Altenpflege wohin, Altenpfleger woher

2  21.08.2004

Pro:
Vielschichtiges Berufsbild

Kontra:
Als Arbeitnehmer ausgebeutet

Empfehlenswert: Ja 

OW53

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:63

Diesen Bericht teilen auf Google+
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Die folgenden Zeilen sind all denen gewidmet, die den Beruf Altenpfleger ergreifen wollen oder ihn bereits ausüben.
Ich bin seit nun fast zwanzig Jahren in diesem Beruf tätig, nach der Ausbildung als „normaler“ Altenpfleger, dann als Stationsleiter und stellvertretender Pflegedienstleiter.
Dieser Bericht wird nicht auf das Berufsbild eingehen, ebenso wenig die immer verbesserungswürdige Ausbildung ansprechen. Er soll lediglich die Stellung des Berufes aus Sicht eines Arbeitnehmers beleuchten.

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren wurden sehr zähflüssig, aber immerhin langsam uns stetig einige Verbesserungen in der Altenpflege durchgesetzt. Beispielsweise arbeitnehmerfreundlichere Dienstzeiten (7 Stundenschichten statt 12-13 Stunden Dienst an den Wochenenden oder geteilte Dienste (früh 4 Stunden und abends 4 Stunden).
Die Tarifverträge schrieben Ruhezeiten zwischen den einzelnen Schichten vor, Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurde vereinbart.
Die Höhe des Gehaltes entsprach und entspricht in keinster Weise den Anforderungen und der Verantwortung, die dieser Beruf abverlangt.

Seit mehreren Monaten wird nun versucht von Arbeitgeberseite die Tarifverträge zu kündigen – oft bereits geschehen. Neue Tarifverträge werden vorgelegt, die unter Anderem folgendes beinhalten:

Frei vereinbarte Gehälter !
Wegfall von Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Schicht- Sa/So/Nachtzulagen
Streichung des Zuschusses zur Arbeitskleidung
Kein Anspruch auf betriebliche Alterszusatzversorgung
Unbeschränkte Einsatzmöglichkeit des Arbeitnehmers
Geteilte Dienste

Bei noch bestehenden Tarifverträgen wird versucht unter Androhung des Verlustes des Arbeitsplatzes „freiwillig“ durch Unterschrift auf z.B. das Urlaubs- Weihnachtsgeld zu verzichten.
Wer versucht, sich zu wehren, dem wird die momentane Arbeitsmarkt-
Situation vorgehalten – zu gut Deutsch „Wem es nicht passt, der kann ja gehen“.

Zu den bereits genannten Einschränkungen kommen noch eine Fülle von
Kontrollmöglichkeiten des Arbeitgebers hinzu. Als Beispiel soll hie nur die vielgerühmte Dokumentation aufgeführt werden.
Ein an sich gutes Instrument zur Qualitätssicherung (Nachweis der wirklich ausgeführten Tätigkeiten) wird es immer öfter zur Kontrolle von unliebsamen Mitarbeitern. Man kontrolliert die angegebene Lagerungs- oder Verordnungszeit und unterstellt dem Mitarbeiter Betrug
(Verordnung nicht oder zu anderer Zeit ausgeführt).

Dieser Beruf ist belastend – psychisch und physisch- genug. Jeder der mit dem Gedanken spielt, diesen Beruf zu ergreifen, sollte sich die Arbeitssituation – hier Tarifrecht usw. genau überlegen. Es genügt bereits, dass das gelernte in der Berufsausbildung (Schule) mit der Wirklichkeit im Heimalltag nicht das geringste zu tun hat – man muß nicht auch noch völlig unvorbereitet mit den Vorstellungen der Arbeitgeber aus dem 19ten Jahrhundert konfrontiert werden.
Die aufgeführten Aspekte betreffen keine einzelnen Verbände, sondern in gleichem Maße private und öffentliche Träger und sind in Teilen bereits Wirklichkeit.


Ich weiß nicht, ob ich mit den heutigen Vorgaben – Gehalt, Arbeitszeit usw.- diesen Beruf noch mal ergreifen würde.
Mit diesem Bericht will ich natürlich nicht von seinem, vielleicht vorhandenen Berufswunsch abhalten – aber BITTE INFORMIERT EUCH VORHER!!!!!!

Es grüßt euch ein manchmal sehr frustrierter Altenpfleger.


Diesen Bericht teilen auf Google+
Sponsorenlinks
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
misiu2003

misiu2003

10.07.2006 04:15

Will auch mehr Kohle :-). Selbst Pfleger....

mozarteum

mozarteum

28.06.2006 00:27

ich habe die grösste hochachtung vor den menschen, die diesen beruf ausüben! lg detlef

sevenofnine3

sevenofnine3

25.02.2005 16:25

Ich arbeite selbst in der Behinderten und Altenpflege als Pflegehelferin, d.h. ohne Examen, strebe allerdings an eine Ausbildung in meinem Betrieb zu machen TROTZDEM. Du hast völlig recht, wir werden auch ausgesaugt bis zum geht nicht mehr, aber ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen, noch. Kann sein daß ich in ein paar Jahren anders darüber denke, wenn das so weitergeht. Der Job ist verdammt hart und nur zu ertragen durch all' das was von den Klienten zurück kommt. Für diese Menschen arbeiten wir und nur dafür. Geld und Lob vom Arbeitgeber braucht keiner erwarten in diesem Job.Entweder man macht es aus Idealismus oder besser garnicht. LG Yvonne

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 2147 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (2%):
  1. k-31

"sehr hilfreich" von (96%):
  1. Babyengel1
  2. sabinerolli
  3. Karry2000de
und weiteren 49 Mitgliedern

"hilfreich" von (2%):
  1. M-Team

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.