinem Geld auskam. Dann habe ich die erste „Sünde“ begangen: Im Bündel mit einem Handyvertrag gab es eine XBox für nur 10 Euro im Monat. Nein – das ist natürlich kein hoher Betrag und es hat mich auch nicht in den Ruin gestürzt – aber meine erste Hemmschwelle durchbrochen: Etwas zu kaufen, was ich mir nicht leisten konnte! Weiter ging es mit meinem Führerschein, den ich schon zu Zivildienstzeiten begonnen, aber aus chronischem Geldmangel nicht weitergemacht habe: Mein damaliger Freund lieh mir Geld für Fahrstunden (300 Euro), dann eine Kollegin das Geld für den Abschluss des Führerscheins (800 Euro). Durch meinen laxen Umgang mit meinem Gehalt hatte ich auch den Disporahmen von 500 Euro dauerhaft ausgeschöpft. Dazu hatte ich noch ein Zweitkonto, das ebenfalls mit 300 Euro belastet war.Zwischenbilanz. 2650 Euro Schulden. Das ist auf den ersten Blick nicht viel. Bei einem Gesamtgehalt von 800 Euro im Monat aber eine ganze Menge, denn selbst wenn ich im Monat 50 Euro getilgt hätte, hätte ich damals 53 Monate gebraucht, bis die Schulden weg gewesen wären. Gestört hat mich das damals noch nicht, da ich nie auf die Idee gekommen bin, so eine Rechnung zu vollziehen. Dann wurde ich psychisch krank (auch zu lesen im Bericht „Licht und Schatten“). Ich beschloss, meine Umgebung zu wechseln und zog in eine WG nach Düsseldorf. Die Umzugskosten wären eigentlich gering gewesen, da ich einen Bekannten mit einem Transporter kannte und mein Hab und Gut dort locker hineinpasste. Eigentlich – ja, eigentlich ist ein Wort, dass ich sehr oft benutzen werde – hätte mich der gesamte Umzug läppische 40 Euro gekostet. Die Kaution – so sagte ich mir – würde sich schon auftreiben lassen (800 Euro). Ein dummer Fehler. Mein Zimmer wollte ich komplett neu einrichten, so dass ich für den Umzug mit Kaution mehr als 1500 Euro ausgab. Kurze Zeit später entschloss ich, dass ich eigentlich ein Notebook für die Schule brauche. Ein PowerBook von Apple, dass ich auf Raten kaufte (2100 Euro). Ein Freund von mir war Zweitkreditnehmer – alleine hätte ich den Kredit nicht bekommen.Durch meine Krankheit musste ich dann meinen Nebenjob aufgeben, so dass ich statt der 800 Euro im Monat plötzlich nur noch 500 Euro zur Verfügung hatte. Natürlich reichte das nicht aus, denn selbst in einer WG hat man gewisse Kosten neben dem Zimmer, die gedeckt werden mussten. Wieder half mir ein Freund aus der Patsche und lieh mir 250 Euro, damit ich halbwegs über die Runden kam. Trotzdem erkannte ich damals den Ernst der Lage nicht und kaufte einen iPod auf Raten (wieder mit Handyvertrag, der pro Monat „nur“ 30 Euro kostete, also insgesamt 720 Euro – ein Handy war mit dabei). Nach einem Gespräch mit der Bank räumte man mir einen höheren Dispositionsrahmen ein (800 Euro). Leider fehlten entsprechende Einnahmen. Nur kurze Zeit später liehen mir meine Eltern weitere 500 Euro. Dann begann ich Dinge zu verkaufen (auch mein PowerBook), ein paar Schulden zurückzuzahlen, machte aber einen weiteren fatalen Fehler (wenn man dies liest, könnte man meinen, ich sei vollkommen dumm) und erstand eine Kreditkarte mit einem Rahmen 1500 Euro. Diesen benutzte ich unter anderem, um bis zum Ende der Ausbildung zu überleben, kaufte mir aber auch einen neuen Computer davon. Zwischenbilanz. Nicht ein ganzes Jahr nach der letzten Bilanz hatte ich nicht mehr bezahlbare 2650 Euro Miese (die zumal größtenteils bei Privatpersonen waren, so dass ich außer dem zwischenmenschlichen Druck keine Verpflichtungen hatte), sondern 6900 Euro. Alleine für den Kredit und die Kreditkarte (die konnte man in Raten zurückbezahlen) musste ich im Monat fast 130 Euro zurückzahlen. Wenn man nur 500 Euro zur Verfügung hat, ist das verdammt viel Geld – und das Ende der Ausbildung war noch fast vier Monate entfernt.Leider bin ich in diesen vier Monaten nicht wesentlich schlauer geworden. Zwar erhöhte sich mein Schuldenhaufen nicht, dafür wurde er nicht niedriger. Und nur zwei Monate nach dem Beginn meiner Festeinstellung kaufte ich den nächsten Computer auf Raten. Zwar handelte es sich um eine 0%-Finanzierung, aber sie erhöhte meine Schulden auf unangenehme 8200 Euro. Für viele Leute mag das nicht viel Geld sein, für mich war es ein extrem belastender Haufen. (Einschub: „Psychologische Effekte“ Die WG, in der ich wohnte, hätte ich am liebsten nach einem Monat wieder verlassen. Es passte für mich gar nicht. Ich fühlte mich extrem unwohl. Hier bemerkte ich auch das erste Mal, dass Schulden etwas wirklich Teuflisches sind: Ich hatte einfach kein Geld, um auszuziehen. Das verstärkte das Gefühl des Unwohlseins ins Unendliche. Da mischte sich eine gewisse Hoffnungslosigkeit mit herein, die ich im Nachhinein sehr gut nachvollziehen kann. Ich war nicht mehr in der Lage, mich um mein Wohlbefinden zu kümmern, weil ich mich verschuldet hatte. Die Situation, „gefangen“ zu sein, machte mir extrem zu schaffen. Dazu kam, dass ich einen großen Teil des Geldes nicht bei Banken geliehen hatte, sondern bei Freunden und Familie. Zwar beharrten diese darauf, dass ich mir mit dem Zurückzahlen Zeit lassen könne, aber es war unglaublich unangenehm: Wenn ich ausgegangen bin, ein T-Shirt gekauft habe oder auch nur beim Kiosk eine Cola anstatt im Supermarkt erstand, hatte ich sofort ein schlechtes Gewissen. Ich fühlte mich, als würde ich diese Menschen betrügen – schließlich versicherte ich ihnen immer und immer wieder, dass ich das Geld so schnell wie möglich zurückzahlen würde.)Mein „richtiges“ Gehalt reichte natürlich ebenso wenig für meine Ausgaben, wie mein „kleines“ Gehalt während der Ausbildungszeit: Einerseits fielen viele Vergünstigungen, die man als Azubi hat weg, andererseits war ich der Meinung, dass ich es mir „ja jetzt leisten kann“. Was für ein Trugschluss! Ich lebte auch weiterhin weit über meinen Verhältnissen und es dauerte keine weiteren zwei Monate, ehe sich mein Dispositionskredit auf gefährliche 2000 Euro erhöht hatte. Wie frustriert ich auf einmal war: Da verdient man schon recht gut (es waren damals knapp 1300 Euro) und dennoch hat man am Anfang des Monats Miese! Mein Geld „rotierte“ damals von einem Konto auf das andere zur Kreditkarte und zurück. Natürlich blieb der Schuldenstand stets der Gleiche! Zwischenbilanz. Wir sind inzwischen im späten Frühjahr des Jahres 2006 angekommen. Zwar hatte ich hier und da Kleckerbeträge zurückgezahlt, aber mein Schuldenstand näherte sich bedrohlich dem fünfstelligen Bereich. (Zweiter Einschub „Psychologische Effekte“: Schulden belasten dann enorm, wenn sie einen hindern, Dinge zu tun, die man gerne tun würde. Beispielsweise: Ein Auto kaufen, in den Urlaub fahren, den Job wechseln, etc. Den Job wollte ich unbedingt wechseln. Ich merkte, wie mich der Job zerdrückte, wie unwohl ich mich fühlte. Zu dieser Zeit hatte ich eine befristete Stelle bis zum Januar 2007. Ich jammerte viel, sehr viel, aber änderte nichts. Das liegt nicht daran, dass ich nichts ändern wollte, sondern weil die Situation vollständig aus der Hand geglitten war. Ich war aber auch nicht bereit, mein Verhalten zu ändern, weil ich meine Lebensqualität nicht mindern wollte. Dass aber gerade der Gedanke, die Lebensqualität nicht mindern zu wollen, genau das tat, begriff ich zu dieser Zeit nicht.) Dann, eines Tages, begann ich nachzudenken: Was, wenn mein Vertrag nicht verlängert werden würde? Wenn ich arbeitslos werden würde?Und ich begann zu rechnen. Zählte alles zusammen, was ich an Schulden hatte und war erschrocken. Ich hatte mit der Hälfte gerechnet. Aber so eine Summe? 10.000 Euro? Mit gerade mal 24 Jahren und der möglichen, wenn auch unwahrscheinlichen Aussicht, ein dreiviertel Jahr später arbeitslos zu sein? Ich weiß noch, wie gelähmt ich mich fühlte. Wie verzweifelt! Aber ich hatte etwas getan, was enorm wichtig war: Der Realität ins Auge geblickt!Und dann fing ich an: Ich trat meinen Zweitjob in der Klinik wieder an. Mein Urlaubsgeld benutzte ich, um meine Privatschulden größtenteils loszuwerden und – was für mich das Wichtigste war – zwei Monate später zog ich aus der WG aus zu meinem Freund. Zu zweit in einem 35 qm Appartement... Aber die Mietkosten waren dadurch um ein gutes Drittel gefallen. Ich spürte wieder Luft, etwas wie Hoffnung. Und hatte eine Art „Erleuchtung“: Ich wollte bis zum Januar 2007 schuldenfrei sein und eine Ausbildung als Krankenpfleger beginnen. Das konnte ich nur machen, wenn ich keinen Cent Schulden mehr hatte. Und ich hasste meinen Job so sehr! Nur wenige Wochen später bot mir mein Arbeitgeber an, ab Januar eine unbefristete Stelle anzutreten, aber: Ich lehnte ab! Ich war vollkommen überzeugt davon, dass ich innerhalb von zehn Monaten fast 10.000 Euro Schulen gutmachen könnte! Nebenjob und Gehalt würden reichen, ich müsste nur sparsam sein (und das war ich: Ich kaufte keine neuen Dinge, ging fast gar nicht weg, beschränkte mich auf das Nötigste).Erstaunlicherweise klappte dieser Plan zu Beginn auch wunderbar: Innerhalb von vier Monaten hatte ich fast alle Schulden bei Privatleuten zurückbezahlt (ein sehr netter Arbeitskollege, der mir viel Geld geliehen hatte, erließ mir die Schulden. Es war ihm wichtiger, dass ich glücklich war, als dass er das Geld wiederhatte), mein Dispo halbiert, meine Kreditkartenbelastung auf 300 Euro gedrückt und viele offene Rechnungen beglichen. Innerhalb von vier Monaten zahlte ich beinahe 6.000 Euro Schulden zurück. Zurückgeblickt eine wahnwitzige Leistung, auf die ich auch ein bisschen stolz bin!Leider war der Erfolg nicht von Dauer: In dem engen Appartement kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit meinem Freund. Der Druck, der auf mir lastete, trug einen erheblichen Teil dazu bei. Schlimmer fand ich aber, dass ich von seinem Wohlwollen abhängig war und noch lange nicht bereit war, nach der schlechten Erfahrung in der WG, mit jemandem zusammenzuleben (das bin ich übrigens bis heute nicht, aber das ist ein anderes Kapitel). Irgendwann eskalierte es und ich zog weg. Eine Stadt weiter. Dann musste ich die Kaution für die neue Wohnung bezahlen und viele Dinge kaufen, die ich aus meiner ersten Wohnung nicht in die WG mitgenommen hatte: Besteck, Geschirr, Staubsauger, Küchenutensilien, etc., etc. Dann ein paar neue Dinge (die ich aber wirklich brauchte) wie beispielsweise ein neues Bett oder einen Esstisch. Die 6000er Grenze war wieder überschritten. Durch den Umzug konnte ich zahlreiche Rechnungen nicht bezahlen und nur nach kurzer Zeit hatte ich Briefverkehr mit mehreren Inkassounternehmen und dem Gericht. Januar diesen Jahres zog ich dann endlich die Konsequenzen: Ich verkaufte alles, was einen Wert hatte, der mir half die Rechnungen zu bezahlen (meinen Computer, mein Handy, meine Playstation) und schuldete um. Moderat.(Dritter Einschub „Psychologische Effekte“: Vernunft ist ein wichtiger Bestandteil des Vorhabens, Schulden zurückzubezahlen. Meine wahnwitzige Idee, 10.000 Euro in 10 Monaten zu tilgen, war nicht vernünftig. Ich hatte mich schlichtweg übernommen und etwas vergessen, worauf ich später noch einmal eingehen werde: Geld zurückzulegen. Der Entschluss, Schulden zurückzuzahlen ist immens wichtig, noch wichtiger ist es aber, sich einen realistischen Plan aufzustellen, dem man gewachsen ist.) Ich nahm also einen einzigen Kredit über 6000 Euro auf, bezahlte übrig gebliebene Rechnungen und fing an, Geld beiseite zu legen. Die verbliebenen Disporahmen habe ich streichen lassen – ebenso den Verfügungsrahmen der Kreditkarte. Schuld an meinen Schulden war schlicht die Tatsache, dass ich mit Geld gar nicht umgehen konnte und deswegen war es wichtig, dass ich gar keine Möglichkeit mehr hatte, mehr auszugeben, als ich einnahm. Das ist sehr einleuchtend und ein Selbstverständnis für alle, die mit Geld umgehen können. Für mich war es das nicht. Durch den hohen Zins des Kredites (9,9% bei 5 Jahren Laufzeit) war meine Gesamttilgungssumme zwar wieder auf 10.000 Euro angewachsen, aber ich habe wieder Freiheit gespürt, habe angefangen, Geld beiseite zu legen, so dass im Falle unerwarteter Aufwände, diese auch sofort beglichen werden können. Mit Hilfe eines Sparplanes werde ich den Kredit in zweieinhalb Jahren vorzeitig ablösen können (ich verdiene inzwischen ein bisschen mehr), so dass die real getilgte Schuld dann bei ungefähr 8.000 Euro liegen wird. Die Umschuldung war aus heutiger Sicht die beste Entscheidung, die ich treffen konnte und der erste Schritt in Richtung Schuldenfreiheit. Der zweite Schritt hat inzwischen begonnen: Unnötige Kosten pro Monat einsparen und diese ebenfalls sparen, um den Kredit früher ablösen zu können. Etwas, das ich viel früher hätte tun sollen...Warum erzähle ich das? Warum oute ich mich? Ich denke, es gibt sehr viele Menschen, die ähnliche Probleme haben wie ich sie hatte. Menschen, die sich unter ihren finanziellen Verpflichtungen erdrückt vorkommen und die psychisch darunter zu leiden haben, dass sie nur noch wenig über ihr Leben entscheiden können. Und „ja!“ – Schulden können enormen psychischen Stress auslösen. Man fragt sich unwillkürlich Dinge wie: „Was ist, wenn ich meinen Job verliere?“. Man kann gewisse Dinge nicht machen. Ich selbst habe sehr lange die Augen vor der Realität verschlossen, weil ich gedacht habe: „Ach, soviel ist das nicht!“. Die Situation ähnelt der eines Süchtigen, der sich seine Sucht nicht eingestehen möchte: „Ich schaffe das schon! Es geht noch! Nur noch einmal!“. Und bei mir war es nahe an der Sucht: „Nur noch einen iPod!“ – früher oder später verliert man vollständig die Übersicht. Man hat schon lange verschiedene Konten, Kreditkarten, Raten die alle zu unterschiedlichen Zeiten bebucht und verschoben werden. Man schöpft ständig seinen Dispositionskredit aus. Die meist an der 20%-Grenze kratzenden Zinsen und deren Belastung möchte man nicht wahrhaben (und das sind bei 2000 Euro schon 400 Euro im Jahr, die hinzukommen). Da man den Anschluss an den Rest seiner Freunde nicht verlieren möchte, belastet man schnell noch seine Kreditkarte: Die Rechnung kann schließlich in Raten gezahlt werden. Irgendwann steht man dann vor dem finanziellen Kollaps und bemerkt es kaum. Wenn ich heute daran denke, dass ich während meiner Ausbildung über 6000 Euro Schulden hatte, wird mir noch übel. Und wenn ich bedenke, dass sich diese Summe innerhalb weniger Monate fast verdoppelt hatte, obwohl ich mehr als das Doppelte im Monat wie zu Ausbildungszeiten verdiente, wird mir noch übler. Irgendwann hat es „Klick!“ gemacht – und bei mir war das der Fall, bevor es zu spät war. Ich denke, mit diesem Bericht möchte ich einen Gedankenanstoß geben. Den Leuten, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, in der ich mich befand. Wenn man seine Schulden wirklich zurückzahlen möchte, benötigt man vor allem drei Dinge: 1.) Mut, der Realität ins Auge zu schauen und die Entscheidung treffen, die Realität zu verändern. 2.) Einen realistischen Plan, in welchem Zeitraum welche Schulden bezahlt sein sollen. 3.) Verdammt viel Disziplin und den Willen, sein Verhalten zu ändern.Nein – das ist nicht alles! Aber die Grundvorrausetzung, um es durchzuziehen. Hilfreich sind einige Dinge, die ich noch anmerken möchte: Enorm wichtig ist die Bündlung verschiedener Schulden in eine Summe. In der Regel haben Menschen, die wie ich zu den Schulden gekommen sind nicht nur einen Kredit, sondern ganz viele verschiedene Arten von Krediten: Ratenkauf, Dispositionskredite, Kreditkartenbelastungen, Privatleute. Das Umschulden auf einen Betrag hat einen Hauptvorteil: Man gewinnt wieder die Übersicht über seine Finanzen! Es wird pro Monat nur EIN Betrag abgebucht, anstatt acht oder neun. Ich hatte zeitweise neun Beträge, die pro Monat abgegangen sind und es ist – auch für einen mathematisch begabten Menschen – vollkommen unmöglich, auch nur annähernd eine Übersicht zu behalten. Meine Kontoauszüge waren fast so dick wie das Telefonbuch von Düsseldorf. Zwar kann es durchaus passieren, dass die Gesamttilgungsrate im Gegensatz zu vorher steigt, aber man hat wenigstens die Chance zu tilgen. In meinem Fall habe ich das Geld vorher einfach hin- und hergeschoben, so dass ich am Ende des Monats genauso viele Schulden hatte wie zu Beginn (und teilweise auch mehr). Wenn man nur einen Betrag zu zahlen hat, ist es wesentlich einfacher und man belügt sich auch nicht mehr so einfach.Eine zweite Sache, ebenfalls enorm wichtig: Alle Möglichkeiten minimieren, Geld auszugeben, das man nicht besitzt. Als allererstes den Dispositionskredit: Man wird ihn immer und immer wieder ausschöpfen. Solange der Kontostand in roten Zahlen angezeigt wird, hat man auch keine Motivation, etwas daran zu ändern. Dispositionskredite sind trügerisch, weil sie einem nur einen „Handlungsrahmen“ vorgaukeln. Im Endeffekt sind es aber ganz normale Kredite, für die man nur wesentlich höhere Zinsen bezahlen muss. Ich habe mir immer gesagt: „Es ist ja nur ein Rahmen! Nächsten Monat gebe ich weniger aus!“ – aber das passiert nicht. Mir jedenfalls. Mir ist es nie passiert, dass ich weniger ausgegeben habe. Ebenso streichen lassen sollte man den Kreditkartenrahmen. Zwar denkt man immer „Nur, falls mal was passiert!“, aber zu den „Notfällen“ gehören dann auch schnell externe Festplatten, die neuen Schuhe von Diesel, Bücher, CDs, DVDs, eine Bargeldreserve usw. Wenn man nicht mit Geld umgehen kann, wird man seine Kreditkarte solange belasten, wie man es kann. Wenn man nicht mit Geld umgehen kann, sollte man sich diesen Spielraum streichen lassen. Man vergisst so schnell, dass einem das Geld, das einem mit der Kreditkarte zur Verfügung gestellt wird, nicht gehört und dass es zurückgezahlt werden muss. Ein ebenfalls extrem wichtiger Faktor, um auf die Beine zu kommen und für den die vorherigen Schritte unabdingbar sind, ist, Rücklagen zu schaffen: Beim Umschulden habe ich etwas mehr aufgenommen, als ich brauchte, um alle anderen Kredite und Schulden zu tilgen und habe das Geld als Rücklage auf mein Sparkonto geschaufelt. Jeden weiteren Monat habe ich – direkt nach Gehaltseingang – immer etwas Geld hinzugefügt. Rücklagen sind deswegen extrem wichtig, weil man sich viele Kosten sparen kann. Zu der Zeit, in der ich wie ein Verrückter getilgt habe, habe ich gar keine Rücklagen aufgebaut. Dadurch sind auch der Umzug und die daraus resultierenden nicht bezahlten Rechnungen zu einem kleinen Desaster geworden: Alleine durch Zahlungen an Mahngebühren, Inkassokosten und Ähnliches bin ich mehr als 300 Euro losgeworden. Hätte ich Rücklagen gehabt, wären diese Kosten erst gar nicht entstanden. Abgesehen davon ist es aber auch ein sehr beruhigendes Gefühl, wenn man weiß, dass auch eine Stromnachzahlung oder sonstige Dinge einfach bezahlt werden können und man nicht dauernd die Frage im Kopf hat: „Wie bezahle ich DAS jetzt schon wieder?“ – mal abgesehen davon, dass es auch schön ist, zu sehen, wie das Geld auf dem Sparbuch mehr und mehr wird. Dieses Jahr bin ich dadurch das erste Mal seit sehr, sehr langer Zeit wieder in den Urlaub gefahren und es war ein verdammt gutes Gefühl, dass ich diesen Urlaub nicht auf Pump gemacht habe, sondern, dass ich ihn mir selber erarbeitet habe. Da war nicht diese erhobene Hand im Hinterkopf, die gemahnt hat!Natürlich hat man mit diesen Schritten erst den Anfang gewagt. Man muss auch durchhalten, konsequent sein. Man muss bereit sein, wirklich JEDEN Monat, ein bisschen Geld zur Seite zu legen. Soviel, wie man kann. Oder besser: Soviel, dass man noch genug Freiraum zum Leben hat. In der „wahnsinnigen“ Zeit habe ich von weniger als 300 Euro im Monat gelebt und es zerrt sehr an den Nerven, wenn man wie ein Besessener arbeitet (mit zwei Jobs habe ich teilweise 30 Tage am Stück gearbeitet), auf der anderen Seite aber das Leben eines Hartz IV Empfängers leben muss (übrigens an dieser Stelle meinen größten Respekt für die Menschen, die es schaffen, von so wenig Geld zu leben. Das ist beeindruckend!). Nach drei, vier Monaten hatte ich mich aber schon daran gewöhnt, Geld direkt auf mein Sparbuch zu überweisen, so dass es für mich inzwischen gar keine Einschränkung mehr darstellt. Und da ich so oft die „wahnsinnige Phase“ erwähnt habe: Es ist immens wichtig, sich nicht zu übernehmen. Mein Plan hätte zwar aufgehen können, aber im Nachhinein betrachtet, war er vollkommen unrealistisch. Zwar ist es durchaus möglich, sich drei, vier Monate dazu zu zwingen, mit quasi nichts auszukommen, aber auf Dauer hält man das nicht aus. Das liegt weniger daran, dass es unmöglich ist, mit wenig Geld auszukommen, als vielmehr an der Tatsache, dass man auch leben möchte und muss. Wenn man viel arbeitet, möchte man auch gewisse Ansprüche befriedigen, für die man ursprünglich einmal begonnen hat, zu arbeiten. Anstatt 80% des Nettoeinkommens zum Tilgen zu verwenden, sollte man mit 10% starten (das ist übrigens bei den Banken auch ein entscheidender Faktor zur Berechnung der monatlichen Belastung). Sieht man, dass man wesentlich mehr zurückzahlen könnte, sollte man das Geld lieber in einen Bausparvertrag oder auf sein Sparbuch einzahlen, vielleicht auch für kurze Dauer fest anlegen. Sicherlich mag das auf den ersten Blick unbefriedigend erscheinen (eine Laufzeit von fünf Jahren ist auch kein Zuckerschlecken. Es hat etwas von einer Kette, die man am Bein trägt), ist aber wesentlich besser, als sich zu übernehmen und deswegen wieder neue Schulden zu produzieren. Außerdem hat man dadurch die Chance, mit Gespartem einen Kredit frühzeitig abzulösen oder Teile frühzeitig zu tilgen, wodurch entweder die monatliche Belastung für das Rückzahlen oder die Laufzeit sinkt.Wie gesagt: Das alles war nur der erste Schritt. Auch, wenn es sich nach viel Arbeit anhört, habe ich mich sehr schnell an die neue Situation gewöhnt und bin erleichtert. Der nächste Schritt, den ich begonnen habe, der aber noch nicht abgeschlossen ist, ist das Senken der monatlichen Kosten. Ich habe beispielsweise erstmal Verträge gekündigt, die ich gar nicht gebraucht habe (Teilweise hatte ich sechs Handyverträge auf einmal!). Dann habe ich mein Einkaufverhalten angepasst und einfach mal darauf geachtet, wann Dinge im Angebot waren und sie dann auf Vorrat gekauft. Das macht zwar in Relation zu meiner Tilgungssumme nur einen Bruchteil aus, ist aber eine sehr gute Übung, um verantwortungsvoller mit seinem Geld umzugehen. Natürlich gebe ich weiterhin Geld für Dinge aus, die nicht zwingenderweise grundlegend nötig sind, für mich aber zu einer guten Lebensqualität dazugehören. Dazu gehört beispielsweise gutes Brot und mein geliebter „St. Albrait“ oder Eistee von Pfanner, statt der billige von Aldi (schmeckt ungleich schlechter) – aber wenn man den Eistee von Pfanner auf Vorrat kauft, weil er heruntergesetzt ist, spart man noch immer Geld (relativ gesehen). An Lebensqualität sollte man nie sparen, wenn man es vermeiden kann! Ein weiterer Schritt – den ich erst heute unternommen habe – war, meine Hausbank zu wechseln. Im letzten Jahr habe ich über 100 Euro an Gebühren gezahlt. Für Überweisungen, Lastschriften, Daueraufträge, etc. – meine neue Bank berechnet keinen Cent für all dies, so dass ich 100 Euro im Jahr weniger ausgebe. Und auch eine Überprüfung von Versicherungen lohnt sich in jedem Fall. Da kann man ab und an etwas sparen. Manchmal lohnt es sich auch, bestehende Verträge zu überprüfen. Durch eine Umstellung auf eine Flatrate für mein Handy (durch die die Grundkosten pro Monat etwas höher sind, aber die Gesamtkosten deutlich geringer sind), spare ich über 200 Euro im Jahr. Weiterhin suche ich gerade nach einer günstigeren Wohnung, durch die ich im Monat noch einmal 50 Euro sparen möchte. Es lohnt sich, anfallende Umzugskosten mit Einsparungen in der Miete zu vergleichen. In meinem Fall habe ich 1000 Euro für einen Umzug veranschlagt (das ist dieses Mal übrigens realistisch, weil meine Sachen noch immer in einen Kleintransporter passen), so dass sich nach 20 Monaten der Umzug rentiert hätte. Eine Sache, die man immer machen kann und durch die man ein paar Rücklagen schaffen kann, ist der Verkauf von Dingen, die man nicht mehr braucht. In meinem Regal befanden sich unzählige DVDs, die ich nur einmal geguckt habe und danach nie wieder. Ebenso CDs. Oder andere Sachen, die man sich irgendwann einmal gekauft und dann nie benutzt hat. So kann man schnell und effizient sein Sparbuch auffüllen. Natürlich gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, mehr Geld anzusparen und noch weniger auszugeben – das war nur ein Gedankenanstoß. Wichtig ist vor allem, dass man wieder ein Gefühl für Geld bekommt.Mein Fazit? Trivial: Schulden sind scheiße! Sie schränken die Freiheit ein und kosten psychische Kraft. Schulden zu begleichen hat viel mit der Fähigkeit, mit Geld umzugehen zu tun und viel mit Konsequenz und grundlegenden Verhaltensänderungen (selbstverständlich meine ich hiermit unnötige Konsumschulden, wie ich sie hatte). Ich habe lange gebraucht, bis ich das akzeptiert habe, aber inzwischen läuft es sehr gut. Inzwischen würde ich mich eher erschießen, bevor ich noch einmal etwas auf Raten kaufe...
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11.12.2010 23:34
Ein Lehrbeispiel, wie man mit Geld NICHT umgehen sollte - sehr gut geschrieben. Lasst Euch nicht vom Konsumwahn einfangen... man muss nicht alles haben.
21.05.2010 17:04
Respekt -sehr ehrlich! Alles Gute für Deine Zukunft! LG Judith
23.01.2008 01:38
Da ich mich selbst vor kleinen (überschaubaren) Ratenzahlenungen scheue (aber schon mal gemacht habe), kann ich dich sehr gut verstehen. Es ist wie ein Strudel, der dich irgenwann aufsaugt. Im Kollegenkreis erst kürzlich wieder erlebt. Erschreckend.