Alzheimer

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In diesem Bericht möchte ich einige Situationen im Tagesablauf mit meiner 89-jährigen Mutter schildern, die an Alzheimer-Demenz erkrankt ist und seit knapp 4 Jahren in einer kleinen Wohnung im Erdgeschoss wohnt. Wir selbst, mein Mann und ich (52 jährige Tochter) haben die Räume im 1. Stock ... Bericht lesen





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Das "zunehmende Vergessen"
Erfahrungsbericht von wechmida über Alzheimer
14.04.2008


Produktbewertung des Autors:   


Pro: an Krankheiten gibt es nichts positives
Kontra: die Patienten fühlen sich nirgendwo mehr daheim

Empfehlenswert? nein 

Kompletter Erfahrungsbericht

In diesem Bericht möchte ich einige Situationen im Tagesablauf mit meiner 89-jährigen Mutter schildern, die an Alzheimer-Demenz erkrankt ist und seit knapp 4 Jahren in einer kleinen Wohnung im Erdgeschoss wohnt. Wir selbst, mein Mann und ich (52 jährige Tochter) haben die Räume im 1. Stock und im ausgebauten Dachgeschoss im 2-Familien-Mietshaus.

Was ich schildere, ist ein ganz normaler Tag. Es gibt Tage, da geht es meiner Mutter leicht besser, es gibt aber auch sehr viele Tage, wo der Zustand bedeutend schlimmer ist:


7.00 Uhr - ich gehe in die kleine Wohnung meiner Mutter


Ich: Guten Morgen - hast Du gut geschlafen?
Mutti: Ich habe gar nicht gewusst, dass Du mich heute besuchen wolltest.
Du musst mal in der Schule anrufen und mich entschuldigen...
Ich: Du bist schon seit fast 30 Jahren Rentnerin und kannst Dir jetzt viel Zeit lassen und dann
dein Frühstück genießen... In die Schule müssen jetzt nur noch 2 von Deinen Enkelkindern...
Mutti: Aber ich gehe doch früh´s immer in die Schule...

Auf dem Nachttisch liegen verschiedene Überreste von Toilettenpapier, zum Teil bereits gebraucht
und im zerknülltem Zustand. Ich nehme es und entsorge es...

Mutti: Ich weiss nicht, wie es hierher kommt, das muss Oma hierher gelegt haben...

Ich helfe ihr, das Nachthemd auszuziehen und sehe, dass sie sich irgendwann zwischen gestern
Abend und heute früh 3 Unterhemden übereinander unter ihr Nachthemd gezogen hat...
Auf meine Frage, weshalb sie diese angezogen hat, weiss sie nichts zu antworten...

Ich gehe mit ihr zur Toilette..., ich finde in ihrer Windelhose (Pants) Reste von Klopapier.

Einschub:Die Krankenkasse bezahlt nur Windeln mit Klettverschlüssen oder Einlagen. Diese sind
für meine Mutter nicht geeignet, da sie diese nicht akzeptiert und in die Toilette wirft. Die Pants
dagegen werden als normaler Slip von ihr akzeptiert und ich bestelle immer mal eine größere
Lieferung bei einem Sanitätsfachhandel im Internet. Meine Mutter bezahlt dies ohne
Kassenzuschläge, aber der Preis ist bedeutend tiefer als in einem Sanitätshaus vor Ort.

Ich selbst helfe meiner Mutter bei ihren Verrichtungen, dann gebe ich Anweisungen, sie möchte ihr
Gebiss noch putzen und sage ihr, dass ich selbst nur kurz auf die Toilette gehe in meiner Wohnung.
Wenige Minuten später komme ich wieder zu ihr. Sie sitzt ohne Gebiss am Frühstückstisch und isst.

Ich: Wir gehen jetzt nochmal ins Bad. Du hast ja Deine Zähne noch nicht drin, so kannst Du
doch schlecht abbeißen und kauen...
Mutti: zunächst keine Reaktion - sie isst weiter...
Ich: Komm, wir gehen erst einmal ins Bad...
Mutti: Wo ist denn bei dir das Bad?
Ich: Da wollen wir jetzt mal gemeinsam überlegen...

Meine Mutter geht in den Flur und macht die Türe vom Schlafzimmer auf - ich gebe ihr
Hilfestellung, dass sie ihr Bad findet... Sie macht die Tür auf, schaut rein...

Mutti: Hier ist kein Bad...
Ich: Schau mal genau rein, siehst Du das Waschbecken?
Mutti: Ach ja, hier ist das Waschbecken...

Ich mache zwischendurch andere Verrichtungen. Meine Mutter kommt nicht wieder heraus aus dem
Bad... Ich höre immer wieder, wie sie den Wasserhahn auf dreht... Ich gehe hinein und gebe
Hilfestellung... Ich säubere das Waschbecken und sie läuft inzwischen in die Küche. Ich gehe ihr
hinterher und finde die Zahnbürste auf dem Frühstückstisch...(Ich frage schon nicht mehr, sie weiss
ohnehin nicht, wie die Zahnbürste dort hin kommt)...
Sie lässt die Marmelade runter laufen und ich kümmere mich.

Sie stöhnt furchtbar und schließt immer mal die Augen... Ich bin mir nicht sicher, ob sie wieder
Schmerzen hat (noch von ihrer Gürtelrose-Gesichtsrose her, da sie gerade erst eine Tablette dafür
bekommen hat und diese noch nicht wirkt) oder ob sie schon wieder müde ist...
Dann bekommt sie einen furchtbaren Hustenanfall, da sie das Weissbrot zu schnell
hinter geschlungen hat und die Bissen zu groß waren...
Ich gebe ihr die Tabletten und eine davon "landet" so unterm Tisch, dass ich es gerade noch
mitbekomme.
Ich erkläre ihr, dass ich zu Mittag wieder da bin und gehe mit ihr nochmal auf die Toilette. Ich sage
ihr, dass mein Mann da ist, lege ihr einige Bilderbücher hin und frage sie, ob sie das Radio
angestellt haben möchte.

Mutti: Ich gehe dann auch...
Ich: Ich gehe mit Dir heute Nachmittag eine kleine Runde. Werner schaut heute Vormittag
nach dir.

Sie stöhnt laut und deutet an, dass sie sich jetzt hinlegt.Sie macht auf mich schon einen sehr müden Eindruck...

Ich entsorge den Müll mit den Windelhosen, spreche mit meinem Mann noch so mancherlei ab und verlasse gegen 8.00 Uhr das Haus.

Einschub: Mein Mann als Gemeindepädagoge, angestellt für viele Kirchgemeinden der Region, ist oft an den Vormittagen im Haus. Er verlässt zu Mittag erst die Wohnung und fährt auf die verschiedenen Dörfer. Gegen 22.00 Uhr oder später kommt er wieder.
Die Tür zu uns steht einen Spalt offen und meine Mutter kann oft an den Vormittagen in uns. Wohnung. Mein Mann nimmt alles unglaublich locker und versteht es bestens, mit meiner Mutter umzugehen.
Da er 10 Jahre Heimleiter in einem Wohnheim der Diakonie für chron. psychisch Kranke war, hat er auch einige Kenntnisse was Demenzen anbetrifft.
Ohne meinem Mann könnte ich die Pflege nicht tun.

Ich selbst bin in der Friedhofsverwaltung tätig und für 4 Friedhöfe zuständig. Die Anstellung ist nur geringfügig (12,5%). Einige Tätigkeiten mache ich aber ehrenamtlich im Pfarramt, so dass ich gegen 12.00 Uhr wieder daheim bin. Früher habe ich noch mehr auch an den Nachmittagen Gemeindekreise mit gehalten, aber dies reduziert sich in letzter Zeit sehr, da ich meine Mutter einfach nicht mehr über Stunden allein lassen kann.
Freitags gehe ich nicht ins Pfarramt, da habe ich einen
2. Geringfügigkeits-Job und säubere im Nachbarhaus Hausflur, evtl noch Keller und manchmal den Parkplatz vor dem Haus.

Die kleine Wohnung meiner Mutter ist zwar inzwischen recht "demenzfreundlich" eingerichtet, aber trotzdem entdecken wir immer wieder, was verändert werden muss, da die Krankheit voranschreitet.
So ist z.Bsp. die Sicherung für den Elektroherd raus. Auch befinden sich keine Putz-oder Waschmittel mehr in der Wohnung, da wir schon erlebt haben, dass meine Mutter Duschgel gekostet hat...

Die Schlüssel von einigen Schränken musste ich auch abziehen. Auch Lebensmittel sind nur noch wenige in ihrem Kühlschrank.

Blumenstöcke befinden sich kaum noch auf den Fensterbrettern, da sie diese sowie auch künstliche Pflanzen regelrecht "einschwemmt" und eine Überschwemmung erzeugt.

Wenn ich gegen 12.00 bzw. 12.30 Uhr wiederkomme erlebe ich oft rechte Gegensätze.
Manchmal berichtet mir mein Mann, dass meine Mutter nur im Haus "unterwegs" war und immer wieder nach allen möglichen, schon längst verstorbenen nahen Angehörigen gefragt hat, wo sie sind und dass sie ja "wieder heim" muss...
Manchmal schläft sie aber auch und ist am Mittagstisch noch schläfrig.
Dann kann es aber schon auch mal passieren, dass sie interessiert Bilder ansieht oder eine Fernsehsendung sieht, die mein Mann ihr angeschaltet hat.

Allerdings ist man vor Überraschungen nie sicher.

Am schlimmsten finde ich, dass sie eigentlich keine "Heimat", keine "Zuhause" im eigentlichen Sinn mehr hat.
Sie möchte immer heim, aber in die Wohnung, wo sie bis zu ihrem 27. Lebensjahr gewohnt hat. Dann sucht sie alle möglichen Leute, die aber schon lang nicht mehr am Leben sind.

Ich selbst bin mal ihre Schwester, mal spricht sie mich mit "Mutter" an und dann weiss sie auch gleich mal überhaupt nicht mehr, wer ich bin. Schön, wenn ich auch manchmal ihre Tochter bin...


Dies war nur ein kurzer Ausschnitt aus einem "ganz normalem Tagesgeschehen" mit einer Alzheimer-Kranken.
Wie lange ich diese Pflege tun kann, weiss ich nicht...
Aber auf jedem Fall weiss ich, dass ich eines Tages dankbar sein werde, über die Zeit, die meine Mutter auf diese Art noch zubringen konnte.
Ob dies dann zum Zeitpunkt einer Heimeinweisung oder bei ihrer Bestattung sein wird, wird sich weisen...
Eine Möglichkeit der Heimeinweisung lasse ich mir aber immer offen, da man nicht weiss, was in einigen Monaten sein wird und wie man dies verkraftet.

Ich wünsche Euch wieder viel Durchhaltekraft zum Lesen, Kommentieren und Bewerten.


Herzliche Grüße
Christine   

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