Erfahrungsbericht über

Alles schmeckt nach Abschied / Brigitte Reimann

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Brigitte Reimann: Alles schmeckt nach Abschied (Tagebuch 2. Teil)

5  09.08.2008 (12.11.2009)

Pro:
sehr interessantes Bild in die DDR von 1933 - 1973

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

giselamaria

Über sich: herzlichen Dank für die vielen bh-s!! - und der Sommer ist gekommen, kaum zu glauben aber wahr - :-)...

Mitglied seit:06.08.2008

Erfahrungsberichte:304

Vertrauende:143

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 109 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich habe diesen Bericht nochmal hervorgeholt, aus aktuellem Anlass, 20 Jahre Mauerfall.....

Buchdaten:
* Verlag: Aufbau Tb
* 2001
* Ausstattung/Bilder: 2001. 463 S.
* Seitenzahl: 463
* Aufbau Taschenbücher Bd.1537

* ISBN-13: 9783746615370
* ISBN-10: 3746615372

Preis bei bucher.de: 10,00 Euro

Die Autorin


"Brigitte Reimann *. 21.Juli 1933 in Burg bei Magdeburg, †20.Februar 1973 in Berlin/DDR Nach dem Abitur arbeitete Brigitte Reimann zunächst als Lehrerin. 1955 begann sie zu schreiben. Als Schriftstellerin vertrat sie den so genannten Bitterfelder Weg, nach dem Autoren versuchen sollten, durch Arbeit in Betrieben einen engeren Kontakt zum Volk herzustellen. 1960 zog sie nach Hoyerswerda, wo sie bis 1968 wohnte. 1965 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis geehrt. Von 1968 bis 1973 wohnte sie in Neubrandenburg (Brigitte-Reimann-Gedenkstätte). Während der Jahre in Hoyerswerda arbeitete sie im Kombinat "Schwarze Pumpe". Aus dieser Tätigkeit heraus schrieb sie 1961 den Kurzroman "Ankunft im Alltag". Er gab der so genannten Ankunftsliteratur den Namen. Im Alter von 39 Jahren starb Brigitte Reimann am 20. Februar 1973 in Berlin an Krebs. Den Roman "Franziska Linkerhand" ließ sie unvollendet zurück. Einige heutige Literaturwissenschaftler vermuten, dass dieses Werk vor der Veröffentlichung im Auftrag von SED-Funktionären teilweise umgeschrieben wurde und einzelne Auszüge gestrichen wurden. 2003 erfuhr Brigitte Reimann zahlreiche Ehrungen zu ihrem 70. Geburtstag, unter anderem wurde in Hoyerswerda eine Bibliothek nach ihr benannt und in Neubrandenburg eine Gedenkstätte eingerichtet. 2004 wurde ihr Leben in der Fernsehproduktion "Hunger auf Leben" mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt."

"Ich habe zu früh Erfolg gehabt, den falschen Mann geheiratet, in den falschen kreisen verkehrt; ich habe zu vielen Männern gefallen und an zu vielen Gefallen gefunden", lautete das nüchterne Fazit, das Brigitte Reimann bereits mit Mitte Zwanzig zog. In den Tagebüchern lässt sich ihre Biographie wie in einem Roman verfolgen; als Lebensgeschichte einer leidenschaftlichen, lebenshungrigen, kompromisslosen Frau, die trotz aller Erfolge unter Selbstzweifeln leidet. Zugleich aber sind diese Tagebücher eine außergewöhnliche Dokumentation des Alltags in den fünfziger und sechziger Jahren.


ein Link, wo mehr über die Autorin zu erfahren ist.:
http://www.literaturzentrum-nb.de/002.html

"Ein Parlando, in dem der Odem großer Literatur weht. Ich kann mich nicht erinnern, das buch einer Frau in deutscher Sprache gelesen zu haben, in dem die Sehnsucht nach Liebe mit einer solchen Sinnlichkeit und Intensität gezeigt wurde. Dieses Buch hat die Qualität eines Romans und die Vorzüge eines Tagebuchs. Es hat mich ergriffen." - Marcel Reich-Ranicki im literarischen Quartett -.


Werke
1956: "Die Frau am Pranger" (Erzählung), "Kinder von Hellas" (Erzählung)
1957: "Wenn die Stunde ist, zu sprechen" und "Das Mädchen auf der Lotusblume" (unvollendete Romanfragmente)
1960: "Das Geständnis" (Erzählung), "Ein Mann steht vor der Tür" und "Sieben Scheffel Salz" (Hörspiele, Co-Autor Siegfried Pitschmann)
1961: "Ankunft im Alltag" (Erzählung)
1963: "Die Geschwister" (Erzählung)
1965: "Das grüne Licht der Steppen" (Hörspiel)
1974: "Franziska Linkerhand" (Roman, unvollendet)
1993: "Sei gegrüßt und lebe" (Briefwechsel 1964 bis 1973 mit Christa Wolf, Co-Autorin Christa Wolf)
1997: "Ich bedaure nichts" (Tagebücher 1955 bis 1963)
1998: "Alles schmeckt nach Abschied" (Tagebücher 1964 bis 1970)


Meine Zusammenfassung:

Dieser zweite Band ihrer Tagebücher ist anfangs noch mehr geprägt von Aufzeichnungen über ihren Jon (3. Ehemann), über die räumliche Trennung von ihm. Sie zieht nach Neubrandenburg, er bleibt in Hoyerswerda, besucht sie immer nur am Wochenende. - Sie leben sich auseinander.

Besonders schön sind ihre Aufzeichnungen über ihre Sibirienreise, eine dienstliche Reise, die sie durch einige russische Länder führt, überall willkommen geheißen, überall die große Gastfreundschaft genießend, sie lernt interessante Menschen kennen, ist begeistert von dem Land und möchte später unbedingt mal wieder hin reisen. - Es kommt aber nicht dazu, zumindest ist es nicht in ihren Tagebüchern festgehalten.

In nur ein paar Sätzen beschreibt sie, dass sie eine Brust abgenommen bekam und nennt sich dann eine *Amazone*, misst dieser Situation aber nicht viel Bedeutung bei; allerdings hat sie immer Angst vor Krebs. Und da ihre Schmerzen im Kreuz und auch im Bauch immer größer und unerträglicher werden, wird sie für einige Wochen in eine Klinik eingewiesen, bekommt dort auch Kobaltbestrahlungen, aber immer noch meint sie, sie hätte kein Krebs.

Sie hat einen sehr engen Freund, einen jungen Homosexuellen, mit dem sie aber nicht schläft. Mit ihm geht sie häufig nachts aus, in die Bars und Hotels, zum Tanzen und Treffen mit anderen Bekannten.

Während dieser Jahre wird ihre politische Haltung immer kritischer gegenüber der Situation in der DDR, sie reagiert oft sehr ungehalten und wütend über die machthaberischen Verhaltensweisen von Partei und Politbüro, über die Beeinflussung von Literatur und Kunst überhaupt. Sie kritisiert häufig Schriftstellerkollegen, die sich dem Regime beugen und ihre Inhalte anpassen, was sie selbst ablehnt. Sie arbeitet immer viel, zwischen ihren Eskapaden im Nachtleben, mit anderen Männern usw. -

Der Bruch mit ihrem Jon kommt für sie plötzlich, obwohl schon lange erahnt. Sie ist am Boden zerstört, als sie erfährt, dass er sich scheiden lassen will und schon längst eine andere Frau hat, die sogar schwanger von ihm ist. - Sie selbst konnte mit ihm kein Kind haben, bei ihr hatte es nie geklappt, was von ihr sehr bedauert wurde. Später begründet sie ihre Kinderlosigkeit mit den Bestrahlungen, *die irgendetwas in ihrem Bauch kaputtgemacht haben müssen*. -

Und immer wieder spricht sie von ihrem Roman (Franziska Linkerhand), an dem sie seit 1963 arbeitet, die Verbindung ihrer Romanfigur Franziska zu sich selbst wirkt sich immer wieder hemmend aus (vermute ich).

1970 wird sie von Jon geschieden, im gleichen Jahr lernt sie Dr. Rudolf B. (Bär) kennen, den sie auch im Februar 1971 heiratet. Mit ihm lebt sie zusammen, er zieht zu ihr in ihre Wohnung, sie führen ein *richtiges* Eheleben. Sie fühlt sich bei ihm wohl, wird geliebt und liebt, hat aber immer wieder Angst, dass das wieder aufhört.

Das Tagebuch endet im Dezember 1970 so:
"…Sonntag sind wir den ganzen Tag im Bett geblieben und haben uns geliebt und geschlafen und wieder geliebt und über unsere Hochzeit geschwatzt und Pläne gemacht, die dann aber bestimmt nicht verwirklicht werden. Wir sind furchtbare Schlampen, und die Trägheit des Dicken provoziert meine eigene potentielle Trägheit, die ich all die Jahre, die ich für mich allein sorgen musste, nicht heraufkommen ließ. Jetzt fühle ich mich zum ersten Mal in Sicherheit, und das ist schön und gefährlich. Ich lasse mich gehen. Irgendetwas muss geschehen, damit ich wieder aktiv werde und nicht mehr so schlaftrunken bin vor Glück und Geborgenheit."


Abschlussbemerkung


Über die Zeit von Januar 1971 bis Februar 1973, wo sie verstarb, gibt es keine Aufzeichnungen. Bekannt ist, dass es ihr gesundheitlich immer schlechter ging und sie die Diagnose Krebs, und dass nichts mehr zu machen ist, hinnehmen musste.

An ihrem Buch der Franziska Linkerhand soll sie bis fast zum Schluss gearbeitet haben, konnte es aber nicht mehr fertig stellen. Der Schluss konnte nur anhand ihrer Gespräche mit Freunden darüber angenommen werden. Es fehlten ja nur einige Seiten des letzten Kapitels.

Dieses, ihr letztes Buch war m.E. deshalb so schwer fertig zu stellen, weil es von seiner Konzeption her von ihr immer wieder umgestellt wurde, entsprechend ihrem eigenen Leben, das ja mit dem der Franziska verwoben ist. Dieser zweite Band der Tagebücher war genauso spannend und interessant wie der erste Band. Wobei in diesem mehr Kritik über die politische Situation in der DDR laut wurde, deutlicher wurde.


Ihre anderen Bücher, die auch ihr Tagebuch beinhalten, habe ich bereits vorgestellt.

Ich habe nach der Wiedervereinigung einfach nach Literatur gesucht, die in der damaligen DDR entstanden ist; weil wir ja hier im Westen keine Ahnung hatten, zumindest ich nicht.
Und diese Reihe der Brigitte Reimann verhilft sehr dazu, sich ein Bild zu machen, wie es vorher dort war, dann nach 1945, bis zum Mauerbau.
Bilder von Alles schmeckt nach Abschied / Brigitte Reimann
Alles schmeckt nach Abschied / Brigitte Reimann reimann_brigitte_schriftzug -
Alles schmeckt nach Abschied / Reimann, Brigitte ihrem Buch entnommen
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
meinemiamaria

meinemiamaria

01.09.2011 17:29

Ja, schade, daß die Autorin so früh gestorben ist ! ----- Maria -----

Rollersfan

Rollersfan

22.08.2011 18:23

Vielleicht sollte ich meine Tagebücher auch mal veröffentlichen....LG!

Spohler

Spohler

12.10.2010 13:36

Dein Bericht gefällt mir sehr gut. Schade, dass mir die Zeit zum Lesen fehlt. Dorothea

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