Ode an die Frauen
11.07.2003 (11.07.2007)
Pro:
Darsteller, Regie, Drehbuch
Kontra:
Mittelstarkes Rauschen, kaum Bonusmaterial, nicht ausblendbare Untertitel
Empfehlenswert:
Ja
 LRSB
Über sich:
Bilder kommen, Antworten auch!
Mitglied seit:08.07.2001
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 148 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wie buchstabiert man Wunderkind in Spanisch? Die Antwort ist einfach und bedarf gar keine tatsächlichen Kenntnisse der spanischen Sprache. Spätestens seit 1988 und "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" trägt der Regisseur Pedro Almodóvar zu Recht den Beinamen "spanisches Wunderkind". Obwohl er mittlerweile fast 58 Jahren hinter sich gebracht hat, einen Nachfolger scheint es noch nicht zu geben; so trägt Almodovar den Titel weiter und liefert in regelmäßigen Abständen wirklich wunderschöne Filme. "Alles über meine Mutter" ist einer davon. Genauer gesagt handelt es sich um die Nummer 13. Indem er die fast vergessene Nebenrolle von Manuela aus seinem Film "Mein blühendes Geheimnis" ausbaute, entwickelte Almodóvar 1999 eine traurige Geschichte mit urkomischen Momenten über die unglaubliche Stärke der Frauen und deren Gefühlswelt. Das Ergebnis war ein Geniestreich per Excellence.
Die Geschichte Manuela Echevarría (Cecilia Roth) ist eine 38jährige Krankenschwester und arbeitet als Koordinatorin in einem Transplantationszentrum in Madrid. Sie lebt allein mit ihrem Sohn Estéban (Eloy Azorin), dessen Vater sie bereits vor seiner Geburt verlassen hat -ohne ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Estébans 17. Geburtstag feiern sie durch den Besuch der Erstaufführung des Theaterschauspiels "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams, bei der Blanche du Bois von Huma Rojo (Marisa Paredes) und Stella Kowalsky von Nina Cruz (Candela Peña) dargestellt werden. Anschließend warten Mutter und Sohn im Regen vor dem Theater, weil Estéban von der großen alten Diva Huma sehr gerne ein Autogramm haben möchte. Als endlich Huma zusammen mit Nina auf die Straße erscheint, steigen die beiden sofort in ein Taxi ein. Estéban läuft unvorsichtig hinterher und wird dabei von einem anderen fahrenden Auto erfasst.
Manuela stimmt einer Entnahme der Organe ihres tödlich verletzten Sohnes zu. Aus den Unterlagen des Krankenhauses findet die routinierte Krankenschwester schnell den Namen des Empfängers heraus. Die Herztransplantation findet in La Coruña statt. Manuela reist hin und beobachtet nach einigen Wochen, wie der Patient mit dem Herzen von Estéban aus der Klinik kommt, um so einen neuen Abschnitt seines Lebens zu beginnen. Jetzt muss auch sie mit ihrer Vergangenheit abschließen, um den Herzenswunsch ihres toten Sohnes zu erfüllen, und dem unwissenden Vater von dem gemeinsamen Sohn und dessen Tod zu erzählen. Kurz vor seinem Tod hatte Estéban seine Mutter auf einige Fotos angesprochen, die er zufällig fand. Die Hälfte auf der sein Vater höchstwahrscheinlich zu sehen wäre, hatte Manuela von den Photos abgerissen. Estéban wollte noch mehr über seinen "unbekannten" Vater wissen, er stellte seiner Mutter Fragen -er drängte sie regelrecht, um mehr zu erfahren. Manuela versprach ihm später die genauen Antworten zu geben, doch sie konnte ihr Versprechen nicht mehr halten, weil Estébans Tod dazwischen kam. Sein Vater sei tot, hatte ihm Manuela erklärt, seit er noch ein kleines Kind gewesen war. Doch das stimmte nicht. Manuela fährt nach Barcelona, in jene Stadt, die sie vor 18 Jahren wegen ihrer gescheiterten Liebesgeschichte zu Estébans Vater fast fluchtartig verließ. Den Vater ihres Sohnes wieder zu finden ist keine winzige Angelegenheit; nicht zuletzt, weil der gute Estéban (Tony Cantó) sich inzwischen Lola nennt, seit langem nur noch bunte Frauenkleider trägt und als Transvestit auf den Strich geht.
In Barcelona kreuzt sich Manuelas Lebensweg unwiderruflich mit dem vier anderer Frauen. Auf der abenteuerlichen Suche nach Estéban entdeckt sie zunächst La Agrado (Antonia San Juan), einen Freund von früher, der durch unzählige Schönheitsoperationen Gesichtszügen und deutliche Figurdetails einer Frau erhielt, um seiner oder eher ihrer wahren Persönlichkeit näher zu kommen. Die kostspieligen Operationen finanziert die transsexuelle La Agrado durch Prostitution. Manuela springt gerade noch rechtzeitig aus dem Taxi, mit dem sie auf der Suche nach Estéban durch Barcelona gefahren ist, um La Agrado vor einem gewalttätigen Freier zu retten. Auf der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz begleitet sie am nächsten Tag La Agrado in ein Kloster, dessen Schwestern sich um die Prostituierten von Barcelona kümmern. Dort lernt Manuela die junge Nonne Rosa (Penélope Cruz) kennen. Rosa versucht erfolglos, Manuela bei ihrer Mutter (Rosa Maria Sardà) als eine Art Krankenschwester für ihren schwer an Altersdemenz erkrankten Vater (Fernando Fernán Gómez) unterzubringen, und erzählt ihr anschließend, sie beabsichtige, sich freiwillig für eine Mission in Lateinamerika zu melden. Urplötzlich wird ihr übel. Manuela begleitet sie am nächsten Tag zum Gynäkologen (Juan José Ortegui). Die Diagnose kommt schnell und bestätigt den Verdacht. Rosa ist schwanger und das ausgerechnet von Estéban, der sie nebenbei mit HIV infiziert hat. Manuela nimmt das junge Mädchen bei sich auf -fast wie eine Tochter oder eine jüngere Schwester.
Huma Rojo und Nina Cruz treten auch in Barcelona in dem legendären Stück "Endstation Sehnsucht" auf. Nach der Vorstellung geht Manuela zu Huma Rojo in die Garderobe. Die alternde Schauspielerin ist verzweifelt, weil ihre große Liebe, ihre jüngere heroinabhängige Geliebte Nina das Theater ohne sie verlassen hat. Manuela fährt sie durch die Stadt und wird prompt von Huma als Assistentin für alles angestellt. Ihr Leben scheint langsam einen gewissen Ordnungszustand erreicht zu haben, doch alles kommt auf einmal ganz anders, und Manuela flieht erneut aus Barcelona -diesmal nicht fluchtartig und nicht allein... Der Film
"Alles über meine Mutter" ist laut Almodóvar eine Hommage an alle Schauspielerinnen, an solche im Theater, im Film aber auch im richtigen Leben, oder besser gesagt eine Hommage an alle Frauen. Ihnen hat er seinen wunderbaren Film gewidmet. "Eine Frau zu sein" ist nach Almodóvar die bessere Variante fürs Leben. Eine Mutter trauert um ihren toten Sohn, eine alternde Diva versucht mit allen Mitteln ihre große Liebe zu halten, eine junge Schauspielerin versinkt im Drogenkonsum, eine Nonne bekommt ein Kind und muss sie noch mit ihrer HIV Infektion auseinander setzen, eine Frau kämpft um ihren kranken Mann. Sucht man die Männer des Filmes trifft man auf einen toten Sohn, einen an Altersdemenz leidenden Vater, einen Transvestiten und ein Zwitterwesen mit einem goldenen Herz. Alle sind extreme Charaktere, alle sind verzweifelt, doch irgendwie kommen die Frauen besser mit ihrer Situation zu Recht. Allen voran Manuela, die Normalste aller Frauenfiguren des Filmes -hervorragend gespielt von Cecilia Roth. Sie ist mit ihren tiefen Schmerzen und ihrer unglaublichen Stärke der Mittelpunkt in dieser bunten, schrillen, und stellenweise überdrehten Erzählung. Manuela ist auch verzweifelt, doch sie trifft auf andere Frauen, die Hilfe und weibliche Solidarität noch mehr benötigen als sie selbst; so bleibt ihr kaum Zeit für quälende Verzweiflung. Das ist auch eine Art von Therapie, um das Überleben zu lernen. Pedro Almodóvar wird im Laufe der Zeit immer besser als Regisseur. Er schreibt weiterhin die Drehbücher seiner Filme selbst, er schafft es weiterhin groteske Welten auf die Leinwand zu bringen, doch seine Werke werden langsam erwachsener und vor allem reifer. Im Vergleich zu seinen früheren Werken ist der Film "Alles über meine Mutter" eindeutig leiser und unspektakulär inszeniert. Die Bezeichnung Tragikomödie ist definitiv für solche Filme erfunden worden, und obwohl der Regisseur eine unglaubliche Fülle an Geschichten, Handlungsstränge und Figuren präsentiert, es ist Manuela, die dieser gelungenen Gratwanderung zwischen Komödie und Drama definiert. Dazwischen geht es um Gefühle, Trauer, Verzweiflung, Einsamkeit, Liebe, Wärme, Freundschaft, Solidarität und Vertrauen. Rein optisch kann man den bekannten Hang von Almodóvar zu buntem Kitsch nicht leugnen, das ist aber für ihn ziemlich typisch und wird stilistisch eingesetzt. Seine Erzählungsmethodik ist wie immer nüchtern, tabulos, stellenweise ordinär, provokativ, kompromisslos, bitterböse, voll mit Ironie und schwarzem Humor. Die witzigen Momente sind an Absurdität kaum zu übertreffen. Es handelt ich dabei um keine unlogische sondern um eine dezent exzentrische Absurdität mit skurrilen Elementen. Die Höhepunkte sorgen für explosionsartige Ausbrüche von starken Emotionen, die Sein und Schein des Lebens schonungslos bloßstellen. Die Geschichte ist schlicht und einfach mitreißend. Seine unwiderstehliche Wirkung bezieht der Film aus der letztendlichen Erkenntnis, dass es die Frauen seien, die in Wirklichkeit und in ihrer Verschiedenheit die Probleme dieser Welt lösen. Männer können glauben was sie wollen.
Dass schließlich der ganze Film nicht völlig ernst oder dagegen absolut überdreht geraten ist, liegt vor allem an den brillanten Darstellerinnen. Cecilia Roth als glasklar trasparente Manuela ist die zentrale Drehscheibe des Filmes und hinterlässt einen unverwechselbaren Eindruck in ihren zahllosen Alltagsrollen -vor allem weil sie egal was sie gerade tut, ganz normal dabei bleibt. Die große Diva Marisa Paredes -Dauergast bei Almodóvar- überzeugt als Altstar Huma Rojo ebenso wie die deutlich jüngere und damals noch fast unbekannte Penélope Cruz als unschuldige aber durchaus schwangere Ordensschwester Rosa. Die restlichen kleineren Rollen sind ebenfalls hervorragend besetzt, was bei Almodóvar sowieso keine Ausnahme ist. Preise
Solche Meisterwerke bleiben zwar oft von verschiedenen Preisen verschont, doch "Alles über meiner Mutter" kam gerade richtig, um die Regel der Ausnahme zu bestätigen. Zusammengekommen sind der Oscar und der Golden Globe für den besten ausländischen Film (beide für 2000), der Europäischer Filmpreis 1999 in den Kategorien "Bester Film", "Bester Regisseur" und "Beste Darstellerin" für Cecilia Roth, der Preis für die beste Regie in Cannes 1999 wie auch eine lange Reihe von weiteren "kleineren" Preisen. DVD
Da ich den Film im Kino aus verschiedenen Gründen regelrecht verpasste, wartete ich 2000 ungeduldig auf die DVD. Ich erinnere mich damals 44 DM dafür bezahlt zu haben. Vom Film war ich verständlicherweise begeistert, von der Qualität der DVD allerdings nur bedingt überzeugt. Bild
Wenn ich als Wiedergabemedium der DVD meine Bildschirme wähle (ich habe keinen Fernseher, sondern nur "reine" optische Schnittbildschirme) ist die Qualität des Bildes akzeptable, da meine Bildschirme sowieso das Beste aus dem angebotenen Material machen. Wähle ich dagegen meinen Projektor für die Wiedergabe und möchte dabei ein schönes großformatiges Bild erhalten, muss ich mich immer wieder ärgern, denn obwohl ganze Filmsequenzen einwandfrei laufen, stellenweise tritt nerviges mittelstarkes Bildrauschen ein, das aus dem Film buntes Hackfleisch macht. So hat man die Wahl zwischen gut und klein oder groß aber verzehrt. Außerdem als eine Zumutung empfinde ich die deutschen Untertitel, die bei der spanischen Fassung nicht auszublenden sind. Auch wenn mein Spanisch schon lange nicht perfekt ist, sollte es mein gutes Recht sein, die Wahl zwischen Untertitel und keine Untertitel zu haben. Ton
Der Ton hält was er verspricht, und da wo Dolby Digital drauf steht, ist Dolby Digital drin. Man kann tatsächlich die Lautstärke voll ausnutzen, ohne unangenehmes Rauschen zu befürchten. Man sollte sich allerdings vom fehlenden Begleithintergrund nicht irritieren lassen; die Musik von Alberto Iglesias ist nun mal so, und lässt effektvolle Surround-Momente nur selten zu.
DVD DatenTitel: Alles über meine Mutter Originaltitel: Todo sobre mi madre Erscheinungsort: Spanien/Frankreich Erscheinungsjahr: 1999 Erscheinungsjahr der DVD: 2000
Regie: Pedro Almodóvar Produzent: Agustín Almodóvar Schauspieler: Cecilia Roth, Marisa Paredes, Penelope Cruz, Antonia San Juan, Eloy Azorin, Tony Cantó, Rosa Maria Sardà Musik: Alberto Iglesias Länge: 97 Minuten FSK ab 12 Jahren Studio El Deseo S.A. DVD Anbieter: Arthaus/Kinowelt DVD-Typ: DVD-9 Regionalcode 2 PAL
Tonformate Spanisch Dolby Digital 5.1 Deutsch Dolby Digital 5.1
Untertitel Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsch (dummerweise nicht ausblendbar)
Bildschirmformat Widescreen 2.35:1/16:9
Bonusmaterial Hörfilmfassung: Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Starinfos: 5 Kurzstatements, die kaum was weltbewegende bringen (ca. 5 min.) Filminfos (nur Texttafeln)
Fotogalerie Making Of : Das "Making of" ist mit fast 3 Minuten äußerst dürftig geraten, und man fragt sich, was haben sie in Spanien mit dem restlichen Material gemacht.
Kinotrailer 6 Trailer zu anderen Filmen des Anbieters Kinowelt (Schleichwerbung pur!)
Fazit Der Film an sich bekommt alle fünf Sternen und einen sechsten auch noch dazu. "Alles über mein Mutter" ist ein Film, den man gesehen haben muss. Es ist ein geniales Meisterwerk über weibliches Fühlen, Denken und Handeln. Die DVD dagegen ist nur allgemeiner Mittelmaß -mit Ausnahme der nennenswerten Hörfilmfassung und des Tons. Daher würde ich die DVD hoechtens mit drei Sternen bewerten, was zu einer "Vier Sternen" Bewertung für das Ensemble Film und DVD führt. Vielleicht bringt Kinowelt eines Tages eine verbesserte DVD raus, um diesen wunderbaren Film qualitativ zu entsprechen.
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08.09.2007 14:33
klasse Bericht, den Film werde ich mir besorgen.
03.09.2003 14:51
Ich weiß ziemlich genau, dass ich hier kurz vor dem Daten-GAU kommentiert hatte, aber ich kann mich nicht mehr erinnern :( Das nächste Mal schreibe ich wieder was, ok? LG sihar
19.08.2003 12:30
WOW! Lang, aber WOW! ECht ein Super Bericht! LG Katharina-II