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Wenn ich mit dem Kinderwagen spazieren gehen, weiß ich bereits auswendig, was geschehen wird:
Ich spaziere mit unserem Sohn durch das Dorf, und es kann nicht lange dauern, bis jemand in den Wagen schaut und verzückt ausruft: "Ach, wie ist der Kleine süüüüß! Du musst doch sooo glücklich sein!"
Dann beginnt es in meinem Gehirn zu rattern - soll ich nun die Wahrheit sagen, soll ich sagen: "Ach weißt du, ich weiß nicht, ob ich glücklich bin. Es ist alles so anders, so neu. Ich habe immer Angst, dass ich keine gute Mutter bin. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich den Kleinen anschreie, wenn er mal wieder 2Stunden am Stück schreit, und ich mir einfach keinen Rat mehr weiß. Dann fühle ich mich so schlecht, und sacke in mir zusammen wie ein Häufchen Elend. Dabei ist mein Sohn doch so lieb, und es gibt nichts Schöneres als ihn. Aber ich möchte doch auch einfach mal wieder einen Tag einfach nur ganz für mich allein sein und nicht so eine immense Verantwortung tragen." Soll ich das sagen?
Nein, ich sage das nicht. Vielmehr sage ich: "Ja, du hast recht. Wir sind alle so glücklich. Es gibt nichts Schöneres als ein Kind." Dann gibt es noch ein wenig Geplänkel, und jeder geht wieder seiner Wege.
Ich bin 21 Jahre, mein Mann ist fast 25. Wir studieren beide noch, wobei mein Mann im nächsten Jahr fertig sein wird.
Unser Sohn war ein Wunschkind. Wir waren uns einig darüber jung Eltern werden zu wollen - und unser mittlerweile 4,5Monate alter Sohn ist unser Sonnenschein.
Dass sich unser Leben verändern würde, war uns klar. Das Party, Kino usw. erst mal in weite Ferne rücken würde, das war kein Problem für uns. Und das ist es auch heute nicht. Klar, man würde schon gerne mal weggehen, wenn Freunde sagen: "Heute ist Schlagerparty in der Disco. Kommt ihr mit?" Aber wir haben uns für eine Kind entschieden, und haben diesen Schritt noch kiene Sekunde bereut.
Viel mehr sind es andere Dinge, tiefgreifendere, die unser Leben, die uns verändert haben.
Ich kann jetzt natürlich nur für mich sprechen, und ich will versuchen, meine Gefühle so ehrlich wie möglich zum Ausdruck zu bringen, in der Hoffnung, dass mich niemand deswegen verurteilen oder runtermachen wird.
Seit der Geburt unseres kleinen Mannes bin ich von Selbstzweifeln zerfressen. Mein Gemüt schwankt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt - und ich finde keinen Ausweg.
Begonnen hat das alles schon im Krankenhaus. Da war ich mir nie sicher, ob ich auch alles richtig mache, ob ich dieser Verantwortung gewachsen bin, die da neben mir im Bettchen liegt. 9 Monate hatte ich unseren Sohn mit mir herumgetragen, hatte ihm entgegengefiebert, um ihn gebangt, mit ihm geredet, und ihn schließlich mit aller Kraft zur Welt gebracht.
Nun lag er neben mir, voll und ganz auf mich angewiesen, für die nächsten Jahre immer an meiner Seite. Dass ich im besonderen gefordert sein würde, wurde mir schon da bewusst, als mein Mann abends nach hause fuhr, und ich mit dem Baby allein zurückblieb.
Ich fürchte mich vor dieser Verantwortung, vor der Möglichkeit etwas falsch zu machen - und die ersten Wochen, die wir zu Hause verbrachten, waren die Hölle für mich. Dabei gab mir unser Sohn eigentlich keinen Grund dafür. Er war von Anfang an ein freundliches Kind, das kaum Probleme machte, das man überall mit hinnehmen konnte, und das weder unter 3-Monats-
Koliken litt, noch ein sogenanntes Schrei-Baby war.
Er wollte es mir leicht machen, und doch, die Anspannung wich immer nur zeitweise von mir. Schon das kleinste Weinen von ihm konnte mich verrückt machen und an den Rand der Verzweiflung bringen. Mit der Zeit wurde es jedoch immer besser. Wir wurden ein Team, verbrachten nahezu den ganzen Tag zusammen, und unser Sohn erfreute uns mit immer neuen Fortschritten und begrüßte uns jeden Morgen mit einem traumhaften Lächeln. Ein Lächeln, das mir jeden Morgen sagte, wie glücklich ich sein darf und was für ein wundervolles Baby ich habe.
Doch wirklich gut wurde es leider nie, so sehr ich mich auch bemühte. Ich war fast den ganzen Tag mit unserem Sohn alleine. Mein Mann ging früh morgens aus dem Haus, zur Uni und zu seinem Job. Wenn er am Abend nach Hause kam, herrschte das selbe heillose Durcheinander wie morgens, als er ging. Ich hatte es nicht geschafft, ich hatte eigentlich gar nichts geschafft. Das Baby wollte ständig beschäftigt sein, war bis auf wenige 20minütige Schlafunterbrechungen dauernd wach, und ich befürchtete ständig ihn zu vernachlässigen, wenn ich ihn mal alleine spielen ließ, um meiner Hausarbeit nachzugehen, oder einfach mal ein bisschen im Internet zu surfen.
Wenn ich dann doch mal etwas für mich tat, und nicht mit unserem Sohn redete, überkam mich wieder ein schlechtes Gewissen. Man riet mir, mich einfach nicht so verrückt zu machen. Aber das war leichter gesagt als getan. Schließlich ist der Kleine mein erstes Kind, und man will doch alles richtig machen, möglichst alles für sein Kind tun.
Mittlerweile ist unser Sohn 4,5Monate alt, und er macht gerade eine sehr schwierige Phase durch. Mindestens zweimal täglich beginnt er aus heiterem Himmel wie am Spieß zu schreien, und man weiß nicht warum. Mein Nervenkostüm ist mittlerweile sehr angegriffen, und ich schäme mich dafür, dass ich oft auf sein Schreien so genervt reagiere. Ich liebe mein Kind. Er ist mein Ein und Alles. Aber warum reagiere ich so, wenn er schreit. Warum schreie ich manchmal zurück, oder breche gar selbst in Tränen aus?
Es ist nicht leicht Mutter zu sein. Es verlangt einem alle Kräfte und Reserven ab.
Ich bin gerade dabei, mir nach und nach bewusst zu machen, dass es keine Übermütter gibt, die wie in der Werbung noch glücklich strahlen, wenn sie ein schreiendes kind auf dem Arm haben, den Haushalt erledigen müssen, und auch noch kochen wollen. Ich dachte immer, dieses Idealbild wäre das Non-plus-ultra. Ich dachte immer, Mütter haben glücklich zu sein. Mütter dürfen sich nicht über ihr Kind ärgern. Mütter dürfen keinen Dampf ablassen. Und Mütter dürfen nicht rumschreien. Mütter sind einfach perfekt.
Diese Vorstellung hat mir durch die ersten Monate mit meinem Sohn einen ganz dicken Strich gemacht. Ich konnte, die Anforderungen, die ich an mich selbst stellte, nicht erfüllen. Ich hatte mir die Messlatte zu hoch gehängt, und verzweifelte nun daran, dass ich diese Messlatte nicht erreichen konnte.
Aber was für eine utopische Vorstellung habe ich mir da gemacht. Ich war vor der Geburt nicht perfekt, habe mich vor der Geburt schon geärgert und meinem Ärger auch gerne Luft gemacht, wenn ich nicht mehr anders konnte. Wenn ich Ärger hatte, z. B. mit meinem Mann, habe ich einfach meinen Mantel genommen, und bin mal weg, mal Luft schnappen, Zeit für mich haben.
Es ist doch unmöglich, dass ich mich am 20.05.2005 um 3.31Uhr, als mein Sohn das Licht der Welt erblickt hatte, mich komplett um 180° verändert habe.
Ich bin wie ich bin. Und so bin ich für meinen Sohn eine tolle Mutter. Ich liebe ihn, und er liebt mich.
Alle Mütter sind für ihre Kinder die beste Mutter. Egal, ob sie mal kräftig schimpfen, schreien oder die Türen knallen. Wir Mütter sind auch nur Menschen, und Menschen sind nun mal nicht perfekt. Menschen machen Fehler, und unsere Kinder werden uns diese Fehler auch verzeihen, so wie wir ihnen auch ihre Fehler verzeihen werden.
Ich habe lange gebraucht, das zu verstehen und zu akzeptieren. Ich arbeite immer noch daran, mich von diesem falschen Bild, dass immer alles perfekt sein muss, und eine Mutter immer lächelt, langsam aber sicher zu verabschieden.
Ich ahbe für mich jetzt verstanden, dass ich nur eine gute Mutter sein kann, wenn ich mich mit meinen Fehlern akzeptiere. Denn mein Kind tut das bereits. Es liebt mich bedingungslos, und das tue ich auch.
Das ist doch das Wichtigste, was wir unseren Kindern mitgeben können:
Ganz viel Liebe.
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