I cried to dream again

5  25.12.2002

Pro:
~  ~  ~  ~  ~

Kontra:
~  ~  ~  ~  ~

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Kultstatus:

Spannung

Spaß

Romantik:

Dialoge:

mehr


dahmane

Über sich: Man muß schon ein Herz aus Stein haben, um über Little Nells Tod nicht zu lachen. - Oscar Wilde

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Für Coralie

1.

Georgia: Ally, what makes your problems so much bigger than everybody else's?
Ally McBeal: They're mine.

Diese einleuchtende Einsicht ist eine wesentliche Grundlage für ein neurotisches Dasein. Natürlich denken und handeln wir alle so. Neurotisch werden wir erst, wenn wir dieses Grundgefühl zur Maxime erheben, der sich alles unterordnen muß, frei nach Kant: Handle stets so, als wäre Dein Leben der Maßstab für die ganze Welt. (1)
Normalerweise würden wir das als störend empfinden. Wir empfinden es als bezaubernd, wenn diese Maxime ausgelebt wird von einer gertenschlanken jungen Anwältin mit annähernd herzförmigen Gesicht, großen Augen und dem breitesten schönen Mund, den ich je gesehen habe, einer Inkarnation der trotzigen und naiven Unschuld, wie man sich nur eine vorstellen mag.
Es ist natürlich eine Naivität höherer Ordnung. Diese junge Anwältin ist oft genug im Leben enttäuscht worden – zumeist von sich selbst. Sonderbarerweise haben ihre Erfahrungen sie aber nicht klüger gemacht. Sie glaubt noch immer unbeirrbar an eine vollkommene Liebe und arrangiert sich doch mit der Realität, der sie dann versucht, ihre idealen Vorstellungen aufzuzwingen. Auch hier befolgt sie wieder ein grundlegendes Programm von Immanuel Kant in der Fassung von Sir Karl Popper: "Die Natur, die wir mit ihrer Ordnung und ihren Gesetzen erkennen, ist das Resultat einer ordnenden und assimilierenden Tätigkeit unseres Geistes. Kants eigene Formulierung dieser Idee ist glänzend: «Der Verstand schöpft seine Gesetze... nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor. »" (2)
Wir fassen zusammen: Eine neurotische Natur – in diesem Fall zum Glück mit großen Augen und wunderbar ausdrucksvollem breiten Mund – handelt so, als ob die Maxime ihres Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten müßte, was natürlich fehlschlägt, weil sie ständig auf andere Neurotiker trifft. Um diesen Widerspruch in ihrem Leben auszuhalten, schöpft ihr Verstand seine Gesetze nicht aus der ihn umgebenden Wirklichkeit, sondern schreibt umgekehrt der Wirklichkeit ihre eigenen Gesetze vor.

Diese kurze philosophische Vorlesung zur Einleitung einer ebenso kurzen Abhandlung, geschätzte Coralie, meine Damen und Herren, setzt voraus, daß Ihnen die Soup–Opera, von denen hier die Rede ist, einigermaßen präsent ist. Sollte dem nicht so sein, verweise ich auf die in der Bibliothek von Babel unter dem Kuratorium von Jorge Luis Borges erschienene Abhandlung „Von Fishismen und komischen kleinen Männern“ von Dr. phil. C. Lee. (3) (4). Weitere wichtige Abhandlungen können Sie auch über das Oberthema „Ally McBeal“ erschließen.
Gleichwohl möchte ich Ihnen wenigstens eine kurze Einführung ins Thema geben:

2.

No!, people are what they are they don't change. That's a big conspiracy perpetrated by the fashion designers to sell new clothes. But you can't change people, only clothes!

John Cage

In Boston gibt es eine niedliche kleine Anwaltskanzlei, die den Anwälten John Cage und Richard Fish gehört.
John Cage („I'm not going through an odd phase, I really am odd.“) ist ein liebenswerter kleiner Mann, der unendlich einsam ist und sich deshalb Fluchtburgen in einem Alltag schafft, den er als unerträglich komplex empfindet und deshalb kontrollieren will. Wenn die Komplexität übermächtig wird, bricht seine Kontrolle zusammen – vor allem die sprachliche –, und dann entstehen solche Ergüsse: „Melanie, I'm Jonathan Cage. Actually, it's Jonathan, uh, john... sometimes when I'm nervous, I add extra syllables to fill dead air. I apologize. It... okay, uh... This is my brother, Ally McBeal. Uh, uh, sister. Poky, uh... Neither. I meant brother as a legal term. Lawyers sometimes refer to each other as brothers. It's archaic.“ Im Innersten ist er ein sehr sensibler und aufrechter Mensch, der bei seinen Plädoyers vor Gericht einen aufgeklärten Humanismus vertritt, der sehr typisch für das ursprüngliche amerikanische Rechtsverständnis ist.
Richard Fish dagegen ist ein geistvoller, aber hoffnungslos oberflächlicher Mensch, der für eine rhetorisch brillante, aber intellektuell sinnlose Pointe eine Freundschaft riskiert. [If you don't kiss a girl on the first date, you're a gentleman. If you don't kiss her on the second date, you're gay! – Solche Anmerkungen bezeichnet er als „Fishismen“. Noch einer gefällig? You're not who you are, you're only what other people think you are. Fishism.] Seine Einsamkeit ist von anderer Art. Während sich John Cage gerne öffnen würde, aber nicht die richtigen Worte findet, sondern immer genau die falschen, präsentiert Richard Fish nur eine irrisierende Oberfläche, aus Angst vielleicht, sein Innerstes könnte sich als schwarzes Vakuum erweisen.
Natürlich ist diese kurze Charakterisierung nur ein Blitzlicht auf ein irrlichterndes Gewimmel von gespaltenen und vielschichtigen Persönlichkeiten und ihren mannigfaltigen Ausprägungen, die in der dargestellten Wirklichkeit (so künstlich sie auch sein mag) dann doch ein glaubhaftes Abbild produzieren. Aber das ist ja das Geheimnis guten Schauspiels: eine Nachahmung der Wirklichkeit durch die Kunst, die ihr Vorbild an innerer Wahrheit bei weitem übertrifft.

Ally MacBeal, die junge Anwältin, haben wir schon beschrieben. Daneben treten auf: Billy, ihre Jugendliebe, der aus irgendwelchen Gründen eine gewisse Georgia geheiratet hat; die wiederum ist sicherlich die sympathischste unter allen Figuren, welche die frühen Staffeln der Serie bevölkern, und auch die uninteressanteste. Immerhin geben die denkbaren Spannungen, die sich aus diesem Dreiecksverhältnis ergeben (könnten), genug Stoff ab zur Bereicherung einiger Folgen.
(Wir werden noch etwas dazu zu sagen haben, wie die Folgen der Serie im allgemeinen aufgebaut sind. Im Augenblick reicht die Anmerkung, daß sie immer mehrdimensional angelegt sind, also auch die schwersten Ehekrisen zwischen Billy und Georgia – entstanden zum Beispiel, weil er doch nicht die Gedanken und Finger [und andere Körpergegenden] von Ally lassen kann – nur einen Teil der Dramaturgie ausmachen.)
Ein Teil des Hintergrundes – der, wie es sich gehört, auch hin und wieder zum Vordergrund wird – macht Elaine aus, die blonde und unendlich neugierige Sekretärin der Kanzlei. Wie es sich für Angehörige der niederen Stände gehört, wird sie immer wieder in ihre Schranken verwiesen (ob sie sich nun permanent in die Gefühlskatastrophen der Anwältinnen und Anwälte einmischt oder durch heftiges Schwitzen und spontane Nacktszenen ihre eigenen ausdrückt) und läßt sich dadurch gleichwohl nicht entmutigen. Wenn es zu hart wird, beweist sie eine anrührende Dickköpfigkeit und eine eigene tapfere Würde. Daß wir das als Zuschauer so empfinden, zeigt, daß Elaine zu den niederen Ständen gehört.

Nun ist im allgemeinen das Böse interessanter als das Gute.
Auftritt Nell, die emanzipatorische Anwältin. Nein, nicht was Sie vielleicht jetzt denken. Keine Emanze mit geschwungener Pfefferspraydose. Nell ist immer ausgesprochen elegant angezogen, im Zweifel eher förmlich als leger. Nell ist nämlich sehr stolz auf den Status, den sie sich – auf verschiedene Weise – sehr hart erarbeitet hat; mit den niederen Ständen wird sie nie wieder etwas zu tun haben. Ansonsten hat sie, mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zu reden, die Leiter weggeworfen, nachdem sie auf ihr emporgestiegen ist. (5) Deshalb zeigt sie einigermaßen überzeugend, daß sie alle Männer verachtet. Meistens jedenfalls.
Auftritt Ling.

3.

Face it, we don't want anyone spelunking in our emotional cores. The echo would kill them.

Ling [You said Ling hard L, hard G. It's Ling soft L, soft G]

Ling ist ein Sonderfall, weil sie erstens die einzige Figur in dieser Serie ist (wenn man einmal absieht von den meisten Nebenfiguren wie Mandanten, Liebhaber und Psychoanalytiker), die sich präsentiert als eine Karikatur ihrer selbst, und weil wir zweitens den Verdacht hegen, sie müsse auch im wirklichen Leben so sein, in dem sie Lucy Liu heißt. Dort, im wirklichen Leben, ist sie, glaube ich, Ling, die eine Schauspielerin spielt, die zum Beispiel als Charlies Engel auftritt und als Ling in der Serie „Ally McBeal“.
Ling ist – wenigstens bis wir sie in einem der häufiger auftretenden Augenblicke von Frustration und Eifersucht erwischen (und wir fürchten, selbst in diesen Augenblicken) – die Unnahbarkeit selbst. I'm rich. I only go into work to wear my outfits! erklärt sie einmal, und wir nehmen ihr das auf der Stelle ab als das redliche Bemühen, uns davon zu überzeugen, daß sie wirklich keine Gefühle hat, wie wir sie haben oder hätten, hätten wir welche.
Und sie ist, was Nell gerne wäre: die Stecknadel inmitten der vielen aufgeblasenen Existenzen um sie her. Nell ist keine Stecknadel, sondern eine Luftpumpe, weil jeder in ihrer Nähe (nicht nur die Männer) ihr beweisen will, wie toll er (oder sie) in Wirklichkeit und daß er ihrer Gesellschaft und Aufmerksamkeit würdig ist. Derartige Versuche sind bei Ling vollkommen sinnlos. Ungeachtet ihrer monströsen Eitelkeit spiegelt sie sich (anders als Nell) eben nicht in ihrer Umgebung. Sie ist einfach ein blinder Fleck, ein Vakuum, das keinen Eindruck hinterläßt, es sei denn den, gefährlich zu sein, weil es einen vollkommen aufsaugt und ohne Rest verschlingt. Das Vakuum wäre dann, nota bene, immer noch da.

Bei alledem sieht sie sich selbst ein wenig als Naturgewalt. Sie haben es oben gelesen. Wenn wir indiskret genug wären, würde uns schon das Echo ihrer wahren Erscheinung umbringen – was wir auf der Stelle zu glauben beginnen, wenn wir uns nur vorstellen, wie sie über uns denkt. Ein sehr schwacher Ausläufer dieses Echos ist das grantige Knurren, das ihr entfährt, wenn sie nicht mit dem gottgewollten Respekt behandelt wird. Dazu gehört auch, daß jemand ihren Namen nicht weich genug ausspricht.
Weich? Mag sein, daß ihr Name sich auf Chinesisch sehr weich anhört. Aber das Bestehen darauf hat auch etwas sonderbar Widersinniges. Ling will, daß ihr eigener Name weich ausgesprochen wird? Was sollen wir uns dabei denken? Könnte da vielleicht doch etwas sein, eine Aura, die sanft durch die stählerne Härte ihres ausdruckslosen Gesichtes hindurchscheint, etwas, das sich danach sehnt, von Richard Fish nicht nur in der Kniekehle gekrault, sondern auch einfach einmal in den Arm genommen zu werden?
Das hätten wir besser nicht gefragt. Das Echo ihrer Gedanken bringt uns um. Wir zerfasern im heißen Wind ihrer Wut... und zerfließen... und verschwinden...

Wer mehr über Ling erfahren will, mag sich die aktuelle Ausgabe (Januar 2003) von GQ kaufen. Das steht für Gentlemen’s Quarterly, erscheint aber monatlich und ist so ziemlich die langweiligste und bornierteste Männerzeitschrift, die ich kenne.
Störend ist nicht so sehr die Werbung. Obwohl die Zeitschrift mit € 3.50 immer noch ziemlich teuer ist, soll sie sich gerne durch und über Werbung finanzieren. Es gibt Frauenzeitschriften, in denen man den redaktionellen Inhalt zwischen den Anzeigen wirklich suchen muß. So schlimm ist das in der GQ nun wirklich nicht.
Störend ist das bemüht coole und verkrampft moderne Layout des Magazins. Das liegt vielleicht daran, daß ich die Emotionen einfach nicht empfinden kann, die durch sinnlos verteilte Photos mit wie zufällig wirkenden Bildausschnitten anscheinend hervorgerufen werden sollen; ich empfinde nur demütigende Langeweile. Störend ist das absonderliche Sammelsurium von Themen, die weder etwas mit meinen Träumen zu tun haben, noch mit meinem Alltag. Eine oberflächliche Darstellung teuerer Geländewagen mit einer kurzen Charakterisierung: das hilft nicht wirklich und ist auch zu wenig, um Appetit zu wecken; eine ebenso kurze Übersicht über gängige Prosecco–Marken: dito; ein lieblos geschriebener Artikel über Motocross–Fahren, angereichert mit einer Darstellung des üblichen Outfits und einer Übersicht gängiger Maschinen; Party– und Modebilder mit ziemlich wenig Text dazwischen... Vorüber, ach vorüber...
Dafür aber, ab Seite 74, eine sauber gemachte Photostrecke mit Ling. Abwechselnd schwarz–weiß und in Farbe. Und wenn wir genau hinschauen, dann erkennen wir, daß uns Ling nun wenigstens dieses eine Mal gar nichts mehr vorenthält. Jetzt freilich ist es zu spät. Wir treiben vorüber wie die kleinen Fetzen, die sie trägt, und vergehen, wie die überaus durchsichtige Wäsche, wie der Nebel in der Morgensonne, vor dem Echo ihrer Gedanken, und wer zu genau hinschaut, wird erblinden wie Tom the Peeper, der durch die Türritze schaute, als Lady Godiva nackt durch die stille Stadt ritt.

4.

Renée Radick: People think you're strange, you know. Just, just sit there and don't talk.
John "The Biscuit" Cage: I am an enigma.
Renée Radick: You're a cute little enigma.

Ally McBeal: So how has it come to this? We're smart women, we're fairly attractive...
Renée Radick: I'm even hot.


Renée ist die Frau, die mit Ally die Wohnung teilt. Außerdem hat sie schwarze Haut, breite Schultern und scheint auf eine überaus beruhigende Weise normal und ausgeglichen. Mit einem Wort, sie ist ganz offensichtlich genau das Gegenstück zu Ally, des Wahnsinns gertenschlanker Beute.
Diese kleine Wohngemeinschaft ist schon deshalb so wichtig, weil sie zeigt, daß Allys privates Leben nur eine Fortsetzung des beruflichen – mit anderen Mitteln – ist. Auch hier handelt sie so (Sie erinenrn sich?), als ob die Maxime ihres Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten müßte, was natürlich fehlschlägt, weil sie ständig auf andere Neurotiker trifft. Um diesen Widerspruch in ihrem Leben auszuhalten, schöpft ihr Verstand seine Gesetze nicht aus der ihn umgebenden Wirklichkeit, sondern schreibt umgekehrt der Wirklichkeit ihre eigenen Gesetze vor. Renée kann damit umgehen, weil sie sich nicht wirklich beeindrucken läßt von den allerdings beeindruckenden Versuchen, die Ally unternimmt, feine Spinnenfäden zu ziehen in der Hoffnung, daß sich die Männer gleichwohl nicht in ihnen verfangen, sondern freiwillig in ihren Fängen landen.
Dieser Widerspruch ist die schöpferische Spannung in der Dialektik der Liebe.

Wir alle wollen Hingabe, zuweilen sogar bedingungslose Unterwerfung. In beiden Richtungen, versteht sich. Wir würden gerne den einen Menschen kennen und lieben lernen – beides geht nicht von selbst, sondern ist ein Vorgang, der den verändert, der in ihm steckt –, der sich uns ganz hingibt und der uns soviel Vertrauen einflößt, daß auch wir uns ihm ganz hingeben möchten in der Gewißheit, daß es keine Grenzen gibt, die wir beide nicht überschreiten würden, wenn wir nur auf der anderen Seite und überall ihn finden, sie finden. Aber keine Landschaft unserer Erfahrung kann wirklich beglückend sein, wenn wir ihr, wenn wir ihm nicht dort begegnen.
Gut. Das aber ist, wenn wir darüber nachdenken, nicht nur unser Wunsch und Begehren, sondern unser Wille. Da freilich wird es schwierig. Sonderbar genug: es gehört zur erotischen Spannung, daß wir gerade dem geliebten Menschen (in der einen oder anderen Form, auf diese und auf jene Weise) unseren Willen durchsetzen. Hingabe ist nicht umsonst. Sie ist nicht einmal billig. Sie ist um so wertvoller, je schwerer sie fällt.
Diesen Widerspruch leben uns alle die Menschen vor, die Allys Welt bevölkern, seien sie auch so normal wie Renée. Das ist vielleicht ein Grund für die Sehnsucht nach Wärme und Beständigkeit – und für die nagende Unzufriedenheit, wenn wir sie endlich erreicht haben. We're not only wired to want what we can't have, sagt Ally einmal, but we're also wired to want what we really don't want. Das ist eine geradezu theologische Einsicht. (6) Diese Spannung läßt sich nicht wirklich auflösen, es sei denn in den überaus bezaubernden Augenblicken, wenn Ally und Renée selbstvergessen in ihrer Wohnung zu einer unhörbaren Musik swingen.

5.

I've been dumped before, Renée. This isn't pain I'm feeling, it's nostalgia.

Ally

Dieses Gefühl von Nostalgie und Sehnsucht nach einer übersichtlichen Welt ist es wohl, das uns Zuschauer so lange bei der Stange gehalten hat und uns noch immer jeden Dienstag kurz nach zehn Uhr abends VOX einschalten läßt.
Die Serie ist wie folgt konstruiert. Die verschiedenen kleinen Beziehungsdramen der Mitspieler spinnen sich mit unterschiedlichen Überlappungen durch die Folgen einer Staffel fort. Manchmal, nicht immer, endet eine Folge mit einem echten Cliffhanger. Daneben aber wird in jeder Folge wenigstens ein Rechtsfall vor Gericht verhandelt. Manchmal ist er aus dem wirklichen Leben gegriffen und wird dann durch besonders skurrile Prozeßbeteiligte angereichert. Manchmal ist der Fall selbst ausgesucht skurril (wie bei dem kleinen Jungen, der Gott verklagen will [worauf dann die örtliche Kirchgemeinde sich entschließt, als SEine Bevollmächtigte den Schaden zu begleichen]), und dann sind die Protagonisten ausgesucht normal. Solche Konstellationen haben zu allen Zeiten schon sehr gut funktioniert.
Zuweilen verwischt sich auch beides, wenn z.B. Elaine wegen Diebstahl geistigen Eigentums von der Mutter einer verstorbenen Freundin verklagt wird, weil sie angeblich deren Patent eines Gesichts–BHs selbst angemeldet hat. (Damit Sie aufhören können zu grübeln: ein Gesichts–BH ist eine Konstruktion aus Stoff, die das Gesicht in Form bringt und hält, so wie ein gewöhnlicher BH... Genau.)

Die Gerichtsverhandlungen selbst verlaufen nicht selten sehr ernsthaft, vor allem wenn die beiden Partner auftreten. John Cage versucht zuweilen ziemlich alberne Tricks, um den Gang der Gerechtigkeit aufzuhalten oder wenigstens in eine etwas genehmere Richtung zu lenken (dazu gehört auch das Quietschen seiner Gummischuhe). Noch katastrophaler freilich wirkt der Auftritt von Richard Fish, der sich wirklich redlich bemüht, nach der Maxime zu leben: Never trust second thoughts. Next thing you know there'll be a third and a fourth...you'll be thinking forever.
Dennoch verlaufen die meisten Verhandlungen, nehmt alles nur in allem, schließlich sound & sensible. Noch mehr. Sie bringen eine Seite der amerikanischen Rechtspflege zum Vorschein, die es zum Glück neben der auf absurde Schadensersatzsummen gerichteten Prozeßhanselei auch noch gibt. Es scheint mir, daß sie von unzähligen Friedensrichtern und Rechtsanwälten geprägt wurde, deren populärste Vertreter vielleicht Abraham Lincoln und Clarence Darrows waren: der erste ein Pragmatiker mit salomonischer Weisheit und rabelais’schem Humor. Der zweite war „der Anwalt der Verdammten“. Diese besondere Mischung aus Pragmatismus und Pathos, verbunden mit einem sehr ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden, führt immer wieder zu wirklich handhabbaren Urteilen, die weitaus überzeugender ausfallen als alles, was in unseren deutschen Gerichtsshows so zustande kommt.
Natürlich ist nicht alles edel, hilfreich und gut. It's not winning, it's winning ugly that matters, erklärt und Richard Fish, und er tut sein Bestes, nach dieser beherzigenswerten Maxime zu handeln. Zum Glück für die Serie und zum Glück für uns gelingt ihm das sogar zuweilen. Wir sehen gebrochene Menschen aus dem Gerichtssaal wanken, während Elaine erklärt: I think my testimony swayed them, und Richard ihr mit einem unglaublich selbstzufriedenen Lächeln antwortet: I agree, but we won anyway.

Für gewöhnlich endet jede Folge in der kleinen Bar in Spuckweite der Kanzlei, in der Vonda Shephard für uns singt und spielt und verschiedene Mitarbeiter und Bekannte von Ally sich in mehr oder weniger eigenwilligen Gesangsdarbietungen für die Versammelten (und besonders natürlich für die Angebetete oder den Angebeteten) versuchen. Wir wollen das einmal subsumieren unter die anstrengenderen, aber besonders befriedigenden Formen von Hingabe. (Sie merken schon: ich kann nicht gut singen.) Daß immer mal wieder, aber in den letzten Folgen eher gehäuft, prominente Sänger als Gaststars auftreten – darunter Sting, der sogar Mandant der Kanzlei wird und seinen Prozeß verliert –, ist eher ein Zeichen dafür, daß die Serie selbst allmählich auseinanderfällt und durch solche Magneten zusammengehalten werden muß.
As to myself – ich würde eher einen ruhigen Platz am Kamin vorziehen in solchen Augenblicken. Für die meisten Zuschauer freilich ist wohl der fröhliche Lärm in der kleinen Bar der richtige Abspann nach dem milden Chaos zuvor.

6.

You might think there's an explanation, but you'd be wrong.

Ally

The nineteenth century dislike of realism is the rage of Caliban seeing his own face in a glass, schreibt Oscar Wilde in seinen Nachbemerkungen zum Roman „The Picture of Dorian Gray“. The nineteenth century dislike of romanticism is the rage of Caliban not seeing his own face in a glass. – The moral life of man forms part of the subject-matter of the artist, but the morality of art consists in the perfect use of an imperfect medium. No artist desires to prove anything. Even things that are true can be proved.
Caliban ist das Monster, eine Art roher Mensch, auf Properos Insel in Shakespeares Schauspiel „The Tempest“. Er bricht in unbändige Wut aus, als er eines Tages sein eigenes Gesicht im Wasser erblickt. Das Erschreckende daran ist, daß ihm diese Wut bewußt wird, daß sie ihn zu einem Menschen macht.
Natürlich ist eine Serie wie Ally McBeal auch für uns solch ein Spiegel. Freilich schafft sie keine Wut, sondern Vergnügen. Vergnügen ebenso sehr, weil wir uns darin entdecken wie weil wir uns nicht darin entdecken. Und das Allerschönste daran ist, daß nichts davon etwas beweist.

7.

Be not afeard; the isle is full of noises,
Sounds and sweet airs, that give delight and hurt not.
Sometimes a thousand twangling instruments
Will hum about mine ears, and sometime voices
That, if I then had waked after long sleep,
Will make me sleep again: and then, in dreaming,
The clouds methought would open and show riches
Ready to drop upon me that, when I waked,
I cried to dream again.

Caliban, The Tempest, III, 2

Reichlich Fußnoten dieses Mal:

(1) Der „kategorische Imperativ“ von Immanuel Kant lautet so: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne" (Kritik der praktischen Vernunft, 140).
Wer sich über die innere Logik und die praktischen (und denkbaren) Folgerungen aus diesem Satz eingehender informieren möchte, den verweise ich auf den bedenkenswerten Aufsatz; Handlungs(un)fähigkeit in Kants Ethik – Ist der Kategorische Imperativ immer anwendbar? – Hausarbeit zum Proseminar "Kants Kritik der praktischen Vernunft" im Wintersemester 1995/96 bei Dr. Dr. D. von der Pfordten an der Georg-August-Universität Göttingen. Vorgelegt von Jens Rademacher. http://www.math.fu-berlin.de/~rademach/philo/kant.html

(2) (Kant zit. nach Karl Popper: ;Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘, Bd. 2, S. 15)

(3) http://www.ciao.com/testberichte/2298355/Pid/1,2,17,218199,75575.html

(4) Es bleibt eine nicht endgültig zu klärende Frage, ob es erlaubt ist, in einer Community wie dieser auf andere Abhandlungen (vulgo Testberichte) zu verweisen, anstatt im eigenen Bericht die allgemeinen Grundlagen wenigstens kurz abzuhandeln.
Hierauf antworte ich – für meinen Teil – kurz wie folgt:
a. Es gehört zum guten Ton akademischer wie journalistischer Arbeit, daß auf wertvolle Quellen sofort verwiesen wird. (Ein leuchtendes Beispiel dieses Verfahrensweise bietet die vorzügliche Schriftstellerin LeaofRafiki.)
b. Wir leben hier in einer weitgehend virtuellen Welt, deren besonderer Charme auch auf den wundervollen Hypertextfunktionen beruht. Das Wechseln zwischen verschiedenen Inseln, die in dieser Welt schweben, ist ja besonders reizvoll, nicht? Also wollen wir das auch befördern.
c. Schließlich gehören Besuche bei unbekannten Nachbarn zu den fördernswerten Absonderlichkeiten einer virtuellen Community. Also schauen Sie gelegentlich bei Dr. phil. C. Lee vorbei. Es lohnt sich immer.

(5) Ludwig Wittgenstein, ,Tractatus logo philosophicus‘: „[6.54] Meine Sätze erläutern dadurch, daß die der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinaufgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß die Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

(6) Vgl. die Ausführungen des Hl. Paulus im siebenten Kapitel seines Briefes an die Römer, besonders gegen Ende des Kapitels, z.B. Vers 19. (Wir haben Weihnachten. Da sollte die Bilel eigentlich griffbereit liegen...)
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
logan

logan

26.01.2006 14:47

da hast du die materialien des schunds ja aufs vortrefflichste genutzt, um eine moral daraus zu ziehen und ihn somit zur kunst zu erheben.

supervizor1

supervizor1

04.07.2003 01:02

So lange ist der Bericht schon her? Ist mir gerade eingefallen, dass ich da mal einen wunderschönen Bericht gelesen hatte. Und sogar kommentiert. Ich habe herzlich gelacht über meine Kommentare, weil sie fast überall noch zutreffen. Und doch verändert einen das Leben - unmerklich. Manchmal an einem Dienstag abend sitze ich da und denke: Da war doch mal was. Und dann stelle ich fest, dass ich sie vermisse, weil sie so herrlich eigenwillig ihren Weg ging. Und heute schmunzle ich über Babies, die tanzen, weil sie biologische Uhren sind und Männer mit Salatsoße im Gesicht. Just walk away Renée...Was die Männer angeht, sie waren wohl die verschiedenen Masken eines Einzelnen, aber das hat vermutlich keiner erkannt, sonst wäre die Serie nicht abgesetzt worden. Und was beweist das? Nichts. Wieder einmal muss ich Dir Recht geben...

Qwastaccia

Qwastaccia

18.01.2003 20:58

... *kicher*... ist mir gar nicht aufgefallen; habe es aber gerade gelesen... Ja, die gute Frau McBeal, die hat noch Träume... ;o)

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