"Care Sharing" - was mag sich dahinter verbergen? "Kurzurlaub für Eltern" soll es sein, behauptet die Handelskrankenkasse mit ihrem Titelthema.
Neugierig schlage ich die Mitgliederzeitschrift auf: "Auch Eltern haben ein Recht auf Faulheit - allerdings nur in der Theorie." stellt die HKK in ihrem Artikel zum Titelthema fest. Die typische Familiensituation wird kurz angerissen: Kinder stürmen sonntags früh putzmunter zu den verschlafenen Eltern ins Bett, das Beschäftigen der Kinder sei die "Hauptarbeit für Eltern" an diesem Sonntag. Der Alltag mit den "kleinen Wilden", wird in dramatischen Farben beleuchtet, gefolgt von der Klage, das man heutzutage die Kinder nicht mehr bei den Großeltern abliefern könne, weil diese oft zu weit entfernt wohnten. Nun kommt die Handelskasse zu der bahnbrechenden Lösung! Eine Erkenntnis sondergleichen, wie man der angespannten elterlichen Situation unserer Zeit begegnen könne. Eine wirklich moderne Lösung eines uralten Problems mit dem klangvollen Namen "Care-Sharing", eine Praktik die verspricht ein Kurzurlaub für gestresste Eltern zu sein.
Was verbirgt sich hinter diesem Wundermittel, dass alle Probleme lösen und den Eltern Entspannung schenken soll?? Die HKK verrät es uns. Care-Sharing meint folgendes: "Mehrere Elternpaare teilen sich die Betreuung der kleinen Energiebündel.". WOW! Ich bin begeistert! WAS für eine Entdeckung! Warum sind wir da früher noch nicht drauf gekommen?? Ja - gemeinsam sind wir stark! Solidarität unter Eltern - welche ein bahnbrechender Ausweg aus einem unerträglichen Dilemma! Aber: Wie soll das funktionieren?
Die HKK erklärt es uns: "Für ein Wochenende nehmen (...) die Eltern des einen Sprößlings die Kleinen in ihre Obhut, dafür erträgt beim nächsten Mal das andere Elternpaar den Krach und Trubel.". Sieh an! Welch pfiffige Idee! Aber ... hatten wir sowas nicht schonmal? Ich ziehe die Stirn kraus und sinniere. Nette Idee eigentlich - aber was, ausser dem tollen englischen Namen, ist daran bitteschön neu??
Haben das meine Eltern nicht auch regelmässig gemacht? Sind wir Kinder nicht auch immer mal wieder bei den Freundinnen geblieben? Oder bei der Oma oder der Tante? Hat mein Bruder nicht schon vor 20 Jahren regelmäßig Wochenenden bei dem kleinen Daniel von nebenan verbracht und kamen nicht auch ständig Übernachtungsgäste bei uns vorbei?? Wie kommt es, dass so eine banale Sache wie das teilen von elterlicher Aufsicht mit anderen Paaren plötzlich einen zweiseitigen Titelbeitrag in einer (zugegebenermassen wenig gelesenen) Mitgliederzeitschrift verdient?
Ich meine ... ist das ganze so in Vergessenheit geraten, dass diese banalen elterlichen Netzwerke wirklich neu erfunden werden müssen?? Stirnrunzelnd lese ich weiter. Tatsächlich: "Zwei oder mehr Elternpaare organisieren hierbei den gegenseitigen Besuch ihrer Kinder am Wochenende. Jedes Elternpaare gewinnt freie Zeit für sich, muss dafür aber in Kauf nehmen an einem kommenden Wochenende ebenfalls die doppelte Anzahl 'kleiner Wilder' zu betreuen."
Hmm .... irre ich mich oder ist das nix wirklich Neues? Ich lese weiter und werde nun durch praktische Tipps in die Geheimnisse des "Care Sharing" eingeführt. Die HKK rät zu ein wenig List um den Plan umzusetzen: "Die Kinder müssen zunächst miteinander bekannt gemacht werden" - Nein! Wer hätte das gedacht? Echt ein guter Tipp ... Lesen wir mal weiter: "Auch sollte den Lütten der Vorschlag bei ihren neugewonnenen Freunden zu schlafen, als eigene Idee erscheinen: 'Und wenn du die Anna noch so nett findest - ab und zu besuchen ist okay, aber bei ihr schlafen kommt nicht in Frage!'". Moment mal! Ratschläge die Kinder zu beschupsen?? Ist das der moderne Elternalltag?? Na ich weiss nicht. Irgendwie gefällt mir dieser Vorschlag gar nicht.
Also fassen wir mal zusammen: Care-Sharing meint, dass man sich mit anderen Eltern zusammentut, hofft, dass die Kinder sich anfreunden, und ihnen dann mit Hilfe von Tricks den Floh ins Ohr setzt beieinander übernachten zu wollen, damit jeweils ein Elternpaar mal Zeit für sich hat. An sich ja keine schlechte Idee - wenn auch nicht neu und in der Ausführung etwas hinterhältig ... ach nein ... listig nennt die HKK das ja! Aber damit das Titelthema auch was hergibt und der Beitrag auch ausreichend professionell wirkt kommen jetzt noch einige gute Tipps: "Die Tauschwochenenden sollten (...) nicht zur Routine werden." heisst es da, aber massvolles Care Sharing sei für die kingemäße Enwicklung ansonsten unbedenklich. Es wird noch ein bischen Herumpsychologisiert, dass es sogar förderlich sei, eine Bindung an die eigene Familie zu haben und durch die Kontakte nach Aussen dennoch die Gelegenheit zu haben Neues zu erkunden. Auch würde "Care Sharing" die Eltern entlasten, weil Kinder, die sich gegenseitig besuchen sehr viel intensiver miteinander spielten und weniger auf Erwachsene angewiesen seien, heisst es in dem Artikel. Ausserdem lernen die Kinder, dass es auch in anderen Familien Regeln gibt uns so könne die Selbsterfahrung von Eltern und Kindern erweitert werden.
Wichtig sei, so ide HKK, nur eine Regel: Die Erzeuger, die ihr Kind bei befreundeten Eltern abgeben, müssten immer erreichbar sein. Schließlich müsse man damit rechnen, dass ein Kind auch mal Heimweh bekäme und im Notfall abgeholt werden müsse. Die HKK rät daher per Handy erreichbar zu bleiben. Ich beende meine Lektüre, klappe die Zeitung zusammen und bin ein bischen erstaunt. Sind das nicht alles Selbstverständlichkeiten? In was für einer Zeit leben wir, dass so banale Dinge wie "Die-Kinder-mal-bei-Freunden-übernachten-lassen" ein neumodischer Begriff gefunden werden muss und dass ein ganzer Artikel mit Ratschlägen gespickt ist, die eigentlich dem Einsatz von schlichtem gesunden Menschenverstand entsprechen??
Sind wir wirklich solche sozialen Krüppel, dass moderne Eltern von Heute nicht mehr selbst in der Lage sind, dieses banale Elternnetzwerk einfach zu praktizieren? Brauchen wir dafür wirklich psychologische Ratschläge und eine Analyse ob Care-Sharing für die kindgemäße Entwicklung unbedenklich ist?? Oder ist dem Praktikanten, der eben fix einen Artikel für eine eh nie gelesene Mitgliederzeitschrift verfassen sollte, einfach nix besseres eingefallen??
Schade eigentlich - das Thema ist gut und echte Praxistipps, Ideen was man ein ganzes Wochenende mit mehreren Kindern anfangen kann wäre hilfreicher gewesen. Oder einfach mal Überlegungen, wie man als Eltern wirklich "Loslassen" kann, wenn die Kinder bei den Freunden sind. Wie nutze ich das "geschenkte Wochenende"? Wirklich fundierte Ratschläge wie Kinder am besten an fremde Umgebung gewöhnt werden können. In welchem Alter sie wie lange ohne die Eltern klarkommen. Oder eben doch noch ein paar von diesen banalen lebenspraktischen Tipps die die Übernachtung ausserhalb leichter machen, z.B. "Vergessen Sie nicht, Ihrem Kind ein Kuscheltier einzupacken und den Leiheltern Allergien und Unverträglichkeiten mitzuteilen." wären sinnvoller gewesen. Alles in allem: Tolles Thema, doch leider nicht wirklich innovativ. Man hätte mehr draus machen können. Und ich werde das ganze auch künftig "Bei Freunden übernachten" nennen und nicht "Care-Sharing" - und wenn es noch so professionell klingt. Oder vielleicht gerade darum nicht. Schließlich geht es hier um Kinder, Familie und Alltag und nicht um Synergieeffekte durch Professionalisierung und Optimierung von Zeitkontingenten.
findet zumindest Alitschka
(c) by Alitschka, 28.09.2003Quelle: "Kurzurlaub von der Elternschaft", Kundenzeitschrift der Handelskrankenkasse Ausgabe III/03, S.4-5.
PS: Danke fürs Lesen, Werten und vor allem für eventuelle Kommentare, auf die ich mich sehr freue!
PPS: Die Bewertung bezieht sich auf das klassische Grundkonzept, des "Kinder-bei-Freunden-Übernachten-lassens", nicht auf die merkwürdigen Ausführungen des Artikels
09.07.2004 08:30
Na, Du wirst ja Deinen Spaß haben, wenn Du später in das Vergnügen kommen solttest eine der vielen Babyzeitungen bzw. Elternratgeber zu lesen...da ist auch alles ganz haargenau erklärt, praktisch idiotensicher und man fragt sich, wer sowas liest....ich habe schnell Abstand davon genommen und mich auf meine eigenen Gefühle und Ideen verlassen....so ist es eben auch mit diesem CARE SHARING (klingt doch toll)...super ironischer Bericht, LG, Janet
03.03.2004 00:31
Ich wußte ja noch gar nicht, daß das "Care Sharing" heißt, was wir schon betreiben, seit meine Kinder auf der Welt sind!!! *gg* ...aber echt klasse geschrieben von Dir! Du schreibst mir aus der Seele! *LG Nicole*
23.10.2003 15:38
mit irgendetwas muß man ja eine zeitung voll kiregen. damit es modern scheint, gibt es einen englischen namen. jaja! / haste klasse geschrieben. mußte oft lachen. / ich freu mich schon auf nikolaus. da schläft annika bei meiner schwester, damit mein mann und ich unseren ersten hochzeitstag feiern können...