Erfahrungsbericht über

Am Anfang war Erziehung / Alice Miller

Gesamtbewertung (2): Gesamtbewertung Am Anfang war Erziehung / Alice Miller

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Am Anfang sind wir alle gleich oder nicht

5  02.02.2001 (14.02.2001)

Pro:
kann Selbst - Erkenntnisse verschaffen

Kontra:
die Wahrheit zu erkennen kann schmerzhaft sein

Empfehlenswert: Ja 

HannaLisa

Über sich: http://HannahTipptTräumendPoes ie (OúSontlesFauteuils?) ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~~~~~~~~~~~~...

Mitglied seit:22.12.2000

Erfahrungsberichte:22

Vertrauende:30

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 170 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Das "Produkt" was ich heute meine ist

zum einen ein ganz besonderes Buch nämlich "Am Anfang war Erziehung" von Alice Miller,

zum andern das "Produkt: erwachsener Mensch" was sich im Laufe der Jahre aus jeder von uns gebildet haben könnte.

Angeregt dazu hat mich der Kinobesuch "Die wiedergefundene Zeit" (neu angelaufen in München, OmU, ist leider bei den Filmen in Ciao noch nicht vorhanden) und das fleißige Lesen in Ciao.

>>> Prolog <<<

Zu Ehren von Georg Trakl (*3. Februar 1887), der heute Geburtstag hätte, schicke ich einen seiner Verse voraus, die Anfänge und Vergangenes beschwören:

Rondel

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.


>>> Fluchtweg 1 <<<

wer mich auf seiner Leseliste hat aber gerade nicht in der Laune ist für ein vielleicht trockenes Psycho-Thema - ich nehms keinem übel wenn er sich gleich wieder aus dem hier aufgewirbelten Staube macht - wozu hat man denn die Maus :-)

Und wer jetzt denkt, "Okay, die Hannah hat halt grade mal ihren Melancholischen, das legt sich wieder" - auch der hat recht und mein volles Verständnis ... und Ciao :-).


>>> Also hier würds dann halt weitergehen ...


In Ciao bin ich jetzt schon über einen Monat und es fasziniert mich immer wieder, welche Menschen ich hier - in der Maske ihrer Meinungen und Kommentare - antreffe.

Alle sind sie hier im großen Ciao - Panoptikum durcheinander gemengt:

Schreibfähige, Schriftkundige, Intellektuelle, Schüler, Handwerker, Studenten, Hausfrauen, Dozenten, HiFi-Grossisten, Zauberer, Hexen, Bluträcher, Abzocker, Prahlhanse, Störenfriede, Technofreaks, Perfektionisten, Literaten, Rezensenten, Musiker, Künstler, Handwerker, Humoristen, Satiriker, Komiker, Kontaktsuchende, Beaus, Grünschnäbel, Erfinder, Gourmets, Gourmands, Sommeliers, Autoflottenbesitzer, Pedanten, Bierfahnen, Schluckspechte, Handylageristen, wandelnde Kochbücher, FrequentFlyer, Glossenschreiber, Gameboys, Antichristen, Kosmopoliten, Rennfahrer, Egoshooter, Callgirls, Philologen, Tarnkappen, Erbsenzähler Rollenspieler, Stinknormale und die liebenswerten changierenden Kombinationen.

wir schauen durch ein Kaleidoskop (manchmal auch Kakoskop:-) von:

jungen, alten, friedfertigen, geltungsüchtigen, genügsamen, geistreichen, bornierten, ausschweifenden, kurzatmigen, mitreißenden, primitiven, kultivierten, ironischen, zynischen, romantischen, hübsch-häßlichen, abgeklärten, frechen, aufdringlichen, umgarnenden, becircenden, schmeichelnden, witzigen, unbeschwerten, strahlenden, süßholzraspelnden, abschätzigen, unterkühlten, ewiggestrigen, futuristischen, lieblosen, liebestollen, harschen, rachsüchtigen, sprühenden, sauertöpfigen, mitleidigen, irregeleiteten, verwirrten, geschäftstüchtigen, selbstlosen, kreativen, überkandidelten, oberlehrerhaften, nachsichtigen, bornierten, aufgeschlossenen, hinreißenden, fantastischen, überdrehten, wahnsinnigen, kaltschnäuzigen, einfühlsamen, altruistischen, philanthropen, wissbegierigen, extrovertierten, unterhaltsamen, selbstlosen, amüsanten, berechnenden, sympathischen, begehrenswerten, vertrauten, zugänglichen, sensiblen, aufmerksamen, lieben, netten Menschen.


Wenn ich sehe, welche immense mentale Energie in diesen Meinungspool einfließt, wie viele hellwache Stunden ihres Lebens die Mitglieder (einschließlich mir selber) investieren dann stelle ich mir die

>>> Frage <<<<

warum tun wir das? woher kommt diese Energie?

Für mich ist das ein Anlaß zurückzudenken und da bleibe ich stehen bei der Lektüre eines Buches, welches mich wie kaum ein anderes berührt hat:

>>> nun endlich zum Buch <<<

von Alice Miller "Am Anfang war Erziehung" (Suhrkamp, 1980).

Zitat-Auszug Alice Miller: "Man wirft der Psychoanalyse vor, daß sie allenfalls einer privilegierten Minderheit ... helfen könne. ....Das muß aber nicht so sein"

Alice M. macht als Hauptproblem der Erziehung die Unfähigkeit vieler Eltern aus, mit ihren Kindern mitzuempfinden, deren Gefühle anzunehmen und mit zuerleben. Ohne fehlendes Mitgefühl, ohne die Fähigkeit für Empathie, fruchten alle Appelle an Solidarität, Liebe und Barmherzigkeit nichts.

Die Autorin will aber nun nicht mit mahnendem Zeigefinger an die Erzieher appellieren, sondern ihnen in einer bildhaften gefühlsverbundenen Art Zusammenhänge aufzeigen, welche das Kind im Erwachsenen wieder erlebbar machen. Auf diese Weise wird Erkenntnis und damit in Folge Trauer über verkümmerte Gebiete in der Seelenlandschaft ermöglicht. Eine Kernaussage ist: nur hier - in der Kindheit des Erwachsenen - ist der Schlüssel zu finden für ein gefühlsmäßig erfülltes Leben.

Ich hab mir das Buch damals hergenommen, als ich mich über mich selbst gerade mal wieder sehr geärgert hatte, ich hatte einen heftigen Wutausbruch gegenüber einem Kind. Ich war also schon in einer vorbereiteten Situation und gefühlsmäßig in Wallung. Während des Lesens wurde ich wirklich für kurze Zeit wieder das Kind von damals und habe einige - äußerlich unauffällige - dramatische Situationen wieder schmerzhaft gespürt und durchlebt. Mich aber auch an bestimmte Düfte erinnert und an Gefühle von denen ich bis dahin keinen Schimmer mehr hatte. Und ich habe danach auch Worte gefunden, um die Wirkung meiner Affekthandlung dem Kind gegenüber hoffentlich abzuschwächen. Und jede Minute in diesem Gespräch war für mich kostbarer als jede Vergnügung. Alleine schon deshalb hat sich die Lektüre mehr als gelohnt.

Alice M. beschreibt an Beispielen von tragischen Existenzen, daß es überall einen Grund, wenn auch nicht immer einen Sinn, gibt: Sie läßt uns in die Kindheit eines unscheinbaren kindlichen Sexualverbrechers blicken und zeigt die frühen Weichenstellungen auf; dann skizziert sie - mitfühlend und nicht spöttisch - die Kindheit des "tapferen" aber in Wirklichkeit bereits gefühlstoten Prügelknaben Hitler, dann sehr ergreifend und realitätsnah Sucht - und Existenzprobleme am Beispiel von Christiane F. (bekannt das Buch und später Film - "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo").

Die Autorin beschäftigt sich auch mit Künstlerschicksalen und hält etwa Werk und Leben von Franz Kafka gegeneinander.
Sie zieht eindringliche Parallelen zwischen den Erlebnissen des Landvermessers K. in Kafkas Werk: "Das Schloß"
und der Kindheit von Franz Kafka. Beispiele - wie jedes Kind sie schon einmal erlebt hat:
- Herr K. ist undurchschaubaren Schikanen ausgeliefert
- er ist ständigen Inkonsequenzen ausgesetzt
- er wird gerufen - ist also erwünscht - aber dann doch unbrauchbar
- er ist entweder totaler Kontrolle unterworfen oder völlig unbeachtet und fallengelassen
- mal gedemütigt und verspottet, dann wieder zu Hoffnungen verführt
- mit unbestimmten Forderungen beauftragt, die er selber erraten muß
- in ständiger Unsicherheit, ob er richtig geraten hat


Die Beschreibung der Fallstudien ist so einfühlend und in einfachen Worten gehalten, daß sich die "normale" Abscheu vor den Figuren in den Hintergrund schiebt und sogar eine Art Verständnis wenn nicht gar Mitgefühl aufkommt für diese Menschen, die das Pech hatten in der Kindheit nie richtigen Vertrauenspersonen zu begegnen die auch verständnisvoll und nicht nur abweisend auf Gefühlsbezeugungen reagieren konnten.

Ich habe mich damals gefragt, welche Menschen in meiner eigenen Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt haben und bin mir gar nicht so schlüssig geworden. Es gibt viele Blackouts wo ich mir keinen Reim darauf machen kann. Und von solchen "blinden Flecken" auf der Seelenlandkarte stammen die Handlungen und Reaktionen die man sich selber nicht erklären kann. Und das kann eben auch das ausufernde Verfassungen, Lesen und Kommentieren von Meinungen sein - die Ciao - Sucht:

damit sind wir wieder bei der Quelle der Energie, die manche Meinungsschreiber antreibt:

Es gibt sicher viele souveräne Schreiber, die ihre Zeit unter Kontrolle haben und Ciao als Ablenkung nutzen wie z.B. einen gelegentlichen Kinobesuch, eine Bettlektüre, einen Werbeclip im TV :-), eine nette Unterhaltung oder einen Flirt.

Aber es gibt - wie ich aus Meinungen und Profilen hier entnehme - auch welche, die so fasziniert sind von Ciao, daß sie ein Suchtverhalten augenzwinkernd zugeben.

Jede Sucht stiehlt Zeit, aber als großen Vorteil sehe ich, daß Ciao die energetische Lava der Schreiber kanalisiert und so in dieser Community gefahrlos Selbsterfahrungen möglich macht. Jeder kann in Ciao seine Wunschfigur aufbauen und auch fortwährend verändern. Auf diese Art kann sich jeder an sein eigenes Ich ungefährdet herantasten. Okay ja, das war jetzt grad vielleicht etwas arg pathetisch :-)

Jeder wird selbst seine eigene Einstellung entwickeln beim Lesen dieses Buches. Ich kenne Leute die ähnlich wie ich empfanden und das Buch bis zur letzten Seite lasen um es nach einem Lesewochenende als veränderter Mensch zu zuklappen. Aber ich kenne auch andere nicht unsympathische Menschen, die kurz in das Buch reinblätterten um es gleich wieder desinteressiert zur Seite zu legen. So ist es jetzt sicher auch mit Lesern dieser Meinung :-)

das obligatorische

>>> Fazit <<<

Bücher kann man nicht "verordnen" wie Augentropfen - aber jeder mit Erziehung befasste Mensch (und das ist eigentlich jedermann, da Selbsterziehung dazugehört) sollte mal eines der Bücher von Alice Miller gelesen haben. Das wird vielleicht dem einem oder andern - zumindest für einen Augenblick - die Augen öffnen für wesentliche Augenblicke in seinem eigenen Leben und ihm damit auch die Fähigkeit verleihen, bei andern Schlüsselereignisse wahrzunehmen. Damit jeder - insbesondere im Umgang mit Kindern - auch unbedeutende Signale wichtig nimmt und nicht nur auf Gefühlsäßerungen achtet sondern - noch wichtiger - auch Achtung vor allen Gefühlen, auch den sehr unangenehmen und möglicherweise verstörenden, zeigt.

Denn nicht jeder hat die Chance sich hier in Ciao ein Leben lang den Stoff zu besorgen,
den er braucht um alte Scharten auszuwetzen :-).

>>> Epilog <<<

Nun aber keine Angst, ich schreibe vielleicht auch mal wieder was "brauchbares"-:-) und da diese Meinung vergleichsweise trocken war gibts noch einen meiner Lieblingsreime gratis, der auch ganz gut zur wiedergefundenen Kindheit passt
(den Autor müßt ihr aber selber erraten :-) :


"Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen
triffst Du nur das Zauberwort!"

Viele liebe Grüße,

Hannah


Hinweis:

meine Meinung berührt den Kern des Buches nur oberflächlich (wie aufmerksame liebe Kommentatoren zurecht bemerkt haben).
Insbesondere hab ich noch gar nichts von dem wichtigen Begriff der "schwarzen Pädagogik" erwähnt.

wer weiteres Interesse hat: es gibt in Ciao schon sehr gute persönliche Meinungen ( von 'shivani') zu diesem Buch.

Von A.Miller empfehlen kann ich auch "Das Drama des begabten Kindes", "Der gemiedene Schlüssel", "Du sollst nicht merken",
,diese Bücher enthalten weitere interessante Fallstudien aber im wesentlich dieselbe Aussage.

Dann fällt mir noch spontan Bruno Bettelheim ein: Gespräche mit Müttern (Piper, 1985)

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mozarteum

mozarteum

30.01.2012 17:44

interessant ... aber teilweise auch nervend ...

klebensberger

klebensberger

24.02.2002 17:56

Sorry, aber die ganze Einleitung ist ein wenig lang geraten und hat mit dem Buch nicht unmittelbar etwas zu tun. Das erschwert einfach das Lesen. Das Buch hast Du gut beschrieben. Ich bin auch begeistert davon. Gruesse

MisterMegabyte

MisterMegabyte

23.02.2001 21:58

Ich mußte einiges nachrecherchieren, ich habe das ja in meinem anderen Kommentar bereits geschrieben ... an dieser stelle nochmal einen ehrlichen und besonders herzlichen dank für dein engagement und deinen mut ... und wenn du nochmal hilfe brauchst ... sag einfach bescheid, ich kann auch den 'lustigen techniker' ablegen und wenns sein muss richtig giftig werden.

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