Der Wiener und sein goldenes Herz ...
8. Apr 2006
Pro:
Der Wiener an sich meint das an sich nicht so . . .
Kontra:
Die Seele des Wieners ist kein weites, aber tiefes Land . . .
Empfehlenswert:
Ja
 sokrates2005
Über sich:
In Wien lebender Sozialwissenschafter, unverbesserlicher Optimist, aber kein Dummkopf.
Mitglied seit:06.01.2006
Erfahrungsberichte:12
Vertrauende:1
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 39 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wanderer, kommst du von Wien nach Hause zurück, so berichte dort, du habest das goldene Wiener Herz kennen gelernt ...
==========================================Meist werden Gäste der Stadt ziemlich unvermittelt mit dem konfrontiert, was man gemeinhin unter dem goldenen Wiener Herz subsummiert.Versuchen sie doch einmal, in einem Wiener Kaffeehaus ein "Croissant" zu bestellen. Die Antwort des Herrn Franz (die vorschriftsmäßige Anrede an einen Wiener Kaffeehauskellner, der rezente Vorname ist Bestellungen an Nachbartischen zu entnehmen) wird in etwa lauten: "Heans, mia san do in Wean, da hauma Kipfal, oba kane Krausauns. Wauns an Krausau woin, fohrns noch Fraunkreich ..." (Hören sie mal, wir sind hier in Wien, da haben wir Kipferl, aber keine Croissants. Wenn sie ein Croissant wollen, fahren sie nach Frankreich) Niemals jedoch dürfen sie diesen Erklärungsversuch des Herrn Franz persönlich nehmen oder gar als Beleidigung auffassen. Er ist Ausdruck der gequälten Seele des Wieners an sich, der in einer viel zu großen Hauptstadt in einem viel zu kleinen Land leben muss, einer Seele, die sich kränkt, weil der Glanz und die Glorie der k.&k. Monarchie schon einigermaßen verblasst sind, ausserdem schon damals die Österreicher als Weltmacht nicht so wirklich ernst genommen wurden und er sich bei ihrer unschuldigen Frage einem Angriff auf das Letzte ausgesetzt sieht, das dem Wiener geblieben ist: die Kuitua (Kultur).Das goldene Wiener Herz ist daher nicht, wie fälschlicherweise gerne kolpotiert wird, eines, das nach außen glänzt und doch kalt und hart ist, sondern ganz im Gegenteil: Mag es dem Fremden auch durch Begebenheiten wie die oben geschilderte kaltherzig vorkommen, wenn er bei einer simplen "Croissant"-Bestellung auf eine (wie ihm scheint) derart rüde Weise (wie ihm scheint) zurechtgewiesen wird, im Grunde verhält es sich doch so: Hinter der harten Schale des Wieners an sich verbirgt sich ein weicher Kern. Er will ihnen nur klar machen, dass sie hier in Wien nicht auf importierten Lebensstil ausweichen müssen. Hier ist alles originär, original und Ur-Wienerisch. Hier müssen sie keine Brötchen essen, sondern bekommen Kaisersemmeln, der Kaffee wird nicht nur auf der zweiten Silbe betont, er schmeckt auch so, wie nur der original Wiener Kaffee schmecken kann, das original Wiener Gulasch ist ebenso unvergleichlich und auf der ganzen Welt werden sie so ein Gulasch nicht wieder bekommen. Hier können sie auf den Spuren Mozarts wandeln und unseren Beethoven in der unvergleichlichen Interpretation der Wiener Philharmoniker hören.Sie würden jetzt vielleicht kleinlich einwänden, dass doch der Kaffee eine türkische Erfindung ist, dass Gulyas aus Ungarn kommt, Mozart in Salzburg (das damals zu Bayern gehörte) und Beethoven in Bonn geboren wurde. Das mag alles stimmen, aber KULTUR haben daraus eben die Wiener gemacht. Gelernte (Zuagraste/Zugereiste) Wiener wie ich und mehr noch geborene Wiener könnten ihnen noch jede Menge weiterer Beispiele für das goldene Wiener Herz nennen, doch wenn sie das Wesen der Kaffeehausanekdote begriffen haben, sind sie vorerst einmal für das goldene Wiener Herz gewappnet.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
27.02.2007 18:22
mit Interesse und einem Grinsen auf dem Gesicht gelesen! sh und lg Burki
21.02.2007 16:42
Seit dem Film "Before Sunrise" möchte ich schon 'mal nach Wien fahren - und jetzt, nach deinem Bericht erst recht. Außerdem sagte mir mein Arbeitskollege aus Wien muss ich noch an der korrekten Aussprache von duach (durch) arbeiten; das gehört nämlich zu dem Satz: I dreh glei duach ;-)
19.02.2007 23:32
nun, die brötchen mögen heissen wie sie wollen, aber ich selber würde mir ausserhalb frankreichs keine croissants kaufen (weil sie einfach sonst nicht schmecken) ... allerdings bei der erwähnung des, in der tat, unvergleichlichen goulaschs musste ich feststellen, das sich doch dort etwas wirklich unvergleichliches kennengelernt habe! lg mozarteum