Von Glucken und Klonen

4  05.03.2001 (02.01.2012)

Pro:
witziger Beginn, viel Ironie, Realsatire, bewegendes human drama

Kontra:
zuviel Hysterie und Weinkrämpfe für ein einziges Buch

Empfehlenswert: Ja 

mima17

Über sich: Mein jüngster Bericht: "Der Fall Milverton" (Hörbuch). +++ Bitte keine Leserunden-Angebote...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 17 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

"Ich gebar mich an einem Donnerstag" – so lautet der erste Satz des Buches. Das trifft den Kern des Problems ganz genau... Nach ihren Erfolgen "Ex utero" und "Mach mir das Wahlross" hat Laurie Foos wieder eine humorvolle Groteske geschrieben. Zu Laurie Foos' Lieblingsautoren zählen Kafka, Gogol und Beckett. Der Leser ist gewarnt.

Handlung
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Maxi Dublin hat's nicht leicht. Sie ist rothaarig, Züchterin von preisgekrönten Perserkatzen (die Oberkatze heißt "Rote Herzogin", eine Anspielung auf Fergie), vierunddreißig (die biologische Zeitbombe tickt!) - und endlich schwanger! Obwohl es nicht sicher ist, dass der Samen auch wirklich von ihrem Katzen-Coiffeur-Freund Jerry kam (war ein Coitus interruptus).

Wie auch immer: Seit Monaten bereiten sich Maxi und ihre Mutter Minnie (Achtung: bezeichnende, aber ironische Namen) auf die heiß ersehnte Geburt des Babys vor, das nach der Vorstellung Minnies ebenso rothaarig, putzig und liebebedürftig wie die kleine Maxi sein soll – und ebenso aussehen soll wie die hochverehrte Herzogin Sarah Ferguson.

Doch als es endlich soweit ist – "ich gebar mich an einem Donnerstag" -, bringt Maxi statt eines rosigen Wonneproppen ein Ebenbild von sich selbst zur Welt – ihren Klon. Und ihr alter ego, denn sie sind empathisch miteinander verbunden. Die frischgebackene Mutter ist entsetzt und lehnt es ab, ihr Baby zu stillen.

Über Nacht wird Maxi natürlich zu einer Berühmtheit in der medizinischen Welt. Dr. Norton behauptet sogar, den Klon selbst "produziert" zu haben – was auch immer er darunter versteht. Medienrummel, Reporter ante portas, Sicherheitsposten ringsum – Maxi will nur noch eines: ihre Ruhe haben. Aber daraus wird vorläufig nichts. Denn ihre hysterische Mutter Minnie, die sich mit einer kleinen Maxi- und Fergie-Ausgabe beglückt sieht, entführt der Rabenmutter den kleinen Fratz, den sie nun konsequent "Middle" nennt.

Nun geht der Rummel in den nationalen Fernsehkanälen und Talkshows erst richtig los, Dr. Norton erleidet einen Schwächeanfall, die Sicherheitsposten erhalten einen Anschiss, der sich gewaschen hat. Maxi darf wieder nach Hause, doch sie will ihr Baby und ihre Mutter wieder zurück. Zusammen mit Anita Jones, der fernsehsüchtigen besten Freundin, und der Personenimitatorin Cecilia – sie verkörpert eine rothaarige Herzogin aus England - begibt sie sich auf eine Suche nach ihrem alter ego – und findet am Ende zu sich selbst.

Mein Eindruck
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In "Alter ego" hat Laurie Foos einfach das Erfolgsrezept ihres Debütromans "Ex utero" auf die aktuelle Diskussion um das Klonen von Menschen, wie es ja nun in England erlaubt ist, angewendet: der bekannte Medienrummel um den "Freak", pseudo-mitfühlende Fernseh-Talkshows, die Queste nach der Wahrheit und dem wahren Ich, durchdrehende Frauen, egoistisch-raffgierige Wissenschaftler – der Foos-Fan kennt die ganze Chose bereits zur Genüge: Hier wird Amerikas Seele durch den Kakao gezogen. So weit, so gut.

Auf ihrer verzweifelten Suche nach ihrem entführten Baby Middle verursacht maxi einen nationalen Aufruhr, gerade so, als handelte es sich um das Lindbergh-Baby. Doch Maxi merkt bald, dass die medien nicht auf ihrer Seite stehen. Und selbst Cecilia, ihre Therapeutin, macht die Chose nur mit, um ihr Honorar zu bekommen. Maxi geht es schon bald nur um Minnie und Middle. Dieses höchst private Anliegen ist natürlich legitim, aber muss es mit so vielen Tränen angereichert sein? Bei jeder passenden Gelegenheit fließen Maxi die Augen über, so dass der Eindruck zurückbleibt, sie sei eine Heulsuse - was nicht stimmt – und als sei die Autor ebenfalls von der larmoyanten Art. Aber auch die Männer in diesem Stück geben keine gute Figur ab: Jerry ist ein schwuler Tierfriseur und Dr. Norton ein egoistischer Schwindler. Von männlicher Seite ist ebenfalls keine Hilfe zu erwarten – zur Frustration des Lesers.

Die einzige Bewegung kommt durch den Klon ins Spiel: Middle ist bereits nach einer Woche so groß wie eine 12-Jährige! Und als sie Minnie entschlüpfen und mit ihrer Mutter Kontakt aufnehmen kann, sind dies die besten Momente des Romans. Doch bald schon wieder naht Minnie, die Glucke, auch wenn sie eine denkbar lächerliche Figur abgibt in ihrer Verzweiflung. Und am Schluss ergeht es dem Klon wie weiland Gregor Samsa. Und endlich ist Maxi frei. Diesen positiven Ansatz hätte man sich schon viel früher gewünscht. Aber Foos scheint die Einstellung zu vertreten, dass alles erst viel schlimmer kommen muss, bevor es besser werden kann.

Unterm Strich
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"Alter ego" ist ein zunächst lustiger Roman, der mit seinen grotesken Übertreibungen Punkte sammelt. Dass nach der Katastrophe der Baby-Entführung die Larmoyanz im 'human drama' zum Tragen kommt, ist recht frustrierend, wenn nicht sogar nervend – insbesondere für Männer, die mit Themen wie Mutterschaft, Zwillingen, Mutter-Kind-Bindung usw. weniger anfangen können.

Maxi, die Hauptfigur, wird erst dann zur Kämpferin, als sie sich von ihrer Glucken-Mutter emanzipiert und eigene Perspektiven erhält. Und bis dahin dauert es eine ganze Weile. Ein Buch also für Leser mit viel Geduld und Verständnis.--Ich greife lieber nochmals zu "Ex utero".

Michael Matzer © 2012ff

Info: Twinship, 1999; Goldmann 2000, Nr. 54110, München; aus dem US-Englischen übertragen von Edda Petri; ISBN 3-453-54110-7
Bilder von Alter ego / Laurie Foos
Alter ego / Laurie Foos Alter ego / Foos, Laurie
Alter ego / Foos, Laurie


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Sydneysider47

Sydneysider47

05.01.2012 19:12

Das Buch ist mir entgangen - war wohl nicht so bekannt bei uns. Viele Grüße!

Brandung

Brandung

02.01.2012 12:03

Sehr gut beschrieben! lg

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